Zu Hause bei Gott - Predigt zu Philipper 3,20-21 von Martin Hein

Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.(Phil 3,20f)

Wo sind Sie zuhause? Nein, ich meine nicht den Ort und die Straße, wo Sie wohnen, also Ihre Adresse. Die kann sich jederzeit ändern. Und wahrscheinlich haben die meisten von uns schon einige Ortswechsel im Leben hinter sich. Auch der Geburtsort, aus dem wir stammen, wird in vielen Fällen nicht unser Zuhause sein. Manchmal sagt er recht wenig dazu aus. Da stammen wir her. Wo aber sind wir wirklich zuhause?

Eine Antwort darauf könnte lauten: Wir sind dort zuhause, wo wir ganz und gar wir selbst sind. Das klingt abstrakt, etwas abgehoben. Aber es ist nun einmal so, dass unser Zuhause mehr beschreibt als die Wände, innerhalb derer wir leben. Das Zuhause geht über jede Ortsangabe hinaus und umfasst gleichermaßen unsere Gefühle, Stimmungen und Sehnsüchte. An Weihnachten erleben wir das besonders: „Coming home for Christmas“.

Zuhause zu sein, ganz und gar man selbst zu sein – dafür steht ein schwieriges Wort, auf das alle wahrscheinlich unterschiedlich reagieren: „Heimat“. In den Jahren nach 1968 galt es als ausgesprochen verpönt, weil es zu verklären schien, was eben auch seine negativen, einengenden und ausgrenzenden Assoziationen hat. Und warum ist das ein schwieriges Wort? Es gibt eben nicht nur jenen unbeschreibbaren Ort, an dem wir mit uns in Einklang sind und um den sich niemand streiten muss, sondern es gab auch die „Heimatfront“ und später unendlich viele „Heimatvertriebene“.

Mir selbst fällt es immer noch schwer, von Heimat zu sprechen – trotz aller Rehabilitierung, die dieses Wort inzwischen erfahren hat. Ich rede liebe von Zuhause und weiß zugleich, dass auch dieses Wort nur ungenügend fassen kann, was uns dabei bewegt.

1951 erregte in Deutschland eine Essay-Sammlung zur Literatur ungeheures Aufsehen. Ihr Titel „Der unbehauste Mensch“ drückte das Lebensgefühl der Kriegs- und jungen Nachkriegsgeneration aus. Der Autor war Hans Egon Holthusen, ein Pfarrersohn, zuvor strammer Nazi und Mitglied der SS. Trotzdem konnte er im Nachkriegsdeutschland eine beachtliche Karriere als Essayist und Literaturkritiker hinlegen. Aber das wäre ein eigenes Thema. Mit seinen Beobachtungen zum „unbehausten Menschen“ traf er den Nerv der Zeit: Alles hatte der Krieg zerstört. Alle vermeintlichen Sicherheiten waren geschwunden. Nur mühsam gelang es, auch geistig wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Wer unbehaust ist, an dem zerren die inneren und äußeren Stürme. Der weiß nicht, woher er kommt und wohin es mit ihm gehen wird: Unbehaust sein als Lebensgefühl!

Das ist Vergangenheit – und doch ungeheuer aktuell: Die Flüchtlingsströme, von denen es global in den vergangenen Jahrzehnten mehr gab, als wir uns eingestehen wollten, sind bei uns angekommen. Der „unbehauste Mensch“ ist keine Metapher mehr, sondern steht bei uns: an den Grenzen, in den Erstaufnahmestellen. Und die Folge? Immer stärker bahnt sich ein dumpfes Gefühl seinen Weg, dass die Menschen, die aus Krieg und Elend zu uns geflohen sind, für uns eine Bedrohung sein könnten. Nicht nur die Flüchtlinge sind unbehaust, auch Menschen, die hier leben, empfinden sich so, weil sie sich verunsichert oder bedroht fühlen. Nicht mehr „Herr im eigenen Haus“ zu sein, war für Sigmund Freud eine der drei großen Kränkungen der Menschheit. Politisch gefährlich wird sie, wenn die empfundene Fremdheit und Hilflosigkeit in Radikalismus, Gewalt und Hass umschlagen.

Wenn wir von Heimat und von Unbehaustsein sprechen, hat das inzwischen nichts mehr mit dem Feuilleton zu tun, sondern mit der Politik. Aber es gibt keine schnellen, wohlfeilen Antworten. Was angesichts aller Aufgeregtheiten nottut, ist Besinnung!

Ist es denn wirklich eine so neue Erfahrung, in dieser Welt letztlich nicht beheimatet, nicht zuhause zu sein? Oder kommt durch die gegenwärtige gesellschaftliche Lage in Deutschland etwas zum Ausdruck, das uns immer schon existentiell als Menschen umtreibt? Wo sind wir wirklich zuhause, wenn sich alle scheinbaren Absicherungen auflösen? So lautet doch die Frage, die hinter allen Erfahrungen steht.

Nein, sie ist nicht neu, auch nicht bloß Ausdruck des Erlebens zweier Weltkriege. Schon der Apostel Paulus hat sich damit auseinandergesetzt. Ganz zwangsläufig musste er das. Denn es war der Kern seiner Glaubenserfahrung: Nicht mehr an sich selbst und an die engen Beschränkungen dieser Welt, sondern allein an Jesus Christus gebunden zu sein. Für Paulus war es vollkommen klar, dass durch Christus die uns bestimmenden Beziehungen durchbrochen sind: Es gilt nicht mehr die Begrenzung auf Nationalität und Geographie, nicht mehr die Unterscheidung in Juden und Heiden oder in Freie und Unfreie, in Arme und Reiche. All diese zweifelhaften Festlegungen treten für die außer Kraft, die durch die Taufe in die Gemeinschaft mit Christus aufgenommen sind. Und warum gelten sie nichts mehr? Weil Christus auferstanden ist und, in religiöser Sprache ausgedrückt, im Himmel thront. Wer also zu ihm gehört, gehört rechtlich gesehen – so Paulus – nicht mehr in diese Welt, auch wenn wir in ihr leben. Wir gehören dorthin, wo Christus ist: Da sind wir eingeschrieben, da ist unser „Bürgerrecht“. Vor jeder Staatsbürgerschaft, die uns stets auf ein bestimmtes Land einschränkt, haben Christen ein weit übergreifendes Heimatrecht: das „Bürgerrecht im Himmel“.

Dieses Wort stammt aus dem staatlichen Denken. Nur ein einziges Mal kommt es im Neuen Testament vor: hier bei Paulus im Philipperbrief. Er, der sich später selbst auf sein römisches Bürgerrecht berief, hatte ganz bewusst diese politisch-rechtliche Dimension im Blick: Weil Christus auferstanden ist und bei Gott lebt, haben wir einen unverbrüchlichen Anspruch, zu allererst dort beheimatet zu sein – mit Brief und Siegel. Der Himmel, das Reich Gottes, ist also nicht erst unsere Zukunft: Sie ist unsere Herkunft! Dort, in der unbegrenzten Ewigkeit, sind wir zuhause. Da kommen wir her. Und diese Heimat geht über alles hinaus, was wir uns vorstellen. Einst werden wir sein, was wir rechtlich gesehen schon jetzt sind: Wir werden Mitbürger Christi und ihm gleich!

Man mag das angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen, als weltfremd abtun. Oft genug ist das ja auch geschehen. Die Anfragen gehen dahin, was denn daraus konkret folge, dass das entscheidende Recht für uns Christen das Bürgerrecht im Himmel sei.

Um es klar zu sagen: Um Weltflucht geht es nicht. Nicht noch eine Fluchtbewegung – die in die innere Emigration, in das Schneckenhaus der eigenen Sicherheiten.
Sondern es geht um mutige Hinwendung zu all den Problemen, die uns beschäftigen. Und dies in dem Bewusstsein, dass wir tatsächlich „unbehaust“ sind und dass uns nichts in unserer Welt eine letzte Verlässlichkeit gibt. Wir leben im Vorläufigen. Aber wir leben nicht hoffnungslos und tatenlos. Sondern wir bewähren unser himmlisches Bürgerrecht hier auf der Erde. Denn wir sind frei. Wir sind durch die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus nicht auf die Grenzen fixiert, die uns Sicherheiten vorgaukeln. Als Christen stehen wir vor der Herausforderung, die Unbehaustheit in der Welt ernst zu nehmen und daraus die Freiheit und den Mut zu gewinnen, unsere Gesellschaft in aller Vorläufigkeit menschlich zu gestalten.

Es mag paradox klingen, aber das himmlische Bürgerrecht verweist uns auf diese Erde, um hier den Glauben an das Reich Gottes zu bewähren – das Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe. Dafür sind wir seine Gesandten.

Der Welt mögen wir manchmal fremd erscheinen und uns selbst in ihr fremd fühlen. Auch bei aller Anpassung an die bestehenden Verhältnisse: Es bleibt für Christen stets ein Rest an Unbehaustsein, an Heimatlosigkeit. Und das ist auch gut so. Denn dann bleibt die Gewissheit in uns lebendig, dass wir eine Heimat haben, die uns niemand nimmt – und die zu betreten uns verheißen ist, wenn wir diese Welt verlassen.

Noch aber leben wir hier – herausgefordert von vielen Ansprüchen. Sie lassen sich bewältigen, weil sie nicht das Entscheidende sind. Der Blick aus der Perspektive der Ewigkeit rückt die Maßstäbe zurecht. Und ich sage sehr bewusst: Das gilt auch in der gegenwärtigen Situation in Deutschland! Es gibt wirklich viel zu tun. Und es gibt – Gott sei Dank! – viele Menschen, die sich nicht entmutigen lassen, darunter ganz viele Christen. Wer sich darauf verlässt, dass uns das Bürgerrecht im Himmel niemals gekündigt werden kann, ist stark genug, ans Werk zu gehen. Damit beizutragen, all jenen Aufnahme zu bieten, die ihre Heimat verloren haben. Diese Freiheit schenkt uns der auferstandene Christus.

Wo also sind wir zuhause? Im Himmel – bei Gott! Amen.