Stadtvisionen - Predigt über Hebr 13, 12-14 von Holger Biehn

Einstieg: Stadtvisionen.

Mit viel Grün muss sie sein. Und ohne Stau. Nicht mit hupenden Autos, sondern mit fröhlichen Menschen. Natürlich scheint die Sonne. Dann ganz viele Erholungsplätze. Und auch mit beeindruckender Architektur: angenehm geschwungene Formen, herausragenden Häusern. Die Verkehrsprobleme scheinen gelöst. Nicht mehr Straßen und Parkplätze dominieren das Bild, sondern Pflanzen, vielleicht sogar ein paar Tiere. So könnte man sich die Stadt der Zukunft vorstellen, wenn man die Phantasie mal frei spielen lassen dürfte, wenn wir es uns erlauben, einfach mal hoffnungsvoll zu denken: 

Die Menschen wirken fröhlich, die Verkehrsprobleme scheinen gelöst, Bauen und Natur geraten in Einklang. Auf keinen Fall gibt es Obdachlose oder Drogenabhängige und keine verfallenden Häuser. Alle Menschen wirken zu zugewandt und fürsorglich. 

Predigttext.

Das sind Phantasien des 21. Jahrhunderts. Manchmal schweben auch Autos durch die Phantasie (oder Skateboards ohne Rollen). Andere Zeiten haben andere Bilder. Aber Visionen von einem besseren Zusammenleben gab es schon immer. Beispielsweise im Hebräerbrief, ein kurzes Stück daraus ist heute als Predigttext vorgeschlagen. Ich lese aus dem 12. Kapitel: 

Darum hat auch Jesus außerhalb der Stadt gelitten. So hat er durch sein eigenes Blut das Volk heilig gemacht. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Auslegung.

Auch da sind sie auf der Suche nach einer künftigen Stadt. Mit dem, wie es bisher war, scheint es nicht mehr weiter zu gehen. Sie müssen sich auf die Suche nach was Neuem machen. 

Wobei: Dieser Neuanfang war allerdings nicht freiwillig. Ein erzwungener Neuanfang. Eigentlich hatten sie sich in ihrer alten Stadt sehr wohl gefühlt. Immerhin stand da ihr Tempel, ihr Heiligtum, das sie so liebten. Der Tradition am Tempel fühlten sie sich verbunden und wären nie von selbst auf die Idee gekommen, das alles hinter sich zu lassen. Und dann war da vor ein paar Jahren noch dieser Neuaufbruch: Die alte Religion hatte noch mal einen neuen Drive aufgenommen. Ein neuer Rabbi namens Jesus hatte sie noch einmal neu begeistert; Glauben 2.0.

Aber das war längst vorbei, mittlerweile sind sie von der traditionellen Gemeinde ausgesondert worden. Sie sind beschimpft und misshandelt worden, welche aus ihrer Community sind im Gefängnis gelandet, ihr Besitz wurde enteignet (Hebr 10, 32-34). Das verunsichert (Hebr 13,9), das zehrt an der eigenen Zuversicht (Hebr 10,35), das nimmt die Kraft (Hebr 12,12).

Mittlerweile haben sie nicht mehr das Gefühl, noch zur Gemeinde zu gehören. Nein, sie werden vor die Stadt gejagt. 

Aktualisierung.

Und da sind sie nicht allein. Die geliebte Stadt verlassen zu müssen, erleben Menschen bis heute. 

  • - Weil es in den taktischen Plan der Regierungen und Generalstäbe passte, wurden ihre Häuser zerschossen. 
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  • - Weil es für irgendetwas einen Schuldigen brauchte, werden sie vertrieben. 
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  • - Oder weil ihre Häuser und Grundstücke gebraucht wurden, hat man sie verjagt. 

 

„Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Das erleben Menschen zu allen Zeiten: Im Warschauer Ghetto, in Teheran, in Charkiw und in Königsberg. Oder eben damals in Jerusalem. 

Das sind alles keine fröhlichen Neuanfänge. Das sind existentielle Krisen. Weil es den Boden unter den Füßen wegzieht, weil die Heimat eben kein lebenswertes Zuhause mehr ist.  

Nein, das sind keine fröhlichen Wege. Das sind Wege voller Enttäuschungen, Wut oder Trauer. Sie alle können sich wiederfinden in dieser Beschreibung: „hinausgehen und die Schmach tragen.“ 

Der gemeinsame Weg.

Stellen wir uns mal vor, sie würden sich alle dort vor der Stadt treffen: 

  • - Die Gemeinde der ersten Christen des Hebräerbriefes, denen ihr geliebter Tempel weggenommen wurde. 

    - Die, denen gerade die Innenstadt weggebombt wurde, die von einem Tag auf den anderen keine Wohnung, keine Nachbarn, keinen Supermarkt und kein Krankenhaus mehr haben. 

  • - Oder einfach die, die raus mussten, weil die Stimmung, der Style sich geändert hat und kein Platz mehr für die Nischen der Außergewöhnlichen blieb. 
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  • Sie alle kommen aus ihrer (ehemaligen) Stadt heraus, mit hängenden Köpfen wahrscheinlich. Für sie alle passt dieser Satz: „Lasst uns hinaus vors Tor treten und mit ihm die Schmach tragen.“ 
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  • Ja, und vielleicht nehmen sie wahr, wie Jesus sich mit ihnen auf dem Weg ist; auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte mit seinem eigenen Kreuz, das doch zugleich das Kreuz von ihnen allen ist. 
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Das Wunder.

Stellen wir uns vor, sie begegnen einander vor der Stadt in ihrer Niedergeschlagenheit und Trauer. Dort schauen sie sich an - und dann passiert das Wunder: Sie gewinnen wieder Hoffnung! 

Das klingt überraschend, aber wahrscheinlich sind sie selbst am meisten überrascht. Wo soll bei diesem Deprimiertentreff bloß auf einmal Hoffnung herkommen? Unglaublich. 

Vielleicht ahnen sie, dass das irgendwie mit Jesus zu tun hat - auf jeden Fall die, die bemerkt haben, dass er sie auf ihrem Weg der Schmach begleitet hat. Bei ihm war es doch genauso, dass aus der Hinrichtungsstätte ein gewaltiges Hoffnungszeichen für die Welt ausging. 

Sein Scheitern war kein Scheitern mehr, seine Schmach wurde zum Triumph. 

Alle die sich also vor den zerfallenden Städten mit ihm treffen nutzen die Chance, neu aufzubauen. Das geht gerade dort, wo alle Sicherheiten zerfallen sind. Gerade die Krise ist doch offen für die Zukunft - auch wenn die Krise manchmal lang und hart ist und manche Opfer kostet. Dennoch hat sie doch einen Samen hoffnungsvolle Zukunft in sich. 

Die Hoffnung.

Da entsteht dann die künftige Stadt. Die bauen dann die Enttäuschten und Geschmähten ihre neue Stadt - mit dem Mut der Verzweiflung und aus der Kraft der Enttäuschung. Sie lassen die alten Konflikte und den übernommenen Hass hinter sich. Die alten Konflikte lähmen nicht mehr. Das, was mal als sicher und selbstverständlich galt, bremst nicht mehr. Sie machen nicht mehr mit bei den Machtspiele der Welt und sie bauen ihre neue, ganz andere Stadt draußen vor den Toren der alten. 

Dort übernehmen dann diejenigen die Macht, die es besser machen wollen: friedlicher, gerechter, menschenfreundlicher. Lebenswert halt. Menschen ohne Not - nicht weil die Not weggezaubert wäre, sondern weil gleich welche da sind, die sich kümmern. Die künftige Stadt - mit viel Grün natürlich, Pflanzen, Tieren, fröhlichen Menschen. Mit Häuser, die Nächstenliebe fördern und Straßen, die Begegnungen schaffen. 

Aus dem Schutt der zerfallenden Stadt in eine neue Hoffnung denken - das ist die Vision aus dem Hebräerbrief. 

Aber das ist im Moment noch nicht dran. Noch liegt Karfreitag vor uns. Diese Stadt wäre dann Ostern. 

AMEN. 

 

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Holger Biehn

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Natürlich zuerst die zerbombten Städte im nahen Osten, der Ukraine und anderswo. Damit auch die Flüchtlingszüge, die sich gerade u.a. aus Beirut aufmachen. Dieses „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ bekommt da eine sehr bedrückende Aktualität.

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Der Frühling. Klingt banal, aber es ist so, dass ich dieser Tage gern rausgehe und das Aufblühen genieße. Drum kommt in meiner Predigt auch ein wenig Grün vor. Dieses ganz ursprüngliche Gefühl stand im Kontrast zur bedrückenden Weltlage. 

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Dass auch in der bedrückenden Krise ein Hoffnungssamen verborgen liegt. Deshalb erlaube ich mir, auch in der Passionszeit positive Zukunftsvisionen auszusprechen. Ich möchte dabei bleiben, dass auch schlimmste Erfahrungen zu positiven Erkenntnissen führen können, also Verbitterung nicht zwangsläufig ist. 

4.  Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Noch ein präziseres Abwägen zwischen dem hoffnungsvollen Ausblick und dem Ernstnehmen der bedrückenden Weltlage. Auch im Kirchenjahr sind wir noch in der Passionszeit und haben Karfreitag noch vor uns. Aber wir müssen m. E. nicht so tun, als wüssten wir nicht dass wir dann auch Auferstehung feiern dürfen. 

Perikope
22.02.2026