Ostermontagsblues - und mittendrin Jesus. Predigt über Lk 24, 36-45 von Christiane Quincke

(Der Predigttext Lukas 24,36-45 wird im Laufe der Predigt verlesen – ich empfehle eine*n 2. Sprecher*in)

 

  1. Ostermontagsblues mit Gefühlschaos

 

Gibt es den Ostermontagblues?

Drei oder gar vier intensive Tage liegen hinter uns - mit allen Gefühlslagen, die Leben und Tod so hergeben. Die einen mit viel Musik und großen Gottesdiensten, die anderen mit Osterfeuer und Stille, die dritten mit viel Familie, Ostereiersuche und vollem Haus, die vierten vielleicht einsam oder mit viel Langeweile - froh, dass die heiligen Tage endlich vorbei sind.

 

Wie mag es den Freunden und Freundinnen von Jesus gegangen sein? Emotionaler Abschied mit gemeinsamen Essen, verzweifelt und ohnmächtig, weil sie nichts tun konnten, nachdem Jesus von den Soldaten abgeführt wurde, voller Entsetzen, als sie ihn am Kreuz sehen, unfassbar traurig, sie konnten nur noch vor sich hinstarren. Dann die unglaublichen Nachrichten von den Freundinnen, die strahlend vom Grab zurückkamen - Jesus lebt, rufen sie! - und eben die beiden, die aus Emmaus zurückgekommen sind. Noch ganz außer Atem stammeln sie, dass sie mit Jesus das Brot geteilt hätten. Das ist alles zu viel auf einmal. Erstmal einen klaren Kopf kriegen. Sacken lassen. Zur Ruhe kommen.

 

Während sie noch redeten, stand der Herr plötzlich mitten unter ihnen. 

 

Jesus kommt einfach so dazu. Mitten hinein in den Blues. Während sie noch reden. Während sie noch nachdenken. Während sie gerade den Tisch decken. Während sie das Fenster öffnen um etwas Luft reinzulassen. Mitten in allem, was sie gerade so tun.

 

Jesus mittendrin. Während ich nachdenke, ob ich noch genügend Kuchen übrig habe für heute Nachmittag. Während ich überlege, ob wir das Auto nochmal laden müssen, wenn wir zur Schwiegermutter fahren. Während meine Gedanken zur Tochter gehen, die auf der anderen Seite der Erde mit den Folgen des knappen Öls zu kämpfen hat. Während mir die Nachrichten der Tagesschau von gestern durch den Kopf gehen. Jesus kommt einfach dazu. Mitten hinein in mein zerrissenes, fragendes Leben. In meinen Blues. In meine zersplitterte Welt, die ich nicht sortiert kriege. 

 

  1. Wenn der Glaube fragwürdig ist

 

Er sagte: »Friede sei mit euch!«

 

Friede sei mit euch. Der Gruß des Auferstandenen. Der Gruß der Engel bei der Geburt Jesu. Ein Gruß, der schon immer nötiger war denn je, weil die Welt schon immer alles andere als friedlich ist. 

Wenn Jesus in mein Leben tritt, so mitten hinein: was sagt er mir? Was ist seine Botschaft an mich? Vielleicht: Mach dir keine Sorgen, ob du gut genug vorbereitet bist. Es wird schon reichen. Oder: Habe keine Angst um deine Tochter, ich passe auf sie auf. Oder: Ja, in dein zerrissenes Leben komme ich und ich werde die vielen Splitter und Scherben deiner Welt wieder zusammenfügen. Friede sei mit dir. 
Ob ich das hören kann? Ob ich das hören will?

 

Da erschraken alle und fürchteten sich. Denn sie meinten, einen Geist zu sehen. 
Jesus sagte zu ihnen: »Warum seid ihr so erschrocken? Und warum zweifelt ihr in euren Herzen?

 

Das Herz rast, der Brustkorb verengt sich. Sie denken, sie haben den Totengeist von Jesus vor sich. Wer hätte da keine Angst? 

Ich habe Angst vor allem, was lebensfeindlich ist: vor Hass und Gewalt, vor der Kälte, die sich in unserer Politik ausbreitet und vor dem, was wir der Schöpfung antun. Ob ich vor dem Geist eines geliebten toten Menschen Angst hätte? Ich glaube nicht. Aber ich verstehe, dass die Jünger ihren Augen nicht trauen.

 

Denn ja, es ist nicht selbstverständlich an den auferstandenen Jesus zu glauben. Mich tröstet es, dass es selbst seinen Freunden und Freundinnen so geht. Dass sie Zweifel hatten und unsicher sind. Wenn selbst sie, die ja die ganze Zeit mit ihm zu tun hatten, zweifeln - dann ist es doch auch normal, dass ich es tu. 

 

Wer mit Gott in Berührung kommt, erschrickt erstmal. Die Bibel ist voll von solchen Geschichten. Mose muss sich am Dornbusch die Schuhe ausziehen und auf dem Horeb sein Gesicht verhüllen, weil die Begegnung mit Gott kaum auszuhalten ist. Die Hirten auf dem Feld erschrecken vor dem Licht der Engel. Die Jünger auf dem See erschrecken als sie mitkriegen, dass Jesus den Sturm stillen kann. 

 

Aber ich möchte gar nicht vor Gott Angst haben, vor Jesus schon gar nicht. Ich will auch nicht zweifeln, ob er wirklich auferstanden ist. Denn ich sehne mich nach diesem festen unerschütterlichen Glauben, der immer mit Gott rechnet. Gerade jetzt.

 

Doch die Welt macht es mir schwer. Oder ist es Gott selbst, der es mir schwer macht? Es spricht doch viel mehr gegen ihn als für ihn. 

 

Aber Jesus widerspricht:

Ich bin es wirklich: Seht meine Hände und Füße an. Fasst mich an und überzeugt euch selbst – ein Geist hat weder Fleisch noch Knochen, wie ihr sie bei mir sehen könnt.«

Während er das sagte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße.

 

  1. Mit Hand und Fuß und Fisch

 

Manchmal begreife ich erst, wenn ich etwas anfassen kann. Fasst mich an, sagt Jesus. Be-greift mich. Mit Hand und Fuß. Mit den Wundmalen, mit den Spuren meines Lebens und Sterbens. Mit allem, was zu mir gehört. Berührt die Haut. Berührt die kleinen Härchen auf dem Handrücken. Spürt die Wärme. Ich bin kein Geist. Ich bin echt und ich lebe.

 

Wenn ich meine Freundin nach langer Zeit wieder treffe, nehme ich sie erstmal in den Arm. Ganz lange halten wir uns fest, als ob wir uns vergewissern müssen, dass wir wirklich beieinander sind. Denn selbstverständlich ist es nicht. Wir hätten uns mal fast verloren - weil sie sehr krank war und weil ich in eine andere Stadt gezogen bin. Oft hören wir monatelang nichts voneinander. Und dann treffen wir uns wieder, halten uns fest im Arm und es ist wieder wie früher. 

 

Auch Gott verliere ich manchmal aus den Augen. Und er mich vielleicht auch? Aber da ist Jesus. Gottes Kind. Ein Mensch wie ich mit Haut und Haaren, Hand und Fuß, mit Narben und Wundmalen, Tränen in den Augen, Liebe im Herzen. Er lässt sich berühren und berührt. Und ich lese die Geschichten über ihn und mit ihm und mir wird es wieder warm im Herzen und ich weiß: das ist alles echt. Wahrer Mensch. Wahrer Gott. 

 

Vor lauter Freude konnten sie es immer noch nicht fassen und waren außer sich vor Staunen. Da fragte er: »Habt ihr etwas zu essen hier?«

Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch. Er nahm es und aß es vor ihren Augen.

 

Anfassen reicht nicht. Das Entscheidende passiert, wenn man was zusammen macht. Und vor allem, wenn man zusammen isst. Jesus und Essen - das gehört einfach zusammen. Geister essen nicht. Engel auch nicht. Aber Menschen wie du und ich essen - und am liebsten gemeinsam. Das letzte Abendmahl mit dem Pessachlamm und dem Brot, das sie essen. Die Brote und die Fische, die sie mit 5000 Menschen teilen. Das alles verändernde Essen mit Zachäus, das lehrreiche Mahl mit Maria und Marta, das gebrochene Brot im Gasthaus in Emmaus. Mit Jesus am Tisch weicht die Angst und es geht um die einfachen Dinge des Lebens: der Fisch wird gebraten, es riecht nach Thymian und Honig, das Brot wird geteilt, der Kelch gefüllt, das Leben geliebt. Ich lebe und ihr sollt auch leben.

 

Wenn meine Freundin und ich zusammenkommen, wird aufgetischt. Ein gutes Brot, Butter, Käse, manchmal auch eine Suppe - bloß nichts Kompliziertes. Aber lecker - und mit einer Geruchsmischung aus Petersilie, Olivenöl und Knoblauch. Dazu eine Flasche vom guten Wein. Und dann reden wir und erzählen uns und teilen, was uns bewegt und belastet. Ich erzähle ihr von der Tochter am anderen Ende der Welt, sie mir von ihrem Nachbarschaftsprojekt. Wir reden über unsere Familien und was uns gesundheitlich Sorgen macht. Alles das kommt auf den Tisch und wird geteilt. Wenn wir hier nach dem Gottesdienst beim Kirchenkaffee zusammen bleiben, teilen wir auch, was wir an Gedanken und Hoffnungen mitgebracht haben. Vielleicht. Aber eins gilt für meine Freundin und mich und für uns als Gemeinschaft hier: Jesus ist mit dabei, wenn wir essen und trinken und reden und lachen und weinen und einfach leben.

 

  1. Öffnen und verstehen und bleiben

 

Doch dann kommt der Abschied. 

Auch bei Jesus und seinen Freunden und Freundinnen. 

 

Der Herr sagte zu ihnen: »Als ich noch bei euch war, habe ich zu euch gesagt: Es muss alles in Erfüllung gehen, was über mich geschrieben steht – im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen.«

Dann half er ihnen, die Heilige Schrift richtig zu verstehen.

 

Wie wir am Ostermontag blicken die Freunde und Freundinnen zurück und versuchen zu verstehen, was da geschehen ist. So vieles, was geöffnet wurde: das Grab und die Augen, die Schrift und nun der Verstand. Und nur wenn der Tod und die Auferstehung von Jesus mit dem zusammen gesehen wird, was mit Jesus vorher erlebt wurde, ergibt das Ganze einen Sinn. Hier ist Gott zu sehen, zu spüren, zu erleben: Der Gott der Lebenden, der nicht bei den Toten zu finden ist. Der Gott, der die Niedrigen erhöht, die Gedemütigten nicht allein lässt, die Kranken heilt und die Hungrigen sättigt. Der Gott, der gegen die Macht des Todes rebelliert und sich in dieser Welt immer auf die Seite des Lebens stellt - und damit auf die Seite aller, die für eine lebenswerte Welt einstehen – die einstehen für die Gedemütigten und Erniedrigten, die Trauernden und Kranken, Hungrigen und Durstigen. In allem, was die Jünger mit Jesus erlebt haben, haben sie diesen Gott kennengelernt. Und auch wenn Jesus nun wirklich gehen muss: dieser Gott bleibt.

 

Gibt es den Ostermontagblues?

Wenn alles vorbei ist und der Alltag Einzug hält? Wenn der Osterschmuck weggeräumt wird, obwohl er noch eine Weile hängen könnte?

Heute ist ein Tag nochmal über das alles nachzudenken, was war und was ist und was sein wird - und wie das alles zusammen hängt mit diesem Gott der Lebenden. 

Mach dich gefasst: Auch bei dir tritt Jesus ein, selbst wenn du vielleicht gar nicht mit ihm rechnest.

Und dann setzt er sich heute an deinen Tisch und teilt mit dir dein Leben, deine Trauer, deine Hoffnung, deine Sehnsucht nach einer besseren Welt.

 

Der Blues ist echt, aber Jesus auch. Und er kommt mittenhinein.

Er kommt zu dir und sagt „Friede sei mit dir“ und du spürst, dass es stimmt.

Und du nimmst diesen Frieden mit in die nächsten 40 Tage so wie die Jünger das getan haben und zusammen denken wir darüber nach, was das mit dieser Auferstehung ist und wie es danach weitergeht.

 

Ostermontagblues? Vielleicht. Aber mit dem, der einfach dazukommt.

Und dadurch wird alles anders.

 

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Christiane Quincke

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Der Ostermontag wird oft als Ausklang empfunden. Die Gottesdienstfeiernden kommen unterschiedlich gestimmt nach 3-4 „heiligen Tagen“. Mit diesem Gedanken steige ich ein. 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Die Predigtmeditation von Anne Herzig in den Göttinger Predigtmeditationen hat mich sehr inspiriert, die Gefühlswelt der Jünger und Jüngerinnen mit unserer ostermontäglichen Gefühlswelt zu parallelisieren. Dazu gehört auch der Gedanke, dass der „Unglaube“ der Jünger auch was Tröstliches hat.

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Das unmittelbare Eintreten Jesu in den Kreis der Jünger ist zwar ein wiederkehrendes Motiv, aber ist mir diesmal viel bewusster geworden (auch dank der Beobachtungen von Anne Herzig) - und es ist spannend, diesen Gedanken durchzubuchstabieren. 

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Meine Predigtcoach hat mir geholfen, den noch sehr vagen und zaghaften Schluss der Predigt zupackender und verheißungsvoller zu formulieren. Danke dafür!

Perikope
06.04.2026