Heute leuchten noch einmal die Paramente im österlichen Weiß, strahlend wie das Licht am Ostermorgen. Und doch sind wir seit Ostern einen langen Weg gegangen, über Himmelfahrt und Pfingsten bis hierher. Heute das Fest Trinitatis, Dreieinigkeit. Nach dem rauschenden Pfingstfest, mit all den Wirkungen des Heiligen Geistes für die Gemeinde, richten wir nun der Blick auf Gottes Wirken insgesamt. Auf den Christus in unserer Mitte. So dass wir auf dem langen Weg durch die jetzt anbrechende Hälfte des Kirchenjahres wissen, worauf wir uns verlassen können. Noch einmal weiße Paramente. Zum Trinitatisfest gehört kein besonderes Ereignis. Eher ist es ein zusammenbindendes Fest. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist feiern wir, in der Kraft dieses “Drei in Einem“. In der Vielfalt und in der Faszination, die diese Verwobenheit hat. Noch einmal weiße Paramente. Licht und Klarheit, dafür steht diese Farbe.
Gott ist drei in Einem. Wir als Gemeinde sind Viele, verbunden durch einen Glauben. Verbunden und doch mit einem je eigenen Zugang zum Glauben. Den wir ganz individuell leben. Eine hat Begabungen, die sie in der Gemeinde einbringt. Ein anderer hat im Moment nicht so viel zu geben, kommt kraftlos und hält sich am vertrauten Ritual des Gottesdienstbesuchs fest. Eine ist zum ersten Mal da und findet sich nicht gleich zurecht. Ein anderer würde am liebst einmal selbst die Predigt halten, um mit den anderen zu teilen, was er mit Gott erlebt hat. Wieder eine andere kommt mit vielen Fragen. Einer hört die eigentlich vertrauen Worte heute auf einmal ganz neu.
22 Und der Herr redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der Herr segne dich und behüte dich;
25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Rachel Naomi Nehmen* berichtet aus ihrer Kindheit:
„Wenn ich an den Freitagnachmittagen nach der Schule zu meinem Großvater zu Besuch kam, dann war in der Küche seines Hauses bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. ... Wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal sprach er diese Worte laut aus, aber meist schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen.
22 Und der Herr redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der Herr segne dich und behüte dich;
25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Seit mehr als 2500 Jahren klingen diese Worte so oder ganz ähnlich. So viel Licht und Klarheit scheint in ihnen auf. Und Kraft. Aber auch auf andere Weise haben sie Menschen Kraft gegeben. In den Gottesdiensten, die nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem in den Synagogen gefeiert wurden, wurden sie gesprochen. Beständige Begleiter, diese Worte, im gottesdienstlichen Leben, im Leben der einzelnen Gläubigen, in den Familien, sogar über die Schwelle des Todes hinaus. Zum Beispiel auf Silberamuletten, die Verstorbenen mit ins Grab gegeben wurden. Wirksame Worte. Darauf vertrauen die, die sie sprechen und die, denen sie zugesprochen werden. Lebensbegleitende Worte. Ich begegne ihnen immer wieder. Ein vertrauter Klang. Und ich höre sie doch immer wieder anders. je nach der Situation, in der ich mich gerade befinde. Brauche ich die vertraute Wortfolge. Brauche ich die Erinnerung an das Licht, an Gottes Gnade? Ist mein Bedürfnis nach Frieden groß?
Über die Jahre habe ich meine persönliche Verbindung mit diesen Worten aufgebaut. Sie waren schon da, in den Gottesdiensten, als ich sie noch gar nicht begreifen konnte. Später begann ich zu begreifen, dass genau das eines der Geheimnisse unserer Liturgie und ihrer Elemente ist, dass so vieles schon da war. Schon so viele vor mir erreicht hat, getröstet und gestärkt. Und noch weiteres hat sich mir erschlossen: In all meiner persönlichen Verbindung mit diesem Text, ist auch das andere aufgehoben: Dass es sich bei dem Segen um ein Element aus der Liturgie des Volkes Israel handelt. Die lebendige Erinnerung daran, dass die Kirche nicht ohne Gottes Bund mit dem Volk Israel denkbar ist. Die Erfahrung von Segen ist älter ist als die Botschaft Jesu. Unsere Gottesdienste sind durch Psalmen und Lesungen Klang- und Erfahrungsraum von vielen weiteren Geschichten Gottes mit seinen Menschenkindern. Nicht zuletzt von vielen anderen Geschichten von uns mit unserem Gott. Es geht nicht nur um das, was wir an diesem Sonntag erleben. Jeder Gottesdienst ist auch Klang- und Erfahrungsraum der vielen Arten, wie Gott sich wirksam zeigen kann in meinem Leben.
Rachel Naomi Remen erzählt weiter:
Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: ,,Komm her, Neshumele." Ich baute mich dann vor ihm auf, und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Jede Woche wartete ich bereits darauf, zu erfahren, was es diesmal sein würde. Wenn ich während der Woche irgend etwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung darüber zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen. Und dann gab er mir seinen Segen und bat die Frauen aus ferner Vergangenheit, die ich aus seinen Geschichten kannte - Sara, Rahel, Rebekka und Lea - , auf mich aufzupassen.
In der Auslegung der Worte aus dem Numeri-Buch lässt sich nicht ganz für unser heutiges Sprachverständnis auflösen, warum hier der Singular gewählt ist. Gott segne dich. Es ist das Volk angesprochen. Doch dieses besteht aus den einzelnen, die versammelt sind. Dieses individuell verstandene “Gott segne dich!“ kann ich ohne den größeren Zusammenhang der Gemeinschaft derer, die auf die Wirkmächtigkeit dieser Worte vertrauen, nicht erfassen.
Gott segne dich! Umfassender geht der Zuspruch von Gutem nicht. Segen ist heilschaffende Kraft, die Fruchtbarkeit, Leben, Glück, Wohlergehen und Frieden bewirken kann. Diese Worte waren den Priestern vorbehalten. Auch andere durften sie zusprechen, Aber wenn ein Nachkomme Aarons anwesend war, fiel ihm diese Aufgabe zu. Das ist im orthodoxen Judentum heute noch so. Das bedeutet eine Klarheit in der Zuständigkeit und eine Klarheit in der Bedeutung dieser Worte. Sie gehören ganz eng in die Gottesbeziehung, dafür gab und gibt es eine Gruppe, die Priester, die das Wächeramt über diese Worte haben. Besondere Achtsamkeit für besondere Worte In diesem segnenden Geschehen wird der Name Gottes, Adonaj, ausgesprochen. Der Name, der sonst aus Respekt mit HaShem umschrieben wird.
Achtsamkeit gegenüber besonderen Worten. Diese gehört dazu. Auch wenn Segen in der alltäglicheren Glaubenspraxis weitergegeben wird. „Gott segne dich!“ Schon immer haben Mütter und Tanten, Väter und Brüder, Mitmenschen den Segen Gottes weitergegeben. Umfassendes Wohlergehen. Lebenskraft und Zutrauen für den weiteren Weg.
Der Trinitatissonntag kann ein Tag des Austauschs über die Vielfalt unserer Glaubenserfahrungen sein. Ein Staunen über die vielfältigen Glaubenswege, die wir und andere gehen. Auch der Sonntag der Konfirmationserinnerung. Und der Tag der Erinnerung an alle anderen Glaubenserlebnisse, die mit dem Zuspruch von Segen zu tun haben. So wie der Segen eingebunden ist in diese Glaubenserfahrung von vielen Menschen, so hat er mir auf meinem Weg Kraft gegeben. Steht damit symbolisch für alles Verlässliche des Glaubens. Es tut gut, mich daran zu erinnern. Oder mich durch die geteilten Erinnerungen anderer stärken zu lassen. Denn es gibt sie auch, die furchtbaren Erfahrungen im Leben, die Heil, Leben, Fruchtbarkeit und Glück, Wohlergehen und Frieden entgegenstehen. Nicht selten von Menschen verursacht. In Selbstüberschätzung oder in Ignoranz. Zum Schaden von allen. Genauso oft auch die Erfahrung, dass ich beängstigenden Erfahrungen ausgeliefert bin. Krankheit und eigener Unzulänglichkeit. Kraftlosigkeit und Überforderung. Dann bin ich darauf angewiesen, dass ich durch andere wieder mit Gottes Lebenskraft für mich in Verbindung komme. Ich kann mir den Segen nicht schaffen. Ihn mir nicht selber zusprechen:
Gott segne dich und behüte dich.
Gott lasse dir Lebenskraft zukommen und mache dich stark gegen alle Bedrohung.
Gott lasse das Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Licht und Klarheit geht von Gott aus. So dass du dich selbst erkennst und deine Verbindung zu Gott. Ohne Erschrecken.
Gott erhebe das Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Gott bleibe dir liebend zugewandt und statte dein Leben vollumfänglich mit Schalom aus.
Die Bitte um Segen und das Empfangen von Segen ist eine Vertrauensübung. Eine Hilfe bei der Bewältigung alles Unverfügbaren. Wir Menschen können diesen Segen nicht herstellen Wir empfangen ihn in einer vertrauenden Gemeinschaft. Und geben ihn weiter.
So vieles schwingt mit, bei diesen vertrauten Worten. Und lässt sich doch nicht vollständig fassen. Auch darin ist der Segen ein guter Anknüpfungspunkt für diesen Sonntag. Weil wir es mit einem dreieinigen Gott zu tun haben. Der sich in allen seinen Erscheinungsformen zeigt und die Gemeinsamkeit aller Formen braucht, um sich ganz zu zeigen. Im Segen zeigt sich Gottes Zuwendung voller Kraft und Überfluss. Ein Mehr an Gutem, trotz allem.
Noch einmal hören wir Rachel Naomi Remen:
Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer Welt gelebt, in der es ihn nicht gab, und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Er hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat, und er hatte mich bei einem ganz besonderen Namen genannt - "Neshumele", was "geliebte kleine Seele" bedeutet. Jetzt war niemand mehr da, der mich so nannte. Zuerst hatte ich Angst, dass ich, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war, einfach verschwinden würde. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen. Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein.
Amen.
*Die zitierten Texte sind Ausschnitte aus dem Buch: Rachel Naomi Remen, Aus Liebe zum Leben. Geschichten, die der Seele gut tun, Freiburg im Breisgau 52013, S. 30f.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Beim Schreiben der Predigt hatte ich einen Gottesdienst in eher kleinerem Rahmen vor Augen. Da durch den Trinitatistag oft keine festen Rituale vorgegeben sind, ist dieser eine gute Gelegenheit, noch einmal über die Grundlagen des Glaubens bzw. meiner Eingebundenheit in den Text- und Klangraum der biblischen Überlieferung nachzudenken.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Mich bewegt die zeitliche Dimension, die bei geprägten Texten immer auch durchscheint: Schon lange, bevor ich diese Texte (bewusst) wahrgenommen habe, sind sie wirksam ausgesprochen worden. Und so wird es auch weitergehen, nachdem ich sie nicht mehr aktiv höre. Ebenso finde ich es, trotz der Herausforderung, die das auch bedeutet, tröstlich, dass wir einen gemeinsamen liturgischen Schatz mit dem Volk des Ersten Bundes haben. Das macht mich liturgisch achtsam.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Nachdem ich mich für die Integration von „Neshumele“, dem Text von Rachel Naomi Remen, entschieden hatte, fiel es mir leichter, meine eigene Berührtheit von Worten aus der Tradition zu erkennen. Diese Geschichte, die keinen formalen Bezug zu einem Gottesdienst hat, bot für mich eine Brücke zu meiner existentiellen Eingebundenheit in Gottes Segenskraft. Darüber will ich weiter nachdenken.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die Rückmeldungen im Predigtfeedback haben mir geholfen, die Stellen, an denen ich meiner eigenen Intention nicht konsequent genug gefolgt bin, zu erkennen und daran zu arbeiten. Ebenso konnte ich Schwerpunkte und Stärken der Predigt, die noch nicht klar genug erkennbar waren, besser hörbar machen.