Unerwarteter Besuch. Predigt über Hebr 13, 1-3 von Felix Stütz

Predigttext: Hebr 13,1-3

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 

2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

 

Unerwarteter Besuch

Ich habe doch gar nichts bestellt, geht mir durch den Kopf, als ich die Treppe runter zur Tür eile, damit mir der Postbote nicht schon wieder vor der Nase davonfährt und ich das Paket dann bei der Poststation abholen muss. „Ich komme“, rufe ich schon zur Sicherheit, dass er weiß, dass ich da bin. Bei der Tür ankommen, steht da aber kein Postbote, sondern sehr gute Freunde. Was ist das für eine Überraschung! Sie sind spontan vorbeigekommen. Es folgen herzliche Umarmungen. Ich bin super glücklich. Gleichzeitig rattert es in meinem Kopf: Wo setzen wir uns hin? Wie sieht es im Wohnzimmer aus? Wann habe ich das letzte Mal gesaugt und warum liegen hier noch die Papierschnipsel vom Basteln? Und überhaupt, wie sieht’s hier aus? Nicht nur der Eingangsbereich ist das volle Chaos. Gedanklich gehe ich durch, was wir brauchen, damit wir uns gemütlich zusammensetzen können. Da fällt mir ein, dass die Milch leer ist. Immerhin Kaffee ist noch da. Der hält die Welt zusammen. Die Spülmaschine war noch nicht an, aber ich finde noch ein paar Tassen und wir schaffen uns zusammen Platz auf der Coach.

„Was für eine Überraschung“, rutscht es aus mir raus, wobei ich gleich hinterherschiebe „Wie schön, dass ihr da seid,“ um dann als Antwort zu erhalten: „Man sieht’s dir an.“ Ja, ich muss zugeben, ich habe mich ein bisschen ertappt gefühlt. Ich wäre gerne vorbereitet gewesen. Es sieht hier nicht so aus, wie ich eigentlich gesehen werden will. Allein ein Staubtuch hätte schon Wunder bewirkt. Nichtsdestotrotz sitzen wir lange zusammen. Bei mir steht gerade viel an, um nicht zu sagen zu viel. Darum habe ich in letzter Zeit die Nase selten vor die Tür gesteckt habe.

Aber bei meinen Freunden kann ich mir die Dinge von der Seele quatschen. Es tut richtig gut, dass wir zusammensitzen. Als sich die Beiden wieder verabschieden, muss ich versprechen, mich bald wieder bei ihnen blicken zu lassen. Ich muss feststellen, dass hier immer noch Tohuwabohu herrscht. Aber in mir drin fühlt es sich etwas aufgeräumter an. Ich fühle mich leichter und gesehen. Irgendetwas hat sich sortiert.

 

Zwei Arten von Besuchen

Nehmen wir einmal an, es gibt zwei Arten von Besuchen: Die einen, die einfach so reinplatzen und die anderen, die sich bereits Monate vorher ankündigen und um einen Termin im Kalender bitten. Sie erinnern einen nochmal tags zuvor, ob der Termin steht. Die Planbarkeit entlastet, weil ich mich vorbereiten kann. Ich kann mir Gedanken über das Essen machen, in Ruhe einkaufen gehen, Getränke kaltstellen, das Staubtuch nochmal in die Hand nehmen und außerdem die Schuhe aus dem Weg räumen. Ja, ich kann mich sortieren. Das gilt auch innerlich. Was auf der Arbeit oder privat gerade ansteht, kann ich einmal wegatmen, bevor ich die Tür öffne. 

Die anderen aber kommen, wie sie kommen. Ohne Vorwarnung und Verabredung, mitten hinein in das, was gerade ist. Da liegt noch das Geschirr vom Morgen in der Spüle und ich bin womöglich noch in den Klamotten, die eigentlich nur mich gedacht waren. Es gibt kein Wegatmen, um sich innerlich zu ordnen. Ich empfange nicht, sondern werde angetroffen.

 

Allerdings frage ich mich, wovon mich das Planen genau entlastet. Denn es ist doch so, dass ich viel weniger Vorbereitung habe, wenn jemand direkt hereinplatzt. Ich glaube, letzten Endes entlastet sie mich einzig und allein, mit mir selbst konfrontiert zu sein. Denn auch wenn jemand anderes spontan vorbeikommt, dann ist meist nicht das Problem, dass der Schuh im Weg liegt. Eher sind es meine Erwartungen, die den Weg versperren. Ich stehe mir selbst im Weg, habe eine Mauer mit Idealvorstellungen gebaut. Ich stoße mich an mir selbst, der Person, die ich gerne wäre und die mich nun an einer wirklichen Begegnung hindert. Von wegen Entlastung! Je mehr ich plane und mir innerlich ein Bild vom schönen Zusammensein mache, desto schwieriger wird es. Das beste Beispiel ist doch Weihnachten. Zwischen all meinen Vor-Stellungen ist dann kaum noch Platz. Verstellt wie ich bin zwischen Ideal hier und Traumbild dort, finde ich kaum noch Luft zum Atmen. Freiheit stellt sich hinter dem Schutzwall, den ich gebaut habe, nicht ein. Denn ich bin beständig darauf bedacht, etwas aufrechtzuerhalten, das ich gerne wäre, aber nicht bin.

 

Ich bin noch im Leibe ...

Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ich lebe noch im Leibe, um Paulus zu zitieren. Meiner Idealvorstellung kommt deshalb keiner nah, vor allem nicht ich. Ich bin ein Mensch mit einer Geschichte, die mir teilweise sogar auf den Körper geschrieben ist. Ich bin ein Mensch mit Sehnsüchten, Wünschen, Ängsten, Hoffnungen, Erwartungen. Ich bin ein hungernder, ein dürstender, ein liebender, lesender, lachender, manchmal auch weinender Mensch. Ich ärgere mich, dann brodelt es in mir. Ich freue mich, dann kribbelt es. Ich wünsche mir etwas, dann zieht und zerrt es in mir.

Meine Ideal-Dublette dagegen ist nicht hier, sie steht immer vor mir, wo ich sein könnte. Sie ist die Person, die erreicht hat, was ich erreicht haben könnte und erlebt hat, was ich erlebt haben könnte. Sie sieht aus, wie ich gerne aussehen würde. Aber niemand sieht sie und keiner kann ihr begegnen. Zur Tür stürm ich und nicht mein Wunsch-Ich.

Ich bin ein Mensch mit einem Körper, einer Geschichte und einer Zukunft. Und ich lebe noch im Leibe. Ich bin ein Mensch mit Freunden, die unerwartet an meiner Tür klopfen.

 

Gott klopft an

Wie die biblischen Texte bezeugen, klopft Gott auch immer wieder an. Immer trifft Gott unerwartet ein. Er kommt bei Sara und Abraham vorbei und lädt sich bei Zachäus ein. Wie ein Dieb in der Nacht kommt Gott und steht auf einmal vor der Tür und klopft an.

Für diese Gottesbegegnungen gibt es in der Theologie mehrere Begriffe. Man kann von einem Transzendenzeinbruch sprechen oder einem Unterbrechungscharakter. Es fallen Bezeichnungen wie Offenbarung oder Epiphanie. Ein Gotteseinbruch in die Wirklichkeit, eine göttliche Enthüllung oder Manifestation. Aber je größer der Begriff, desto aufgeblasener ist die Idealvorstellung. Solche Bezeichnungen führen in die Irre, wie die Wunschvorstellung vom andächtigen Beisammensein am Weihnachtsbaum.

 

Zwischenfälle

Zwischenfälle, das ist es. Was sich als bedeutsam, hilfreich und heilsam erweist, passiert zwischen all den anderen Dingen des Lebens. Nicht an einem dafür gesondert auserkorenem Platz samstags nach dem Hausputz zwischen 15–18 Uhr, sondern inmitten meines gelebten Lebens. Was groß anmutet und sich im Nachhinein sogar als lebensverändernd erweist, passiert einfach zwischen den to-do’s und Aufgaben, den unerfüllten Wünschen, den Plänen für Morgen, dem Ärger über Gestern und dem Stress hier und jetzt. Echte Begegnung lässt sich nicht Einplanen an einem dafür zugewiesenen Zeit-slot im Kalender. Echte Begegnung passiert, einfach so. Einfach weil ich gerade da bin.

Es ist doch spannend, dass die schönsten Momente unerwartet geschehen. Wenn ich gerade keine Distanz aufbauen kann, kein Bild von mir zwischen mich und dich drapieren kann. Dort in der Begegnung spüre ich, dass ich anderen und mir begegnen darf. 

Ich muss mich wohl damit zufriedengeben, dass die Realität nicht aufpoliert und schick ist, wie die insta-reels, die durch mein Feed gespült werden. Aber ich muss auch anerkennen, dass sich mit ein bisschen Kreativität immer noch Platz auf der Couch schaffen lässt und es für unmittelbare Begegnung nur mich und ein paar hereinplatzende Freunde braucht.

 

Genau das meint Paulus, wenn er auffordert, fest in der Liebe zu bleiben. Idealvorstellungen einreißen, Mauern abbauen, Traumbilder in die Schreddermaschine. Stattdessen gastfrei zu sein, sich überraschen lassen. Wo andere vorbeikommen, habe ich die Möglichkeit, auch mir zu begegnen, mich zu spüren und zu erleben. Ich finde mich nur über den Umweg über die anderen. Deswegen ist es ja gerade so wichtig, hin und wieder die Tür zu öffnen oder sogar bei anderen vorbeizuschauen. Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut, noch im Leibe. Das ist kein Makel, sondern wunderbar. Oder wer will mir erklären, dass gemeinsames Lachen nicht schön ist? Es gibt doch wenig Angenehmeres als die Leichtigkeit, die sich einstellt, wenn ich teile, was die Seele bedrückt. Es ist doch auch schön und spannend, wenn es in den Fingerspitzen kribbelt, weil ich mich so auf etwas freue. Und wer will bestreiten, dass eine Umarmung manchmal mehr sagt als tausend Worte?

 

Mein Distanzmanagement hält nicht nur andere, sondern auch mich und Gott von mir fern. Dabei bin ich auf andere angewiesen, wie auch andere mich brauchen. Ich muss mich so wenig darauf vorbereiten, wie ich mich überhaupt darauf vorbereiten kann, überrascht zu werden. Inmitten meines Lebens, mit meiner Geschichte, meinen Wünschen, Vorstellungen, Ängsten und Hoffnungen werde ich überrascht, hin und wieder auch überrumpelt und angetroffen in meinem Chaos. Aber ich werde auch empfangen an einem Ort, der entsteht, wo ich mit anderen zusammen bin - vor einem anklopfenden Gott.

 

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Felix Stütz

1.  Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Die Predigt wurde vor dem Hintergrund ausgearbeitet, dass dort eine Stadtgemeinde versammelt ist. Die Gemeinde setzt sich mitunter aus jungen Familien und teils Studierenden zusammen. Es ist Sommer und immer wieder kündigt sich auch spontan Besuch an – zum Grillen oder auf einen Eiskaffee. Vor allem jetzt im Sommer kommt man zusammen, manchmal auch im Chaos. 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Ich erlebe Besuche immer wieder als überraschend. Sie reißen mich aus meiner Situation und verleihen mit inmitten der Begegnung neue Perspektiven und Erfahrungen.

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Durch die Beschäftigung mit dem Text wurde ich ermutigt, auch mal wieder bei Freund:innen ‚reinzuplatzen‘. 

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Ich habe die Predigt bewusst aus einer ‚Ich-Perspektive‘ geschrieben, um exemplarisch zu zeigen, wie ich Besuche immer mal wieder erlebe. Diese Perspektive konsequent durchzuhalten, wurde ich ermutigt.

Perikope
19.07.2026