Hiobs Botschaft - Predigt zu Hiob 14, 1-6 von Kathrin Oxen

Ihr habt mir tags von Gott erzählt, nachts hat mich euer Gott gequält. Ihr habt laut eures Gotts gedacht, mich hat er stumm zur Sau gemacht. Ihr habt gesagt, dass Gott mich braucht – Braucht Gott wen, den er nächstens schlaucht? Ihr habt erklärt, dass Gott mich liebt – Liebt Gott den, dem er Saures gibt?

Dunkle Tage, schwarzer Humor. Da spricht einer, der etwas weiß von den Novembertagen des Lebens. Der Vater in den letzten Kriegstagen gefallen, die Mutter mit den drei Kindern auf der Flucht aus der Heimat im Baltikum, der Tod der ersten Ehefrau, eine schwere Herzoperation, eine langwierige Krebserkrankung. Dichter versuchen, für alles Worte zu finden, sagt Robert Gernhardt, von dem dieses Gedicht stammt. Er hat Worte gefunden, in denen er auch angesichts seines Leidens erkennbar bleibt. Einer, der seinen Humor nicht verloren hat und noch seiner tödlichen Krankheit komische Seiten abgewinnen konnte.

Dunkle Tage, schwarzer Humor und die Erinnerung an den Mann auf dem Aschenhaufen, an Hiob. Einer, der Saures bekommen hat, um es zurückhaltend zu formulieren. Die Schicksalsschläge, die ihn treffen, die sprichwörtlich gewordenen Hiobsbotschaften, die ihm mitgeteilt werden – gar nicht schlecht, das alles mit Humor zu betrachten, gerade in diesen Novembertagen mit ihrem dunklen Stakkato aus Gedenken und Erinnern, empfundener und verordneter Trauer, feuchtem Herbstlaub und früher Dunkelheit.

Ich allein bin entronnen, dass ich’s dir ansage (Hiob 1.15), der Refrain der Boten, die Hiob grotesk anmutende Schicksalsschläge mitteilen, erst den wirtschaftlichen Totalverlust an Rindern, Knechten, Schafen und Kamelen und dann den Tod seiner zehn Kinder.

Als der noch redete, kam ein anderer und sprach (Hiob 1,16) … Und am Ende sitzt Hiob auf dem Aschenhaufen, der von seinem Leben übrig geblieben ist und kratzt seine juckende Haut mit den Scherben seines Glücks. Und es kommt noch schlimmer, denn jetzt kommen die Freunde. Hiob fehlt es nicht an Menschen, die ihm nahe sein wollen, die Anteil nehmen an seinem Schicksal, die ihm zur Seite stehen, leider weniger mit Tat, sondern vor allem mit Rat.

Ihr habt mir tags von Gott erzählt, ihr habt laut eures Gotts gedacht, ihr habt gesagt, dass Gott mich braucht, ihr habt erklärt, das Gott mich liebt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben! (Hiob 12,2) Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben. (Hiob 13,5)

Der sarkastische Kommentar Hiobs zu all den Ratschlägen seiner Freunde spricht dafür, dass er auch dort auf dem Aschenhaufen seinen Humor noch nicht verloren hat. Noch findet er Worte. Nachts hat mich euer Gott gequält, mich hat er stumm zu Sau gemacht. Braucht Gott wen, den er nächstens schlaucht? Liebt Gott den, dem er Saures gibt? Das Bett ein Aschenhaufen. Da sitzt er, der Mensch, oder liegt, nackt oder im Schlafanzug und muss sich kratzen und kommt nicht hin und es hört nicht auf, sondern wird noch schlimmer. Dunkle Tage, schwarzer Humor und eine Frage: Wie gehört das zusammen, Leid und Gott?

Eine Frage, die ins Leben kommt, so sicher wie die Tatsache, dass im Herbst die Blätter fallen. Eine Frage, die am Ende des Lebens kommt, wenn es Herbst und Winter wird. Eine Frage, die sich noch viel drängender stellt, wenn die Jahreszeiten des Lebens durcheinandergeraten sind und es plötzlich Frost gibt im Frühling und Schnee im Juli. Keine Novemberfrage, sondern eine Lebensfrage.

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf,  dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt,  auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. (Hiob 14, 1-6)

Dunkle Tage, schwarzer Humor. Hiob, der Mensch, der Gott bittet, ihn wenigstens jetzt in Ruhe zu lassen. Vergänglichkeit, Sterblichkeit, Leid und die Tatsache, dass er als Mensch all dem ausgesetzt ist - darüber will er gar nicht mehr verhandeln, das akzeptiert er. Aber dass all das auch noch etwas mit Gott zu tun haben soll – da liegt das wirkliche Problem, das ist die Lebensfrage.

Bitte, sieh mich nicht so an, wie ich hier sitze auf meinem Aschenhaufen, wie ich hier liege in meinem Bett. Die andern quälen sich nur mit ihrer Krankheit, aber ich quäle mich auch noch mit dir. Die anderen sagen, wenn ich tot bin, dann war’s das eben, dann ist Feierabend, und leben und sterben damit. Und ich quäle mich mit all den Fragen, was du vorhast mit mir, was noch auf mich zukommt, wenn alles von dir kommt. Bitte sieh mich nicht so an. Ich freu mich, wenn es endlich vorbei ist.

Dunkle Tage, schwarzer Humor und Hiobs Botschaft. Es trifft nicht zu, was viele denken: Wer glaubt, hätte es leichter und immer eine Antwort parat. Wer glaubt, sähe in allem immer einen Sinn. Das ist ja der gängige Vorwurf insbesondere der so kämpferischen neuen Atheisten: Wer glaubt, mache es sich irgendwie und unangemessen viel leichter und wähle einen weniger anspruchsvollen Weg der Bewältigung der großen Lebensfrage.

Leichter machen sie es sich, die „neuen Atheisten“ die auf Busse schreiben, es gäbe keinen Gott und man brauche sich keine Sorgen zu machen und könne das Leben genießen. „Amateurgegner“ hat Karl Barth sie genannt, all die Religionsspötter und Atheisten, „arglose, gemütliche Gesellen“ seien sie im Vergleich zu Hiob, der es mit Gott auf sehr ungemütliche Weise zu tun bekommen hat.

Hilft ihnen ihr Glaube? Ich bin das selbst schon gefragt worden, an den Novembertagen in meinem Leben, auf meinem eigenen Aschenhaufen sitzend. Mein Lächeln bei der Antwort war etwas schief. Ja, der Glaube hilft - und er macht alles noch viel schwerer. Das, was mir geschieht, mit Gott in Beziehung zu setzen, das ist eine überaus anspruchsvolle Lebenshaltung, im eigenen Leben und auch angesichts des Leids in der Welt. Wie mühen wir uns oft, Leid und Katastrophen mit Gott in Beziehung zu bringen, werden angefragt, sogar verantwortlich gemacht und reiben uns doch selbst bis zur Schmerzgrenze an diesen Erfahrungen.

Was Hiob erfährt, ist viel mehr als eine Auseinandersetzung mit Gott. Denn Auseinandersetzung, die unendlich ventilierte Frage, ob es Gott überhaupt gibt, das wäre ja schon die Distanz, nach der sich Hiob sehnt. Aber es ist die Nähe Gottes, die Hiob zusetzt. Noch nackt und krank und auf den traurigen Überresten seines Lebensentwurfes lässt Gott Hiob nicht in Ruhe. Die Bitte, Gott möge ihn doch einmal aus den Augen lassen, wird ihm nicht erfüllt. Ein Blick, auf der Haut zu spüren. Ein Gegenüber, das nicht aus dem Zimmer geht im Zorn, sondern gegenwärtig bleibt bis an die Grenze des Erträglichen.

Es gibt keine Distanz, sondern schmerzhafte Nähe. Hiob reibt sich an Gott. Sein Leid besteht nicht in all dem, was ihm widerfahren ist. Hiobs Leid im Leiden besteht darin, dass er all das mit Gott in Zusammenhang bringen muss. Blicke weg von mir, damit ich Ruhe habe, wie all die anderen, damit endlich Feierabend ist.

Dunkle Tage, schwarzer Humor. Und einer, der Worte findet und Gott entgegenschleudert. Bist du es, der mich nachts quält, machst du mich zur Sau, schlauchst mich, gibst mir Saures? Der Mensch, der sich an Gott reibt. Der Mensch, dem Gott so nah ist, dass es weh tut. Der Mensch, an dem zu sehen ist, dass Gottesnähe und Gottverlassenheit dasselbe sein können. Hiobs Botschaft.

Amen.