Hiobsbotschaften überleben - Predigt zu Hiob 14, 1-6 von Claudia Bruweleit

Liebe Gemeinde!

In einem Eisenbahnwaggon in einem Waldstück nahe der französischen Stadt Compiègne unterzeichneten heute auf den Tag genau vor einhundert Jahren, am 11. November 1918, Hohe Militärangehörige und Regierungsmitglieder von Frankreich (Marschall Foch) und Großbritannien und eine Delegation aus Deutschland unter Staatssekretär Matthias Erzberger ein Waffenstillstandsabkommen und leiteten damit das Ende des  Ersten Weltkriegs ein.
Sie beendeten einen Ausnahmezustand, der vier Jahre und drei Monate lang gedauert hatte. 17 Millionen Tote hatte er gefordert und die Zivilbevölkerung  hatte in lange nicht gekanntem Ausmaß leiden müssen, vor allem im Alltag. Denn: Die Situation der Menschen hatte sich seit der Mobilmachung im August 1914 immer mehr verschlechtert. Die meisten Familien hatten das geregelte Einkommen ihrer Ernährer verloren, denn das Geld,  das sie nun erhielten, reichte nicht hinten und nicht vorn. Lebensmittel wie Kartoffeln und Getreide waren knapp geworden und nur noch auf Bezugsschein erhältlich und sie hatten sich täglich verteuert. Arbeiter und Angestellte in Berufen, die nicht unmittelbar mit dem Krieg zu tun hatten, waren eingezogen worden,  ihre Familien hatten mit den Einkünften oft  auch ihre Wohnung verloren. Frauen und Männer in den Städten waren zu Arbeiten herangezogen worden, die der Kriegsführung dienten. Schülerinnen hatten unzählige Mützen, Handschuhe, Schals und Gesichtsmasken für Soldaten gestrickt, die Schüler sich für Botendienste und Ernteeinsätze verpflichtet, Schülerinnen und Schüler hatten Goldmünzen für die Finanzierung der Kriegsproduktion gesammelt und für Kriegsanleihen geworben, die nach Ende des Krieges und wegen der Inflation 1923 keinen Pfifferling mehr wert waren.
Aufgrund der Seeblockade der Alliierten Kräfte waren in Deutschland allein 760.000 Männer, Frauen und Kinder verhungert oder entkräftet an Krankheiten gestorben. Deutschland hatte 1916/17 einen sehr schlimmen Hungerwinter erlebt. Als auch die Stadt Kiel keine Notvorräte mehr hatte, war es in Kiel in den Arbeiterbereichen im Herbst 1916 zu Unruhen gekommen, so dass die Stadt mehrfach die Marineverwaltung gedrängt hatte, ein Kontingent an Kartoffeln aus den reichlich bemessenen Beständen der Soldaten für die Bevölkerung frei zu geben.
Mehr als 1800.000 Soldaten waren in den Kriegshandlungen gefallen, mehr als vier Millionen verwundet worden.

Trauer und Entsetzen packen mich, wenn ich dieses alles lese oder Berichte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges höre. Ich frage mich: wie haben die Menschen all das Schwere erlebt? Wie konnten sie nur dieses ungeheure Leid ertragen?
Neben diesen Zahlen und Berichte über den Ersten Weltkrieg lese ich in der Bibel den Predigttext für diesen Sonntag, den 11. November 2018.  Es ist ein Abschnitt aus dem Buch Hiob, einer weisheitlichen Lehrerzählung aus dem alten Israel, entstanden ungefähr dreihundert bis fünfhundert Jahre vor Christus. Es geht darin um einen Menschen, der gut und recht vor Gott lebt, sehr reich an Viehherden ist und viele erwachsene Söhne und Töchter hat. Er ist ein Vorzeige-Mensch seiner Zeit, der Gerechte schlechthin. Reich und mächtig und dabei glücklich, und voller Gottvertrauen. Das gefällt dem Teufel nicht und er fordert Gott heraus, bis er die Einwilligung erhält, Hiobs Gottvertrauen auf die Probe stellen zu dürfen.  So kommt der Tag des Unglücks über Hiob, an dem seine Knechte kommen und ihm eine verheerende Unglücksnachricht  nach der anderen überbringen, Hiobsnachrichten: Leute aus dem benachbarten Saba haben alle seine Rinder und Eselinnen beim Pflügen geraubt und die Knechte erschlagen.
Ein Blitz tötete Schafherden und Hirten auf dem Feld, nur einer kam lebend davon und berichtete es Hiob.  Andere Nachbarvölker kamen und stahlen alle seine Kamele und brachten die Knechte um. Und schließlich verwüstete ein Tornado das Haus, in dem seine erwachsenen Kinder  miteinander aßen.  Hiob selbst wird von einer Krankheit befallen, die seinen Körper über und über mit Geschwüren bedeckt.
Innerhalb von Stunden ist aus dem glücklichen, mächtigen Hiob ein gebrochener Mann geworden, der in der Asche sitzt und seine Wunden schabt. Hiob trauert gottergeben.  Es kommt kein böses Wort gegen Gott über seine Lippen. Freunde kommen und begleiten ihn in seinem Schmerz. Sie reden auf ihn ein, er habe etwas falsch gemacht, dass Gott ihn straft.  Er aber ist sich keiner Schuld bewusst außer der einen: dass er ein Mensch ist. Erschöpft von Weinen und Klagen wünscht er sich, dass er nie geboren worden wäre und, dass Gott doch bald seinem Leiden ein Ende macht.

Hiob sagt zu Gott: (Hiob 14, 1-6)

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 

Hiob ist völlig am Ende, erschöpft.

Sein Leben ist wie eine harte, ungerechte Prüfung für ihn, denn er hatte immer alles richtig gemacht. Er hatte nach der alten Weisheit gehandelt: „Handle recht, so geht es Dir gut.“ Aber diese Weisheit hatte sich nun als falsch erwiesen. Denn obwohl er gerecht gelebt hatte, geht es ihm nun so schlecht, dass er am liebsten sterben würde. Aber warum dieses Leiden? Der einzige Grund, der ihm einfällt, ist der, dass er ein Mensch ist. Darum ist er unrein, denn er stammt von Menschen ab, die Fehler gemacht haben. Somit kann er nie ganz rein sein, er kann Gott nie ganz genügen. Es ist eine geerbte Schuld, die Sünde aller Menschen, die vor ihm waren. „Erbsünde“ wird ein Kirchenmann sie später nennen, die Schuld, die uns Menschen und Gott trennt. Hiob sieht nur, dass es ungerecht ist, dass Gott ihn vor Gericht zieht, jetzt schon, mitten im Leben, nicht erst am Ende. Nie könnte er vor Gott bestehen als Mensch. Gott ist ganz anders. Was hat er mit einem Menschen wie ihm zu tun? Diese Dauerprüfung überfordert ihn. Und sie stellt sein Vertrauen zu Gott auf eine harte Probe.

Hiob findet seinen altvertrauten Gott nicht mehr. Den, zu dem er in guten Zeiten betete. Der Gott, den er jetzt sehen kann, ist grausam, hart. Er lässt das Unsägliche über Hiob kommen. Dennoch redet Hiob weiter mit ihm. Er hat seine Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass es den vertrauten, den liebenden Gott noch gibt. Er bittet diesen harten Gott, dass der wegguckt, damit er, Hiob, Ruhe hat. Erst, wenn er stirbt, will er sich vor Gott verantworten müssen. Und es klingt die leise Hoffnung an, dass Gott ihn dann doch zu sich holt und ihn tröstet, so, wie Hiob es immer gehofft hat.

Denke ich an Hiob und an die Menschen im Ersten Weltkrieg mit all ihrem Leid, dann fällt mir das Gesicht der Bildhauerin Käthe Kollwitz ein, wie sie selbst sich 1916 gesehen hat. Zwei Jahre nach dem Kriegstod ihres jüngsten Sohnes Peter zeichnet sie ihr Gesicht mit schwarzer Kreide auf grauem Papier. Es zeigt ihre geschwollenen Lider, die resignierten, kraftlos wirkenden Mundwinkel, ihr Blick ist nach innen gekehrt. So sieht eine Frau aus, die nächtelang geweint hat und nun leer ist, zu schwach, um zu weinen. In Ihr Tagebuch schreibt sie: „Schmerz und Sehnsucht fressen die Kraft, ich brauche Kraft“ (a.a.O., S.71)1Käthe Kollwitz trauert um ihren achtzehnjährigen Sohn Peter, der sich, wiewohl noch nicht wehrpflichtig, selbst voller patriotischer Begeisterung für den Kriegsdienst gemeldet hatte, und in den Anfangswochen des Ersten Weltkrieges in Belgien als erster seines Regiments im Gefecht fiel. Er starb einen sinnlosen Tod. Er war einer von unzähligen jungen Männern, die ihren Eltern in den Ohren lagen, in den Krieg ziehen zu dürfen, voller Freude, ihrem Vaterland einen Dienst zu erweisen, voll Ungeduld, für Deutschland zu kämpfen und zu siegen. Die Frau auf der Zeichnung sieht nicht stolz aus und auch nicht so, als denke sie an den möglichen Sieg für Deutschland. Sie ist weich und verletzlich. Sie trauert um den sinnlosen Tod ihres Kindes und vieler seiner Freunde. Wenn ich sie so sehe, frage ich mich:

Wo ist Gott in dem vielen Leid, das der Erste Weltkrieg und all die Kriege, die seitdem sich ereignet haben, in nie gekanntem Ausmaß über Menschen gebracht haben? Es ist die uralte, doch nie zu lösende Frage: “Wo ist Gott, wenn er allmächtig und doch barmherzig ist?“

In den Worten aus dem Hiobbuch finde ich die einzige Hoffnung darin, dass Hiob diesen Gott nicht aufgibt. Er redet mit ihm, selbst wenn er den freundlichen Gott von früher nicht mehr erkennt. Es bleibt die Hoffnung, dass Gott, der sich so grausam zeigt, ihm nach dem Tod, dann wenn sein Tag gekommen ist, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut, wie er sagt, dass Gott es ihm dann irgendwie erträglich machen wird.
Später in der Bibel antwortet Gott selbst Hiob und zeigt sich als der allmächtige Schöpfergott, der tun kann, was er will und einem Menschen keine Erklärung schuldig ist. Er fragt Hiob: „wo warst du, als ich die Erde gründete?“ 2 Gott zeigt auch: Menschen irren, wenn sie meinen, er, Gott, hätte das alles getan, um Hiob zu strafen. Er tadelt Hiobs Freunde, die ihm aufschwatzen wollten, er habe sein Unglück verdient. Sie müssen ein Opfer darbringen und Hiob soll für sie beten. So kommt Hiob schließlich wieder mit sich und Gott ins Reine. Er hat die Prüfung bestanden und alles wird gut.

So gut wie in der Legende von Hiob geht die Weltgeschichte nicht aus, leider. Viele, viele Menschen haben das Leid, das ihnen von anderen Menschen sinnlos zugefügt wird, nicht überlebt. Viele leiden auch jetzt unbeschreiblich. Wir sind mitten drin im Leiden der Welt, im Leiden der Menschen an einander. Und es ist eine Aufgabe, darüber an Gott festzuhalten, auch wenn wir ihn nicht verstehen, wir müssen ihn suchen. Kann sein, dass es dauert und dass es unsere ganze Kraft fordert. Tränen und Schreien und die Frage, warum, sie finden ihren Weg zu Gott. Er leidet mit. Ich glaube daran, dass er jeder und jedem Menschen antwortet.

Martin Luther hat gesagt: Wir sehen nicht immer das freundliche Gesicht Gottes. Oft wendet Gott sein Gesicht ab und verbirgt sich vor uns. Dann denken wir, er ist grausam, er straft oder ist zornig mit uns. Das ist aber nicht alles. Gott hat uns in Jesus Christus gezeigt, dass er uns Menschen über alles liebt. Er leidet mit uns.

Käthe Kollwitz fand neuen Lebensmut  in dem Gedanken, dass ihre künstlerische Arbeit ihre ganz persönliche Aufgabe sei, die sie in dieser Welt zu erfüllen habe. Und sie arbeitete an einem Grabmal für ihren gefallenen Sohn Peter. Viele Jahre lang verwarf sie und entwarf sie es immer neu, bis es genau richtig war: sie schuf zwei steinerne  Figuren,  die trauern. Einen Vater, der seine Arme ringt im Schmerz um den gefallenen Sohn. Eine Mutter die in sich gekehrt nach innen schaut, gehüllt in ein weites Tuch. Der Mann trägt die Züge ihres Ehemanns Karl, die Frau ihre eigenen, die der trauernden Käthe Kollwitz. Aufgestellt wurden sie zu Füßen des Grabs ihres Sohnes Peter in Flandern. Als die deutsche Biografin der Bildhauerin viele Jahre später eine Bewohner dieses Ortes in gebrochenem Französisch nach dem Grabmal fragt, und Sorge hat, dass sie als Deutsche möglicherweise  noch zu den ehemaligen Kriegsfeinden gezählt werde, weiß diese genau, was sie meint. Die Biografin erzählt: „Die Frau krümmt den Rücken, schlägt die Arme ineinander, beugt den Kopf in Trauer.“3 Sofort steht das Grabmal den Umstehenden vor Augen. Ach ja, die Mutter, der Vater.  Krieg sei nicht gut, sagt ihr ein Mann in gebrochenem Deutsch, dann müssten die Eltern weinen – wie diese dort. Er zeigt auf die Figuren. Das Bildnis der tiefsten Trauer der Künstlerin war zum Symbol für das Leid aller Hinterbliebenen und für ihren stillen Protest geworden. Im Leiden sind wir universal – wollte Gott, wir würden es auch im Frieden.

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis nach Peters Kriegstod, 1916 (privat)

© Lippische Landesbibliothek Detmold

 

 

1 I Ilse Kleberger, Käthe Kollwitz. Eine Biographie. Leipzig1998 , S. 71

Bild im Internet zu finden unter dem Titel: Käthe Kollwitz, Selbstbildnis 2016, Postkarte. Signatur: SW 652a http://www.llb-detmold.de/wir-ueber-uns/aus -unserer-arbeit/ausstellungen/2018-1.html  Das Bild darf lt. Auskunft der Landesbibliothek in der dortigen Auflösung frei verwendet werden.

2 I Hiob 38,4

3 I A.a.O., 7f