So viel Weihnachten wie jetzt ist nur ganz selten - Predigt zu 1. Johannes 5,11-13 von Henning Kiene

So viel Weihnachten wie jetzt ist nur ganz selten - Predigt zu 1. Johannes 5,11-13 von Henning Kiene

So viel Weihnachten wie jetzt ist nur ganz selten

Liebe Gemeinde,

für Arbeitnehmer lag dieses Weihnachtsfest wirklich günstig. Heiligabend war am Donnerstag, Silvester auch. Die Feiertage fielen auf den Freitag und Sonnabend. Mit wenigen restlichen Urlaubstagen konnten sich viele von uns ein Maximum an Urlaub sichern. Mit anderen Worten: „So viel Weihnachten wie jetzt ist nur ganz selten.“ Der Kalender 2015/2016 macht es möglich.

Ich hoffe, dass wir jeden dieser freien Tage auch wirklich gründlich erleben konnten. Weihnachten, das ist auch: Familie und Freundschaften pflegen, das eigene Leben bedenken, diese Freiheit empfinden, die nur arbeitsfreie Tage und vor allem unser Glaube uns eröffnet. Weihnachten mit allen Feiertagen, die wir seit Heiligabend begehen, mit allem, was wir erlebt haben, tut gut, weil es uns eine Ahnung von einem Mehr mitgibt. Und dieses Mehr ist menschlich, lässt Gott erkennbar werden und füllt das Leben in vielerlei Hinsicht aus. Es ist von Ewigkeit die Rede, aber alle Ewigkeit kommt in unserem Leben mit einer Krippe aus und mit dir und mir. Oftmals gleichen wir der Krippe, in die Gott sich durch den Glauben hineingibt. Es ist wie eine ungleiche Gleichung: Immer mehr von Gott kommt in unsere Welt als jede und jeder mit dem Glaube je fassen wird. Immer mehr Gnade als wir erbitten, mehr Kraft als wir zu hoffen wagten. Wenn vom Glauben die Rede ist, dann kommt oftmals dieser Überraschungsmoment zur Sprache, in dem man feststellen muss: Da ist ein Mehr, als ich je zu hoffen wagte.

II. Sorgen und nicht sorgen

In diese Reihe freier Tage hinein bildet sich eine Dimension ab, die sich vor die reine Freizeit der wenigen Urlaubstage, die man beantragen musste, schiebt. Sie zeigt deutlich: Es gibt nicht nur ein Heute, in dem ich lebe und arbeite, in dem jede und jeder immer etwas entscheiden und tun oder auch nur erdulden muss. Man könnte ja auf die Idee kommen, alles Entscheidende im Leben läge nur in der eigenen Hand. Man könnte denken, die Lösungen, besonders die Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Tage, wären in unserer und der politischen Verantwortung hoffentlich gut aufgehoben. Gerade nach den letzten Monaten, nach Paris, den Attentaten, in dieser sogenannten Flüchtlingskrise…., viele Menschen sprechen von ihren Sorgen, vermischen die Themen. Und wir wissen nicht erst seit der Wendezeit, dass das Beten für den Frieden genauso wichtig ist, wie das Verhandeln um den Frieden.

Das gibt es auch, Menschen, die sagen, die Herausforderungen, vor denen wir stehen, seien nicht zu lösen. Beispielsweise seien es zu viele Flüchtlinge, die zu uns kämen. Sie fragen: Wie soll es uns gelingen diese Menschen in unsere Dörfer und Städte zu integrieren. Die einen fragen vordergründig, sie wollen keine Antworten suchen. Andere verharren nicht bei ihren Fragen, sie sorgen dafür, dass die neuen Familien in den Dörfern und Städten aufgenommen werden. In meiner Umgebung kenne ich keinen Menschen, der nicht irgendwie ehrenamtlich etwas für Flüchtlinge tut. Das geht von dem Lehrer, der zwei Nachmittage Deutsch unterrichten will bis zur Redaktion von Chrismon, die Weihnachten auf Arabisch, Englisch und Deutsch erklärt, damit die Leute wissen, was wir gerade feiern.

Ein Kaufmann erzählt mir aus seinem kleinen Dorf. Die Kommune mietet in den leer stehenden Gebäuden Wohnungen an, sorgt dafür, dass hier vor allem Familien zuziehen. Man hätte ja die Kindergärten und die Schulen in den Dörfern ursprünglich für viel mehr Kinder ausgelegt als heute kämen, es sei nun genug Platz und die Infrastruktur sei doch vorhanden, diese neuen Familien aufzunehmen. Und dann ist da auch Erschöpfung mit zu hören. Dass wir das alles wirklich gut schaffen, dass tatsächlich eine Integration dieser neu zu uns kommenden Menschen gelingen wird, das ist nicht garantiert. Die Voraussetzungen lassen sich vorbereiten, der Wille zum Gelingen schafft das richtige Klima. Wir würden uns selber überfordern, wollten wir mehr beitragen als das Gelingen zu ermöglichen. Mehr als wir mit unserer Kraft schaffen können, sollten wir nicht versuchen.

III. Gott hat das ewige Leben gegeben

Heute sehen wir auf diese vielen Festtage schon zurück. Frei waren sie und mit dem Weihnachtsfest angefüllt. Hoffentlich sagen wir alle „so viel Weihnachten, wie bei diesem Fest, ist selten gewesen!“, denken an diese lange Pause zwischen den Jahren, an unsere Familien, die Geschwister, Kinder und auch an die Menschen, die nicht mehr mit uns feiern konnten. Da schiebt sich mit dem Gedanken an dieses Fest die Erfahrung mit einer anderen Dimension in den Vordergrund. Es ist etwas, das vor und in und durch all das Machbare hindurch wirkt. Als würde alles durch eine Kraft getragen, die die Bibel „ewiges Leben“ nennt, die aber den Namen Jesus Christus trägt.

Die Krippe, in die man ihn legte, ist der Ort, an dem all das, was uns bewegt, mit einer anderen Kraft in Verbindung kommt. Es ist, als würde eine Tür zu dem geöffnet werden, von dem der 1. Johannesbrief sagt: „das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn“. Die Krippe und mit ihr Jesu Leben macht unsere Welt, macht mein und dein Leben zum Schauplatz Gottes. Seine Liebe, seine Gnade, seine Zukunftsansage führen nicht irgendwo in eine namenlose Ferne, sondern spielen in unserem jeweiligen Heute.

Diese Botschaft ist ebenso komplex, wie sie einfach ist: Das Zeugnis Gottes ist immer größer als das eigene Leben, das dieses Zeugnis aufnimmt. Es gibt immer ein Mehr an Gott, Ewigkeit und christlicher Botschaft, als ich je in meinem Glauben fassen werde. Oder: Das ewige Leben, von dem die Bibel spricht, hat eine innige Verbindung zum Heute und ist doch so viel reicher, dass ich vieles empfangen, aber niemals alles begreifen werde. Oder im weihnachtlichen Bild gesagt: Mein Glaube ist wie die Krippe von Bethlehem, mein Glaube wird, wie das ganze Leben mit Jesus Christus erfüllt, ohne Jesus Christus je ganz fassen zu können.

„So viel Weihnachten ist selten“, sagen die, die die arbeitnehmerfreundlich gelegenen Festtage durchzählen. Aber ist dann doch mehr als nur die freien Tage: Weihnachten sagt: Dein Leben ist nicht ein dauerndes Lösen der eigenen Problemen, ein Helfen-Wollen und Helfen-Können, es ist auch nicht nur ein ständiges, sich um die Zukunft Sorgen-Machen, oder gar ein sich Ängstigen, ein Erdulden möglicher Missstände und manchmal auch der Schmerzen, an denen einige von uns möglicherweise beständig leiden. Das ist alles sehr wichtig und oftmals beherrschend, aber es spielt alles nur auf einer einzigen Ebene, dem Heute, meinem eigenen Leben. Dafür muss man keine Feiertage ansetzen oder kostbare Urlaubstage beantragen.

IV. Mehr als Heute

Leben ist mehr als nur ein reines Heute. Es ist wie mit dem neuen Kalender, den kann man füllen. Aber jede und jeder weiß zugleich, der Terminkalender bildet, auch wenn er noch so voll ist, nur die eine sehr dünne Schicht meines Lebens ab. Es ist tiefer und vielschichtiger, als ich es ahne.

Wer sagt: So viel Weihnachten, wie zwischen den Jahren 2015 und 2016 ist selten, kann das am besten sagen, wenn diese Dimension, von der der 1. Johannesbrief spricht, im Blick ist. Da ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben sich in seinem Sohn, sich in das Leben hinein entfaltet ohne sich in diesem Leben dann auch noch zu erschöpfen. Die Krippe dient als Ort der Selbstbesinnung und Lebensorientierung und an ihr wird deutlich, wer und wie jede und jeder von uns wirklich ist. Möge Gott uns erfüllen.

Es ist heute, am 2. Sonntag nach Weihnachten so, ein Datum, das anzeigt, wir haben die Fülle des Festes tatsächlich durchmessen. Heute sind wir trotzdem noch immer dabei. Wir hören noch einmal Texte und singen Lieder, die in die Mitte der Geschichte lenken: Die weihnachtliche Kirche führt noch einmal in dieses Fest hinein, damit wir diesen Tag auch nutzen. Es gibt noch etwas zu sagen, zu bedenken, nutzen wir den Sonntag dazu, bevor es Schritt um Schritt in den Alltag zurückgeht. 

Und: Mit Blick auf dieses neue Jahr haben einige schon festgestellt: Das Schaltjahr schiebt den Heiligabend und Silvester auf einen Sonnabend. Die Festtage fallen mit den Wochenenden zusammen. Ein Schelm, wer sagen wollte: So wenig Weihnachten, wie wir es in diesem Jahr zu erwarten haben, ist selten. Das zu sagen, würde den Dimensionen von Weihnachten wenig gerecht. „Das Ihr das ewige Leben habt“, sagt der Johannesbrief: Dazu braucht es immer auch diese tiefere Dimension, diese Momente, für die wir keine Urlaubsanträge schreiben müssen, die sind, wenn der Glaube auf den Alltag trifft, wenn wir etwas tun und entscheiden müssen, dann ist immer etwas von diesem Glauben dabei.