Du bist geliebt. Predigt über Mt 3, 13-17 von Johanna Graeff
Liebe Gemeinde,
Weihnachten ist rum,
innerlich jedenfalls.
Gestern zur Christbaum-Sammelaktion ist der Baum auf die Straße geräumt worden,
die letzten Nadeln sind aufgesaugt,
die Dekorationen wieder fein säuberlich in ihren Kisten,
die Weihnachtsplätzchen aufgegessen.
In Gedanken sind wir vielleicht noch gar nicht so weit:
dass das Fest der Liebe für diese Saison vorbei ist.
Das dürfte ruhig noch länger andauern,
aber die Tagesordnung setzt doch wieder ein.
Vorbei.
Da hören wir heute eine Stimme, die sagt: „Ich hab dich lieb.“
Vielleicht klingt sie wie von fern, diese Stimme.
Vielleicht werden Erinnerungen wach.
Ich hab dich lieb.
Eltern sagen das ihren Neugeborenen, ganz leise.
Ohne Bedingungen. Das Kind hat nichts dazu getan, es ist einfach da, und es ist geliebt.
Maria und Josef werden es dem kleinen Jungen gesagt haben, der da in ihren Armen lag.
Ich hab dich lieb.
Und davor haben ihre Eltern es zu ihnen gesagt.
Ich habe es meinen Kindern gesagt.
Sie haben es Ihren Kindern gesagt.
Und ich hoffe, jemand hat es zu ihnen gesagt – einfach so. Ohne Bedingungen.
Du bist geliebt. Ich hab dich lieb.
Für mich: der zentrale Satz im heutigen Predigttext!
Wir hören aus dem Evangelium nach Matthäus, im 3. Kapitel:
(Übersetzung BasisBibel, außer Vers 15 statt „das müssen wir jetzt tun“ „lass es zu“)
13 Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen.
14 Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten. Er sagte: Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden! Und du kommst zu mir?
15 Jesus antwortete: Lass es zu. So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert. Da gab Johannes nach.
16 Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm. Er sah den Geist Gottes, der wie eine Taube auf ihn herabkam.
17 Da erklang eine Stimme aus dem Himmel: Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.
„Du bist geliebt! Ich hab dich lieb!“
Ob Johannes der Täufer das gepredigt hat?
Eher nein.
Der hat dem „Otterngezücht“ mit dem Zorn Gottes gedroht,
hat Buße gefordert
und ein Leben nach Gottes Regeln.
Taufe durch Johannes, das war:
Bekenntnis der eigenen Schuld und Neustart mit Gott.
Im Unterschied zum gottfernen, ungerechten Leben vorher.
Hunderte, Tausende Menschen hören das:
Ihr lebt falsch! Erkennt eure Fehler und ändert euer Leben! Lebt so, wie Gott es will!
Und zum Zeichen, dass ihr es ernst meint: lasst euch taufen!
Und sie handeln danach
und wollen es wirklich besser machen,
haben den festen Vorsatz: Ja, ich will es jetzt wirklich richtig machen.
Das muss ich doch schaffen können.
Und dann kommt Jesus.
Stellt sich in die Schlange mit all den anderen.
Will sich von Johannes taufen lassen.
Jesus?
Warum?
Der passt nicht in Johannes‘ Bild von Schuld und Neubeginn, von Recht und Gerechtigkeit. Johannes weiß: Jesus kommt direkt von Gott.
Ausgerechnet DER muss doch nicht neu mit Gott starten!
Jesus muss Johannes erst überzeugen:
Lass es zu,
auch wenn es dir vielleicht unsinnig erscheint, dass du mich taufst.
Es soll so sein, damit Gottes Gerechtigkeit erfüllt wird.
Johannes staunt. Und ärgert sich ein bisschen.
Was denkt der denn, was ich gerade mache?
Ich predige doch die Buße und ich spende die Taufe -
DAMIT Gottes Gerechtigkeit wieder aufgerichtet wird!
Denn wer das ernst meint mit der Taufe,
der wird sich danach an Gottes Regeln halten.
Und dann ist doch alles gut.
Aber na gut, denkt Johannes. Dann mach ich das eben.
Und dann?
Dann öffnet sich der Himmel und alle, die da sind, hören:
„Das ist mein Sohn. Den habe ich lieb.“
„Ich hab dich lieb!“
Wenn ich heute Menschen taufe, Kinder oder Erwachsene, wenn ich im Kindergarten oder in der Schule oder in der Vorbereitung zum Tauffest erzähle, warum wir in der Kirche Taufe feiern:
Dann erzähle ich immer diese Geschichte mit.
Und ganz besonders diesen einen Satz:
Du bist mein Kind. Ich habe dich lieb.
Und wenn ich in Röthenbach in der Kirche Taufe feiern darf,
dann erzählt auch ein Bild von der Taufe Jesu mit:
Jesus steht im Fluss.
Johannes der Täufer ist da.
Der Stifter des Bildes ist mit abgebildet,
auch der offene Himmel mit Gott und das Wort, das alle hören:
Ich hab dich lieb!
Und das alles eingebettet in einer mittelfränkischen Landschaft.
Ich finde dieses Bild genial:
Wir in Mittelfranken sind da einfach drin.
Hören genau so wie Jesus: „Ich hab dich lieb!“
Ich hab dich lieb, wie Eltern ihr Neugeborenes.
Ich hab dich lieb, ohne das du etwas dafür tust.
Ich hab dich lieb, und damit ist meine Gerechtigkeit erfüllt.
Das sagt Gott.
Wie hört sich das an für sie? Passt so?
Gerecht?
Gott hat mich lieb, und alles ist gut?
Manchmal regt sich da Widerstand in uns.
Wie kann Gott denn uns alle lieb haben?
Manchmal kann ich mich selbst nicht leiden:
Weil ich etwas nicht schaffe, was ich doch können sollte oder weil ich Fehler gemacht habe. Das tut mir ja auch leid, aber ich kann es vielleicht gar nicht mehr gut machen. Und manche Menschen sind so furchtbar…
Das passt doch alles nicht zusammen.
Das ist doch ungerecht und unfair, wenn Gott ALLE lieb hat!
Ja … für uns ist das ganz schwer, das zusammen zu bringen.
Viele von uns haben gelernt:
„Ich hab dich lieb, wenn du auch lieb bist“
Im Umkehrschluss:
Wenn jemand sich nicht liebenswert benimmt dann muss man ihn auch nicht lieben?
Gott reagiert anders.
Er sagt:
Ich hab dich lieb ohne dass du etwas dafür tust.
Du musst nicht dafür arbeiten –
und schon gar nicht länger und härter als Andere.
Du darfst schlechte Laune haben und dich ärgern.
Du darfst Fehler machen.
Und wer hört:
„Du bist mein Kind, und ich hab dich lieb“
und wer spürt:
„Ich bekomme, was ich brauche“
kann selbst lieben und Anderen geben, was sie brauchen.
DAS will Jesus verkünden und leben.
Alle sollen wissen:
Wir sind Gottes Kinder.
Wir sind von Gott geliebt.
Ohne dass wir Voraussetzungen dafür erfüllen müssen.
Und wenn wir geliebt sind,
dann können wir selbst auch lieben.
Und mit seiner Taufe, erzählen die Evangelisten, fängt Jesus an, das in aller Öffentlichkeit und immer wieder zu erzählen.
Bis heute üben wir die Taufe.
Auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Über all die Jahrhunderte gab es um sie viel Diskussion:
wie sie zu verstehen ist,
was das Wichtigste an ihr ist.
Für mich ist es dieses Wort: „Du bist geliebt - Ich hab dich lieb.“
Eben nicht:
Du musst alles richtig machen, damit ich dich liebe.
Nein, Gott sagt:
ich hab dich lieb, auch wenn du Blödsinn machst.
Und sogar noch dann, wenn du gar nicht mehr an die Liebe denkst,
im Alltag gefangen bist,
dich selbst nicht mehr liebst.
Ich hab dich lieb, und das wirst du irgendwann merken.
Und dann wirst du meine Liebe weitergeben
und leben so gut du kannst.
Wie?
Das sieht für jede:n von uns anders aus.
Vielleicht so:
Ich verzeihe Fehler – Anderen, und mir selbst auch.
Ich akzeptiere andere Lebensweisen, auch wenn sie mir fremd sind.
Ich urteile nicht.
Vielleicht hierzu eine Geschichte, die ich vor einigen Jahren erlebt habe.
Ich habe mit Konfirmand:innen eine Pension für wohnungslose Männer besucht. Die Sozialarbeiter haben uns über den Alltag berichtet: vom Trinken, von den Aggressionen, von Randale auf der Straße und Müll, der aus dem Fenster fliegt. Sie haben erzählt, wie oft sich die Nachbarn beschweren und dass sie das verstehen können, sie fänden es ja auch schöner, wenn das alles aufhört. Aber das geht eben nicht. Jedenfalls nicht ganz. Manche werden es nie lernen, aber sie brauchen eben trotzdem ein Dach über den Kopf und einen Menschen, der zu ihnen hält. Und darum gehen sie immer wieder zu den Nachbarn. Bitten im Namen der Bewohner um Entschuldigung. Erklären. Werben um Verständnis. Und machen Schaden wieder gut. Manchmal auch mit den Bewohnern zusammen. Und manchmal gelingt es, dass die Nachbarn sagen: Was passiert ist, war blöd. Aber jetzt verstehe ich mehr. Ich halte keinen Groll mehr gegen diesen Menschen persönlich und schon gar nicht gegen alle, die da wohnen.
Wenn das passiert, dann ist von Gottes Liebe wieder ein Stückchen mehr sichtbar geworden bei uns.
Taufe heißt:
„Du bist mein Kind, und ich hab dich lieb“
Mit Jesu Taufe fing das an und wir gehören dazu.
Wir sind Gottes Kinder.
Wir sind von Gott geliebt.
Ohne, dass wir Voraussetzungen dafür erfüllen müssen.
Und wenn wir geliebt sind, dann können wir selbst auch lieben.
Auch wenn das Fest der Liebe vorbei ist.
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Die Predigt wird an diesem Sonntag zwei mal gehalten: um 10 Uhr in einem Abendmahlsgottesdienst in einer historischen Dorfkirche, um 18 Uhr in einem abendlichen Abendmahlsgottesdienst. Der abendliche Gottesdienst ist Jan/Feb erstmalig aus der Kirche in den Gemeindesaal verlegt, die Situation ist neu für die Gemeinde. Die Besucher:innen sind überwiegend älter, einige Konfirmand:innen, mittelfränkisch-lutherisch volkskirchlich geprägt.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Meine eigene Taufpraxis, in der ich immer die Geschichte von Jesu Taufe erzähle. Jesus hört in seiner Taufe das Wort Gottes: „Das ist mein geliebtes Kind“. Das gilt in Folge für alle Menschen, die auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft werden. Und das kann man m.E. gar nicht oft genug wiederholen.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Gerechtigkeit Gottes und Gerechtigkeit nach heutigem Verständnis sind verschiedene Dingen
Johannes der Täufer und Jesus haben wirklich ganz unterschiedlichen Sachen gepredigt.
Nicht neu, aber wieder: Gottes Liebe gilt ohne Voraussetzungen und unsere Gerechtigkeitsvorstellungen passen da nicht unbedingt dazu.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die Entscheidung für ein Thema! Im ersten Entwurf habe ich versucht, „bedingungslose Liebe Gottes“ und „Gerechtigkeit Gottes“ aufzunehmen. Dadurch wurde die Gerechtigkeits-Thematik sehr stark, mit dem Focus auf unser heutiges Gerechtigkeitsverständnis. Eigentlich wollte ich aber wesentlich den Zuspruch „du bist geliebt“ betonen. Durch die Fragen und Hinweise der Bearbeiterin habe ich den roten Faden für mich gefunden.
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11.01.2026 - 1. Sonntag nach Epiphanias
die sind Gottes Kinder.
Röm 8, 14
Erwacht - Erweckt - Erwachsen - Predigt über Mt 25, 1-13 von Matthias Storck
Das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen hat Erinnerungsspuren hinterlassen. Die Öllampen aus der Geschichte leuchten mir in die Kindheit. In dem kleinen Dorf in der Mark Brandenburg waren die Gottesdienste am Ewigkeitssonntag gut besucht. Die Posaunen spielten vor und nach dem Gottesdienst Choräle auf dem Friedhof, der mit alten Grabsteinen und hohen Bäumen die kleine Kirche umgab. Am letzten Sonntag des Kirchenjahres war es unter dem meist trüben Himmel rund um die Kirche schwarz von Menschen, die in dunklen Mänteln an den geschmückten Gräbern standen und den Posaunen lauschten, ehe sie in die Kirche gingen. Der Gottesdienst begann nach dem Geläut der Sterbeglocke stets mit dem feierlichen Choral „Wachet auf ruft uns die Stimme“, in dem die Jungfrauen - wie im Gleichnis - mit festlichen Laternen dem Bräutigam entgegengehen. Nach dem Lied wurden die vielen Namen der Verstorbenen des zu Ende gehenden Kirchenjahres verlesen. Dann spielten die Posaunen, und beim Evangelium beschäftigte mich die Frage, warum für die vielen traurigen Menschen, die an so einem Tag in die Kirche gekommen waren, gerade dieses Evangelium vorgelesen wurde. Für meine kindlichen Ohren klang die Geschichte von den schläfrigen Jungfrauen, die spätabends auf einen Bräutigam warten müssen, der sich stundenlang verspätet und dann die Hälfte von ihnen abweist, wenig tröstlich.
Mich ließ der Gedanke nicht los, wie es mit den so schroff abgewiesenen fünf Jungfrauen draußen vor der Tür wohl weiter gegangen sein mochte. Ihnen musste der Ausgang der Geschichte wie ein schlechter Traum erscheinen.
Denn zu Anfang gleichen alle zehn ja noch einander: Zehnmal helle Vorfreude, zehnmal freundliche Geduld, zehn Lebenswege, die erwartungsvoll aufeinandertreffen. Alle sind wach und bereit, und tragen das Öl in den Lampen wie ein leises Versprechen. Erst das Warten bis in die tiefe Nacht zeigt, wer das Licht wirklich bewahren kann und wer, kaum merklich, im Schatten versinkt.
Im Gleichnis werden bei genauerem Lesen Schritte erkennbar, Bewegungen, die ebenso innere Schritte des Glaubens sein könnten: Von der Ahnung zur Begegnung, von der Begegnung zur Verantwortung. Ein Weg, der sich nicht aufdrängt, sondern still und untergründig führt:
Erwacht - erweckt - erwachsen.
I. Erwacht - zur Welt
Marcel Proust beschreibt in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ den Moment des Erwachens auf einzigartige Weise:
„Gewiss war ich jetzt wirklich erwacht. Mein Körper hatte sich ein letztes Mal umgedreht, und der gute Engel der Gewissheit hatte alles um mich her angehalten, mich in meinem Schlafzimmer unter meinen Laken verpackt und in der Dunkelheit meinen Kleiderschrank, meinen Schreibtisch, meinen Kamin, das Fenster zur Straße und die beiden Türen annähernd an ihren Platz gestellt.“
Diese Beschreibung lässt das Erwachen fast unheimlich wirken - als müsse sich die Welt erst wieder an sich selbst erinnern. Erwachen ist nie bloß ein Augenaufschlag, sondern die Heimkehr in die Wirklichkeit. Sie beginnt mit dem behutsamen Einsammeln der Dinge, bis alles wieder die vertraute Gestalt angenommen hat.
Dem Gleichnis geht dieser geheimnisvolle Anfang des Tages voraus: die Frauen sind erwacht, jede für sich, aber alle mit einer Ahnung, dass etwas Großes bevorsteht. Sie haben ihre Lampen geputzt und gefüllt und das Herz bereitet. Sie wissen, heute geht es nicht um den Alltag, sondern um eine besondere Begegnung. Dieses Erwachen ist vorerst nur ein Riss im Dunkel. Noch behütet vom „guten Engel der Gewissheit“. Sie wissen nur, was ihnen gesagt wurde, nicht aber, was es für sie bedeuten wird. Es ist eine zarte Klarheit ohne Richtung, die jeder große Tag hat, bevor er sich zeigt.
II. Erweckt – zur Freiheit der Kinder Gottes
Erweckt wird, wer angerührt wird – nicht durch Wissen, sondern durch das sanfte, kaum fassbare Wiedererkennen längst vertrauter Worte und Gewissheiten. Es ist der Moment, in dem etwas von außen geschieht und innen zugleich eine Tür aufspringt, die man längst vergessen oder fest verschlossen glaubte.
Ich erinnere mich an ein solches unvorbereitetes Gewecktwerden mitten im Wachsein. Ich war auf einen Bauernhof gerufen worden, um einen alten Mann „auszusegnen“, wie es damals in ländlichen Gemeinden noch üblich war. Das Sterbebett stand in der Mitte des Zimmers. Nachbarn, Freunde und Kinder hatten sich still versammelt. Der alte Bauer lag im schwarzen Sonntagsanzug auf dem Bett, als ob er schlief. In der Hand hielt er einen Strauß weißer Rosen. Viel Worte wurden nicht erwartet. Das Vaterunser, ein Liedvers, der vertraute, biblische Segen. Da öffnete sich noch einmal die Tür, und Kalli, der vierjährige Enkel, kam in die Stille gepurzelt. Er ging an das Bett, schaute lange auf den Großvater, dann hellte sich sein Gesicht auf. Er zeigte auf die Rosen und sagte leise aber klar: „Oh, eine Hochzeit.“
Alle schwiegen. Und alle hatten verstanden. Denn in diesen kindlichen Worten lag mehr lebendiger Trost als in vielen Predigten. Und in den Rosen leuchtete für einen Moment das ganze Hochzeitsgleichnis auf. Der kleine Kalli hatte gesehen, was viele Erwachsene längst vergessen haben: dass der Tod eine Schwelle ist, keine Grenze, und dass der Ruf Gottes manchmal wie ein helles Fest klingt. Gerade, wenn er uns im tiefsten Dunkel erreicht.
So wie im Gleichnis. Der Ruf des Bräutigams ergeht mitten in der Nacht. Nicht als Donner, kein Befehl – nur ein Ruf zurück in die Gewissheit. Geweckt werden alle, doch wach bleibt nur, wem der Ruf bis ins Innere dringt. Manche wollen weiter schlafen, als könnten sie sich der Wirklichkeit entziehen. Wo aber der Ruf ankommt, verwandelt sich alles: Das Warten bekommt eine Richtung, und die Nacht verliert etwas von ihrer Macht.
III. Erwachsen – zu sich selbst entlassen
Ein Mensch, der zu sich selbst erwacht ist, muss sich immer von neuem entscheiden. Nur so bleibt er wach. Seine Freiheit ist nicht länger ein Versprechen, sondern eine Forderung. Sie ist erwachsen geworden. Jean-Paul Sartre hat es mit schonungsloser Klarheit gesagt:
„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“
Dieses Wort klingt bedrohlich. Aber es birgt einen Zuspruch. Freiheit heißt: Ich bin gemeint. Ich bin selbst verantwortlich. Auch für mein Licht. Niemand kann das Öl eines anderen leihen und verbrauchen. Ich bin zu mir selbst entlassen. Ich kann glauben, hoffen, lieben. Jede Lampe brennt aus einer eigenen, einzigartigen Sehnsucht.
Das Gleichnis könnte so weiter gelesen werden: Erwachsen ist, wer die Verantwortung für sein Licht nicht verweigert. Wer nicht anderen die Schuld gibt, wenn es dunkel ist, sondern seine eigene kleine Flamme schützt, nährt und versorgt, auch wenn der Wind unberechenbar und die Nacht lang und feindlich erscheint. Manchmal hält der „gute Engel der Gewissheit“ so unerwartet wie barmherzig für einen Moment das Wüten der ganzen Welt an. Dann können wir aufatmen und neu beginnen. Die Freiheit muss immer von neuem heranwachsen zur Verantwortung – nicht aus Zwang, sondern aus Würde.
Die Tür zu dieser Freiheit ist immer offen, das lässt sich bei Franz Kafka lernen. Aber es bleibt die Lebensaufgabe jedes einzelnen Menschen, hindurchzugehen, selbst wenn sie aussieht wie eine vermauerte Wand.
Das Fest, zu dem der Bräutigam ruft, ist die Feier dieser Freiheit.
In der Zuversicht, dass das Warten nicht vergeblich war, dass das gelebte Leben aufgeht in einem höheren Sinn, dürfen wir ihm entgegengehen.
„Darum wachet, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde, heißt es deshalb am Schluss.
Bleibt wach – nicht aus Angst, sondern aus Hoffnung. Der Tag ist heute. Die Stunde ist jetzt. Jeden Augenblicklich kann der Ruf ergehen.
Und vielleicht, wenn wir dann wie Kalli die Rosen sehen, werden wir mit derselben stillen Gewissheit sagen können:
„Oh, eine Hochzeit!“
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Eine Gemeinde vor den Toren einer Großstadt in ländlicher Region in Ostwestfalen. Neben traditionellen Angeboten gibt es eine rege Jugend- und Konfirmandenarbeit. Die ehemalige Patronatskirche liegt zentral im alten Dorfkern. Die Gottesdienste sind in der Regel gut besucht. Es gibt vielfältige Kirchenmusik. Den Gottesdienst wird der Posaunenchor mitgestalten.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der „gute Engel der Gewissheit“ beim Aufwachen von Marcel Proust, aber auch der vierjährige Kalli am Sterbebett seines Großvaters (Teil II der Predigt
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Dass ich mir die Freiheit der Kinder Gottes und des Glaubens nicht ausleihen kann.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die Hoffnung, dass die Tür am Ende offen bleibt.
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Blaubeermuffins und Apfelkuchen - Predigt zu Mt 9,36-10,10 von Uwe Habenicht
(Predigttext wird im Zuge der Predigt gelesen.)
Wie viele von den Menschen, die in meiner Strasse wohnen, kenne ich eigentlich?
Diese Frage, liebe Gemeinde, stelle ich mir immer, wenn ich die Kolumne, "meine Straße“ in meiner Lieblingsstraßenzeitung lese. In dieser Kolumne schreiben Menschen über Ihre Straße und wie es sich dort lebt.
Wie viele Menschen aus meiner Straße kenne ich und welche Geschichten könnte ich von meiner Straße erzählen? Und welche Geschichte würde ich gerne von meiner Straße erzählen können?
Vielleicht so eine:
Sie sprach nicht viel. Einige wenige Sätze, das Notwendige eben, sagte sie schon. Und dennoch oder vielleicht gerade deswegen wurden sie von allen in der Strasse so gemocht. Auf die Worte kam es gar nicht an. Es war mehr ihr Blick und ihre Aufmerksamkeit. Sie sah, was den anderen entging. Sie sah, wenn jemand etwas Schweres auf dem Herzen mit sich herum trug. Sie sah, wenn eine junge Frau schwanger war, noch bevor der Bauch sich wölbte. Sie sah es einfach, weil sie genau hinsah. Sie blickte den Menschen ins Gesicht und ins Herz. Sie bemerkte das Schwere und Leichte, das die Nachbarn mit sich trugen. Und dann setzte sie sich in ihrer Küche an den Küchentisch und überlegte sich: Was kann ich der jungen Frau, dem alten Mann, dem Jugendlichen Gutes tun? Sie wälzte ihre Koch- und Backbücher, sie blätterte in ihrer Erinnerung und dann fand sie immer genau das Richtige: Apfelkuchen mit Zimt oder Speckkuchen oder einen Blaubeermuffin. Sie kochte und buk und dann stand sie plötzlich vor der Tür und klingelte. Ich hab dir etwas gebacken, sagte sie dann und alle wussten, dass sie wieder etwas bemerkt hatte. Die Nachbarn setzten sich mit ihr in die Küche oder auf den Balkon. Sie musste gar nicht viel sagen, setzte sich einfach und hörte zu. Hatte Zeit, die ganze Geschichte zu hören, Geduld sich das Gewirr der Gefühle anzusehen. Irgenwann stand sie einfach auf und sagte: Na, dann, alles Gute. Wer die Tür hinter ihr schloss, war erleichtert und wie verwandelt. Dass Blaubeermuffins heilende Kraft haben, daran glaubte man dann irgendwie schon, weil man es eben erfahren hatte. Als sie neu in die Straße gezogen war, fanden die Nachbarn sie merkwürdig, weil sie so schweigsam und nur mit ganz wenigen Dingen eingezogen war. Bei ihren ersten Besuchen blieben manche Türen zu. Und der Apfelkuchen stand mit einem Zettel vor der Tür. „Wollte nur kurz sehen, wie es dir geht“ – stand darauf. Aber schon nach wenigen Monaten öffneten sich die Türen und die Nachbarn erzählten einander von diesen wunderbaren Besuchen, die immer gerade zur rechten Zeit kamen. Wie macht sie das nur, fragte der alte mürrische Mann aus dem Erdgeschoss in Haus Nr. 5. Und die hübsche Frau aus Haus Nr. 15 sagte: Ich glaube, sie nimmt sich Zeit, uns zuzuschauen. Sie ist die einzige, die sich auf die Bank unter der Eiche vor dem Haus setzt und nichts tut außer zuzuschauen, was in der Straße geschieht. Als wäre sie nur für uns da …
Liebe Gemeinde,
würden Sie auch gern in so einer Straße leben, einer Straße, in der plötzlich jemand mit etwas Selbstgebackenem vor der Tür steht und Zeit für einen hat? Die Strasse, in der ich lebe, ist leider ganz anders. Einmal hat es Monate gedauert bis ich bemerkt habe, dass ein Nachbar seit Monaten nicht zu sehen ist, weil er im Krankenhaus liegt. Das hat mich erschreckt. Dass man so nah beieinander wohnen kann und es nicht auffällt, wenn jemand fehlt.
Sehen wir eigentlich , was um uns herum geschieht? Sehen wir die Menschen in unserem Quartier, in unserer Straße? Oder übersehen wir das Meiste, das uns umgibt, weil wir mit den Gedanken und vor allem mit den Augen anderswo sind – uns in die Ferne träumen oder uns zu Tode über Dinge informieren, die wir nicht brauchen, oder uns einfach nur ablenken lassen wollen?
Es gibt eine kurze Beschreibung von Jesus, die davon erzählt, wie er auf den Straßen und in den Dörfern und Orten Galiläas unterwegs war. Vielleicht fällt euch auch diese besondere Art und Weise auf, mit der Jesus auf die Menschen blickt, die ihn umgeben:
Ich lese aus Matthäus 9, 35 -38:
35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 36 Und als er das Volk sah, befiehl ihn Erbarmen; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
In nur drei Versen gelingt es Matthäus hier, das Besondere, das Außerordentliche, das diesen jüdischen Rabbi aus Nazareth ausmacht, zusammenzufügen. Wenn also jemand fragen würde, wer war dieser Jesus von Nazereth, dann könnte man diese drei Verse vorlesen und es wäre fast alles gesagt. Jesus zieht umher. Er wartet nicht darauf, dass die Menschen zu ihm kommen, er geht zu ihnen, sucht sie an den Orten auf, an denen sich ihr Leben abspielt: Auf den Straßen und Plätzen, an den Gemeinschaftsorten, wie der Synagoge, in der man zusammen kam und diskutierte und Alltagsfragen klärte. Jesus sitzt nicht irgendwo und wartet darauf, gefunden zu werden, sondern zieht umher. Er erzählt davon, wie sich das Leben verändert, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott auf uns zukommt. Reich Gottes nennt Jesus dieses Auf-Uns-Zu-Kommen Gottes, das jetzt schon den Alltag in ein neues Licht taucht. Und dann nimmt sich Jesus der Gekrümmten und Besessenen, der Blinden und Lahmen an. Kurz: all derer, die nicht klarkommen, die an den Rand geraten sind, die das Gleichgewicht verloren haben. Wir könnten auch sagen: Er nimmt sich unserer blinden Flecken, unserer Schwermut, unserer Hilflosigkeit, unserer Müdigkeit an. Und das Schönste an allem: Jesus sieht die Menschen, die ihm begegnen, und lässt sich von ihrem Schicksal bewegen. Wörtlich übersetzt könnte es heißen: Es überfällt ihn Erbarmen oder er fühlte mit ihnen mit, weil sie orientierungslos oder isoliert waren.
Jenny Odell, eine amerikanische junge Schriftstellerin, hat in einem eindrucksvollen Buch beschrieben, wie sie vor einigen Jahren begann, in einem Rosengarten, der in ihrer Straße liegt, Zeit zu verbringen und aufmerksam hinzuschauen, was alles um sie herum geschieht. Was geschieht, wenn wir nicht wie üblich versuchen, möglichst schnell und ungesehen in unsere Wohnungen und Häuser zu kommen, sondern an dem Ort, an dem wir leben, aufmerksam zu sein für die Menschen und Dinge um uns herum? Jenny Odell beschreibt, wie sie anfängt, die Menschen vor Ort kennen zu lernen und sich ihnen trotz aller Verschiedenheit verbunden fühlt. Für mich sind das die beiden wichtigsten Beschreibungen Jesu: Er ist aufmerksam für die Menschen um sich herum und das, was er sieht, löst Mitgefühl und Erbarmen aus.
Ich sehe dich. Und ich frage mich, was macht dich schwer? Was beschwingt dich?
Ich sehe dich. Und ich frage mich, was fehlt dir? Welche Freude können wir teilen?
Ich sehe dich. Und ich suche nach dem, was wir gemeinsam mit Freude tun könnten?
Oder brauchst du ein offenes Ohr? Ein aufmunterndes Wort? Ein kurzes Gespräch zwischendurch?
Einen Blaubeermuffin? Oder einen Apfelkuchen, den wir gemeinsam essen können?
Liebe Gemeinde,
der Evangelist Matthäus bleibt nicht bei der Beschreibung Jesu und der Art und Weise wie er unterwegs war, stehen. Matthäus ist nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch ein Filmregisseur, der mit harten Schnitten und Kameraschwenks arbeitet. Schnitt.
Auf einmal steht nämlich nicht mehr Jesus im Fokus, sondern wir. Hört bzw. seht selbst:
1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. 2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.
5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.
Und? Habt Ihr bemerkt, wie sich die Kamera auf euch gerichtet hat?
Die Namen der 12 Jünger könnten wir durch 12 Namen aus unserer Mitte ersetzen. Dann klingt es etwa so:
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. 2 Die Namen aber der zwölf sind diese: … (spontan werden 12 Menschen aus der Gemeinde mit Namen benannt: Hilde und Heinz, Klaus, Herr Meyer usw.)
Ich glaube, jetzt habt Ihr gespürt, wie es ist, wenn eine Filmkamera auf einen gerichtet ist. Damals waren es die Zwölf, die mit Jesus mitzogen und in seinem Namen taten, was er tat. Und heute seid Ihr es. Ihr Zwölf, die ich genannt habe, und natürlich wir anderen mit euch zusammen. Damals beschränkte Jesus den Wirkkreis derer, die ihm nachfolgten: geht nicht zu den Heiden, also geht nicht zu denen, die keine Juden sind, und auch nicht zu den Samaritern, sondern beschränkt Euch auf alle, die zu Israel gehören. Später dann nach seiner Auferstehung wird Jesus seine Jüngerinnen und Jünger in alle Welt schicken: Gehet hin zu allen Völkern…
Jetzt aber, ist es für diese universale Mission noch zu früh. Darum schickt Jesus seine Jünger nur zu den Angehörigen Israels. Vielleicht ist das heute manchmal eine unserer Schwachstellen, dass wir allzu schnell eine globale Perspektive einnehmen und dabei die vergessen, die direkt um uns herum leben. Darum gefällt es mir, unsere Namen für die Namen der Jünger einzusetzen und unseren Wirkungskreis bewusst auf unsere direkte Umgebung zu beschränken. Wie anders sähe es aus, wenn wir sehr konkret auf die Menschen schauen würde, die direkt mit uns und um uns herum leben. Längst umgibt uns die Welt in unserem direkten Umfeld. Von unseren Nachbarn, die aus so vielen verschiedenen Ländern und Regionen kommen, könnten wir hören, wie es dort ist und was es vielleicht heißt, von dort geflüchtet zu sein oder mit Verwandten, die dort immer noch leben, in Kontakt zu sein. Wenn ich beim Deutschunterricht mit anderen ins Gespräch komme und sie mir davon erzählen, dann kommt mir die große Welt sehr schnell durch das Gesicht meiner Gesprächspartnerin zu mir. Darum können wir gleich vor unserer Haustür mit unserer Aufmerksamkeit beginnen:
Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.
Das klingt, wenn man es so hört, unmöglich, oder? Wie. Sollten wir Kranke gesund machen, Tote aufwecken, oder Dämonen austreiben? Und dabei wissen wir doch, wie viele krank werden, weil sie einsam sind, wie viele sich wie tot fühlen, weil sie den Kontakt zu anderen verloren haben, wie viele wie Aussätzige gemieden werden, weil sie anders denken oder anders leben.
Ich glaube, dass wir als Gemeinschaft die Kraft und die Möglichkeiten haben, zu vollbringen, was Jesus uns aufgetragen hat. Vielleicht weniger spektakulär, weniger Aufsehen erregend, aber doch so, dass Menschen es spüren und wir etwas beitragen können zu Gesundung, zum Wohlbefinden und zum Wohlsein von anderen. Gerade erst haben wissenschaftliche Studien nachgewiesen, dass gerade alltägliche Kontakte, das Leben von Menschen deutlich verbessern. Und jetzt stellt euch vor, wie sehr Blaubeermuffins verbunden mit einem Besuch zum Wohlbefinden beitragen könnten.
Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen, verkündete Jesus damals. Gott kommt freundlich und warmherzig auf uns zu. Aus dieser Gewissheit können wir noch immer leben – und handeln. Im Großen und vor allem direkt vor unserer Haustür. Und wenn Ihr lieber Apfelkuchen backt statt Blaubeermuffins ist das ganz sicher auch mehr als in Ordnung…
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Der Sommer wird die Kirchenbänke lichten. Die im Juli in den Gottesdienst kommen, sind die Hochverbundenen. Sie zu würdigen und aufzuzeigen, welche Wirkung sie in ihrem Umfeld haben können, ist Ziel der Predigt.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Jenny Odell: Nichts tun
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Wie gelingt es uns, die Lebensgeschichten der Mitfeiernden in die biblischen Geschichten hineinzutragen und umgekehrt? Das ist die Frage, die sich in dieser Predigt mit dem Eintragen der Namen beantworten lässt. Wäre gespannt, ob es darauf Reaktionen nach der Predigt gab und wie es auch sonst gelingen könnte.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die Anfangsgeschichte hat durch das Coaching eine neue Rahmung bekommen, die der Geschichte und ihrem Charakter ganz sicher gut tut, weil der Abstand zum Alltagserleben so besser zur Geltung kommt.
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20.07.2025 - 5. Sonntag nach Trinitatis
Von einer Himmelskirche auf Erden - Predigt zu Mt 16,13-19 von Romina Englert
(1) Zukunftsfragen überall
Liebe Schwestern und Brüder,
wie sieht die Zukunft der Kirche aus? Diese Frage beschäftigt uns gerade auf allen Ebenen…
Viele sagen: Wir müssen das, was aktuell gut funktioniert, einfach so lange es geht festhalten. Denn in der Verlässlichkeit liegt die Zukunft. Andere dagegen meinen: Wenn alles nur wieder so werden würde wie früher, als die Kirche und ihre Werte noch was gezählt haben, dann hätte Kirche Zukunftsperspektive.
Und dann gibt's auch diejenigen, die davon überzeugt sind, die Zukunft der Kirche liegt in der Veränderung. Denn es wird ohnehin alles anders werden. Wenn es weniger Pfarrpersonen gibt, die Kirchenaustrittszahlen weitersteigen, aber gleichzeitig die Anzahl der kircheneigenen Gebäude sinkt... Da muss man jetzt schon alles anders denken und irgendwie neu machen, bevor einen die Realität einholt. Wieder Andere sagen: Die Frage nach der Zukunft der Kirche kannst du dir schenken, denn Kirche hat keine Zukunft mehr.
Was denken Sie? Wer hat recht? Keiner? Oder irgendwie auch alle?
(2) Auf diesem Fels will ich meine Gemeinde bauen
Werfen wir einen Blick in das Predigtwort für den heutigen Gottesdienst. Vielleicht zeigt er uns zu den Zukunftsfragen unserer Kirche neue Aspekte auf. Ich lese aus dem Matthäusevangelium im 16. Kapitel:
Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.
(3) Die Zukunft der Kirche baut auf Menschen wie Petrus auf
"Du bist der Fels, auf den ich meine Gemeinde bauen will.", sagt Jesus zu Petrus.
Und macht damit deutlich: Die Zukunft der Kirche hängt nicht an Strukturfragen, Gottesdienstzeiten oder Gebäuden. Die Zukunft der Kirche baut auf Menschen auf. Auf Menschen wie Petrus. Der im wahrsten Sinne der Wortes begeistert einfach so aus dem Herzen heraus den Leuten erzählt hat, was ihm an Jesus und Gott so fasziniert. Und das sogar noch auf jeder erdenklichen Sprache der Welt, so wird es uns in der Pfingstgeschichte berichtet.
Die Zukunft der Kirche baut auf Menschen wie Petrus auf, der oft aber auch vorschnell nach vorne prescht, weil er unbedingt alles richtig machen möchte. Immer wieder musste ihn Jesus einbremsen. Wie zum Beispiel als er einmal mit Jesus und zwei Anderen einen Ausflug ins Grüne gemacht hat (so wie wir heute). Da hatten sie ein Erlebnis, bei denen ihnen Mose und Elia erschienen ist. Das war für Petrus so besonders, dass er es für immer festhalten wollte. Er ließ sich von Jesus nur mit Mühe davon abhalten, mitten im Grünen für sie alle Hütten zu bauen, damit es einfach für immer so bleiben kann. Ja auch so ist Petrus.
Aber die Zukunft der Kirche baut auf Menschen wie Petrus auf. Auf den Petrus, dem dann und wann die Kraft auch mal ausging. Wie damals als er im Garten Gethsemane von Jesus gebeten wurde: „Bleib wach und bete mit mir!“ Immer wieder sind ihm vor Erschöpfung die Augen zugefallen und er ist eingeschlafen.
Gott baut die Zukunft der Kirche auf Menschen wie Petrus auf, die Stärken und Schwächen haben wie Du und ich, die sich begeistern lassen, vielleicht auch mal über das Ziel hinausschießen und denen manchmal vielleicht auch die Puste ausgeht. Und doch baut er auf uns seine Kirche auf, vor allem aber dann, wenn wir bei der entscheidenden Frage nicht zögern – wie Petrus.
(4) Die Zukunft der Kirche ist eine Glaubensfrage
"Was sagt denn ihr, wer ich sei?", fragt Jesus. Und Petrus antwortet: "Du bist der Christus, der lebendige Sohn Gottes!" Und mir kommt der Gedanke, dass das die erste und eigentliche Frage ist, die wir uns stellen sollten, wenn wir Kirche der Zukunft bauen wollen: "Was sagst du, wer Jesus für dich ist?" Die Kirche braucht für ihre Zukunft Menschen wie Petrus, die zu solchen Glaubensfragen auskunftsfähig sind. Wer ist Jesus für dich? Dazu Menschen etwas sagen zu können, mit ihnen über ihre Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen, das ist meiner Meinung nach die Grundlage – das Fundament, auf der wir mit Gott die Zukunft seiner Kirche aufbauen müssten – ganz im Sinne von dem, was Jesus Petrus sagt: "Was sagst du, wer Jesus für dich ist?"
(5) Mit Petrus und den Konfis Zukunftskirche bauen
Petrus hatte seine Antwort gefunden: "Du bist der Christus, der lebendige Sohn Gottes!" Dieses Herzensbekenntnis zu Jesus war es letztendlich dann, das ihn in den Augen von Jesus ausgezeichnet hat, der Fels zu werden, auf dem Kirche gebaut wurde. Deshalb sagt er zu ihm: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ Jesus gibt Petrus die Schlüssel dafür, dass in seiner Kirche ein Stück Himmel auf Erden erlebbar wird. Aber wie sehen diese Schlüssel aus, mit denen wir in Gottes Sinn „Himmelskirche“ der Zukunft hier auf Erden bauen können?
Wir haben dazu unsere aktuellen Konfis befragt. Sie haben ihre „Himmelskirche“ der Zukunft bauen dürfen. Dazu mussten sie, wie im echten Leben „Ressourcen“ sammeln. Allerdings waren die bei uns so was wie „Zeit“, „Glaube“, „Liebe“ oder „Kreativität“. Alles hat wie beim „Siedler von Catan“ – Spiel etwas gekostet und insofern musste man sich entscheiden, in was man investieren wollte. Das war ein großer Spaß und es war viel geboten:
Da lagen Spielplätze neben Friedhöfen. – Denn Kirche ist für Alle da!
Einige haben freiwillig auf die Option eines Jugendraums verzichtet. – Denn im Gemeindehaus sind wir doch auch willkommen!
Tatsächlich war so gut wie bei jeder Kirchengemeinde relativ in der Mitte eine Kirche – Denn dort finden Menschen Gott.
Aber nicht in jeder Kirchengemeinde gab es Hauptamtliche. Manchmal reichten die Ressourcen nicht, dann musste man überlegen: Brauchen wir eine Pfarrperson oder eine Sekretärin? Und wie ist es mit der Jugendreferentin und dem Hausmeister? Auf Nachfrage, weshalb auf das Eine oder das Andere verzichtet wurde, antworten die Jugendlichen: Schön, wäre es schon. Aber dann hätten wir auf was anderes verzichten müssen, was uns wichtiger ist. Deswegen muss in unserer Gemeinde eben jeder mit anpacken, dann schaffen wir das schon. – Denn Kirche lebt von Menschen.
In der Andacht am Nachmittag war dann die Schlussfrage: Und wie fühlt sich Gemeinde für Dich an? Diese letzte Runde war mein persönliches Highlight des Konfi-Tages. Denn egal wie unterschiedlich die „Himmelskirchen“ auf Erden am Vormittag gebaut wurden, hier bestand große Einigkeit: Gemeinde fühlt sich an wie Familie. Man ist sich nicht immer einig. Aber man kann dort sein, wie man ist. Und wenn es drauf ankommt, halten alle zusammen und helfen mit!
(6) Wir sind die Zukunft der Kirche
Liebe Mitbauende an der Zukunft der Kirche, was denken Sie? Wie sieht nun die Zukunft unserer Kirche aus? Ich denke, wir sind sie; wir alle zusammen – so wie wir hier sitzen. Wir sind die Zukunft der Kirche. Ob dann in jeder Gemeinde perspektivisch ein Hauptamtlicher arbeitet? Alle Gebäude erhalten werden können? Die Angebote alle immer direkt am Ort stattfinden werden?
Das wird von Gemeinde zu Gemeinde sicher kreativ und hoffentlich auch so engagiert gelöst werden, wie von unseren Konfis beim Spiel „Die Gemeinde von Catan“. Da wird ganz sicher auch vieles eine Frage der Abwägung.
Deswegen bin ich ehrlich: Ich weiß momentan nicht wirklich, wie die Kirche der Zukunft in den Strukturen konkret aussehen wird. Das macht Angst und ist anstrengend. Das wird uns alle zusammen noch viel Kraft kosten.
Aber! Und da bin ich mehr als sicher, wenn ich mich heute hier so umsehe. Unsere Kirche hat Zukunft – und zwar Dank uns allen eine gute, in der uns Gott immer wieder Schlüsselmomente schenkt, in denen sich Himmel und Erde berühren.
AMEN.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Wir feiern einen Gottesdienst im Grünen. Im Anschluss gibt es etwas zu Essen und zu Trinken. Es werden von Kindern Ehrenamtlicher bis hin zur Leitung des Seniorenkreises viele engagierte Menschen dabei sein. Es ist zu erwarten, dass vor allem Menschen den Weg in den Gottesdienst finden, denen die Zukunft von Kirche am Herzen liegt und für die solche Themen nicht neu sind. Außerdem werden die Konfis „ihre“ gebauten Gemeinden im Anschluss als Projekt vorstellen.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Den Gedanken, dass Jesus seine Kirche explizit auf Menschen aufbaut, finde ich inspirierend – gerade im Zuge der vielen Strukturdiskussionen. Sie hat meinen Bick auf diese Prozesse bereichert. Außerdem ging mir der erste Teil der Predigtwortes nahe. Zuerst bekannte Petrus seinen Glauben, bevor er zum Fels der Gemeinde wurde. Zukunftsfähig Kirche Bauen geht nur aus gelebten Glauben heraus!
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die Freude unserer Konfis daran, ihre Gemeinde zu bauen, wird mich weiterbegleiten. Genauso wie ihre guten Gedanken zu einzelnen strukturellen Aspekten.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Diese Predigt wurde leider nicht gecoacht. Insofern konnte keine abschließende Bearbeitung stattfinden.
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(3) Flucht nach vorne! Als Jesus nach Ägypten zog. Predigt von Dr. Fabian Vogt
Die Mitglieder der koptischen Kirche, also die Christinnen und Christen in Ägypten, lieben es zu feiern: Zum Beispiel, dass sie eine der ältesten Kirchen der Welt sind … dass sie vom Evangelisten Markus persönlich gegründet wurden … dass sie bis heute einen eigenen Papst haben … vor allem aber: Dass Jesus bei ihnen leibhaftig zu Besuch war. Was ja nicht viele Länder von sich sagen können. Ja, Jesus war in Ägypten. Seine einzige Fernreise. Und das wird in Ägypten groß gefeiert.
Tatsächlich sind die Feste im Zusammenhang mit den „Reisen der Heiligen Familie“ – die am Nil übrigens mit den Muslimen zusammen gefeiert werden – so prägend für dieses Land und diese Kirche, dass sie 2022 von der UNESCO in die "Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit" aufgenommen wurden: "Die Feste zu den Reisen der Heiligen Familie". Verrückt, oder?
Dabei wissen wir: Die Reise Jesu nach Ägypten war weder ein Wochenendtrip noch eine Pauschalreise zum Schnorcheln in Hurghada. Das war eine Flucht. Maria und Josef fliehen mit ihrem Kind nach Ägypten, weil Jesus in seiner Heimat der Tod droht. Hören wir uns dazu noch mal den Text der biblischen Erzählung an:
Als die Weisen aus dem Morgenland wieder gegangen waren, erschien Josef im Traum ein Engel, der ihm sagte: „Steh auf! Nimm das Kind und seine Mutter und flieh mit ihnen nach Ägypten. Bleib‘ dort, bis ich dir etwas anderes sage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“
Da stand Josef mitten in der Nacht auf und floh mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten. Dort blieb er, bis Herodes gestorben war. Weil sich das erfüllen sollte, was Gott durch seinen Propheten verheißen hatte: „Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen.“ (Mt 2, 13-15)
Das Erstaunliche ist: Diese drei Bibelverse enthalten alle Elemente, die nach Artikel 16a des Grundgesetzes nötig sind, damit ein Mensch Asyl erhält: „Asylberechtigt und politisch verfolgt ist eine Person, die im Fall der Rückkehr in ihr Herkunftsland einer schwerwiegenden Menschenrechtsverletzung ausgesetzt sein wird, ohne eine Fluchtalternative innerhalb ihres Herkunftslandes zu haben.“
Passt: Josef erfährt mitten in der Nacht, dass seinem Kind aus religiös-politischen Gründen die Ermordung droht, er bricht mit seiner Familie fluchtartig auf – und bleibt im Exil, bis die Gefahr in seinem Herkunftsland vorüber ist. Wobei klar ist: In Israel wäre Jesus vor den Soldaten des Königs Herodes nirgendwo sicher gewesen.
Interessant ist, wie diejenigen, die diese Geschichte später aufgeschrieben haben, sie deuten und in größere theologische Zusammenhänge einordnen. Ich zeige einfach mal drei Deutungsperspektiven, die uns helfen, tiefer in die Bedeutung dieser Ereignisse einzusteigen.
Die Flucht nach Ägypten ist ... eine Sternstunde der Geschichte
Klar. Ägypten ist ja nicht irgendein Land. Ägypten ist das Land des Exodus. Das Land, aus dem die Israeliten aus der Sklaverei geflohen sind. Sie erinnern sich: Mose zieht mit den versklavten Stämmen vom Nil durchs Rote Meer bis zum Sinai und später ins „Gelobte Land“, also nach Kanaan. Für jede Israelitin und jeden Israeliten ist Ägypten deshalb bis heute ein Symbol, ein Sinnbild für den Beginn eines Weges in die Freiheit. Das Beste, was dem Volk Israel je widerfahren ist: die Befreiung, die jedes Jahr im Pessach-Fest gefeiert wird. Das heißt: Jesus zieht genau den gleichen Weg später wieder. Mit ihm beginnt eine neue Freiheit. Deshalb gilt auch:
Die Flucht nach Ägypten ist ... eine Verheißung des Propheten
Wir haben das im Predigttext gehört: „Gott hat durch seinen Propheten verheißen: „Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen.“ Das ist ein Vers von Hosea, in dem es heißt: “Als Israel jung war, gewann ich es lieb, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ (Hos 11,1) Mit dem „Sohn Gottes“ ist also gar nicht Jesus gemeint, sondern das Volk Israel, dass für Gott wie ein Kind ist. Jetzt könnte man diese Übertragung auf Jesus eine kulturelle Aneignung nennen, für den Autor ist aber vor allem wichtig: Diese Reise ist kein Zufall, sie wurde vor Jahrhunderten angekündigt und zeigt, dass in Jesus die Geschichte Gottes mit seinem Volk weitergeht. Dann kommt:
Die Flucht nach Ägypten ist ... eine Heiligung des Geflüchteten
Das steht nicht direkt in den Versen unseres Textes, aber es gibt viele apokryphe Texte – Texte, die nicht in die Sammlung der biblischen Schriften aufgenommen wurden –, die davon erzählen. Nach dem „Pseudo-Matthäus-Evangelium“ hat Jesus in Ägypten schon als Kleinkind Wunder vollbracht, Drachen sind vor ihm niedergefallen und eine Dattelpalme hat sich vor Maria verneigt. Nach dem „Arabischen Kindheitsevangelium“ wankte nicht nur die Erde, als Jesus kam, es stürzten auch ägyptische Götterbilder ein. Und vieles mehr. Liest sich sehr unterhaltsam. Gemeint ist aber: Schon auf dieser Reise zeigt sich, dass Jesus Gottes Sohn ist und Heil bringt.
Stellen wir uns doch mal einen Moment vor, Jesus hätte heute gelebt. Auch dann hätte gegolten, was „united4rescue“, das Bündnis für zivile Seenotrettung, sagt: Es „ist ein Gebot christlicher Nächstenliebe, Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Elend fliehen, zu helfen und Menschenleben zu retten.“ Das ist es.
Und jetzt stellen wir uns vor, an der ägyptischen Grenze oder bei der Bootsfahrt entlang der Mittelmeerküste wäre das passiert, was heute vielen Geflüchteten passiert … und nach dem Willen vieler migrationsfeindlicher Parteien bald Standard sein soll: Jesus wäre an der Grenze abgewiesen worden. Die Soldaten von Herodes wären per Handy über den Flüchtling informiert worden – sie hätten den Säugling erwischt und exekutiert. Ja, das ist ein Gedankenspiel. Aber eines mit Folgen.
Wäre das passiert, dann hätte es womöglich nie ein Christentum gegeben. Diese historische Spekulation klingt vielleicht übertrieben, aber mit jeder und jedem Geflüchteten, die oder der zurück in den sicheren Tod geschickt wird, endet eine Geschichte, ein Leben, eine Zukunft. Und das gilt auch für diejenigen, die beim Versuch, über das Mittelmeer zu kommen, ertrinken. Es klingt immer so anonym, wenn es wieder heißt: „Es sind 120 Menschen ertrunken.“ Aber das ist keine anonyme Masse, das sind von Gott geliebte Individuen, und für sie – wie auch für uns – gilt genau das, was die Erzähler der Jesusgeschichte in dieser Flucht nach Ägypten gesehen haben: Auch wir sind eine Sternstunde der Geschichte, eine Verheißung des Propheten, eine Heilung des Geflüchteten. Was meine ich damit?
Wir können uns darüber echauffieren, dass der Autor die Fluchtgeschichte Jesu theologisch überhöht hat – wir können aber auch sagen: Darin stecken geistliche Kerngedanken, die das Wesen des christlichen Glaubens auf faszinierende Weise auf den Punkt bringen. Schauen wir uns das mal genauer an.
Jede und jeder ist ... eine Sternstunde der Geschichte
Im ersten Petrusbrief steht der schöne Satz: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht.“ (1. Petr 2,9) Nicht nur das Leben Jesu ist eine Sternstunde. Für Gott ist das Leben jeder und jedes einzelnen eine Sternstunde. Darum hören wir von ihm immer wieder: „Ich bin mit dir, weil du in meinen Augen unschätzbar und wertvoll bist.“ (Jes 43,4) Und wenn die Flucht Jesu mit dem Weg der Israeliten in die Freiheit in Verbindung gebracht wird, dann gilt für uns die Zusage: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1) Wir alle befinden uns auf dem Weg in die Freiheit und erleben den Exodus in unserem Alltag immer wieder neu. Hoffentlich!
Jede und jeder ist ... eine Verheißung des Propheten
Dem Autor der Fluchtgeschichte Jesu ist es ganz wichtig, darauf hinzuweisen, dass schon die Propheten diesen Weg vorhergesehen haben. Aber wenn die Prophezeiung ursprünglich dem Gottes Volk gilt, dann gilt sie doch für uns genauso. Und nicht nur das: Jesus sagt sehr deutlich: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, auf dass, worum ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe.“ (Jo 15,16) Sprich: Für uns alle gibt es eine Verheißung. Gott schreibt Geschichte mit jeder und jedem von uns. Und jede und jeder ist berufen, ein Leben zu führen, dass aus Unfreiheiten Freiheiten und aus Wüsten Gärten macht.
Jede und jeder ist ... eine Heiligung des Geflüchteten
Wir haben gesehen, wie wichtig es den apokryphen Evangelien ist, von den Wundertaten Jesu in Ägypten zu erzählen, also davon, dass die Anwesenheit Jesu heilsame Konsequenzen für die Menschen um ihn herum hat. Selbst als er noch ein kleines Kind ist. Die Botschaft dahinter lautet: Da, wo der Geist Gottes wirkt, passiert Heilung. Heilsames! Und auch das ist ein Gedanke, der durch Jesus später auf alle Menschen ausgeweitet wird. Wir alle sind eingeladen und aufgefordert, dieses heilbringende Tun fortzusetzen. Deshalb sagt Jesus ja: „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch.“ (Mt 10,8)
Wenn es aber stimmt, dass wir in der Fluchtgeschichte Jesu derart grundlegende Ideale des Glaubens finden – und zugleich deutlich wird, dass die erwähnten Verheißungen ausnahmslos jedem Menschen gelten, dann können wir gar nicht anders, als in jedem Geflüchteten einen Menschen zu sehen, auf dem Gottes Verheißung ruht. Oder aber, wie es der Bibeltext nahelegt: in jedem Menschen Jesus zu sehen. Und das heißt: in jedem Menschen Gott zu sehen. Wir sollten Gott nicht ertrinken lassen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
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Man muss der Sache nachgehen - Predigt zu Mt 2,1-12 von Henning Kiene
I. Der Sache muss man nachgehen
„Der Sache muss man nachgehen“, denkt er. Er sieht einen namenlosen Stern, extrem hell und bisher von niemandem beschrieben. Ach, hätten er oder diese Leute, Kolleginnen und Kollegen, diesen Stern doch schon erkundet, er könnte gemütlich im Morgenland bleiben, seinen Cappuccino trinken, in der Küche für alle kochen, in Ruhe würde er die Ergebnisse der Bundesliga studieren und – zum Spaß – das Horoskop in der Zeitung lesen. So hatte er den Januar immer begonnen, lässig in das neue Jahr hineingleiten, er hatte sich mit anderen Leuten getroffen, den Weihnachtsbaum angesehen und die Krippenfiguren Tag für Tag dichter an die Krippe herangeschoben. Überhaupt nicht vergessen, heute müssten die drei Könige am Stall ankommen.
Dass die Weisen aus dem Morgenland aufbrechen, bleibt bis heute bemerkenswert. Es wäre einfacher nicht aufzubrechen. Wie jetzt. Aber: Jetzt ist Wahlkampf, man muss sich in Bewegung setzen, die Demokratie vor Verdruss und Stillstand schützen. Der Sache, den Menschen nachgehen, auf den Marktplätzen, an den Haustüren, rund um die Küchentische braucht es weise Menschen, die der Sache auf den Grund gehen wollen.
Was die Weisen später wohl erzählen werden? Von den Menschen, denen sie begegnet sind, von Herodes, dem Hofstaat des Herrschers, von den Leuten auf dem Marktplatz, von diesem geheimnisvollen Haus in Bethlehem, Maria und Joseph. Sie folgen dem Stern und auf der Erde öffnet sich ihnen ein neuer Kosmos.
II. Sternenhimmel
Es gibt glasklare Winternächte, in denen kein Licht stört und der Himmel sich weit ausspannt, die Sterne rauben einem den Atem, glitzern, blinken unendlich fern und sind zum Greifen nah. Die Finger Gottes lassen sich ahnen, sie rücken am Himmel alles sorgfältig zu fast ewiger Ordnung zurecht. Denn Gott setzt die Lichter „an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis.“ (1. Mose 1,17) „Der Sache muss man nachgehen“, denkt der weise Mensch, lässt den Cappuccino stehen und die Zeitung liegen, geht vor die Tür, folgt dem Stern auf dessen fremder Bahn. Dass da andere auch aufbrechen? Es wundert ihn nicht. Weisheit sucht Gesellschaft. In so einer glasklaren Nacht beginnt das neue Jahr. Da ist ein Plan, die Weisen wollen ihn lesen, alle anderen möchten staunen, sagen und schwärmen: „Oh! Wie schön.“
Was die Weisen später wohl erzählen werden? Von dem Stern, dessen fernes Licht dem Kind in der Krippe gilt? In ihm sahen sie den ganzen Kosmos und erkannten hier die Spur eines Sinnes, den alles im Leben in sich trägt. Dass der Stern aus dem fernen Kosmos auf dieses Haus weist, Maria, Joseph, das Kind in der Krippe meint, werden sie immer wieder erzählen und sagen, dass das Ferne und das Unbekannte sich enthüllt, im Naheliegenden entfaltet. Man erforscht die Ewigkeit und landet bei Jesus und dessen Leben.
„Der Sache muss man nachgehen“, die Weisen aus dem Morgenland sind keine Couchpotatos, im Gegenteil, sie fragen sich über den Marktplatz zum Königspalast durch. Weil sie nicht sitzen bleiben, werden die Weisen berühmt, weil sie das Haupttor finden, an dem die Kamera der Sprechanlage sie anstarrt, der Türöffner summt, treten sie ein. Hände suchen sie ab nach Waffen, ein Hund schnüffelt herum. Hartnäckigkeit ist ein anderes Wort für die Weisheit.
König Herodes empfängt sie und in Herodes' königlichem Glanz wirken sie nun so, als wären auch sie selbst Könige. Weisheit verleiht einem Menschen königliche Würde.
III. Unter verhängtem Himmel
Jeder Schritt hallt hart durch die langen Palastfluren. Stiefel dröhnen, der Sand unter ihren Sandalen knirscht. Hohe Wände werfen das Echo hin und her. Höflinge eilen, Frauen mit wichtigen Minen, Männer tragen Tabletts mit Tee und Feigen. Er holt tief Luft, sieht nach oben, vor ihm der König, hoch auf einem Thron, er fragt leise: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen.“ Seine Kolleginnen und Kollegen nicken zur Unterstützung. Weisheit ist ein anderes Wort für Mut. Die Worte hallen, das Echo hängt in allen Ecken, die Minen des Königs versteinert, die Lippen presst er fahl zusammen. Er flüstert laut: „Geht der Sache bitte gründlich nach und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.“ Und die Wände wispern weiter: „Anbete, anbete, anbete“. Bevor das letzte Wort verklungen ist, führt man sie wieder durch lange Flure, Bürotüren klappen, eiliges Treiben von Schreibtisch zu Schreibtisch. Am Ausgang sagt einer der Männer: „Ihr habt ihn doch richtig verstanden, den König? Er will anbeten.“ Seine Stimme zischelt und dann fällt die Tür hinter ihnen ins Schloss, verriegelt sich selbst mit leisem Summen.
Was die Weisen später wohl erzählen werden? Von diesem Saal, den Frauen und Männern, von all den Menschen, deren Rücken krumm ist vom Dienen, deren Stimmen heiser geworden sind von all dem Flüstern. Ohne den Himmel vertrocknet die Weisheit, wird zur Zimmerlinde. Eigentlich haben sie Mitleid mit Herodes, aber dann doch nicht.
„Cringe“, sagt einer der weisen Menschen. Das ist der Kontrast: Er, die anderen weisen Frauen und Männer, gehen der Sache nach, wollen dem Ganzen auf den Grund gehen, nur der König macht es sich bequem, rührt in seinem Cappuccino, liest das erste Horoskop des Jahres. Sie forschen und er, der König, lässt forschen. Wie so häufig: Wer sitzen bleibt, sich an der Tageszeitung, seinen Posten, den alten Positionen, am Gestern festhält, verpasst den Stern, der ihm aufgeht. „Er will anbeten“, ahmen die Weisen die Stimme des Höflings nach, sie lachen, wispern wie das Echo: „Anbeten, anbeten, anbeten. Das könnte dem so passen!“ Sie sind Weise und für weise Menschen wird es zum Glücksfall, dem Stern folgen zu können. Der König sitzt in seinem Palast, die Weisen haben keinen Palast, nur den offenen Himmel: „Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her.“
IV. Ankunft
„Der Sache muss man nachgehen“, das beginnt heute, wenn Dreikönigstag ist und die Weisen aus dem Morgenland dem Stern folgen. Vielleicht sollte man häufiger unter dem Nachthimmel einer Sache nachgehen.
Diese Weisen sind Prototypen für den Januar 2025. In dieses Jahr kann man sich nicht gemütlich einschleichen. Das Jahr 2025 hat heftig begonnen. Es wäre bequemer, wenn man den Cappuccino gemütlich zu Ende trinken würde und die Krippenfiguren an der Krippe endlich zum letzten, vollkommenen Bild, zusammenstellt: Hirten, Könige, Schafe um Krippe, Maria und Joseph herum gruppiert, die sind nun endlich vereint und man kann sich freuen, dass die Kerzen leuchten. All diese vertraut schönen Tage ließen sich noch eine Weile festhalten. Stattdessen geht es los mit den Wahlen und alle Sorgen um Frieden und den Zusammenhalt brauchen Menschen, die ihrer Sache nachgehen.
Was die Weisen später wohl erzählen werden? Vom Hall der hohen Flure, dem Flüstern der Höflinge, von dieser Angst, die in diesem Palast wohnt und dem Zischeln der menschlichen Stimmen. Der Sache wollen sie nachgehen, nur der Palast war ein Irrweg. Sie landen im Wahlkampf auf dem Marktplatz, sehen all die Menschen, die für die Freiheit kämpfen, sie ahnen im Trubel auf der Straße ihr Ziel.
Der Stern hält seine Bahn. Sie erreichen das Haus, müssen – damit sie sich die Köpfe nicht stoßen – sich in der Tür bücken. Da sehen sie das Kindlein mit Maria, seiner Mutter. Kein Licht stört den klaren Blick, atemlos staunen sie über den Himmel, der auf der Erde aufreißt. „Dem muss man auf den Grund gehen“, sagt der Weise und weiß den Grund: Der Stern dreht den Himmel auf die Erde um. Das ist der Grund, aus dem man diesem Stern folgt, er weist auf den Himmel hin, der hier in einem Haus geboren ist. Weisheit führt in die Nähe.
„Man muss der Sache nachgehen“, als der heimkommt, legt er die Figuren der Krippe sorgsam in den Karton, der Cappuccino duftet nach dunklem Kaffee, er hat sie vor Augen, die ungezählten weisen Männer und Frauen, die mit ihm unterwegs sind, den König, der selbst Kinderkrankenhäuser beschießen lässt und dieses Haus in Bethlehem, diesen neu geborenen König, schutzlos der Zukunft ausgesetzt. Die Tür stand offen, hinter ihnen blieb sie einen Spalt weit offen und als er sich noch einmal umdrehte, sah er einen Streifen Licht, das den Abend zerschnitt, und konnte das Licht des Sternes von dem Lichtstreifen, der aus der Krippe fiel, nicht mehr unterscheiden.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Die Weihnachtsgemeinde trifft sich zum letzten Mal und erwartet die „andere“ Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäusevangelium. In einer vom Tourismus geprägten Region herrscht jetzt Aufbruchsstimmung. Letzter Ferien-/Urlaubstag und mit dem Gottesdienst auch der Start in den Alltag. Für die einheimische Gemeinde beginnen die Vorbereitungen auf den Alltag im Winter. Es sind Perspektiven gefragt für lange, dunkle Wochen.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der Gedanke, dass die Weisen eigentlich Abenteurer:innen sind und Weisheit ein Wagnis ist.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
In den letzten Tagen gab es unglaublich schöne Wintersternenhimmel. Dass man so tief in einen der Schöpfungstage hineinsehen kann, macht mir Respekt.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Leider hatte sich niemand als Coach:in gefunden. Das ist bedauerlich, weil genau das Coaching den Reiz der Mitarbeit ausmacht.