Der Friedhof der Lebenden – Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Barbara Eberhardt

Die Frauen kommen, um nach dem Grab zu sehen.
Im Winter einmal in der Woche. Und im Sommer manchmal jeden Tag.
Füllen die großen grünen Gießkannen mit Wasser und schleppen sie an den anderen Gräbern vorbei. Gießen Tagetes, Begonien und Phlox. Und auch die kleinen Buchsbäume brauchen ordentlich Wasser.
Sie zupfen das Unkraut weg und im Herbst die Blätter, die der Wind her weht.
Ich habe einmal eine von ihnen gefragt, warum sie das macht.
Irgendjemand muss es doch machen, war die Antwort.
Aber Sie könnten doch eine Gärtnerei beauftragen, habe ich gesagt.
Ach, dass schaffe ich schon noch, hieß es da. Fränkischer Pragmatismus.
Aber vielleicht steckt auch das dahinter: Wenn der geliebte Mensch gestorben ist, tut sich ein riesiges Loch auf.
Leer sind Bett, Küchenstuhl und Fernsehsessel, leer sind die Stunden und Tage. Die Trauer ist schwer wie ein Stein und niemand rollt ihn weg. Aber da draußen ist das Grab, es ist Gedenkort und Ziel, eine Aufgabe in sinnlos gewordener Zeit.

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. (Mt 23,1f)

Damit beginnt die Ostergeschichte.
Der Engel wälzt den Stein weg. Den Stein der Trauer. Den Trennstein zwischen Grab und Außenwelt, zwischen Tod und Leben.
Es ist ein schwerer Stein. Der Engel braucht viel Kraft, um ihn zu bewegen. Er muss mehrfach ansetzen. Pause machen. Durchschnaufen. Nochmal ran. Und dann gibt der Stein nach.
Frühlingsluft strömt in das Grab. Eine neugierige Hummel fliegt hinein. Stück für Stück bewegt sich der Stein. Und dann fällt er um.
Der Engel ist schweißgebadet. Er muss sich einen Moment ausruhen. Setzt sich auf den Stein. Setzt sich auf Trauer und Schwere und Grabeskühle. Und der Stein verwandelt sich, wird Sitzbank, Ruheplatz, Treffpunkt.
Der Friedhof der Toten wird zum Park der Lebenden.

Die Frauen kommen vorbei mit ihren grünen Gießkannen und man kommt ins Gespräch über den Verstorbenen. Die Leiden in den letzten Tagen. Sein Tod. Sein Leben. Seine Liebe und sein Humor. Dass es schwer ist ohne ihn.
Und die unausgesprochene Frage: Wo ist er jetzt?

Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. (Mt 23,5-7)

Jesus ist auferstanden. Er ist bei den Lebenden.
Und das ganze Steinwegwälzen hat der Engel nur zum Zeichen gemacht, extra für die Frauen, damit sie die Stätte sehen können, wo er gelegen hat.
Das Grab ist leer. Die Todesluft – sie ist nur kalter Hauch in der Felsenhöhle.
Der Lebende ist nicht bei den Toten.

Und sein Leben ist gewaltig. Es treibt ihn mit Macht aus dem Grab, wie die Blätter aus den Bäumen schießen in diesen Tagen.
Nichts kann ihn aufhalten. Kein Stein, keine Wachen. Pures Leben ist in ihm.
Er sieht die Hummel, die am Buchsbäumchen saugt und die Wolke, die wie eine Möwe aussieht.
Er hört die Amsel singen und wie der Mann im Nachbarhaus beim Rasieren vor sich hinsummt.
Er riecht die Narzissen und das Putensteak auf dem Grill nebenan.
Er spürt seine Schritte auf dem morgenkühlen Pflasterweg und die sonnenwarme Luft.
Es ist Leben in Fülle, Leben im Augenblick, Leben in Ewigkeit.
Und er geht voraus durch die Vororte,  über Felder und durch Wälder, durch Städte, Dörfer und Marktflecken. Jerusalem, Emmaus und Frauenaurach.
Er geht dorthin, wo er zuhause ist, wo man ihn kennt und wiedererkennt, zu den Fischern am See Genezareth, zu den Landwirten in Hüttendorf, geht in jedes Haus, das ihn aufnimmt, teilt Brot und Wein und Freud und Leid.

Auch Maria Magdalena und der anderen Maria begegnet Jesus. Denn sie waren ja eilends weggegangen vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen. (Mt 28,8-10)

Sie kommen immer noch auf den Friedhof.
Im Winter einmal in der Woche. Und im Sommer manchmal jeden Tag.
Füllen die großen grünen Gießkannen mit Wasser und schleppen sie an den Gräbern vorbei.
Sie suchen nicht den Toten. Sie suchen die Lebenden.
Haben Bekanntschaften geschlossen zwischen Buchsbäumchen und fleißigen Lieschen.
Leihen sich gegenseitig Rechen und Heckenscheren aus.
Reden über das Wetter und über die Gesundheit, sorgen sich, wenn eine ein paar Tage nicht kommt.
Und der Verstorbene lebt in ihren Herzen. In Bildern und Erinnerungen. Er ist ihnen vorausgegangen. Nach Hause. Zu Gott.
Und der Engel sitzt auf dem Grabstein und sagt: Ihr werdet ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.