Der Tag, an dem wir nur noch Brüder und Schwestern sind - Predigt zu Genesis 50,15-21 von Kathrin Oxen und Karl-Friedrich Ulrichs

Besonders groß ist das Haus nicht. Ein Ferienhaus, in unvergleichlicher Lage und mit herrlicher Aussicht. Der Schriftsteller Thomas Mann hat um 1930 auf der Kurischen Nehrung im alten Ostpreußen gebaut. Da, wo die Landschaft aus Dünen, Kieferwald, Wasser und unendlichem Himmel die Seele berührt, den Literaten inspiriert und mich als Urlauber birgt. Als ich das Haus erstmals besuchte, staunte ich über das vergleichsweise bescheidene Innere. Das liegt auch daran, dass hier für jedes der sechs Kinder der Familie Mann ein eigenes Zimmer vorgesehen war, selbst für die größeren, die wohl gar nicht mehr mit der ganzen Familie in Urlaub fahren wollten. Die sechs Kinderzimmer im Ferienhaus sprechen für sich. Sie sagen: Ihr seid alle gleich, ihr habt das gleiche Recht, niemand von euch muss sich zurückgesetzt oder benachteiligt fühlen. Bei den schwierigen Familienverhältnissen, bei dem belasteten Verhältnis der Kinder zum Vater kein Geringes.
Wer mehrere Kinder hat, weiß, wie wichtig diese Botschaft für Geschwister ist. Der Streit unter Brüdern, eine Geschichte, die auch Thomas Mann mitbrachte aus dem spannungsreichen Verhältnis zu seinem eigenen Bruder Heinrich. Das Gefühl, innerhalb der Familie weniger beachtet, weniger geliebt zu sein, ein Nährboden für Streit untereinander und mit den Eltern, ein Streit, der ein Leben lang weiter frisst und bitter wird, wenn die Eltern nicht mehr da sind.

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! (Gen 50,15-17a)

Die Brüder Josefs vor dem Thron, auf dem ihr Bruder sitzt. Jetzt ist er da, der Tag, an dem sie nur noch Brüder sind. Ihren Vater haben sie begraben und sie sind allein miteinander, sich selbst überlassen. Ein Tag, der einmal kommen musste und den sie gefürchtet haben. Jetzt, der Vater ist tot, ist niemand mehr da, der sie zusammenhält. Es ist niemand mehr da, der nachfragt, wo der Liebling, der Bruder, geblieben ist. Es gibt keine Mahnung mehr, kein Einspruch, keine Kritik an ihrem Tun und Lassen. Keiner, der einschreitet, ihren Streit schlichtet, sie schützt vor ihrem Zorn und ihrer Wut. Der Refrain der Kindheit, das immer und immer wiederholte „Nun streitet euch doch nicht!“ ist nur mehr ein Echo aus vergangenen Tagen.
Die Älteren und der Jüngste, der Liebling und die Zurückgesetzten, jetzt kommen sie zusammen und sie sind allein miteinander. Alles kann geschehen, wenn Brüder allein sind miteinander, so wie es damals geschehen ist zwischen den ersten beiden Brüdern auf dem ersten Feld, wie es immer noch geschieht auf den Feldern dieser Welt und am bittersten zwischen Brüdern.

Ein Tag, der immer schon da gewesen ist, weil er einmal kommen musste nach jenem Tag, als Josef vor ihnen stand im bunten Kleid und ihnen von seinen Träumen erzählte. Nach jenem Tag, an dem sie dann weggingen von dem Brunnen, in den sie ihn geworfen hatte. Als sie dann das Geld nahmen von den Händlern und auch, als sie das blutige Kleid und die Lüge dem Vater brachten. Sie taten an jenem Tag, was sie taten, und wussten dabei: Einmal wird der Tag kommen, an dem wir nur noch Brüder sind. Ein Wissen, das in die Nacht gehört, in den unruhigen Schlaf.
Noch einmal holen die Brüder jetzt den Vater zur Hilfe, auch das ein Muster unter Geschwistern, wenn es nicht anders gelingt, den Streit zu schlichten. „Vater hat aber gesagt, dass du…“, so hört sich das an, oder später vielleicht: „Es wäre doch im Sinne unserer Eltern, wenn…“. Wie Kinder verhalten sie sich, die Brüder, und sind doch längst erwachsene Männer. Nun knien sie vor Josefs Thron. Sein Traum von damals ist wahr geworden. Und ihr Alptraum auch. Würde und Macht, Wut und Ohnmacht. Hier treffen sie aufeinander, die Brüder, allein mit sich.

Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. (Gen 50,17b-18)

Josef weint. Die ganze Geschichte kommt noch einmal hoch. Sein Leben und das seiner Brüder. Ein Leben, in dem es viel mehr Trennung als Gemeinsamkeiten gegeben hat. Er hat sie nicht vergessen, die dunklen Tage im Brunnen, an dessen Rand seine Brüder standen, ohne Mitleid und ohne Liebe. Er erinnert sich aber auch an seinen Hochmut, seine bunten Träume, die sie nicht ertragen konnten. War das nun seine Schuld oder ihre?

„‘Aber Brüder, ihr alten Brüder!‘ antwortete er und beugte sich zu ihnen mit gebreiteten Armen. ‚Was sagt ihr da auf? Als ob ihr euch fürchtetet, ganz so redet ihr und wollt, dass ich euch vergebe! Bin ich denn wie Gott? Geht ihr mich um Vergebung an, so scheint’s, dass ihr die ganze Geschichte nicht recht verstanden habt, in der wir sind. Ich schelte euch nicht darum. Man kann sehr wohl in einer Geschichte sein, ohne sie zu verstehen. Vielleicht soll es so sein und es wäre sträflich, dass ich immer viel zu gut wusste, was da gespielt wurde…Unser Vater war auch im Spiel, dem Spiele Gottes. Unter seinem Schutz musste ich euch zum Bösen reizen in schreiender Unreife, und Gott hat’s freilich zum Guten gefügt, dass ich viel Volks ernährte und so noch etwas zur Reife kam.‘“ (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder)

So lässt Thomas Mann, der Vater gewesen ist von sechs Kindern, halb so viel wie in Josefs Geschwisterkreis, seinen Josef am Ende der Geschichte sprechen. Der Streit unter Brüdern, für Thomas Mann Material genug für einen vierbändigen Roman. Und in diesem Roman gelingt, was im Leben nicht immer gelingt: Josef bewältigt am Ende seine Lebensaufgabe. Er kann das Ganze sehen, die ganze Geschichte, die wir als Menschen und besonders als Brüder und Schwestern miteinander haben. Er erinnert sich, aber er verharrt nicht dabei, er kann vergeben, damit es Frieden geben kann unter den Geschwistern. Das ist eine Lebensaufgabe: in einer Lebensgeschichte zu sein mit der Familie, mit den Geschwistern – und diese Geschichte doch von außen, von oben zu sehen und zu verstehen.

Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (Gen 50,18-21)

„Wenn es um Verzeihung geht unter uns Menschen, so bin ich’s, der euch darum bitten muss, denn ihr musstet die Bösen spielen, damit alles so käme. Und nun soll ich Pharaos Macht, nur weil sie mein ist, brauchen um mich zu rächen an euch für drei Tage Brunnenzucht, und wieder böse zu machen, was Gott gut gemacht! Dass ich nicht lache! Denn ein Mann, der Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen.“

So könnten sie geklungen haben, die freundlichen Worte Josefs. Und dann steht Josef auf von seinem Thron und kommt zu ihnen herunter, zu seinen alt gewordenen Brüdern. Nicht mein Platz, dieser Thron. Hier sitzt Gott, hier hört er und spricht. Ich habe nicht zu urteilen und nicht zu vollstrecken. Und will es auch nicht, denn ich sehe nicht auf die Tage, die hinter uns liegen, ich sehe, was jetzt am Tage ist. Was wir getan haben, haben wir getan, ihr und ich. Wir tragen das in uns und los werden wir es wohl auch nicht mehr. Aber aus all unserem Bösen ist am Ende Gutes geworden. Gutes für euch und für mich. So hat sich Gott unser Leben gedacht und so ist es geworden. Und nun soll das Gute bleiben und nicht wieder böse gemacht werden und wir mit ihm böse.

„So sprach er zu ihnen und sie lachten und weinten zusammen, und alle reckten ihre Hände nach ihm, der unter ihnen stand und rührten ihn an, und er streichelte sie auch. Und so endigt die schöne Geschichte und Gotteserfindung von Joseph und seinen Brüdern.“

Ein Schlussbild aus Thomas Manns Joseph-Roman. Ich will es im Gedächtnis behalten, damit ich es nicht vergesse: Eines Tages, am Ende kommen wir wieder zusammen. Und das soll kein Tag sein, den wir fürchten müssen, weil plötzlich die Erinnerung lebendig wird an einen Brunnen, in dem unser Bruder saß, an dessen Rand wir ohne Mitleid standen und ohne Liebe. Das soll kein Tag sein, der uns noch einmal vor Augen führt, wozu wir fähig sind als Menschenbrüder. Und auch kein Tag, an dem wir auf einen Thron klettern, der nicht unser Thron ist. Sondern ein Tag, an dem ich Gott auf dem Thron sehe und seine Güte über mein auch böses Leben. Denn der Tag kommt, an dem wir nur noch Brüder sind und Schwestern. Amen.