Die Zugabe Gottes – Predigt zu Matthäus 21,14-17 (und Kolosser 3,12-17) von Thomas Thieme

Er hatte von jedem seiner Auftritte eine Aufnahme, ein Video: vom ersten Auftritt unter großem Jubel bis zum Abgang, wenn die Masse rief: „Zugabe!“, „Zugabe!“ Er ließ sich dann gern etwas bitten, ließ die Menge gern etwas leiden an ihrer Erwartung, der Erwartung, dass dieser Moment voll Feuer und Begeisterung nicht endet. Nur noch ein Lied, nur eines noch, bevor die wogende und wellende Masse sich wieder beruhigte und wie eine Ebbe den Saal räumt.

Natürlich hat er immer eine Zugabe gegeben, meistens sogar zwei oder drei. Er wollte ja selber nicht, dass der Moment aufhört, die Musik verklingt und die Menge sich verflüchtigt. Er wollte die Stille hinauszögern – so lange es eben ging. Die Stille, wenn es zu Ende ist.

Doch das Ende kam, es kam immer und nach ihm kam die müde Stille. Vom Rausch zuvor blieb nur ein fernes Rauschen, als wenn im Radio der Empfang schlechter wird. Das alles wusste er noch ganz genau, konnte es noch fühlen in seinen lahmen Gliedern. Er sah es noch vor seinem inneren Auge, sein äußeres sah nicht mehr viel – er war fast blind. Einsam ist er geworden – dem verblassten Star jubelt niemand mehr zu. Früher strahlte er am Himmel und andere sonnten sich in seinem Glanz. Heute lebt er im Schatten seiner eigenen Vergangenheit.

Ob er frustriert ist? Natürlich ist er das. Er ist wütend auf die launische Liebe der Fans, er beklagt die falschen Freunde im Show-buiseness, aber – dem Himmel sei’s gebeichtet – er würde sofort wieder auf die Bühne gehen, sich tragen lassen, für einen letzten Auftritt, ein letztes großes Konzert, noch ein Lied. Kein altes – nein, ein ganz neues Lied müsste es sein, eines, das die Kinder noch in hundert Jahren laut singen. Aber ach, mein Gott, dafür braucht es mehr, viel mehr, dafür braucht es schon ein Wunder.

-> eine kurze Zwischenmusik wäre hier gut, evtl. das Vorspiel zu „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“

Wenn ein neuer Stern erstrahlt, ein neuer Star die Bühne betritt, egal welche, - ob Pop oder Politik, ob Musik oder Mode, ob Kirche oder Kino - , wenn ein neuer Stern erstrahlt, schaut die Masse wie gebannt und ist entzückt. Ihr Jubelruf trägt ihn hoch in die Wolken, den Stern. Und er, der Stern, zieht mit sich einen Schweif. Wir schweifen. Als Sternenstaub zieht er uns mit nach oben, so dass auch wir für den Moment den Boden nicht mehr spüren. Mir selbst traue ich die Kraft nicht zu. Mein Stern macht das, wovon ich träume. Der Angehimmelte, er  macht es für mich, er macht es mit mir. Und plötzlich und für einen Augenblick scheint alles möglich: Lahme sehen, Blinde gehen – und plötzlich ist alles leicht, ohne Mühe, ohne Last. Und plötzlich bin ich frei. Und wenn der Augenblick vorbei ist, dann stellt sich Wehmut ein und ich erkenne, mal schmerzhaft und mal scherzhaft: Auch dieser Stern vollbrachte nicht das Wunder, dass ich mir selbst nicht zutraue.

Und hinterm Vorhang der Geschichte lacht Gott. Gott lacht. Doch nicht, wie Spötter meinen. Er lacht nicht über unsere kleinen Träume vom Fliegen. Er lacht nicht über unsere Sehnsucht, dem Himmel nah zu sein. Gott lacht, weil er sich selbst als Star versuchte – damals im Tempel. Als „Jesus Christ Superstar“, als Mensch, von dem wir glauben, dass er Gott war und ist. Dieser Jesus, also Gott selbst, ging damals in den Tempel. Gott geht ins Gotteshaus, so, als müsste er sich selbst finden – schon das zeigt seinen Humor. Im Tempel dann heilt er Blinde und Lahme. Und Jubel brandet auf. Hosianna rufen wir. Die Teenager im Tempel kreischen vor Begeisterung. Die Hohepriester – also die Wächter über die guten Sitten und das Benehmen im Tempel –, die Hohepriester sind nicht amüsiert, dass hier so laut krakeelt wird. Als sie sich beim Verursacher beschweren, fragt der verwundert: „Ist es nicht genau das, was ihr hier täglich lest? Dass die Kinder Gott zu loben wissen? Sind das nicht eure Lieder und Gebete?“

„Ja, ja, mein Jesus“, will ich ihm darauf antworten. „Du hast leicht reden. Du kamst vom Himmel her und in dir klingt, was wundervoll uns diesen Himmel bringt. Doch wir, wir sind doch Kinder dieser Erde. Aus ihr sind wir geformt und tragen schwer daran. Und deshalb klingt auch der Gesang, das Lied, das wir vom Himmel singen, es klingt so erdenschwer.“ Und Jesus – mein „Jesus Christ Superstar“, er lässt mich stehen in diesem wundervollen Gotteshaus. Er geht hinaus, nicht bloß aus seinem Haus, er geht gleich raus aus der ganzen Stadt.

Das ist Gottes doppelte Ekstase: Erst geht er aus sich heraus und wird ein Mensch. Er betritt die Bühne, die wie für ihn gemacht ist, die wir für ihn erbaut haben. Dort tritt er auf und ist der Star. Er reißt uns mit und wir jubeln ihn hoch. Dann zieht uns unsere Erdenschwere wieder nieder und wir ziehen unseren Jesus mit.

Und so geht er wieder aus sich heraus und zwar hinaus auf jene Bühne, die er sich selbst bereitet hat. Hier findet er den bestirnten Himmel über sich und in sich drin findet er ein neues Lied.

-> noch einmal eine Zwischenmusik oder die erste Strophe von „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“

Von vielen Auftritten Jesu haben wir Aufzeichnungen. Wir haben heute gehört von seinem Auftritt im Tempel und wie die Kinder gesungen haben. Und genau wie sie singen auch wir mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern Gott dankbar in unseren Herzen. Wir haben auch allen Grund dazu, dankbar zu sein. Wir können zum Beispiel dankbar sein dafür, dass wir einander ertragen mit Freundlichkeit und Geduld.

Oder tun wir das etwa nicht? Das sollte aber jeder unbedingt tun: den anderen ertragen mit Freundlichkeit und Geduld. Das heilt nämlich von einer Blindheit. Ich bin immer so blind, dass ich mich beim anderen zuallererst über die Fehler ärgere, die ich selber habe.
Ich könnte auch dankbar dafür sein, dass wir uns selbst vergeben mit Demut und Sanftmut.
Oder tun wir das etwa nicht? Das sollte aber jeder unbedingt tun: sich selbst vergeben mit Demut und Sanftmut. Das heilt nämlich von einer Lähmung. Ich bin viel zu lahm, um vor dem davon zu laufen, was ich in diesem Leben nicht geschafft habe. Freundlichkeit und Geduld mit anderen, Demut und Sanftmut mit sich selbst – puh, ob wir dafür genug Liebe aufbringen können, Nächstenliebe und Liebe zu uns selbst?

Oder braucht es dafür mehr, viel mehr? Braucht es dafür, dass Du, Gott, noch einmal hinter dem Vorhang hervortrittst? Und uns noch einmal mit emporziehst am Band der Vollkommenheit? Hoch hinauf in den Himmel voller Sterne, weil Liebe uns beflügelt? Du hast es ja schon einmal getan – Ostern bist du aus dem Grab auf die Bühne dieser Welt zurück gekommen. Und wer es glaubt, dessen ganzes Leben wird ein Ruf sein nach einer Zugabe von Dir, Gott.

Wer es glaubt, der hat immer eine Möglichkeit, das Mühselige und Erdenschwere los zu lassen, der hat immer eine Möglichkeit, dem Himmel nahe zu sein. So sind wir: Gotteskinder. Gemacht aus Erde, mühselig und beladen, aber beseelt von Göttlichem, himmlisch und leicht. Es ist nicht bloß der Staub der Sterne, heute strahlend, morgen verglüht – es ist mehr, viel mehr. Es ist ein Wunder, so unfassbar wie die Zahl der Sterne, die ja doch keiner zählen kann. Nur einer kennt wunderbar sie alle – und dieser eine kennt wunderwahr auch Dich. Ich glaube voll Wunder an den Gott, der mich kennt und der mich liebt. Ich glaube wundervoll, Gott kennt auch dich und hat dich lieb.

Und der Friede Gottes, der uns höher hebt als all unsere Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Liebeslied Gottes für uns.

Amen.

 

Im Anschluss wäre „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ gut, zu singen (bzw. die restlichen Strophen).