Ein Fundament aus Worten - Predigt zu Matthäus 7,24-27 von Kathrin Oxen

Das wichtigste sind die Schippen! Wer Kinder oder Enkelkinder hat, weiß das. Am besten richtige Schippen aus Holz, nicht solche Baby-Dinger aus Plastik. Denn wenn die Kinder größer werden, sind die Schippen beim Strandausflug das wichtigste. Ein Handtuch kann man ruhig vergessen, aber die Schippe muss mit! Denn am Strand wird gebaut. Die klassische Burg, ein Kanalsystem oder ein schönes Schloss. Die Kinder ertragen es mit Fassung, wenn am Ende auch die schönsten Bauwerke nur noch Matsch sind. Was auf Sand gebaut ist, hält eben nicht lange. Am Strand ist das ja nicht so schlimm.

Um das Bauen geht es auch im Predigttext. Jesus sagt:

Jeder, der meine Worte hört und danach handelt, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, und Winde wehten und warfen sich gegen das Haus, aber: es stürzte nicht ein. Denn sein Fundament stand auf Fels. (Mt 7,24f)

Erfrischend aktuell, finde ich. In fast jedem Sommer sind unerwartete Regengüsse und Sturzbäche ein Thema. Strand ja, Sonne nein, einfach zum Verzweifeln. Besonders die Camper können einem doch leidtun. Schwimmende Luftmatratzen, nicht auf der kalten Ostsee, sondern im Zelt. Und die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch trockener werden könnte, treibt in manchen Sommern jeden Tag ein Stück weiter hinaus.
Und selbst, wessen Haus sozusagen auf Fels steht, hat als Hausbesitzer immer damit zu tun. Schön, so ein Keller. Nicht schön, wenn er voller Wasser steht.
Regengüsse, Sturzbäche, matschige Zeltböden, absackende Burgen aus Sand, nasse oder trockene Keller: alles eine Frage des Fundaments. Worauf baust du? fragt dieser Sommer. Worauf baust du? Eine Frage für das Leben. Und die Geschichte geht noch weiter.

Und jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, der ist wie ein Mann, der sein Haus auf Sand gebaut hat. Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, Winde wehten und schlugen gegen das Haus, und es stürzte ein, und sein Sturz war gewaltig. (Mt 7,26f)

Eine ganz kurze Geschichte, eine klare Sache. Wenn die Regengüsse und Sturzbäche kommen, braucht man ein gutes Fundament, sonst rutscht alles ab. Auf das Fundament kommt es an, weil es einem festen Halt gibt. Und das hilft auch bei allen schweren Entscheidungen. So ein festes Fundament im Leben, und ein Keller, der immer trocken ist – das wäre ja schön. So einfach, wie es sich anhört, ist das aber nicht, finde ich. Ich habe so meine Schwierigkeiten mit Menschen, die immer genau wissen, was richtig und was falsch ist, die keinen Zweifel kennen. Die Kinder gucken sich am Strand immer voller Begeisterung an, wenn die Sandburg zwar noch steht, aber dann von unten das Wasser kommt und alles anfängt zu bröckeln. Bis alles ins Rutschen kommt und nur noch Matsch ist.

Aber wenn im wirklichen Leben etwas ins Wanken gerät, was einen bisher doch so gut getragen hat, fühlt sich das überhaupt nicht gut an. Den Keller immer schön trocken halten im Leben: Dafür gibt es keine Garantie. Jede und jeder macht doch Erfahrungen mit Regengüssen und Sturzbächen im Leben. Sie kommen so unverhofft wie ein Schauer an einem Sommertag, der doch eigentlich so schön angefangen hatte.
Zum Beispiel, wenn man schon einige Jahre verheiratet ist, Kinder und Beruf ganz gut unter einen Hut bekommen hat – aber irgendwie nur noch nebeneinander her lebt. Oder man freut sich schon auf den Ruhestand zu zweit, auf einen schönen gemeinsamen Lebensabend: und dann ist man auf einmal allein.
Eine Untersuchung, so wie jedes Jahr, nur zur Vorsorge und plötzlich macht der Arzt ein ganz ernstes Gesicht. Da rutscht weg, was doch das Leben tragen sollte. Worauf habe ich eigentlich gebaut? Was hält mich jetzt, hält mich überhaupt noch etwas oder stürze ich ins Bodenlose?
Die Frage nach dem Fundament stellt sich dann, wenn es angegriffen wird. Das kann nach einem Platzregen passieren oder schleichend ins Leben sickern. Das wissen nicht nur Hausbesitzer.

Worauf baust du? Was trägt dich? Wer diese meine Worte hört und danach handelt, der ist klug, sagt Jesus, der baut richtig, der hat ein Fundament, dem kein Regenguss und kein Sturzbach etwas anhaben kann. Bausteine nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für das Leben in Gemeinschaft mit anderen.
Ich höre: Selig sind die Armen, die Traurigen, die Gewaltlosen, alle Menschen, die Frieden suchen – solche Menschen können sich glücklich preisen, sagt Jesus, wer das hört und so handelt und so lebt, hat ein gutes Fundament fürs Leben.
Arm und traurig, ohnmächtig und ohne großen Einfluss, anderen zugewandt und friedlich und trotzdem verfolgt und verspottet? „Entweder ist dies nicht das Evangelium – oder wir sind keine Christen“, soll der englische Mathematiker Thomas Linacre gesagt haben, nachdem er sich dieses Fundament angesehen hatte. Ich frage mich: Wer will denn so sein?

Wer meine Worte hört und danach handelt, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baut, sagt Jesus und meint: Wer darauf baut, dass am Ende den Gewaltlosen alles gehört. Dass sich am Ende die Friedfertigen durchsetzen und nicht die, die sich mit allen Tricks an der Macht halten. Dass es überhaupt nicht um Macht und Einfluss geht und darum, sich durchzusetzen.
Will ich wirklich so sein, wie es in den Seligpreisungen so leichthin geschrieben steht? Denn manches, was Jesus da als Fundament empfiehlt, hat einen hohen Preis. Ich möchte doch nicht arm oder ohnmächtig sein. Und barmherzig und gerecht bin ich auch nicht immer, selbst wenn ich mir die allergrößte Mühe gebe, fragen Sie mal die Menschen um mich herum!
Statt mir Halt zu geben, bringen mich die Worte Jesu erst einmal ins Rutschen, weil sie mir zeigen, wie ich sein sollte, aber nun mal nicht bin. Ich will nicht so sein, ich kann nicht so sein und ich bin nicht die Einzige, die solche Einwände gegen dieses merkwürdige Fundament hat. So kann man doch nicht leben! Wer arm und traurig und ohne Einfluss ist, der gehört doch wohl zu den Abgerutschten, zu denen mit dem nassen Keller, die es irgendwie nicht hingekriegt haben.

So kann man nicht leben, sagen deswegen alle ganz schnell, vor allem nicht, wenn es um das große Ganze geht, um den politischen Bereich. Denn das ist das Häufigste, was man über die Bergpredigt hört: dass sie als Fundament nichts taugt.
„Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen“, habe ich ganz oft gehört. Aber ich habe (hier) im Osten Deutschlands viele Menschen kennen gelernt, die diese Worte gehört und danach gehandelt haben. Sie haben es als Christen in der DDR-Zeit bewusst in Kauf genommen, arm und ohne Einfluss zu bleiben in einer Gesellschaft, die aus allem und mit allem Politik gemacht hat.

Nur eine kleine Auskunft hätten sie geben müssen darüber, wer im Nachbarhaus so ein und aus geht und schon hätte die Tochter den Studienplatz bekommen. Der Stift für die Unterschrift lag schon bereit. Aber sie sind aufgestanden und haben sich höflich verabschiedet und sind gegangen, traurig und glücklich zugleich.

Erfahrungen mit einem Fundament, das angeblich nichts taugt. Worte, wie weiß auf schwarz geschrieben in einem atheistischen Staat. Und heute sehen wir, was längeren Bestand hatte. Der Mut, die Hoffnung und der Glaube der Menschen, die auf Jesu Worte gebaut haben - oder das Bauwerk, das da ganz schnell errichtet werden sollte, das bessere Deutschland innerhalb einer Generation. Die Mauer steht jedenfalls nicht mehr. Die Gewaltlosen haben das Land geerbt. Und ich spüre heute noch die Kraft der Worte Jesu und den Halt, den sie geben können. Und die zeigen: dass man mit der Bergpredigt doch Politik machen kann. Vielleicht nicht als Regierungschef, aber als Volk.

Und wenn man mit der Bergpredigt doch Politik machen kann, dann kann man mit diesen Worten Jesu auch leben. Wenn mein Leben ins Rutschen kommt und der Keller vollläuft, gibt es mir Kraft und Halt, dass die Armen und Traurigen und Ohnmächtigen glücklich gepriesen werden. Es stimmt ja nicht, was alle sagen, es heißt ja nicht: „Nur wenn du arm und traurig bist, bist du glücklich“. Es heißt: Auch wenn du arm bist und traurig und schon ganz verzweifelt, kannst du glücklich sein.

Worauf baust du?, hat mich der Sommer gefragt. Ich baue auf die Worte Jesu, Worte, so eindeutig, wie wir es uns immer wünschen, Ich baue auf Worte, die mich beschämen, wenn ich auf die Uneindeutigkeiten in meinem Leben sehe. Ich baue auf Worte, die mich befreien von falschen Kompromissen. Ich baue auf Worte, die mich berauschen, weil sie sagen: Du kannst anders leben – und die mich reizen, weil sie sagen: Du musst anders leben. Worte, die mich trösten, im Leben und im Sterben. Worte, auf die ich bauen kann, in einem Sommer voller Regengüsse und Sturzbäche und mein ganzes Leben lang.
Amen.