Eine Geschichte, die duftet - Predigt zu Markus 14,3-9 von Henning Kiene

Es gibt Momente im Leben, da könnte alles zusammenpassen. Die richtigen Menschen sind eingeladen, sie kommen am passenden Ort zusammen, es gibt genug Stoff für Gespräche und gutes Essen brutzelt auf dem Herd. Gleich geht es los. Da liegt die Atmosphäre eines guten Abends in der Luft.

Ein schöner Abend ist wie ein Urlaub, er bleibt aber immer auch ein Geschenk. Ein Essen unter Freunden kann man planen. Unverfügbar ist das Flair von Festen und Feiern. Auch das, was zwischen dem Palmsonntag und dem Osterwochenende passiert, ist schwer vorauszuplanen. Unsere Großeltern sprachen von der „Stillen Woche“. Tod und Auferstehung, Angst und Mut, Verzagen und Hoffen, die Suche nach Gott und dieses Staunen über neue Entdeckungen passen in diese Woche von Palmarum bis Ostern. Alles könnte sich gut zusammenfügen.
Könnte, tut es nicht so schnell. Noch ist alles am Anfang.

 

Die Tür am Eingang fliegt auf. Eine Frau tritt ein. Alle Blicke richten sich auf sie „Kennst du die?“, flüstert jemand. „Nein, du? Kennst du sie?“, die Rückfrage ist kaum zu überhören. Jedes geflüsterte Wort wird von der Stille verstärkt. Keiner erwartet eine Frau. Niemand kennt diese Frau. Alle Augen folgen ihr. Sie durchquert den Raum. Merkt die denn nicht, dass sie stört? Ihr Schritt ist fest und sicher. Eine Unbekannte in einer Männerrunde, „mutig“, raunt einer, „hier so einfach reinzukommen.“ „Die stört uns“, jeder kann das spüren. Das müsste diese Frau doch selber merken.

 

Es gibt Momente im Leben, da läuft etwas anders, als ursprünglich gedacht. Stellen Sie sich vor: Wir feiern Gottesdienst, die Tür geht auf, jemand geht mit sicherem Schritt durch den Mittelgang, mitten durch unsere Kirche, in Richtung Altar. Der Atem stockt. „Was tun?“ Panik, Unruhe, „Stopp“, will jemand rufen. Tut nur niemand. Vor Schreck erstarrt sitzen alle da. Was passiert nun?

 

Auf dem Tisch dampft das heiße Essen aus den Schüsseln. Alle haben sich genommen. Die Teller sind gefüllt. Jemand setzt die Weinkaraffe mit einem lauten Geräusch auf der Tischplatte ab. Das Gespräch, eben noch in vollem Gang, ist stecken geblieben. Selbst das laute Lachen, das aus der hinteren Ecke kam und durch den ganzen Raum drang, ist wie abgeschnitten. Alle Augen blicken in dieselbe Richtung, folgen der Frau.

Jede solcher Störungen gleicht der anderen. Die einen finden so etwas spannend. Wie geht es nun weiter? Andere sehen betroffen zu Boden. Schade um all die Mühe, die hier aufgewendet wurde. Viele sind enttäuscht: Das hätte ein gutes Fest werden können. Nun kommt es anders. Schade für die Gastgeber, keine gute Sache.

In diesen wenigen Motiven tauchen Erinnerungen an Vergleichbares auf. Andere Geschichten melden sich als Erinnerung an: Irritation, Störung, Überraschung, Spannung. Wie löst sich so ein Moment auf, wie geht es weiter?

Die Frau, niemand weiß ihren Namen, unterbricht die Männerrunde. „Unerhört,“ meint eine tiefe Männerstimme. Dieser Moment zeichnet etwas vom Evangelium vor: In der gleichen Weise, in der diese Frau in die Männergesellschaft hineinplatzt, unterbricht die Bibel manch routinierten Ablauf. Er platzt in diese Welt voller Tod hinein und lässt sich nicht zum Schweigen bringen.

Kaum jemand kann die Bilder von den Kindern in Aleppo ertragen, diese angsterfüllten Augen machen stumm. Jetzt lassen sich auch die Leichen nicht mehr ausblenden, die in St. Petersburg auf dem U-Bahnsteig lagen. Und doch beginnt der Frühling, üppig ist er, Hoffnung will sich ausbreiten. Das Erschrecken wächst, besetzt tiefer liegende Schichten, greift die Seele an. Angst macht Wortkarg. Angst verzögert die Reaktion. Die Gespräche, die sich eben leichtzüngig an der Oberfläche bewegten, verstummen. Auch in den Gedanken ziehen dunkle Bilder auf.

„Nicht unterkriegen lassen“, denkt jemand.

Wenn sich Leid meldet, erhebt sich an anderer Stelle eine Stimme, die behutsam von Gott spricht. Häufig stellt sie zart die Frage „Warum?“ und unterbricht die Stille. Jemand singt leise „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ und beginnt zu beten. Das klingt wie die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, sie fleht leise: „Herr“, „Herr,“ „Herr“. Wie eine Erwartung, die lauter wird und immer drängender sucht und fragt. Gott ist nicht mal eben vergessen. Es gibt eine Suche, die bleibt lange Zeit vage. Die kennt seinen Namen noch nicht. Wer weiß schon, dass es Gott ist, der in dem Fragen und Suchen umkreist wird? Wer die losen Enden, die herumliegen, wieder zusammen bekommen will, sollte sich nicht zu schnell mit irgendwelchen Thesen zu Frieden geben. Wer etwas glauben möchte, hofft auf Trost. Wenn von dem christlichen Glauben eine erste Botschaft ausgeht, die tief in die Menschenseele hineinwirkt, dann ist es die Hoffnung, die die Bibel formuliert. An Hoffnung herrscht kein Mangel. Hoffnung gibt es nur im Überfluss. Ihr folgen die Blicke der Menschen, die sich nicht als Christinnen und Christen bezeichnen. Wohin die Hoffnung wohl geht? Es ist spannend, ob sie wirkt.

 

Das Essen auf dem Tisch kühlt immer weiter ab. In einer Weinkaraffe surrt eine Fliege. Die Männer ziehen die Luft schnuppernd durch die Nase. „Nardenöl“, sagt einer der Männer,

„Teuer“, fügt er an. Staunen, Überraschung, eine Wohltat für alle, der Duft hat etwas Beruhigendes, das spüren sie. „Extrem teuer“, sagt einer laut, „zu wertvoll, alles auf einmal auszuschütten“, „eine Schubkarre voller Geld. Schade, soviel Geld wegzuwerfen.“ Die Stimmung beginnt zu kippen. „Das verdient hier niemand!“, es wird lauter. Ein Keil droht die Runde auseinandertreiben.

Wenn die Stimmung umschlagen könnte, dann verabschieden sich die ersten Gäste ganz schnell, „Ich muss nun schon nach Hause. Danke und tschüss.“ Sie nennen noch irgendwelche Gründe und schon fällt die Tür ins Schloss. Doch noch blieben alle sitzen auf ihren Plätzen, starren auf die Frau, wollen wissen, wie es weitergeht. Ist schließlich auch interessant: Eben wurde noch gejubelt, jetzt ist der Grund zum Jubel schon vergessen. Gerade war er noch ein Superstar, bald ist er ein No-Name. Das „Hosianna“, das die Leute anstimmen, hat einen ungleichen Bruder, der heißt „Kreuzige ihn“.

Es dauert weniger als eine Minute und der süße, voll aromatische Duft erfüllt den letzten Winkel des Raums. Der Duft verdrängt das Gemisch aus Küchenduft, frischem Wein und leichten Gesprächen. Er ist so würzig, dass den Kopfschüttlern und denjenigen, die noch länger von Geldverschwendung reden wollen, die Freude am Sticheln vergeht. Ihr Nörgelkonzept gerät aus dem Takt, der Duft, diese plötzliche Fülle an Zuwendung, schiebt sich über ihre miese Stimmung. Es zieht eine Erkenntnis auf, die sagt: Gott scheut die Verschwendung nicht. Das würde sie auch betreffen. Ein Überschwang an Hoffnung ist mehr, als sie je erwartet hätten. So kühn wie die Frau erreicht der Glaube sein Ziel.

Dieses Nardenöl bringt in Erinnerung: Wird das Fläschchen mit dem Öl erst einmal geöffnet, breitet der Duft sich unwiderruflich aus. Ist die Hoffnung erst einmal aktiviert, dann ist die Suche nach einem Erlebnis mit Gott nicht mehr zu bremsen. Das allein schöpft schon aus einer ungeahnten Fülle. Der Gott, für den Jesus steht, spart nicht. Er verschwendet sich. Grundlos aus der Sicht der Menschen, denen er begegnet, im Überfluss, für den er auch kritisiert wird.

Gott ist ein anderes Wort für Großzügigkeit. Er verschwendet sich schon in dem Moment, bevor jemand nach ihm fragt. Vielleicht liegt allein in der Suche nach Gott ein erstes, vorläufiges Finden. Wie so ein Nardenöl: Den Duft Gottes bekommt man, ist er erst einmal freigesetzt, aus dem Leben nicht mehr heraus. Er erinnert an diesen Überschwang, bleibt ein Zeichen und weist über den Moment hinaus.

Die, die eben noch hofften, diese Störung ginge bald vorüber, die gerne wieder von dem Essen genommen hätten, - schade, die großen Schüsseln sind jetzt wirklich nicht warm - merken, dass hier etwas anders läuft. Sie atmen tief durch. Nehmen den üppigen, süßen Duft in sich auf, lassen die dunkle Duftnote auf die Sinne wirken und spüren: Diese Verschwendung gilt ihnen. Das stand nicht auf ihrem Plan für diesen Abend.

In Ihren Taschen, das wissen sie, tragen sie Geld mit sich, nicht viel, aber es ist genug. Einige bilden sich ein, das Gewicht der Münzen, die sie eingesteckt hatten, zu spüren. Sie denken an die Armen, die sie kennen. Sie meinen, dass sie nun wüssten, für wen man einige dieser Münzen gut anlegen könnte.