Fragen bringt weiter – Predigt zu Matthäus 21,28-32 von Bogislav Burandt

Fragen, liebe Gemeinde, bringt weiter. Ohne Fragen gibt es keine Entwicklung und keinen Fortschritt. Ohne eine richtige und genaue Frage läuft die Antwort ins Leere. Unsere Schüler sind möglicherweise von den vielen Fragen der Lehrer nicht begeistert. Aber eine glasklare Frage - die schätzen sie.

 

Fragen führen weiter. Vielleicht sind es heutzutage gerade die Künstler, die besonders scharf und unbequem Fragen aufwerfen. Letzte Woche habe ich die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ in Wittenberg besucht. Die italienische Künstlerin Marzia Migliora gestaltete einen Raum zum Thema „Schuld“. Und was sah der Betrachter? Den Tresorraum einer Bank mit Schließfächern!

 

Fragen bringt weiter. Auch Jesus von Nazareth stellt Fragen. Ganz bewusst. Er weiß, dass seine Zuhörer alles zu wissen meinen. Und so kommt ganz schlicht seine Frage daher: Was meint ihr aber? Ansichtsfragen sind einfach. Jesus bezieht seine Frage auf die Geschichte, die er erzählt, und das fängt ganz harmlos an. Ein Vater hat zwei Kinder. So steht es wörtlich im griechischen Urtext. Auch wenn es sich, wie der Fortgang zeigt, bei den Kindern um Söhne handelt, ist durch die Wortwahl klar: Alle Mädchen und Frauen dürfen und sollen sich mit angesprochen fühlen!1

 

Der Vater äußert eines Tages gegenüber dem ersten Kind eine Bitte: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Die Anrede ist liebevoll. Mein Sohn, sagt der Vater. Er äußert also eine Bitte und keinen Befehl. Arbeite heute, sagt der Vater. Offensichtlich muß der Sohn nicht jeden Tag auf dem elterlichen Hof mitarbeiten. Aber just heute möge er es tun: im Weinberg arbeiten.

 

Spätestens hier, liebe Gemeinde, ist es mit der Harmlosigkeit der Geschichte vorbei. Die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu wissen jetzt, daß von Gott die Rede ist. Die Reihenfolge Vater, Sohn und Arbeit im Weinberg läßt keinen anderen Schluß zu. Wo aber von Gott die Rede ist, ist Harmlosigkeit fehl am Platz.

 

Die Antwort auf die Bitte des Vaters erfolgt prompt: Ich will nicht, spricht der Sohn. Wie schockierend! Geht man so mit einer freundlichen Bitte seines Vaters um? Die Antwort des Sohnes ist in ihrer Schroffheit kaum zu überbieten, ein unfreundliches „mach deinen Kram alleine“ können wir da durchaus mithören.

 

Aber immerhin. Der Sohn bleibt nicht bei seinem Nein. Etwas kommt ihm dazwischen. Vielleicht weiß er selbst gar nicht genau, was es eigentlich ist. Jedenfalls schlägt seine Stimmung um. Das Gesagte tut ihm leid. Es tut ihm leid, so mit seinem Vater umgesprungen zu sein. Er geht hin in den Weinberg und macht sich an die Arbeit. Aus dem verbiesterten, geradezu unversöhnlichen Nein wurde doch noch ein Ja. Zwar nicht in einer ausdrücklichen Entschuldigung gegenüber dem Vater, aber doch durch stillschweigendes Arbeiten im Weinberg. Das Tun im Stillen bringt das Ja gegenüber der Bitte des Vaters zum Ausdruck.

 

Derweil hatte der Vater auch seinen zweiten Sohn angesprochen und ihn ebenfalls gebeten in den Weinberg zu gehen: Ja, Herr!, antwortet der zweite Sohn. Das klingt geradezu unterwürfig, so wie ein Sklave zu seinem Herrn spricht. Aber als Antwort gegenüber dem Gott, dem wir unser Leben verdanken, ist das absolut angemessen. Ja, Herr! - An so einer Antwort hat jeder fromme Zuhörer von Jesus seine Freude dran.

 

Und wie geht es weiter? Dieser Satansbraten von Sohn geht einfach nicht hin! Seinem großartigen Ja folgt in der Tat ein Nein. Ohne großes Nachdenken. Zu beneiden ist dieser Vater wirklich nicht. Seine Söhne sind alles andere als Musterknaben. Zwielichtige und unzuverlässige Ja - und Neinsager.

 

Und wir? Hören wir zu, wenn Gott uns etwas bittet? Das ist ja die Voraussetzung. Gott will etwas von uns, er möchte mit uns im Gespräch bleiben, er möchte, daß wir handeln nach seinem Willen. Unter uns Christen dürfte klar sein: Gott hat alle Rechte, uns um etwas zu bitten. Hat er uns doch um Christi willen die Seligkeit geschenkt, wie wir in der Epistel gehört haben. Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen, soweit Paulus im Epheserbrief (Eph 2,10).

 

Natürlich, einfach ist es nicht, im eigenen Leben die Stimme Gottes zu vernehmen. Und trotzdem gibt es sie. Die je und je sich ereignende Bitte, die an jeden persönlich ergeht: Heute gehe du hin. Gott hat seinen Willen kundgetan: Es gibt die 10 Gebote und die Aufforderung Jesu, Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Das ist kinderleicht und altersgerecht zugleich: ein Anruf bei einem Bekannten, der ziemlich allein ist; eine Entschuldigung bei einer Freundin für eine schroffe Antwort; das Angebot, mit dem hilflosen Banknachbarn Hausaufgaben zusammen zu machen; ein Engagement in Kirche und Gemeinde, achtsame Rücksichtnahme auf Gebrechliche in der U-Bahn und und und.

 

Die Arbeit im Weinberg Gottes ist nicht für die Pastoren reserviert. Im Blick auf das Reformationsjubiläum und den Gedanken vom Priestertum aller Glaubenden können wir uns das erneut klarmachen. Vielleicht lässt uns Gott auch schlicht die Arbeit sehen. Ein Lehrer der Christenheit meint: „Wenn wir die einen krank, andere arm und ohne allen Besitz, wieder andere in einem Zerwürfnis und niedergeschlagen sehen – sei es an Leib oder Geist, dann sollen wir daran denken: Ja, er gehört zu unserem Leib. Und dann sollen wir gleich durch die Tat zeigen, dass wir barmherzig sind.“2

 

Und? Werden wir hingehen? Oder sind wir auch wankelmütige Gestalten, die Gott eine Absage erteilen, weil seine Bitte uns gerade nicht in den Kram paßt? Das sind Fragen, die uns unangenehm berühren. Denn sie sind unbequem und zwingen dazu, die eigene Lebenshaltung zu überprüfen. So ergeht es allen, die Jesus zuhören. Er fragt: Wer von den beiden hat des Vaters Willen erfüllt? Die Antwort kommt ohne Zögern: Der Erste.

 

Was meint ihr aber? Die Zuhörer Jesu werden gezwungen, Farbe zu bekennen. Sie müssen wohl oder übel dem den Vortritt geben, der sein ausdrückliches Nein durch die Tat verneint hat. Dem, der an seinem Nein nicht haften geblieben ist. Unbequem ist, dass die überzeugten Alleswisser unter den Zuhörern sich mit dem Sohn identifizieren, von dem Jesus gar nicht erzählt hat: von dem, der ganz selbstverständlich, in Wort und Tat, ohne Probleme die Bitte des Vaters erfüllt. Möglicherweise sind daher einige Zuhörer sauer. Will Jesus etwa sagen, dass sie, die sie laut Gott bejahen, durch ihre Taten dem Willen Gottes widersprechen?

 

Jesus spürt die Ablehnung und reagiert: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr! Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so daß ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

 

Die Alleswisser zur Zeit Jesu, die hatten Johannes den Täufer links liegengelassen. Warum auch auf jemandem hören, der Heuschrecken und wilden Honig zu sich nimmt. Die Steuerbetrüger und Prostituierten dagegen sagt Jesus, die haben durch Johannes den Willen Gottes vernommen und eine Kehrtwendung vollzogen. Die haben sich durch Johannes in einer gottwohlgefälligen Weise verunsichern lassen und ihr Leben verändert!

 

Der Ärger der allwissenden Zuhörer steigt. Ich vermute, liebe Gemeinde, daß sich die Gegner Jesu auch deshalb so stark ärgern, weil sie irgendwo spüren, daß Jesus Recht hat. Das würden sie nie zugeben. Aber das, was sie selber an und in sich unterdrücken, das macht sich im Ärger Luft. Es ist traurig aber folgerichtig, daß am Ende des Kapitels erzählt wird, wie einige dieser Leute Jesus ergreifen wollen. So, als ob mit dem unbequemen Fragesteller auch die unbequeme Anfrage Gottes zu erledigen wäre! Andersherum wird ein Schuh daraus. In der Nachfolge Jesu Christi können und dürfen wir uns befreien lassen; befreien von den vielen Neins, die wir Gott gegenüber aussprechen.

 

Ich erinnere mich an eine Begegnung vor vielen Jahren in Walsrode. Da hatte ich eine Zeitlang mit einem Mann mittleren Alters zu tun. Er war bald nach der Konfirmation aus der Kirche ausgetreten und hatte gemeint, Gott sei in einem vernünftigen Weltbild nicht nötig. Arbeit, Fernsehen, Kinder und Bier, das war seine Welt, bis die Ehe zerbrach und er sich allein vorfand. Seine eigenen vernünftigen Anstrengungen machten ihn mehr krank als gesund. Und so begann er, sein Nein gegenüber Gott zu überdenken. Er begann nach Gott zu fragen und klopfte auch bei mir an. Ich versuchte ihm zu vermitteln, daß es eine Hilfe fürs Leben ist, sich von Gott in den Weinberg geschickt zu wissen. Das ist keine Überforderung sondern geschenkter Lebenssinn. Und schließlich wurde bei dem Mann aus dem Nein ein Ja. Fragen bringt weiter!

 

Herr Jesus Christus, hab Dank, daß du dich nicht abfindest mit einem Nein zum himmlischen Vater. Mache uns von neuem willig und bereit, auf sein Wort und seine Weisung zu hören. Gib uns Kraft zum Bekennen und Handeln. Lass uns erfahren, wie lebensförderlich ein Ja zum himmlischen Vater um deinetwillen ist.

AMEN

 

1 I Marlene Crüsemann, Die unterschiedlichen Kinder und die erfüllte Gerechtigkeit, GPM 71 Heft 3, (382-387) S.382.

2 I Matthias Freudenberg (Hg.), Calvin-Brevier, Neukirchen 2008, S.60; in den Predigten in unserer ev.-luth. Lukaskirche begegnet bis zum 31.10. jeweils ein Reformatorenzitat, das die Gottesdienstbesucherinnen- und Besucher beim Kirchenkaffee raten sollen, um dann einen kleinen Preis zu   erhalten.