Predigt zu 1. Samuel 2, 1-8 von Martin M. Penzoldt

1Und Hanna betete und sprach:
  Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN,
  mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.
  Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,
  denn ich freue mich deines Heils.
  2Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner,
  und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
  3Lasst euer großes Rühmen und Trotzen,
  freches Reden gehe nicht aus eurem Munde;
  denn der HERR ist ein Gott, der es merkt,
  und von ihm werden Taten gewogen.
  4Der Bogen der Starken ist zerbrochen,
  und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
  5Die da satt waren, müssen um Brot dienen,
  und die Hunger litten, hungert nicht mehr.
  Die Unfruchtbare hat sieben geboren,
  und die viele Kinder hatte, welkt dahin.
  6Der HERR tötet und macht lebendig,
  führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
  7Der HERR macht arm und macht reich;
  er erniedrigt und erhöht.
  8Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub
  und erhöht den Armen aus der Asche,
  dass er ihn setze unter die Fürsten
  und den Thron der Ehre erben lasse.
  Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN,
  und er hat die Erde darauf gesetzt.
  
  
  Liebe Gemeinde,
  überschwängliche Freude wird in diesem Gebet laut. Ein fröhliches Herz und ein erhobenes Haupt treten mitten unter uns. Sie stiften zur Osterfreude an.  Sie lassen uns mitsingen und mitschwingen in Psaltermelodien und Sprachrhythmen. Diese Sätze wollen mitgesprochen und mitgefühlt werden.  Ihr Jubel will uns anstecken zur österlichen Lobgesang auf den heiligen Gott,  der tötet und wieder lebendig macht, der auch den Ärmsten nicht vergisst,  sondern ihn auf den Thron setzt allen anderen voran. Halleluja!
  
  In dieses helle schöne C-Dur des Gotteslobes mischen sich auch ein paar raue Untertöne eines Triumphgeschreis. Der Mund wird aufgetan, um auch einmal alle anzuklagen, die einem wehgetan und geschadet haben. Es wird nicht nur Gott Lob gesungen, sondern es wird auch dem Feind gedroht und heimgezahlt. Es singt das Loblied eben ein Mensch - und kein Engel. Ein Mensch mit tiefsten Verletzungen und Zorn. Das muss alles raus. Es muss einmal laut herausgeschrien werden, damit  der innere Mensch wieder heil werden kann.
  
  Um zwei starke Frauen geht es, um einen ersehnten Sohn und zwei grundgütige, alte, blasse Männer am Rande. Hanna ist die eine Frau von Elkana, die er liebt. Aber sie ist ohne Kinder geblieben. Peninna ist eine weitere Frau von Elkana. Sie ist gesegnet mit vielen Kindern. Und an den hohen Opferfesten am Tempel in Silo geht die Familie unter die Leute und alle sehen zu ihnen, sehen die stolze Peninna inmitten ihrer Kinderschar, Hanna abseits mit gesenktem Haupt und auch den bekümmerte Elkana. 
  
  Am liebsten wäre Hanna nicht mitgekommen. Am liebsten wäre sie in ihrem Zelt geblieben und hätte stumm geweint. Aber das ging ja nicht. Sie musste mitkommen. Sie musste anhören, wie alle Leute von den Kindern sprechen. Sie musste verneinen, dass eines der Kinder von ihr sei; dazu noch immerzu das Triumphgeschrei der Kinderreichen. Und vielleicht konnte Hanna der Peninna noch nicht einmal einen Vorwurf machen, hatte sie doch die Liebe ihres Mannes. Aber die Situation schreit nach Hass und Verzweiflung; nach Momenten in denen jedes gutgemeinte Wort misslingt.
  
  Ausreichend Stoff mithin für eine Telenovela: die unerträgliche Willkür mit der Elkanas Liebe die eine erwählt und die andere übersieht, das dunkle Geschick, das der Einen alles Glück und Ansehen beschert und die Andere leer ausgehen lässt. Da sind dreitausend vergangene Jahre wie ein Tag und nichts ist uns fremd; manches vielleicht sogar zu nah.
  
  Aber nun tritt ein Vorschein von Ostern in dieser alte Geschichte. Nichts ist auf ewig fest. Geschicke ändern sich. Das Niedere wird erhöht, das Hohe gestürzt. Keiner gebe sich verloren, keiner wähne sich schon in Gottes Schoß.
  „Es sind ja Gott sehr leichte Sachen / und ist dem Höchsten alles gleich: /
  den Reichen klein und arm zu machen, / den armen aber groß und reich. /
  Gott ist der rechte Wundermann, / der bald erhöhn, bald stürzen kann.“(EG 369,6)
  
  Dieser Gott ist Hannas Hoffnung. Seiner Gerechtigkeit gilt ihr Zutrauen und seiner Macht ihr Glaube. Hanna betet um ihr Leben, wie eine Kranke um Gesundung, wie eine Sterbende um Stundung. Natürlich hat auch Hanna einmal gelernt, dass der allmächtige, ewige Gott nicht als irgendein Höheres Wesen in dieser Welt herumfuhrwerkt als wäre er ein Teil von ihr. Dass man Gott mit Opfern im Tempel bestechen könnte, ist ihr ein längst überwundener religiöser Materialismus. Die Opfer, die sie nach der Tradition mit der Familie vollzieht sind äußere Anlässe für die geistige Anbetung, für Dank und Lob an einen Gott von dem man nur hinweisend und indirekt reden kann. Aber jetzt in ihrer Not handelt sie mit Gott und legt sich einen Deal zurecht, ein Gelübde, wie man früher sagte. Wenn Gott ihr einen Sohn schenkt, dann soll der nicht bei ihr bleiben, sondern allein Gott im Tempel dienen.
  
  Das ist ihr heiliges Versprechen. Und siehe, sie bekommt das ersehnte Kind. Sie zieht es bei sich auf. Und als die Zeit gekommen ist, bringt sie es in den Tempel zum Priester Eli. Und jetzt erst, nachdem sie ihr Kinde längst geboren, es gesäugt und entwöhnt hat, mit ihm angereist und es Eli anvertraut hat, jetzt erst singt sie aus vollem Herzen und weitem Mund. Und alles heißersehnte Glück und der späte Segen klingen in ihren Worten auf. Der heilige Gott hat sich doch noch ihrer erbarmt, hat sie angesehen in ihrer Not und an sie gedacht im rechten Augenblick, so dass sie bekam, was sie wollte. Ein Kind.
  
  Wie leicht hätte sie es jetzt behalten können. Wie leicht wäre es, das Gelübde als unreifes Gefasel von gestern abzutun. Ist sie mit dem Gelübde nicht weit unter ihr religiöses Niveau gegangen und hat Gott zu erpressen versucht? Müsste sie im Licht einer evangelischen Familienethik nicht selbst weiter für ihren Sohn sorgen? Ist es verantwortlich einen holden Knaben einem Priester anzuvertrauen. Man wird mit Blick auf die Priester heute ja fragen dürfen. Gute Gründe hätte es also für Hanna gegeben, ihren Sohn für sich zu behalten, ihn zum Raub zu nehmen. Aber bewusst und ohne Zögern erfüllt sie ihre Seite des Gelübdes, kümmert sich um den Knaben und übergibt ihn dann.
  
  Es wäre jetzt falsch ein Loblied auf diese Hanna zu singen. Es wäre falsch, weil es verkennt, dass sie selbst meint, dass es einzig angemessen ist, auf Gott ein Lied des Lobes anzustimmen. Denn er hat ihr einen Sohn geschenkt, ihn begabt und erhalten. Und nicht zu Eli und nicht in dieses heilige Steinhaus, sondern zu Gott allein gibt sie ihr Kind. Wo besser könnte es leben, wer besser ihn beschützen als der, den sie ihren Fels nennt? Auch wenn uns ihr Vertrauen eher rührt und ihr großes Gelübde nach einem Tauschhandel ausschaut, es ist doch eine Gottesgewissheit in ihrem Handeln, die uns nach unserem eigenem Glauben fragen lässt. 
  
  Was ist der Glaube für uns? Was ist der Sinn unseres Lebens? Worin liegt unser Glück? Worauf hoffen wir in der Not? Ist es der Gott, der tötet und wieder lebendig macht, der Gott, der selbst seinen Sohn Jesus Christus nicht – als Raub - für sich behalten hat, sondern ihn unter die Menschen gab, die ihn dann in ihrem Hass getötet haben? Und ist es der Gott, der ihn auferweckt hat von Toten, so dass Christus auferstanden ist, wahrhaftig auferstanden, so dass ohne diese Auferstehung all unser diffuses Vertrauen in Welt und Transzendenz verpuffen würde, denn nur ER, der Auferstandene, ist das Fundament  unserer Liebe, unserer Hoffnung und unseres Glaubens? Und zieht sich nicht ausgehend von Ihm die Geschichte einer Schar von Menschen, die inmitten aller anderen Menschen und inmitten ihrer eigenen Schwächen und Unfähigkeiten  ein Zeichen aufrichten von einer Welt der Versöhnung und letzten Gerechtigkeit?
  
  Ja, das ist wohl so. Sonst wären wir nicht hier, in aller Gebrochenheit und Sehnsucht, mit unseren Verletzungen und unseren mitunter schlechten Gefühlen, mit unseren heimlichen Gelübden und geheimen Bitten. Wären die alle hörbar jetzt, es würde laut tosen in dieser Kirche und in den Kirchen der Welt – und in den Häusern und Hallen und Hütten. Wären die alle sichtbar jetzt, dieser Kirchenraum hinge voller Gebete.
  
  Aus dem Alten Testament lernen wir, dass es einen Sinn in unserem Leben gibt
  und dass dieser Sinn im Gotteslob besteht. Die Menschen sind dafür da, Gott zu loben! Und siehe, das tun sie auch. Sie tun es nicht rein wie die Engel, das haben wir schon gehört. Halden von verschüttetem Geröll müssen von der Seele gesungen werden. Auch die Psalmen der Bibel sind voll schiefer Töne, des Hasses, des Ressentiments, die sorgsam aus der Gottesdienstagende und dem Gesangbuch ausgeschnitten wurden (s. Ps 71 EG 732). Aber über allem singen die Menschen das Lob Gottes, des Schöpfers dieser Welt und der wiedererwachenden Natur, das Lob Gottes des Erlösers in Christus, der Arm und Reich aus ihren Verschanzungen befreien will und neues Leben unter uns entzünden will, und das Lob Gottes des Heiligen Geistes, der zusammenführt und freisetzt, was verfestigt war in den Prägungen unseres Lebens.
  
  Nicht im Kindersegen liegt letztlich der Gottessegen, so wichtig Kinder auch sind, sondern in der schon hier bezeugten Erfahrung eines Gottes, der tötet und lebendig macht, der nach dem ruft, was nicht ist, dass es sei (Rm 4,17), der uns in der Tiefe der Angst und der quälenden Gedanken nicht los lässt, sondern aus der Ferne und Höhe in unsere Nähe kommt, ganz nah, ohne Halten, zu uns kommt. Er richtet uns auf, hebt unsere Häupter und lässt auch die Traurigen wieder lachen.
  
  Das wollen wir miteinander versuchen, wie es eine lange Tradition in der Christenheit geübt hat: Das österliche Lachen (risus paschalis). Können wir etwas österlich übermütig werden und fröhlich scherzend fragen:
  Ob Hanna Samuel behalten hätte, wenn sie statt der Tempelkrippe Elterngeld bekommen hätte? Ob ein amerikanischer Präsidentschaftsbewerber sich nicht Elkanas Vielehe zum Vorbild nehmen könnte, und ob die EKD angesichts von so viel Liebe dagegen etwas Substantielles vorzubringen wüsste? Und ob es heute nicht die Yellow Press ist, die Menschen erhöht und erniedrigt, wie es ihr gefällt, oder die Staatsanwaltschaft, die demonstrative Festnahme – auch von Unschuldigen - anordnet? Und wie steht es eigentlich mit dem Hanna-Fanclub, der die Peninnas dieser Erde cool übergeht? Mokante Fragen…
  
  Liebe Gemeinde, zum Schluss ist zu sagen, dieses Samuelbuch ist ein Kleinod.
  Unvergesslich blieb es auch Luther der in seinen frühen Studentenjahren in einer Erfurter Bibliothek auf eine Bibel stieß. Der Foliant war an einer schweren Kette befestigt. Luther schlug das ihm fremde Buch auf und las mit Entzücken die Erzählung von Hanna und dem Weg ihres Sohnes Samuel zum „Mann Gottes“. Dieses Buch wollte er besitzen, hier hoffte er auf neue Anstöße. (WAT 1. Nr. 116; 44, 16-20; Nov. 1531) Das Samuelbuch ist ein Kleinod und guter Anfang zur Lektüre der Bibel. Da gibt es die großen Erzählbögen, die mit den schwierigen Geburtsgeschichten beginnen und  auf denen wir Menschen begleiten, die sich durchs Dunkle einen Weg bahnen und ihr ganzes Vertrauen auf Gott setzen. Sie alle werden zugleich geführt auf einem Weg zu lebendigem Leben.  Ähnlich vollzieht sich auch die Wandlung im Leben der beiden Frauen, die am Ostermorgen ans leere Grab kamen und im Zusammenbrechen ihres alten Lebens auf einmal verstanden, dass dieser Jesus nicht dem Tod anheimgegeben war, sondern lebt und in ihrem Leben wirksam wird.
  
  Und es gibt in der Bibel, die ganz kleinen Entdeckungen, die leicht überlesen werden. Ein solcher Fund ist auch in dem Lobgesang der Hanna eingeflochten. Da heißt es: „Der Herr ist ein Gott, der es merkt.“(V 3) Dieser kurze Satz enthält wohl den ganzen, den innersten Trost der Hanna in ihrer Not. Gott lässt sich nichts vormachen, er durchschaut das Lügengewebe, die Selbstrechtfertigungen und Intrigen, die Lügen und Halbwahrheiten.
  
  Auch wenn das zunächst nichts ändert, ist es doch auch heute ein großer Trost.
  Was haben wir heute an Selbstdarstellern und Superperformer im Angebot! Jeder ist aufgerufen aus sich eine Show zu machen, Hysteriker allen voran. Was wird uns alles hochtrabend in Tabellen und bedeutungsschweren Fremdworten präsentiert? Und da steht man nun und ruft, wie bei des Kaisers neuen Kleider: „Der hat doch gar nichts an!“ Aber das stört ja niemanden mehr, weil das ja auch dazu gehört und das Gegenteil auch wahr ist. Aber Gott merkt es. Er setzt den Maßstab. Er hat das letzte Wort. Auferweckung Christi bedeutet immer, dass der Henker nicht auf ewig über sein Opfer triumphiert, die Lüge nicht über die Wahrheit, die Intrige nicht über die Betrogenen. Amen.