Statt „Epiphanie“ sag: „Zusammenkunft“ (Handke) - Predigt zu Kolosser 1,24-27 von Eberhard Schwarz

Liebe Gemeinde,

am Abend vor dem Erscheinungsfest feiern die arabischen Christen im Heiligen Land. Epiphanias ist dort ein großes Fest: Man isst und trinkt schon am Vorabend. Um Mitternacht darf sich jede und jeder etwas wünschen. Woran werden sie wohl denken? In dieser Nacht, so der Glaube, sind die Pforten des Himmels geöffnet. Auch die Muslime feiern mit.

 

Im arabischen heißt Epiphanias „Id ul-Ightás” und bedeutet übersetzt das "Fest des Eintauchens". Damit wird auf die Taufe Jesu durch Johannes im Jordan angespielt – Christus, der sich hinein tauchen lässt in dieses wilde Wasser Leben. In manchen Gegenden, vor allem in den orthodoxen Kirchen, wird deshalb in öffentlichen Prozessionen das Taufwasser geweiht und es werden die Flüsse gesegnet.

 

Gottes Eintauchen in die Welt. Ist er denn da? Ist er auch dort: In Haifa, in Bethlehem, in Amman, in Beirut und Kairo und an den anderen Orten, an denen heute Christinnen und Christen – Orthodoxe, Kopten, Maroniten – ihr Weihnachten feiern? In diesem Jahr - mehr als sonst – unter bedrohlichen Vorzeichen – und mehr als sonst – mit der Sehnsucht nach einem stabilen Frieden und nach einem sicheren Leben?

 

Es ist dieser fremdartige Predigttext aus dem Anfang des Kolosserbriefes, der darauf eine Antwort wagt. Er sagt: Ja, Gott ist da! Und wir sind da! Und Gott ist mit uns und auch durch uns da! Gottes Eintauchen in die Welt! Die Antwort heißt: Christus ist in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit – er ist in euch! Er ist in Euren Ohren und, so Gott will, auch in euren Herzen und dann in eurem Leben.

 

Wer im Kolosserbrief liest, entdeckt: Dieser Antwort voran geht unmittelbar der große Hymnus, den wir zum Eingang gebetet haben. Es ist ein frühchristliches Lied, das in kosmischer Weite und mit starken dichterischen Bildern davon singt, wie Christus in die Welt kommt: Als der, in dem die Fülle der Gottheit wohnt. Als der, in dem sich Himmel und Erde miteinander versöhnen. Als der, der selber versöhnt und der Frieden stiftet.  

 

Und dann steht in diesem Hymnus plötzlich ein nahezu surrealistisches Bild vor unseren Augen. Wir sehen, wie dieser Mensch, Christus - das Ebenbild des unsichtbaren Gottes -, zugleich das Haupt eines Leibes ist. Er hat einen Körper. Einen Leib, durch den er handelt und sich bewegt und lebt. Und dieser Leib, so hören wir die Deutung, der Leib, das ist die Gemeinde.

 

Liebe Gemeinde: Das sind wir!

 

Christus das Haupt und wir sein Leib. Wir sind der Leib Christi.  Das ist ein ungeheurer, kühner Gedanke, der uns eigentlich schon beim Hören überfordern müsste! Wir kennen ihn auch aus anderen biblischen Texten. Aber verstehen wir ihn in seinen Konsequenzen?

 

Gottes Eintauchen in die Welt?  Die Antwort, die der Kolosserbrief gibt, heißt: er taucht auch in uns ein. Oder noch einmal anders: Wir sind in ihn hineingetauft. Wir als Glaubende und als Kirche in sein Leben. Und das Leben eines Apostels ist es auf eine ganz besondere Weise. Denn der Apostel ist dazu beauftragt, nicht nur Menschen das Evangelium zu bringen, sondern auch mit ihnen diese Welt auszuhalten und zu gestalten. Er ist derjenige, der weiß, dass unsere Hoffnung nicht in der Hoffnung dieser Welt aufgeht. Er weiß auch, dass das Leiden Christi an dieser Welt noch nicht vorbei ist! Er weiß schließlich, dass wir alle auf Hoffnung hin leben.

 

Am Abend vor dem Erscheinungsfest feiern die arabischen Christen im Heiligen Land. Epiphanias ist dort, wie gesagt, ein großes Fest: Man isst und trinkt schon am Vorabend. Zalábye, das ist eine süße Delikatesse, in Olivenöl gebacken, wird in Mengen verzehrt. Und um Mitternacht darf sich jede und jeder etwas wünschen. Woran werden die Menschen gestern Abend gedacht haben? An den Frieden im Nahen Osten? An ihre persönlichen Lebensdinge? An die Arbeit, die sie vielleicht suchen? An ihre Familien? An ihre Gesundheit? An das Glück oder an die Liebe? Manche Wünsche werden nicht sehr weit von unseren entfernt sein.

 

Heute ist Epiphanias. Für uns westliche Christinnen und Christen ist Weihnachten schon Teil der Vergangenheit. In den Zeitungen lesen wir, wo die Sammelstellen für unsere Weihnachtsbäume sind. Bald werden die Weihnachts- und Neujahrskarten mit ihrem guten Wünschen, die Geschenke, die Erinnerungen an unsere festlichen Tage ihren Ort in unserem Alltagsleben gefunden haben.

 

Ob wir sie in ein paar Wochen überhaupt noch entschlüsseln können als das, was sie waren? Als Zeichen der Liebe, der Versöhnung. Zeichen des Vertrauens und des Entgegenkommens. Entschlüsseln als mitmenschlichen Ausdruck für das Fest der Geburt Jesu Christi? Als menschliche Antworten auf das Ereignis der Menschwerdung Gottes?  Ob wir uns dann noch erinnern, dass wir selber Versöhnungsarbeit geleistet, vielleicht sogar Frieden gestiftet, Menschen einander nähergebracht haben und dadurch Zeuginnen und Zeugen der Hoffnung geworden sind? Wir, der Leib Christi?

 

Statt „Epiphanie“ sag: „Zusammenkunft“ – hat Peter Handke in seinen Reisenotizen festgehalten. Epiphanias – Zusammenkunft; der lebendige Christus und unser Leben – Sie wollen Nicht nur einmal im Jahr zusammenkommen. Sie wollen zusammenbleiben. Die Taufe steht dafür sakramental.

 

Die Freiburger Schriftstellerin und Dichterin Ingrid Würtenberger hat dazu notiert, wir müssten uns im Horizont dieser Verheißungen immer wieder selber auf den Weg machen wie die Heiligen Drei Könige, dass Gott und unsere Welt zusammenkommen. Gott auf dem Weg zu uns. Und wir auf dem Weg zu Gott.

 

„Drei Männer — nicht Könige, auch nicht heilig — Staatsmänner mit irdischer Macht wollen wir entsenden“. So schreibt sie. „Beschwerlich soll ihr Weg sein, wie damals. Dem Stern unbeirrt folgen mögen sie, vorüber an Gewalt und Ruinen; Hunger und Durst begegne auch ihnen. Wenn ihre Augen verzagt sind von vergeblichem Schauen, ihre Kehlen rauh von vergeblichem Rufen, ihre vornehmen Gewänder verstaubt und verschlissen, wenn sie alle Not dieser Welt selber gespürt, sich vor der verlassenen Krippe tief gebeugt haben, dann wird Versöhnung beginnen.“

 

Vielleicht, Liebe Gemeinde, vielleicht hat sie darin recht: dass wir der Zusammenkunft dort am nächsten sind, wo wir am weitesten in die Welt hineingegangen sind.  Als die, die darauf vertrauen, dass wir dort Gott am nächsten sind. 

 

Das zumindest war einer der zentralen Gedanken von Dietrich Bonhoeffer. Als ganz junger Mann hat er seine Doktorarbeit über die Gemeinde, über die Gemeinschaft der Heiligen, wie es im Glaubensbekenntnis heißt, über die Communio Sanctorum geschrieben. Und er hat darin erklärt, dass Gott an Weihnachten selber aus sich heraustritt und frei für den Menschen wird. Darin läge die Würde der Gemeinde als Leib Christi: frei zu werden für einander und für die Welt.

 

Denn, so Bonhoeffer an einer anderen Stelle: „Die Welt gehört zu Christus und nur in Christus ist sie, was sie ist. Sie braucht darum nichts Geringeres als Christus selbst. Alles wäre verdorben, wollte man Christus für die Kirche aufbewahren, während man der Welt nur irgendein, vielleicht christliches, Gesetz gönnt. […] Seit Gott in Christus Fleisch wurde und in die Welt einging, ist es uns verboten, zwei Räume, zwei Wirklichkeiten zu behaupten: Es gibt nur diese eine Welt.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

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Dietrich Bonhoeffer, Werke (DBW) in 17 Bänden, Bd. 6, S. 53, 12. Auflage 1988, S. 208ff.

Peter Handke, Gestern unterwegs, Salzburg und Wien 2005, S. 22

Ingrid Würtenberger, Epiphanias, in: Wem gehört die Erde, hg. v. Paul Konrad Kurz, Mainz 1964, S. 164