Wer aufbricht, kann hoffen

Die Predigt halten der sächsische  Landesbischof  Dr. Carsten Rentzing und sein katholischer Amtsbruder Heinrich Timmerevers, Bischof des Bistums Dresden-Meißen.

 

Bischof Heinrich Timmerevers:

Liebe Schwestern und Brüder!

Im Frühjahr 1986 stand ich, 200 Meter von hier entfernt, als junger Priester zusammen mit einigen Priesterkandidaten aus Münster auf meiner ersten Reise in die DDR vor den Ruinen der Frauenkirche und den Trümmerhaufen übriggebliebener Steine dieser Kirche, die gleichsam auf den Wiederaufbau warteten. Diese Bilder haben sich mir eingeprägt, ich habe sie lebendig vor Augen! Damals habe ich mich gefragt, wird sie je wieder aufgebaut, diese Frauenkirche? Wohl kaum, habe ich gedacht! Noch weniger habe ich mir vorstellen können, dass ich 30 Jahre später – heute – in der wiederaufgebauten Frauenkirche als Bischof des Bistums Dresden-Meißen hier stehen und zu Ihnen sprechen würde!

Liebe Festgemeinde!

Vor 26 Jahren durfte Deutschland im Nachgang der Friedlichen Revolution die Wiedervereinigung nach der leidvollen Teilung vollziehen und feiern. Bis heute bleibt das ein atemberaubendes Ereignis und ein großes Geschenk! Wenn es das nicht gegeben hätte, könnten wir heute diesen Gottesdienst hier nicht feiern!

Das Leben in Freiheit ist ein großes Geschenk! An diesem Tag kann uns das neu bewusst werden. 70% aller Menschen leben heute in Staaten, in denen Religionsfreiheit großen Beschränkungen unterworfen ist. Vielleicht suchen auch deswegen so viele Menschen Schutz und Geborgenheit in Europa. Wir sind dankbar, dass wir unsere Religion, unser Christsein, in diesem Land hier so selbstverständlich leben können. Viele erahnen schon gar nicht mehr, dass dies im weltweiten Maßstab gerade nicht selbstverständlich ist!

Geschenkte Freiheit! Einem Menschen wird etwas geschenkt, was er im Tiefsten seines Herzens erhofft. Er konnte es selbst nicht machen und es fällt ihm überraschend zu! Wer sich unverhofft beschenkt weiß, der wird in seinem Herzen dankbar!

Vor wenigen Tagen bin ich dem Kaplan der Hofkirche begegnet, der am 8. Oktober 1989 an der Demonstration auf der Prager Straße in Dresden teilgenommen hat. Die Volkspolizei hatte am Abend hunderte Menschen eingekesselt, die auf die durchrollenden Züge der Prager Botschaftsflüchtlinge aufspringen wollten. Er hat mir die Situation geschildert. Zusammen mit einem anderen Kaplan gelang es ihm, aus der Menschenmenge herauszutreten und mit einem Volkspolizisten zu sprechen, der wider alle Erwartung offen war für das Anliegen der Demonstranten. Dieser mutige Schritt der beiden gläubigen Christen mit dem Vertrauen auf die Mitwirkung Gottes hat das Tor geöffnet für eine friedliche Revolution. Dass die Sehnsucht nach Freiheit sich ohne Blutvergießen eine Bahn brechen konnte, ist ein solches Geschenk, das wir als gläubige Menschen bei all unserem Mühen als Gabe Gottes sehen dürfen.

Beim Wiederaufbau der Frauenkirche wurde unter den Trümmern auch das Kuppel-Kreuz gefunden, das nun hier in der Kirche seinen Platz gefunden hat. Dieses Kreuz ist gezeichnet von der Wucht der Zerstörung, und doch ist es nicht untergegangen! Was für ein Zeichen!

Mit Jesus Christus, der am Kreuz gestorben durch Gottes Macht vom Tode auferstanden ist, wird das Kreuz zu dem christlichen Hoffnungszeichen.

Beim Wiederaufbau der Frauenkirche wurde unter den Trümmern auch das Kuppel-Kreuz gefunden, das nun hier in der Kirche seinen Platz gefunden hat. Dieses Kreuz ist gezeichnet von der Wucht der Zerstörung, und doch ist es nicht untergegangen! Was für ein Zeichen!

Mit Jesus Christus, der am Kreuz gestorben durch Gottes Macht vom Tode auferstanden ist, wird das Kreuz zu dem christlichen Hoffnungszeichen. - Unter dem Kreuz wurden und werden Menschen aufgerichtet und wagen ihren Weg in eine unbekannte Zukunft.

Wenn der Christ auf das Kreuz schaut, kann er nie bei sich selbst stehen bleiben. Er ist herausgefordert, helfend und heilend sich dem Menschen zuzuwenden, der in Not ist! Jesus Christus ruft uns, in jedem Notleidenden ihn selbst zu sehen und dem Nächsten konkret zu helfen. Der Dienst der Nächstenliebe von Mensch zu Mensch ist für die Gesellschaft, ist für die Glaubwürdigkeit des Evangeliums von entscheidender Bedeutung. Überall da, wo der Mensch, der Christ diesem Dienst am Mitmenschen nachkommt, gewinnen wir als Christen Glaubwürdigkeit. Nicht zuletzt deswegen rief Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit aus und unterstreicht so die Notwendigkeit der „horizontalen Dimension“ des Kreuzes.

Barmherzigkeit im Zeichen des Kreuzes gehört zum Fundament des Christentums. Ohne Barmherzigkeit kann es keine wirkliche humane Gesellschaft und keine menschenfreundliche Religion geben.

Was kann uns beständig daran erinnern? Dazu ein Wort in ökumenischer Verbundenheit mit der „Sprachmusik“ aus Martin Luthers Morgensegen. Vor dem eigentlichen Morgen- und auch Abendsegen gibt uns der Erfurter Mönch und Wittenberger Theologe einen einfachen und dennoch immer wieder vergessenen Hinweis: „Des Morgens, wenn du aus dem Bette fährst, sollst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes.“

Liebe Schwestern und Brüder, ich lade Sie ein, sich täglich mit dem Zeichen des Kreuzes zu segnen, indem wir es unserem immer wieder ermüdeten und resignierten Dasein von der Stirn bis zur Brust, von einer Schulter zur anderen tatsächlich einzeichnen. Mit der Hoffnung auf Gottes Beistand geben wir unseren Beitrag zu einer menschenfreundlicheren Welt.

Landesbischof Dr. Carsten Rentzing, Predigt II

"Seid freundlich und herzlich untereinander". Oft ist das leichter gesagt als getan.

Immerhin leben wir in unruhigen Zeiten. Diese Unruhe greift nach uns, privat und gesellschaftlich. Unruhe kann auch produktiv sein. Gerade darin lag ja das Wunder der friedlichen Revolution. Heute sind wir bedroht von Zerwürfnissen, die in Unfrieden zu münden drohen. Unsere Gesellschaften, sogar unser ganzer Kontinent zerspalten sich an den Fragen der Gegenwart und Zukunft. Die Länder Europas streiten sich. Flüchtlinge irren umher. Terroristen säen mit ihren Morden Angst und Misstrauen. Hass erfüllt die sozialen Netzwerke.

In dieser angespannten Situation appelliert die Bibel: „Strebt voll Eifer nach Frieden mit allen“. (Hebräer 12,11) Das klingt weltfremd und vollmundig: Frieden mit allen! Aber Frieden ist eben nicht irgendeine zusätzliche Gabe. Friede ist vielmehr der Grund, auf dem ein segensreiches Leben überhaupt nur möglich ist. Die Erfahrung der zwei Weltkriege hat diese Erkenntnis tief in die Herzen der europäischen Völker eingebrannt. Und die kriegerischen Auseinandersetzungen der Gegenwart sollten uns eigentlich neuerlich daran erinnern, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Das Nagelkreuz der zerstörten Kathedrale von Coventry mahnt uns auch in dieser Kirche daran, dies niemals zu vergessen.

In der rauchenden Ruine der Kathedrale von Coventry wurden nach der Zerstörung durch deutsche Bomben im 2. Weltkrieg aus dem Gebälk des Deckengewölbes einige mittelalterliche Zimmermannsnägel geborgen. Drei dieser Nägel sind später zu einem Kreuz zusammengefügt worden. Aus Teilen der Zerstörung entstand somit ein neuer Hinweis auf die christliche Hoffnung.

In den Schriften der Bibel meint das Wort Frieden allerdings noch mehr als die Abwesenheit von Waffengewalt. Frieden bedeutet dort eine umfassende Ordnung, die den einzelnen Menschen und die Völker geborgen sein lässt. Frieden umfasst deshalb auch Gerechtigkeit und Freiheit. Allen Menschen sollen wir solchen Frieden gewähren. Es ist gut für ein Volk an seinem Nationalfeiertag ein solches Wort zu hören. Es ist gut, an einem solchen Tag selbstkritisch zu fragen: Wie kann ich zum Freiden beitragen, wenn Menschen beleidigt und ausgegrenzt werden – in der Schule, in der U-Bahn, im Parlament, in den Kirchengemeinden?

Wir Christen distanzieren uns entschieden vom Geist des Unfriedens und der Gewalt, denn dieser Geist zerstört und  setzt die Grundlagen für ein gesegnetes Leben aufs Spiel. Dieses Land braucht den Geist des Friedens. Es braucht Menschen, die mit Eifer nach diesem Geist des Friedens streben.

Wie in der Zeit der friedlichen Revolution. So wie damals sollen wir auch heute ein Segen sein. Für unsere Familien. Für unsere Nachbarn. Für unsere Städte. Für unser Land. Darum lasst uns mit Eifer nach Frieden suchen – zusammen mit allen Menschen guten Willens.

Wir haben in diesem Gottesdienst schon vom Zeichen der Christen, dem Kreuz, gehört. Dieses Kreuz wird durch zwei Balken gebildet. Der horizontale Balken des Glaubens öffnet den Blick und die Arme nach links und nach rechts in die Welt hinein, die uns umgibt.

Christinnen und Christen sind dabei erfüllt vom Geist der Barmherzigkeit, der durch sie in unsere Welt fließen soll. Und sie vereinen sich darin mit all jenen, die ebenfalls barmherzig handeln. Es ist diese Barmherzigkeit, die unser Land so lebenswert macht, dass es zum Hoffnungspunkt für viele in dieser Welt wird. Freilich kann der horizontale Balken schnell zur Überforderung führen, wenn er nicht verbunden wird mit dem vertikalen Balken. Dieser vertikale Balken lenkt unsere Blicke empor. Er richtet sie aus auf Gott. Und dieser Blick ist heilsam. Frieden ist nicht allein das Werk der Menschen. Friede ist vielmehr Ziel des göttlichen Handelns. Friede ist göttlichen Ursprungs. Das gibt der Aufforderung, dem Frieden nachzujagen eine besondere Würde und damit eine besondere Dringlichkeit. Aber es entlastet uns Menschen zugleich auch.

Wir stehen in allem, was wir tun und lassen in Verantwortung vor Gott. So wie es auch die Mütter und Väter des Grundgesetzes formuliert haben. Aber wir dürfen uns gerade auch deshalb im Gebet an ihn wenden. - Er lässt uns in unserem Eifer für den Frieden nicht allein.

Das ist die Zuversicht des Glaubens, mit der dieses Gotteshaus einst errichtet wurde. Lasst uns mit dieser Zuversicht aufbrechen. Lasst uns den Herrn bitten für unser Land. Möge sein Frieden dieses Land und alle Menschen, die darin leben, erfüllen und uns eine gesegnete Gegenwart und Zukunft schenken. Amen.