"Zwischen Verantwortung und Zerbrechlichkeit" – Predigt über Johannes 21,15-19 von Peter Wick

Zwischen Verantwortung und Zerbrechlichkeit
Liebe Gemeinde,
von den vielen wichtigen Personen, über die im Neuen Testament berichtet wird, ragt Petrus ganz besonders heraus.  Kein anderer erhält eine so große Verantwortung. Seine Zerbrechlichkeit wird von keinem anderen so betont.
Die historisch ältesten Hinweise zu Petrus finden wir bei Paulus. Paulus schreibt, dass der Herr dem Petrus zuerst erschienen ist, ihm selbst aber als letzter. An keinem anderen arbeitet sich Paulus so ab, zu keinem anderen setzt er sich so vielfältig in Beziehung. Petrus der ersteAuferstehungszeuge, Paulus der letzte Auferstehungszeuge. „Sogar“ Petrus ist verheiratet und nimmt seine Frau bei seinem missionarischen Wirken mit. „Ich aber, Paulus, verzichte selbst auf das.“ „Mein Evangelium ist allein von Gott.“ „Drei Jahre nach meiner Berufung ging ich nach Jerusalem, weil ich Petrus kennenlernen wollte.“ 14 Jahre später musste ich auf Geheiß Gottes nach Jerusalem, um mein Evangelium dort zur Prüfung vorzulegen, aber ich habe das nur gegenüber Petrus und Johannes getan. Sogar sein Evangelium definiert Paulus in Relation und Opposition zu dem des Petrus. Diesem sei das Evangelium der Beschneidung anvertraut, ihm aber das der Vorhaut. Paulus definiert seinen eigenen Dienst und seine Wichtigkeit gerne in oft abgrenzender Relation zu Petrus. Der Wichtigste in der Kirche ist für ihn dafür alleine interessant.
Jesus beruft den Fischer Simon See Genezareth. Dieser wird zum leidenschaftlichen Jesusanhänger. Er folgt Jesus nach, wird in den 12er Kreis berufen. Er wird der Sprecher von diesem Kreis. Er antwortet am Schnellsten, als Jesus seinen Schülerkreis fragt, wer er sei: „Du bist der Christus.“ Jesus gibt ihm daraufhin den Beinamen Petros, Fels. Auf diese Petra, diesen Fels, will er seine Ekklesia bauen. Auf ihn als Person, wie die Katholische Kirche glaubt, auf sein Bekenntnis, wie die Evangelische Tradition die Differenz zwischen Petros und Petra verstehen will. Schlüssel- und Binde- und Lösegewalt wird ihm verheißen. Petrus scheint in seinen Wanderjahren mit Jesus ein richtiger Hitzkopf gewesen zu sein. Er ist sofort bereit, mit Jesus zu sterben. Jedenfalls meint er das, bis es ernst wird und er seinen Lehrer verleugnet. Er will in Gethsemane seinen Herrn verteidigen und schlägt mit dem Schwert zu, so dass Jesus den Schaden, den er damit verursacht, wieder heilen muss. So jedenfalls erzählen es die vier Evangelien in verschiedenen Versionen und Varianten.
Simon ist in den Evangelien schnell, manchmal auch vorschnell. So wird er zum Kephas, zum Petrus. So nimmt er aber den Mund auch oft zu voll und hätte besser geschwiegen. „Lasst uns Hütten bauen.“
Doch in einem sind sich alle Evangelien einig: Dieser Simon, mit dem aramäischen Beinamen Kephas beziehungsweise dem griechischen Petrus, muss kritisiert werden. Kein anderer Nachfolger Jesus wird im Neuen Testament so oft und so ausführlich kritisiert. Kein Evangelist vergisst seine Verleugnung.
 Petrus wird Leiter der ersten Gemeinde in Jerusalem. Irgendwann ist er fähig, dieses Amt abzugeben, was nicht selbstverständlich ist. Er scheint einen Wanderdienst angenommen zu haben und zuletzt in Rom gestorben zu sein. Er verliert anscheinend mit dem Amt und Alter seiner Hitzköpfigkeit. Er wird dabei nicht der Erste und nicht der Letzte gewesen sein.
Er wird zum richtigen Präses. Am Morgen spricht man auf einem Treffen der erzkonservativen Mitglieder der Kirche, die alle Traditionen bewahren wollen und Öffnungen und damit verbunden Kompromissen kritisch gegenüber stehen. Am Abend gibt es vielleicht schon ein Treffen mit den Liberalen, die Altes über Bord werfen wollen, um Außenstehende zu gewinnen. Dabei ist der Präses immer in der Gefahr, dass ihm irgendein Heißblut von der einen oder der anderen Seite faule Kompromisse, Wendehals oder sogar Verrat an der Sache vorwirft. So geschieht es dem Petrus in Antiochien. Selbstverständlich hat er Mahlgemeinschaft mit seinen nichtjüdischen Glaubensgeschwistern, die die Speisegebote der Tora nicht halten müssen. Selbstverständlich versucht er den toraobservanten Geschwistern aus Jerusalem ein unanstößiger Bruder zu sein und isst bei deren Besuch in Antiochien nicht mit den anderen. Und schon steht der Eiferer Paulus auf und wirft ihm Verrat am ganzen Evangelium vor. Er wird das sogar aufschreiben und sich damit vor Gemeinden profilieren: Er hat es erfolgreich gewagt, um der Sache willen sogar dem Petrus zu widerstehen.
Hitzköpfiger Jesusnachfolger oder integrativer Präses, immer wird Petrus kritisiert. Nichts an Kritik wird vergessen in den Schriften: Nicht einmal das, dass ihn Jesus, als er das mit dem Messias zwar begriffen, aber das mit dem Leidensweg des Messias nicht kapiert hat, sogar Satan genannt hat, wird vornehm ausgelassen. Es gibt so etwas wie ein Petrus-Bashing im Neuen Testament. Wie verträgt sich das mit seiner Vorrangstellung, wie verträgt sich das mit dem Felsen?
Die ältesten Epen der Welt handeln alle von Helden. Doch die Helden der Bibel „machen häufig Fehler, die sorgfältig verzeichnet werden – vielleicht gerade, damit keiner von ihnen deifiziert werden“ kann (Tomás Sedlácek, Die Ökonomie von Gut und Böse, 74). Es gibt in der Bibel nur zerbrechliche Helden und Hauptverantwortungsträger: Abraham, Jakob, Mose und Jeremia mit ihrer Angst vor der Berufung, Simson mit seinen Frauengeschichten, David mit Batseba, .
 Gerade das Johannesevangelium hat viele kleine kritische Spitzen. Hier ist Petrus nicht der erste Jünger, nicht der geliebtest und schon gar nicht der, der am Schnellsten von Begriff ist.
Und nun kommt endlich unser Predigttext in Joh 21,15-19. Auch hier wird Petrus ein bisschen vorgeführt: Dreimal fragt ihn Jesus dasselbe, bis der richtig traurig wird. Dreimal hat er Jesus verleugnet, obwohl er behauptet hat, dass er mit ihm in den Tod gehen würde. Auch das wird hier wieder aufgenommen. Ja, Petrus wird das Martyrium sterben, aber nicht ganz freiwillig.
Doch nun genug der Kritik, es muss ja außer dem Messiasbekenntnis noch weitere Gründe geben, weshalb Jesus diesem zerbrechlichen Draufgänger die Hauptverantwortung über die entstehende Gemeinde anvertraut hat. Daraufhin wollen wir nun unseren Predigttext hören:
Joh 21,15-19
15 Als sie nun gegessen haben, sagt Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als diese mich lieben? Er sagt zu ihm: Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe. Er sagt zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Und er sagt ein zweites Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Der sagt zu ihm: Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe. Er sagt zu ihm: Hüte meine Schafe!
 17 Er sagt zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und er sagt zu ihm: Herr, du weisst alles, du siehst doch, dass ich dich lieb habe. Jesus sagt zu ihm: Weide meine Schafe!
 18 Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selber gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest. Wenn du aber älter wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst.
 19 Das aber sagte er, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Und nachdem er dies gesagt hatte, sagte er zu ihm: Folge mir! Der sagt zu ihm: Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe. Er sagt zu ihm: Hüte meine Schafe!
Jesus fragt Petrus dreimal danach, ob er ihn liebe. Dreimal bejaht Petrus dies. Dreimal will Jesus, dass Petrus diese Liebe, diese Liebesenergie zu ihm umlenkt zu seinen Glaubensgeschwistern und sie in Liebe weidet. Die Jesusliebe soll als Menschenliebe Gestalt gewinnen. Petrus soll seine Jesusliebe in liebender Verantwortung für andere leben. Dem Liebenden vertraut Jesus sein eigenes Amt gegenüber den Glaubenden an. Wie er selbst der Hirte der Schafe ist, so soll genau dies nun Petrus werden: Der Hirte der Schafe.
Jesus fragt den, der ihn dreimal verleugnet hat, dreimal, ob er ihn liebt. Anstatt sich mit seiner Liebesbeteuerung zufrieden zu geben, lässt er sie gleich Grundkriterium des Dienstes in Verantwortung werden. Diese Liebe ist Voraussetzung und Grund, um Verantwortung über andere Menschen zu übernehmen. Grundqualifikation eines Lehrers für seinen Dienst an den Schülern, eines Professors gegenüber seinen Studenten und Mitarbeitern, eines Rektors gegenüber einer ganzen Universität, einer Regierung gegenüber ihrem Land, ist nach diesem Text die Liebe zu Gott, hier zu Jesus, eine vertikale Liebe, die in die Horizontale umgelenkt zur Menschenliebe werden soll.
Nun aber ist Petrus nicht einfach der passiv Empfangende, der nur reagiert. Petrus lässt diese Anfrage von Jesus zu einem richtigen Gespräch werden, indem er Jesus nicht einfach folgt. Ja, der Zerbrechliche wagt Jesus aufgrund seiner Zerbrechlichkeit mehrfach zu widersprechen. So wird er zum Verantwortungsträger.
Jesus fragt ihn beim ersten Mal: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als diese mich lieben? Alles schwingt mit. Wer Verantwortung will, wer eine führende Position haben will, muss in den Wettbewerb einsteigen, muss die anderen in den Schlüsselqualifikationen übertreffen. Der Beispiele sind Legion, heute! Wer eine gute berufliche Position will, muss schon jetzt seine Mitstudenten übertreffen. Ein guter Professor ist einer, der die anderen im überall wuchernden Wettbewerb in den Schlüsselqualifikationen übertrifft, der mehr ist als diese. Die Schlüsselqualifikation ist hier die Liebe. Jesus bietet Petrus ein kompetitives Element an: „Mehr als diese“. Doch Petrus verweigert sich und antwortet nur: Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe. Er, der vor wenigen Tagen noch meinte, dass er auf keinen Fall Jesus im Stich lassen werde, auch wenn es alle anderen tun, ist an seinem eigenen Ehrgeiz und seinem eigenen kompetitiven Verhalten gegenüber seinen Mitjüngern zerbrochen. Und diese Zerbrechlichkeit bejaht er jetzt nicht nur, sondern er integriert sie aktiv in sein Leben und seinen Dienst. In Liebe eine Gottesbeziehung leben, in Liebe dann die Schafe weiden, ja, aber eben in Liebe, und nicht im Wettbewerb.
Jesus fragt Petrus, ob er ihn liebt mit der selbstlosen, hingebenden Liebe (agapáo). Petrus beantwortet auch das nicht wörtlich verändert die Frage durch die Antwort. Er liebt ihn nicht bedingungslos und selbstlos, sondern mit freundschaftlicher Liebe, mit reziproker Liebe (filéo). Petrus wollte Jesus voraussetzungslos lieben. Doch er hat ihn verleugnet und ist mit einem solchen Lieben gescheitert. Mit dieser Variation des Liebesbegriffes, der nur im Griechischen wiedergegeben werden kann, integriert Petrus sein Scheitern und besteht in seiner Antwort auf seine Zerbrechlichkeit. Wenn er Jesus lieben kann, dann nur, weil dieser ihn trotz der Verleugnung wieder bedingungslos angenommen hat, weil dieser sich ganz hingegeben hat bis in den Tod. Gegenüber dieser Liebe kann er nur reziprok lieben. Mit all seinem Lieben gegenüber Gott, mit all sein Lieben gegenüber Glaubensgeschwistern wird er immer nur etwas von der Liebe zurückgeben können, die er bereits empfangen hat, gerade in seinem Zerbruch.
Petrus gewinnt. Jesus fragt zum zweiten Mal und lässt das kompetitive Element weg: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Doch auf die veränderte Liebe geht er nicht ein und fragt ihn nach der Agapeliebe (agapáo). Doch Petrus bleibt stur und bejaht mit der Bescheidenheit des Zerbrechlichen nur die freundschaftliche Liebe, nicht die selbstlose.
Beim drittenmal gibt Jesus auch hier nach und fragt nur noch nach der freundschaftlichen Liebe.
Liebe Gottesdienstgemeinde: Petrus ist einer der großen Helden der Bibel. Deshalb wird er besonders intensiv kritisiert. Er ist nach unserem Text einer der größten Führungspersönlichkeiten, weil er bereit ist zu lieben und volle Verantwortung zu übernehmen, aber gerade dabei sich dem Wettbewerb verweigert. Er ist einer der Größten, weil er seine eigene Zerbrechlichkeit in seinen Dienst integriert und sogar von Jesus, von Gott fordert, dies zu akzeptieren. Amen.