Die Mitglieder der koptischen Kirche, also die Christinnen und Christen in Ägypten, lieben es zu feiern: Zum Beispiel, dass sie eine der ältesten Kirchen der Welt sind … dass sie vom Evangelisten Markus persönlich gegründet wurden … dass sie bis heute einen eigenen Papst haben … vor allem aber: Dass Jesus bei ihnen leibhaftig zu Besuch war. Was ja nicht viele Länder von sich sagen können. Ja, Jesus war in Ägypten. Seine einzige Fernreise. Und das wird in Ägypten groß gefeiert.
Tatsächlich sind die Feste im Zusammenhang mit den „Reisen der Heiligen Familie“ – die am Nil übrigens mit den Muslimen zusammen gefeiert werden – so prägend für dieses Land und diese Kirche, dass sie 2022 von der UNESCO in die "Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit" aufgenommen wurden: "Die Feste zu den Reisen der Heiligen Familie". Verrückt, oder?
Dabei wissen wir: Die Reise Jesu nach Ägypten war weder ein Wochenendtrip noch eine Pauschalreise zum Schnorcheln in Hurghada. Das war eine Flucht. Maria und Josef fliehen mit ihrem Kind nach Ägypten, weil Jesus in seiner Heimat der Tod droht. Hören wir uns dazu noch mal den Text der biblischen Erzählung an:
Als die Weisen aus dem Morgenland wieder gegangen waren, erschien Josef im Traum ein Engel, der ihm sagte: „Steh auf! Nimm das Kind und seine Mutter und flieh mit ihnen nach Ägypten. Bleib‘ dort, bis ich dir etwas anderes sage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.“
Da stand Josef mitten in der Nacht auf und floh mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten. Dort blieb er, bis Herodes gestorben war. Weil sich das erfüllen sollte, was Gott durch seinen Propheten verheißen hatte: „Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen.“ (Mt 2, 13-15)
Das Erstaunliche ist: Diese drei Bibelverse enthalten alle Elemente, die nach Artikel 16a des Grundgesetzes nötig sind, damit ein Mensch Asyl erhält: „Asylberechtigt und politisch verfolgt ist eine Person, die im Fall der Rückkehr in ihr Herkunftsland einer schwerwiegenden Menschenrechtsverletzung ausgesetzt sein wird, ohne eine Fluchtalternative innerhalb ihres Herkunftslandes zu haben.“
Passt: Josef erfährt mitten in der Nacht, dass seinem Kind aus religiös-politischen Gründen die Ermordung droht, er bricht mit seiner Familie fluchtartig auf – und bleibt im Exil, bis die Gefahr in seinem Herkunftsland vorüber ist. Wobei klar ist: In Israel wäre Jesus vor den Soldaten des Königs Herodes nirgendwo sicher gewesen.
Interessant ist, wie diejenigen, die diese Geschichte später aufgeschrieben haben, sie deuten und in größere theologische Zusammenhänge einordnen. Ich zeige einfach mal drei Deutungsperspektiven, die uns helfen, tiefer in die Bedeutung dieser Ereignisse einzusteigen.
Die Flucht nach Ägypten ist ... eine Sternstunde der Geschichte
Klar. Ägypten ist ja nicht irgendein Land. Ägypten ist das Land des Exodus. Das Land, aus dem die Israeliten aus der Sklaverei geflohen sind. Sie erinnern sich: Mose zieht mit den versklavten Stämmen vom Nil durchs Rote Meer bis zum Sinai und später ins „Gelobte Land“, also nach Kanaan. Für jede Israelitin und jeden Israeliten ist Ägypten deshalb bis heute ein Symbol, ein Sinnbild für den Beginn eines Weges in die Freiheit. Das Beste, was dem Volk Israel je widerfahren ist: die Befreiung, die jedes Jahr im Pessach-Fest gefeiert wird. Das heißt: Jesus zieht genau den gleichen Weg später wieder. Mit ihm beginnt eine neue Freiheit. Deshalb gilt auch:
Die Flucht nach Ägypten ist ... eine Verheißung des Propheten
Wir haben das im Predigttext gehört: „Gott hat durch seinen Propheten verheißen: „Ich habe meinen Sohn aus Ägypten gerufen.“ Das ist ein Vers von Hosea, in dem es heißt: “Als Israel jung war, gewann ich es lieb, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ (Hos 11,1) Mit dem „Sohn Gottes“ ist also gar nicht Jesus gemeint, sondern das Volk Israel, dass für Gott wie ein Kind ist. Jetzt könnte man diese Übertragung auf Jesus eine kulturelle Aneignung nennen, für den Autor ist aber vor allem wichtig: Diese Reise ist kein Zufall, sie wurde vor Jahrhunderten angekündigt und zeigt, dass in Jesus die Geschichte Gottes mit seinem Volk weitergeht. Dann kommt:
Die Flucht nach Ägypten ist ... eine Heiligung des Geflüchteten
Das steht nicht direkt in den Versen unseres Textes, aber es gibt viele apokryphe Texte – Texte, die nicht in die Sammlung der biblischen Schriften aufgenommen wurden –, die davon erzählen. Nach dem „Pseudo-Matthäus-Evangelium“ hat Jesus in Ägypten schon als Kleinkind Wunder vollbracht, Drachen sind vor ihm niedergefallen und eine Dattelpalme hat sich vor Maria verneigt. Nach dem „Arabischen Kindheitsevangelium“ wankte nicht nur die Erde, als Jesus kam, es stürzten auch ägyptische Götterbilder ein. Und vieles mehr. Liest sich sehr unterhaltsam. Gemeint ist aber: Schon auf dieser Reise zeigt sich, dass Jesus Gottes Sohn ist und Heil bringt.
Stellen wir uns doch mal einen Moment vor, Jesus hätte heute gelebt. Auch dann hätte gegolten, was „united4rescue“, das Bündnis für zivile Seenotrettung, sagt: Es „ist ein Gebot christlicher Nächstenliebe, Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Elend fliehen, zu helfen und Menschenleben zu retten.“ Das ist es.
Und jetzt stellen wir uns vor, an der ägyptischen Grenze oder bei der Bootsfahrt entlang der Mittelmeerküste wäre das passiert, was heute vielen Geflüchteten passiert … und nach dem Willen vieler migrationsfeindlicher Parteien bald Standard sein soll: Jesus wäre an der Grenze abgewiesen worden. Die Soldaten von Herodes wären per Handy über den Flüchtling informiert worden – sie hätten den Säugling erwischt und exekutiert. Ja, das ist ein Gedankenspiel. Aber eines mit Folgen.
Wäre das passiert, dann hätte es womöglich nie ein Christentum gegeben. Diese historische Spekulation klingt vielleicht übertrieben, aber mit jeder und jedem Geflüchteten, die oder der zurück in den sicheren Tod geschickt wird, endet eine Geschichte, ein Leben, eine Zukunft. Und das gilt auch für diejenigen, die beim Versuch, über das Mittelmeer zu kommen, ertrinken. Es klingt immer so anonym, wenn es wieder heißt: „Es sind 120 Menschen ertrunken.“ Aber das ist keine anonyme Masse, das sind von Gott geliebte Individuen, und für sie – wie auch für uns – gilt genau das, was die Erzähler der Jesusgeschichte in dieser Flucht nach Ägypten gesehen haben: Auch wir sind eine Sternstunde der Geschichte, eine Verheißung des Propheten, eine Heilung des Geflüchteten. Was meine ich damit?
Wir können uns darüber echauffieren, dass der Autor die Fluchtgeschichte Jesu theologisch überhöht hat – wir können aber auch sagen: Darin stecken geistliche Kerngedanken, die das Wesen des christlichen Glaubens auf faszinierende Weise auf den Punkt bringen. Schauen wir uns das mal genauer an.
Jede und jeder ist ... eine Sternstunde der Geschichte
Im ersten Petrusbrief steht der schöne Satz: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht.“ (1. Petr 2,9) Nicht nur das Leben Jesu ist eine Sternstunde. Für Gott ist das Leben jeder und jedes einzelnen eine Sternstunde. Darum hören wir von ihm immer wieder: „Ich bin mit dir, weil du in meinen Augen unschätzbar und wertvoll bist.“ (Jes 43,4) Und wenn die Flucht Jesu mit dem Weg der Israeliten in die Freiheit in Verbindung gebracht wird, dann gilt für uns die Zusage: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1) Wir alle befinden uns auf dem Weg in die Freiheit und erleben den Exodus in unserem Alltag immer wieder neu. Hoffentlich!
Jede und jeder ist ... eine Verheißung des Propheten
Dem Autor der Fluchtgeschichte Jesu ist es ganz wichtig, darauf hinzuweisen, dass schon die Propheten diesen Weg vorhergesehen haben. Aber wenn die Prophezeiung ursprünglich dem Gottes Volk gilt, dann gilt sie doch für uns genauso. Und nicht nur das: Jesus sagt sehr deutlich: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, auf dass, worum ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe.“ (Jo 15,16) Sprich: Für uns alle gibt es eine Verheißung. Gott schreibt Geschichte mit jeder und jedem von uns. Und jede und jeder ist berufen, ein Leben zu führen, dass aus Unfreiheiten Freiheiten und aus Wüsten Gärten macht.
Jede und jeder ist ... eine Heiligung des Geflüchteten
Wir haben gesehen, wie wichtig es den apokryphen Evangelien ist, von den Wundertaten Jesu in Ägypten zu erzählen, also davon, dass die Anwesenheit Jesu heilsame Konsequenzen für die Menschen um ihn herum hat. Selbst als er noch ein kleines Kind ist. Die Botschaft dahinter lautet: Da, wo der Geist Gottes wirkt, passiert Heilung. Heilsames! Und auch das ist ein Gedanke, der durch Jesus später auf alle Menschen ausgeweitet wird. Wir alle sind eingeladen und aufgefordert, dieses heilbringende Tun fortzusetzen. Deshalb sagt Jesus ja: „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch.“ (Mt 10,8)
Wenn es aber stimmt, dass wir in der Fluchtgeschichte Jesu derart grundlegende Ideale des Glaubens finden – und zugleich deutlich wird, dass die erwähnten Verheißungen ausnahmslos jedem Menschen gelten, dann können wir gar nicht anders, als in jedem Geflüchteten einen Menschen zu sehen, auf dem Gottes Verheißung ruht. Oder aber, wie es der Bibeltext nahelegt: in jedem Menschen Jesus zu sehen. Und das heißt: in jedem Menschen Gott zu sehen. Wir sollten Gott nicht ertrinken lassen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.