Der Frieden ist tot.
Und wir können ihn nicht mehr wecken.
„Wovon träumt der Frieden eigentlich?“ Das haben sich Berliner Konfis gefragt, als sie auf das diesjährige Plakat der Friedensdekade schauten: „Komm den Frieden wecken“, steht nämlich drauf. Aber was, wenn der Frieden gar nicht schläft, sondern wenn der Frieden schon tot ist?
Ich merke jedenfalls, dass für mich der Frieden gestorben ist. Ich merke, dass ich das ganze Gerede darüber nicht mehr ertrage. Wir hoffen auf Frieden. Wir singen und beten für Frieden. Wir veranstalten Konferenzen für den Frieden. Aber das alles bringt nichts. Täglich sterben unnötig Menschen. Der Frieden kommt nicht. Weil er eben tot ist. Schon ganz lange. Wann ist das genau passiert?
Es gab eine Zeit, da hat Gott gedacht, dass er das mit dem Frieden noch hinkriegt. Und zwar wenn er uns nur hart genug bestraft. Dann würden wir schon friedlich werden. Er schickte damals eine Sintflut, und Noah baute die Arche. Als das Wasser verschwand, passierte folgendes: „Und Gott sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen 8,21-22)
Gott hat uns da aufgegeben. Also zumindest unseren Idealzustand, das, was uns eigentlich möglich wäre. Friedlich miteinander zu sein. Im Kleinen wie im Großen. Täglich scheitern wir daran. Weil wir Böses im Herzen tragen.
Weil wir Waffen bauen, immer mehr, und uns wundern, dass sie nicht nur zur Verteidigung, sondern von einigen auch zum Angriff genutzt werden. Weil wir es nicht hinkriegen, den Reichtum auf der Welt gerecht an alle zu verteilen. Und der größte Brocken in unserem Herzen: Weil es uns so schwer fällt, auf das zu verzichten, was wir einmal erreicht haben. Es ist so sauschwer unsere Privilegien loszulassen. Das ist eine menschliche Grundeigenschaft. Seit Noah, seit immer.
Deshalb hat Gott den Frieden sterben lassen. Den großen, den allumfassenden Frieden. Weil er die Habgier, den Neid und das Machtstreben uns nicht ausreden konnte. Auch mit der Sintflut nicht. Deshalb gibt es bis heute alles nur im Wechsel. Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht und eben auch Krieg und Frieden. Und das muss man erst einmal akzeptieren. Dass der allumfassende Frieden unter uns nicht zu haben ist. Zumindest jetzt nicht und die nächsten Jahrhunderte auch nicht. Erst ganz am Schluss.
So, was machen wir jetzt mit dieser traurigen Erkenntnis? Müssen wir den Wechsel von Krieg und Frieden einfach so hinnehmen und aushalten? Ich glaube ja. Aber ist das nicht ganz schön deprimierend? Ja, ist es. Aber auch entlastend. Denn noch viel trauriger ist es, einem Ziel entgegen zu laufen und zu wissen, es nie erreichen zu können. Dann wäre nämlich alles Sprechen darüber, Beten dafür und Hoffen darauf leer.
Ich sehe gerade keinen anderen Weg. Gerechtigkeit first. Nicht zufällig steht sie bei diesem Dreiklang ganz vorne: „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Ohne Gerechtigkeit kein Frieden. Solange wir nicht aufhören, in allen Lebensbereichen immer siegen, immer stärker sein zu wollen und unser Leben auf den Schultern von anderen leben, solange wird es keine Gerechtigkeit und somit auch keinen Frieden geben. Solange wir Wirtschaftsformen unterstützen, die das rücksichtslose Siegen auf abstruse Weise belohnen, ist der Frieden tot. Solange Menschen deshalb fliehen müssen und sterben, ist der Frieden begraben. Es wird immer jemanden geben, der stärker, reicher, mächtiger auf Kosten von anderen sein will und dem jedes Mittel dafür recht ist.
Was uns bleibt, ist, dass wir – jede und jeder von uns – da, wo wir es können, immer wieder „kleine“ Gerechtigkeiten schaffen und den „kleinen“ Frieden wecken. Auch wenn er noch so zerbrechlich ist. Auch wenn es nur eine kleine Geste ist wie das Hand-Ausstrecken für eine Entschuldigung. Oder ein Kreuzchen beim Wählen. Oder ein Rettungsschiff auf dem Mittelmeer. Der kleine Frieden ist immer möglich, der lebt. Deshalb hat Gott nach der Sintflut den Regenbogen erschaffen, der uns genau daran erinnert. Der Frieden ist tot, es lebe der Frieden.
Amen.