Wandlungen. Predigt über Jes 61, 1-3(4.9)10.11 von PD Dr. Dörte Gebhard
61,1-3(4.9)10-11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. Amen. 

 

Liebe Gemeinde,

 

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! 

 

Das ist eine Offenbarung ... aus der Offenbarung des Johannes (21, 5).

Die Jahreslosung 2026. 

Siehe, ich mache alles neu! 

Besser kann eine Losung nicht passen. 

Mit Ausrufezeichen! 

So viel sollte neu, also ganz anders werden in unserem Hierseits! 

 

Der heutige Predigttext ist auch eine Offenbarung. 

Sie könnte sehr gut von Johannes, dem Seher sein.

Würde zu ihm passen. 

Aber schon am Ende des Jesajabuches haben sie den göttlichen Wandel kommen sehen. Ich lese aus dem 61. Kapitel (1-4.10-11). Der Prophet teilt sich mit: 

 

1 Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise.

4 Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben. 

 

10 Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern. (Jesaja 61, 1-4.10-11)

 

I          Einen Reim auf die Predigt machen 

 

Das sind ... 

... Worte, die vom Wandel handeln ... 

So viel habe ich verstanden!

Aber sind das Worte, die verwandeln?

Nein, sie sind noch nicht zuhanden! 

 

Dazu ist die Predigt gut, 

dass wir die Worte besser versteh´n, 

damit sie wie damals zu Herzen geh´n,

dass wir fassen großen Mut. 

 

Wir beginnen mit den Wortwandlungen und dann verwandeln wir uns selbst.

 

II         Wortwandlungen

 

... den Elenden gute Botschaft bringen, heißt es im Prophetenbuch. 

 

Als Pfarrerin besuche ich oft Familien, die immer nur Rechnungen, Mahnungen oder gar Betreibungen im Briefkasten haben. 

Nichts sonst. 

Ich komme mit einem Sack robuster Kinderkleider.

Mal was Anderes! 

Die Hosen gibt es nirgends zu kaufen. 

Eine Dame, die viel allein ist, hat viel Freude am Nähen. Sie macht alles selbst und spendet Stoff und Faden. Sie findet ihrerseits eine Einladung zu „65+“ im Briefkasten ... 

 

... die zerbrochenen Herzen zu verbinden ..., ist die nächste prophetische Aufgabe.

 

Dazu muss man nicht ins Krankenhaus, keine Angst! 

Kirchgemeinden können sich leicht in Kinos, Clubs und Cafés und sogar in Heiratsmärkte verwandeln. 

Wer verwitwet ist, findet eine neue Partnerin, fühlt sich wieder jung. 

Alle sind neugierig: Was daraus wohl wird?

Manche sind bisschen neidisch. Lasst sie doch! 

Zwei Herzen sind auf einmal verbunden. 

 

Oder: 

Wer sehr einsam ist, hütet plötzlich zwei „neue“ Großkinder von nebenan. 

Vom Handy muss man die Kleinen vielleicht zuerst geschickt weglocken. 

Aber dann geht es los! 

Ziemlich wild. 

Toben im Wald. 

Wenn man sie hernach freundlich bittet, dann malen sie ganz bestimmt ein rotes Herz mit pinker Schleife drum. Wer alt ist, hat bei Kindern ziemlich viele Wünsche frei! 

 

... zu verkündigen den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen ... 

 

Menschen, die gefangen sind in Ängsten oder Süchten, sind da nur mit viel Geduld herauszuholen. Das braucht nicht nur Leute, sondern auch Zeit. Drei Stunden für einen Raclette-Abend, bei dem selbstverständlich niemand etwas trinkt oder einen Nachmittag für eine Wanderung auf den Stübisberg, damit jemand mal wieder „drüberstehen“ kann und Weitblick bekommt. 

 

... zu verkünden ein gnädiges Jahr des Herrn ..., haben wir gehört, uns aber noch nicht ausgemalt. 

 

So viel Zeit gibt es! Ein Jahr. 

Nicht nur eine Allianzgebetswoche oder 16 Tage gegen Gewalt oder Sieben Wochen ohne ... ein ganzes Jahr soll es sein. 

Ein ganzes Jahr hätten viele unserer Projekte verdient. 

Ein Jahr Zeit ... das ist schon pure Gnade! 

(Der Wandel ist trotzdem rasant, weil sich so viel verändert.)

 

Dann ist es obendrein ein gnädiges Jahr, das publiziert wird:

Diejenigen Journalist/-innen, die nur von Kriegs- und Krisennachrichten leben mussten, haben Gutes zu berichten, können zeigen, was, wo und wie es sich bessert.

Solche, die eben nur Bomben und Drohnen und Tote zu zählen hatten, addieren jetzt die wiederaufgebauten Häuser, fotografieren, was aus den ehemals verwüsteten Städten inzwischen geworden ist, wie die Trümmerlandschaften weichen ...

 

Angesagt wird ... ein Tag der Rache unseres Gottes, zu trösten alle Trauernden, ...

 

Jetzt stehe ich Kopf: Die Rache dauert nur noch einen Tag?! 

Die Rache scheint auch nicht mehr das zu sein, was sie früher mal war, wenn alles neu wird.

Wenn ich an Rache denke, sehe ich immer die Jahrhunderte, Hand in Hand, vorüber spazieren. Die Rachegedanken der Völker bleiben immer schön und frisch und munter, als sei gar keine Zeit vorübergegangen. 

 

Dass die Rache dann auch noch Trauernde tröstet – das geht mir zu weit! Das kann ich mir nicht vorstellen.

Das übersteigt meinen Horizont. 

Aber ich muss das auch gar nicht. 

Es ist Gottes Tag! 

Es ist Gottes Tat! 

 

Ob da der Mut wächst, wieder das Haus zu verlassen? 

Ob die Lebensfreude zurückkehrt? 

... Schmuck statt Asche ... 

Das Geld reicht wieder über das Allernötigste hinaus. 

Jemand kann etwas Schönes vererben. 

 

... Freudenöl statt Trauer ... 

 

Gerade versuche ich mir vorzustellen, wie Trauer eigentlich riecht. 

Muffig und heilig, finde ich. 

Ein bisschen muffig, nach alten Sachen, die man immer noch aufhebt.

Ein bisschen heilig, weil so viele unvergessliche Erinnerungen daran hängen. 

Dann will ich mit meiner Nase herausfinden, was wohl als Freudenöl dienen könnte?! 

Gibt es irgendwo so wunderbares Parfüm, dass die Leute mich nur schon deshalb gern besuchen kommen? Und ich nie einsam sein muss? 

 

... schöne Kleider statt eines betrübten Geistes ...

 

Da sehe ich Afrikanerinnen vor mir, die über das ganze Gesicht strahlen, weil sie alle ihre farbenfrohen Gewänder angezogen haben. Sie würden es niemals zugeben, dass sie eigentlich frieren.

Die traditionellen Kleider müssen sein! 

Besonders sonntags! 

 

III       Menschlicher Wandel 

 

Wenn sich alles, alles um uns her mit Gottes Hilfe wandelt, dann verwandeln sich auch Menschen und werden wie ... Bäume. Sagt der Prophet. 

 

War er nun doch zu sehr geblendet vom Glanz des göttlichen Wandels und hat den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen?

Er vergleicht ernsthaft trauernde Menschen mit „Bäumen der Gerechtigkeit“, mit Pflanzungen

 

Soll ich wirklich wie ein Baum werden wollen? 

Stumm dastehen, was oder wer auch kommt?

 

Bäume werden den Menschen nicht nur in Jesaja 61 als Vorbilder vorgestellt, sie begegnen auch sonst im Jesajabuch (z.B. Kap. 55) und auf erfrischende Weise in Psalm 1: Dort wird gelobt, dass ein Mensch wie ein Baum am frischen Wasser sei, wenn er Gottes Geboten nachsinnt. 

 

Hören wir also auf den Propheten, stellen wir uns vor, wir seien Bäume. 

Nur für den nächsten Moment der Predigt; das reicht garantiert nicht, um Wurzeln zu schlagen. 

 

Die erste Beobachtung, wenn ich mich als Baum anschaue, wenn ich mein riesiges Blätterdach, mein Astwerk und meinen starken Stamm betrachte: Bäume sind etwas sehr Stabiles, Beständiges. 

 

Wir Bäume können viel älter als Menschen werden, ... wenn die Menschen nicht mit der Axt kommen. 

Meine älteste Baumbekannte steht in Allouville-Bellefosse in der Normandie. Zwei kleine Kapellen haben die Menschen übereinander in ihren gigantischen Stamm gebaut. Sie finden diese Eiche wegen ihrer Hochaltrigkeit ein echtes Wunder. Bei sich selbst fürchten Menschen das Alter, aber bei uns Bäumen sind sie schwer beeindruckt. Sie erzählen sich, dass diese Eiche ungefähr 1000 Jahre alt ist. Sie sind nämlich alle viel zu jung, um es genauer zu wissen. Natürlich ist meine Bekannte schon etwas gebrechlich und schon länger auf Stützen angewiesen, aber manche Menschen, brauchen bekanntlich schon vor ihrem 100. Geburtstag Gehhilfen. 

 

Wenn ich jetzt zu meinen Wurzeln vordringe, dann muss ich an Suzanne Simard[1] denken. Sie war schon als Menschenkind mit ihrem Großvater, einem Förster, viel bei uns im Wald. Dann hat sie Forstwissenschaft studiert und seither belauscht sie uns Bäume! Ja, sie ist dabei, ganz allmählich unsere Sprachen zu lernen. Leider werden Menschen nicht besonders alt. Suzanne Simard hat herausgefunden, dass wir Bäume untereinander und mit den Pilzen unter, bei, neben und inmitten unserer Wurzeln kommunizieren. Nein, Suzanne Simard kann unsere tausend Wurzelsprachen noch lange nicht! Es gibt auch sehr viele Dialekte des Pilz-Bäumischen, abhängig davon, ob sich Tannen mit Birken oder ganz andere Arten unterhalten. 

Aber die Menschen sind ganz aufgeregt, weil sie dachten, wir Bäume sind still und stumm und können uns nicht verständigen. 

 

Wir Bäume sind ziemlich gesprächig, tauschen Nährstoffe aus und helfen uns gegenseitig, so gut wir können. Das Ganze beruht auf Gegenseitigkeit, im Frühling brauchen die einen mehr, im Herbst die anderen. So kann die Energie gerechter verteilt werden. 

Manchmal müssen wir uns untereinander vor Schädlingen warnen. Dafür haben wir unser „wood wide web“ schon länger als es Menschen überhaupt gibt. Das „wood wide web“ ist so etwas Ähnliches wie das „world wide web“, das Internet, das die Menschen ausgetüftelt haben. Wir Bäume aber sind ein bisschen stolz darauf, dass wir ohne extra produzierten elektrischen Strom auskommen; das können die Menschen noch nicht. 

 

Liebe Gemeinde,

 

vieles können wir Menschen noch nicht, aber von den Bäumen lernen, das können wir schon lange – und neuerdings wieder mit neuem Schwung. 

 

Zuletzt macht Gott alles neu, aber wir könnten mit den Wandlungen schon fröhlich anfangen: das hohe Alter achten und radikal verständigungsbereit werden – „radikal“ heißt: von den Wurzeln her. 

 

Dann haben wir Menschenkinder viel zu tun, der Prophet sieht es schon kommen: 

Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben.

 

... und Bäume pflanzen, damit wir unsere Vorbilder nicht aus den Augen verlieren!

 

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.                                                      Amen. 

 


[1]  Quelle: https://youtu.be/Un2yBgIAxYs, TED-Talk, abgerufen am 28. 12. 2025. 

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an PD Dr. Dörte Gebhard

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Der 4. Januar ist ein letzter Tag, „bevor es wieder richtig losgeht“. Weihnachten ist „vorbei“, der Alltag rückt wieder in den Vordergrund. Es ist der letzte Blick auf den Weihnachtsbaum, danach wird er entfernt. Im ersten Moment sieht die Kirche immer besonders kahl aus. Wer den Gottesdienst am 1. 1. 2026 zur Jahreslosung verpasst hat, weil er oder sie Ski fahren war, hört noch die neue Losung. 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Lektüre von Suzanne Simards Veröffentlichungen, dazu das pro und contra von Förstern aller Art. Für mich wird deutlich, wie wenig wir Menschen verstehen und wie wunderbar die Schöpfung ist. Dazu ist viel Wissenschaft nötig, um das immer besser zu erkennen. 

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Den hermeneutischen Zweischritt, zuerst die Worte zu wandeln und dann zu schauen, wie die Worte Menschen verwandeln, ist für weitere Predigten gut. In aktuellen Bibelgesprächskreisen zum Jesajabuch lerne ich, wie gross die Wortwandlungen sein müssen, bis sie heute verständlich werden. Diese Mühen lohnen sich.

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Sprachliche Präzisierungen, mehr Beispiele und eine leichte Verlängerung der Predigt. Für die Kirchgemeinde vor Ort werde ich die Predigt etwas kürzen. 

Perikope
04.01.2026
61,1-3(4.9)10-11