Du bist geliebt. Predigt über Mt 3, 13-17 von Johanna Graeff
3,13-17

Liebe Gemeinde, 

 

Weihnachten ist rum,

innerlich jedenfalls.

Gestern zur Christbaum-Sammelaktion ist der Baum auf die Straße geräumt worden,

die letzten Nadeln sind aufgesaugt, 

die Dekorationen wieder fein säuberlich in ihren Kisten,

die Weihnachtsplätzchen aufgegessen.

In Gedanken sind wir vielleicht noch gar nicht so weit:

dass das Fest der Liebe für diese Saison vorbei ist.

Das dürfte ruhig noch länger andauern,

aber die Tagesordnung setzt doch wieder ein. 

Vorbei.

 

Da hören wir heute eine Stimme, die sagt: „Ich hab dich lieb.“ 

Vielleicht klingt sie wie von fern, diese Stimme. 

Vielleicht werden Erinnerungen wach. 

Ich hab dich lieb. 

Eltern sagen das ihren Neugeborenen, ganz leise. 

Ohne Bedingungen. Das Kind hat nichts dazu getan, es ist einfach da, und es ist geliebt. 

Maria und Josef werden es dem kleinen Jungen gesagt haben, der da in ihren Armen lag. 

Ich hab dich lieb. 

Und davor haben ihre Eltern es zu ihnen gesagt.

Ich habe es meinen Kindern gesagt.

Sie haben es Ihren Kindern gesagt. 

Und ich hoffe, jemand hat es zu ihnen gesagt – einfach so. Ohne Bedingungen. 

Du bist geliebt. Ich hab dich lieb. 

 

Für mich: der zentrale Satz im heutigen Predigttext!

 

Wir hören aus dem Evangelium nach Matthäus, im 3. Kapitel: 

(Übersetzung BasisBibel, außer Vers 15 statt „das müssen wir jetzt tun“ „lass es zu“)

13 Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen.

14 Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten. Er sagte: Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden! Und du kommst zu mir?

15 Jesus antwortete: Lass es zu. So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert. Da gab Johannes nach.

16 Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm. Er sah den Geist Gottes, der wie eine Taube auf ihn herabkam.

17 Da erklang eine Stimme aus dem Himmel: Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.

 

„Du bist geliebt! Ich hab dich lieb!“ 

Ob Johannes der Täufer das gepredigt hat? 

Eher nein. 

Der hat dem „Otterngezücht“ mit dem Zorn Gottes gedroht,

hat Buße gefordert

und ein Leben nach Gottes Regeln.

Taufe durch Johannes, das war: 

Bekenntnis der eigenen Schuld und Neustart mit Gott. 

Im Unterschied zum gottfernen, ungerechten Leben vorher. 

Hunderte, Tausende Menschen hören das: 

Ihr lebt falsch! Erkennt eure Fehler und ändert euer Leben! Lebt so, wie Gott es will! 

Und zum Zeichen, dass ihr es ernst meint: lasst euch taufen!

Und sie handeln danach

und wollen es wirklich besser machen,

haben den festen Vorsatz: Ja, ich will es jetzt wirklich richtig machen.

Das muss ich doch schaffen können.

 

Und dann kommt Jesus. 

Stellt sich in die Schlange mit all den anderen.

Will sich von Johannes taufen lassen. 

 

Jesus? 

Warum?

Der passt nicht in Johannes‘ Bild von Schuld und Neubeginn, von Recht und Gerechtigkeit. Johannes weiß: Jesus kommt direkt von Gott. 

Ausgerechnet DER muss doch nicht neu mit Gott starten!

 

Jesus muss Johannes erst überzeugen: 

Lass es zu, 

auch wenn es dir vielleicht unsinnig erscheint, dass du mich taufst.

Es soll so sein, damit Gottes Gerechtigkeit erfüllt wird. 

 

Johannes staunt. Und ärgert sich ein bisschen. 

Was denkt der denn, was ich gerade mache? 

Ich predige doch die Buße und ich spende die Taufe -

DAMIT Gottes Gerechtigkeit wieder aufgerichtet wird!

Denn wer das ernst meint mit der Taufe, 

der wird sich danach an Gottes Regeln halten. 

Und dann ist doch alles gut.

Aber na gut, denkt Johannes. Dann mach ich das eben. 

 

Und dann? 

Dann öffnet sich der Himmel und alle, die da sind, hören: 

„Das ist mein Sohn. Den habe ich lieb.“

 

„Ich hab dich lieb!“

Wenn ich heute Menschen taufe, Kinder oder Erwachsene, wenn ich im Kindergarten oder in der Schule oder in der Vorbereitung zum Tauffest erzähle, warum wir in der Kirche Taufe feiern: 

Dann erzähle ich immer diese Geschichte mit. 

Und ganz besonders diesen einen Satz: 

Du bist mein Kind. Ich habe dich lieb.

 

Und wenn ich in Röthenbach in der Kirche Taufe feiern darf, 

dann erzählt auch ein Bild von der Taufe Jesu mit: 

Jesus steht im Fluss.

Johannes der Täufer ist da.

Der Stifter des Bildes ist mit abgebildet,

auch der offene Himmel mit Gott und das Wort, das alle hören: 

Ich hab dich lieb!

Und das alles eingebettet in einer mittelfränkischen Landschaft.

 

Ich finde dieses Bild genial: 

Wir in Mittelfranken sind da einfach drin. 

Hören genau so wie Jesus: „Ich hab dich lieb!“ 

 

Ich hab dich lieb, wie Eltern ihr Neugeborenes. 

Ich hab dich lieb, ohne das du etwas dafür tust. 

Ich hab dich lieb, und damit ist meine Gerechtigkeit erfüllt. 

Das sagt Gott. 

 

Wie hört sich das an für sie? Passt so? 

Gerecht? 

Gott hat mich lieb, und alles ist gut? 

Manchmal regt sich da Widerstand in uns. 

Wie kann Gott denn uns alle lieb haben? 

 

Manchmal kann ich mich selbst nicht leiden:

Weil ich etwas nicht schaffe, was ich doch können sollte oder weil ich Fehler gemacht habe. Das tut mir ja auch leid, aber ich kann es vielleicht gar nicht mehr gut machen. Und manche Menschen sind so furchtbar…

Das passt doch alles nicht zusammen. 

Das ist doch ungerecht und unfair, wenn Gott ALLE lieb hat!

 

Ja … für uns ist das ganz schwer, das zusammen zu bringen. 

Viele von uns haben gelernt: 

„Ich hab dich lieb, wenn du auch lieb bist“

Im Umkehrschluss: 

Wenn jemand sich nicht liebenswert benimmt dann muss man ihn auch nicht lieben? 

 

Gott reagiert anders. 

Er sagt: 

Ich hab dich lieb ohne dass du etwas dafür tust. 

Du musst nicht dafür arbeiten – 

und schon gar nicht länger und härter als Andere.

Du darfst schlechte Laune haben und dich ärgern.

Du darfst Fehler machen.

 

Und wer hört:

„Du bist mein Kind, und ich hab dich lieb“

und wer spürt:

„Ich bekomme, was ich brauche“

kann selbst lieben und Anderen geben, was sie brauchen.

 

DAS will Jesus verkünden und leben.

Alle sollen wissen:

Wir sind Gottes Kinder.

Wir sind von Gott geliebt.

Ohne dass wir Voraussetzungen dafür erfüllen müssen.

Und wenn wir geliebt sind,

dann können wir selbst auch lieben.

 

Und mit seiner Taufe, erzählen die Evangelisten, fängt Jesus an, das in aller Öffentlichkeit und immer wieder zu erzählen. 

 

Bis heute üben wir die Taufe.

Auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. 

Über all die Jahrhunderte gab es um sie viel Diskussion:

wie sie zu verstehen ist,

was das Wichtigste an ihr ist.

 

Für mich ist es dieses Wort: „Du bist geliebt - Ich hab dich lieb.“ 

Eben nicht: 

Du musst alles richtig machen, damit ich dich liebe. 

Nein, Gott sagt: 

ich hab dich lieb, auch wenn du Blödsinn machst. 

Und sogar noch dann, wenn du gar nicht mehr an die Liebe denkst,

im Alltag gefangen bist,

dich selbst nicht mehr liebst.

Ich hab dich lieb, und das wirst du irgendwann merken.

Und dann wirst du meine Liebe weitergeben 

und leben so gut du kannst.

 

Wie? 

Das sieht für jede:n von uns anders aus.

Vielleicht so: 

Ich verzeihe Fehler – Anderen, und mir selbst auch.

Ich akzeptiere andere Lebensweisen, auch wenn sie mir fremd sind.

Ich urteile nicht.

 

Vielleicht hierzu eine Geschichte, die ich vor einigen Jahren erlebt habe.

Ich habe mit Konfirmand:innen eine Pension für wohnungslose Männer besucht. Die Sozialarbeiter haben uns über den Alltag berichtet: vom Trinken, von den Aggressionen, von Randale auf der Straße und Müll, der aus dem Fenster fliegt. Sie haben erzählt, wie oft sich die Nachbarn beschweren und dass sie das verstehen können, sie fänden es ja auch schöner, wenn das alles aufhört. Aber das geht eben nicht. Jedenfalls nicht ganz. Manche werden es nie lernen, aber sie brauchen eben trotzdem ein Dach über den Kopf und einen Menschen, der zu ihnen hält. Und darum gehen sie immer wieder zu den Nachbarn. Bitten im Namen der Bewohner um Entschuldigung. Erklären. Werben um Verständnis. Und machen Schaden wieder gut. Manchmal auch mit den Bewohnern zusammen. Und manchmal gelingt es, dass die Nachbarn sagen: Was passiert ist, war blöd. Aber jetzt verstehe ich mehr. Ich halte keinen Groll mehr gegen diesen Menschen persönlich und schon gar nicht gegen alle, die da wohnen. 

Wenn das passiert, dann ist von Gottes Liebe wieder ein Stückchen mehr sichtbar geworden bei uns. 

 

Taufe heißt:

„Du bist mein Kind, und ich hab dich lieb“

Mit Jesu Taufe fing das an und wir gehören dazu. 

Wir sind Gottes Kinder.

Wir sind von Gott geliebt.

Ohne, dass wir Voraussetzungen dafür erfüllen müssen.

Und wenn wir geliebt sind, dann können wir selbst auch lieben.

Auch wenn das Fest der Liebe vorbei ist.

 

Amen. 

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Johanna Graeff

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Die Predigt wird an diesem Sonntag zwei mal gehalten: um 10 Uhr in einem Abendmahlsgottesdienst in einer historischen Dorfkirche, um 18 Uhr in einem abendlichen Abendmahlsgottesdienst. Der abendliche Gottesdienst ist Jan/Feb erstmalig aus der Kirche in den Gemeindesaal verlegt, die Situation ist neu für die Gemeinde. Die Besucher:innen sind überwiegend älter, einige Konfirmand:innen, mittelfränkisch-lutherisch volkskirchlich geprägt.  

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Meine eigene Taufpraxis, in der ich immer die Geschichte von Jesu Taufe erzähle. Jesus hört in seiner Taufe das Wort Gottes: „Das ist mein geliebtes Kind“. Das gilt in Folge für alle Menschen, die auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft werden. Und das kann man m.E. gar nicht oft genug wiederholen.

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Gerechtigkeit Gottes und Gerechtigkeit nach heutigem Verständnis sind verschiedene Dingen

Johannes der Täufer und Jesus haben wirklich ganz unterschiedlichen Sachen gepredigt. 

Nicht neu, aber wieder: Gottes Liebe gilt ohne Voraussetzungen und unsere Gerechtigkeitsvorstellungen passen da nicht unbedingt dazu. 

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Die Entscheidung für ein Thema! Im ersten Entwurf habe ich versucht, „bedingungslose Liebe Gottes“ und „Gerechtigkeit Gottes“ aufzunehmen. Dadurch wurde die Gerechtigkeits-Thematik sehr stark, mit dem Focus auf unser heutiges Gerechtigkeitsverständnis. Eigentlich wollte ich aber wesentlich den Zuspruch „du bist geliebt“ betonen. Durch die Fragen und Hinweise der Bearbeiterin habe ich den roten Faden für mich gefunden.  

Perikope
11.01.2026
3,13-17