Manchmal trifft mich ein Wort der Bibel wie ein Blitz. Unverhofft und unerwartet erhellt es wie ein Blitzlicht die Lage, in der ich mich mit vielen Anderen sehe. Heute ist es ein Wort des Propheten Jeremia. Er ist Zeitzeuge der zentralen und größten Katastrophe, von der die Bibel erzählt. Mit der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels durch die Babylonier droht die Vernichtung des Gottesvolkes.
Die Menschen hungern nach Trost. Sie sehnen sich nach Stärkung ihres Glaubens. Sie haben Durst nach begründeter Hoffnung. Aber Gott enttäuscht. Gott schweigt. Gott bleibt untätig. Und das macht Angst, wenn Tag für Tag die Hiobsbotschaften auf mich herunter hageln. Es macht mich trostlos, wenn die Nachrichten von Naturkatastrophen kein Ende nehmen. Es macht mich hoffnungslos, wenn Verbrecher und Idioten unsere Welt regieren. Dann frage ich mit vielen anderen auch nach Gott. Die üblichen Parolen sind mir zu billig. „Alles wird gut. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Das möchte ich wohl glauben. Aber ich will Gründe. Ich will der Hoffnung auf den Grund gehen. Auch als Pastor habe ich darum mehr Fragen als Antworten.
Und dabei treffe ich Jeremia. Er ist der Prophet der Katastrophe. Und darum ist er der Prophet für Menschen, die wie er mit Gott nicht im Reinen sind, die wie er zweifeln und die Zweifel aushalten, die bereit sind, sich auf den langen und verschlungenen Weg machen, dessen Ende offen und unbekannt ist. Vielleicht winkt da zuletzt ein wenig Hoffnung, aber zunächst regiert die Anfechtung und die Verzweiflung. Jeremias Worte sind besondere Herausforderungen, weil sie sich nicht nur billigen, sondern für die Gegenwart jeden Trost verweigern. Vor aller Hoffnung muss die Trostlosigkeit ausgehalten werden. Das wird besonders in seinen Klagegebeten deutlich:
Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer.
Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande
und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?
Warum bist du wie einer, der verzagt ist,
und wie ein Held, der nicht helfen kann?
Du bist ja doch unter uns, JHWH, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht! (14,8-9)
Du bist mir geworden wie ein trügerischer Born, der nicht mehr quellen will (15,18).
Statt zu trösten, stiftet Jeremia dazu an, Gott zu verklagen. Er nimmt Gott ins Gebet. Er streitet mit Gott. Er wagt es, Gott, den er auf dem Richterstuhl weiß, auf die Anklagebank zu setzen. Er klagt Gott an vor Gott. Das zweifache Warum ist das vorwurfsvolle, anklagende Warum, das wir aus vielen Psalmen, dem Buch Hiob und dem der Klagelieder kennen - und aus Jesu letztem Wort am Kreuz „Mein Gott, warum?“
Die üblichen Gottesbilder werden gesprengt. Da ist keine „Hoffnung Israels“ und kein „Retter Israels in Notzeit“. Stattdessen wagt Jeremia vier provozierende Gegenbilder, die Gottes Ohnmacht in der Gegenwart illustrieren.
Wenn der Eigentümer der Erde sich den Erdlingen entfremdet, dann ist er zwar da, aber nutzlos. Gott da, aber nutzlos? Wenn Gottes Versprechen "Ich bin mit dir" nur reicht für eine Stippvisite. Wenn Gott sich bei Nacht und Nebel entzieht "wie ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt", wie ein Schlafgast, der sich jeder Kommunikation entzieht, dann ist er zwar präsent, aber stumm und untätig. Wenn einem Mann die Kraft fehlt, Schwächere zu beschützen, dann ist er kindisch wie ein Kleinkind, das sich verunsichern, verblüffen, überrumpeln lässt. Gott wie "ein Held, der nicht helfen kann", ein hochgerüsteter Vorkämpfer, der wie Goliat mitsamt seiner Rüstung hilflos am Boden liegt. Seine Rüstung suggeriert Hilfe, zu der er unfähig ist. Gott ein Blender, Angeber, Etikettenschwindler?
In der Klage wird Gott zur Karikatur seiner selbst. Die vier Gottesbilder werden später um ein fünftes erweitert, den „Trugbach, der kein Wasser hervorbringt". Gott ist wie ein Wadi, ein nur „episodisch wasserführendes Flussbett“. „Die Quelle des Lebens“, die Wasser in der Wüste verspricht, ist versiegt. Ihre Präsenz trügt. Sie erschwindelt, täuscht vor, was sie nicht bietet, überlebensnotwendiges Wasser.
*
Wer so mit Gott redet, zeigt Chuzpe. Wir können sie auch heute von Jüdinnen und Juden lernen. Jeremia hat in Jerusalem einen Gegenspieler, den Propheten Hananja. Er ist der klassische Tröster, von denen es viele auch in unserer Kirche gibt. „Gott wird alles wohl machen“, ist das Leitmotiv seiner Verkündigung. Sein ungebrochenes Vertrauen in die heilvolle Präsenz Gottes kennt keine Zweifel und keine Verzweiflung. Sein Gott ist ein billiger Gott mit einem billigen Trost.
Wenn Jeremia Gott anklagt, dann rechnet er mit Gottes Veränderbarkeit. Wer verstummt, kann sich wieder zu Wort melden. Wer sich entzieht, kann wieder erscheinen. Jeremia glaubt an den „lebendigen“ Gott. Das ist eine Gottesvorstellung, die beides in sich trägt. Enttäuschung und Hoffnung. Wer die Trostlosigkeit aushält, der kommt zu dem mutigen Bekenntnis „Es gibt keinen lieben Gott …, der dich erhält, wie es dir selber gefällt.“ Auf dem Weg zur Hoffnung ist die Trostlosigkeit auszuhalten. Und das ist nur möglich im Vertrauen auf den lebendigen Gott. Auf diesem Weg ist auszuhalten, dass Gott nicht nur für Überraschungen gut ist, sondern auch für Enttäuschungen. Die lebendige Gottheit ist die, die sich vermissen und auf sich warten lässt und allzu oft nur erhofft und ersehnt werden kann.
Jeremia kann - anders als Hananja und die schnellen Tröster heute - die Trostlosigkeit aushalten mit Hilfe der Vorstellung von Gottes Selbstentzug. Selbstentzug schenkt anderen nicht nur Freiheit; er bedeutet auch schmerzvollen Verlust. Diese Vorstellung treibt Jeremia auf die Spitze: Gott ist fähig zur Selbstkorrektur bis zur Selbstdestruktion: „Was ich gebaut habe, reiße ich ein, was ich gepflanzt habe, reiße ich aus“, heißt es dreimal. Das traditionelle Trostwort „Ich habe deine Feinde in deine Hand gegeben“ verkehrt Gott in sein Gegenteil: „Ich habe dich, meine Geliebte, in die Hand deiner Feinde gegeben“ heißt es nur bei Jeremia, und das 26mal. Die Kabbala, die jüdische Mystik, hat das mit dem hebräischen Wort „Zimzum“ beschrieben, als Gottes Selbstkontraktion, Selbstschrumpfung, Selbstreduktion.
*
Die die Trostlosigkeit aushalten, werden an Gottes Namen erinnert. Meist heißt es in der Bibel „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“. Das ist die übliche Zusage von Verbundenheit und Beistand. Hier wird - wie an nur fünf anderen Stellen in der Bibel - betont umformuliert: Gott sagt: „Ich habe dich bei meinem Namen gerufen“ (wörtlich: Ich habe meinen Namen über dir gerufen).
An die Stelle trügerischer Gottesbilder, die Gottes Dauer-Präsenz vorgaukeln, tritt der Gottesname. Die Gottheit bindet sich an Israel mit ihrem eigenen Namen. „Ich bin der ‚Gott Israels‘. Ich werde niemals ohne Israel, sondern immer für Israel da sein.“ Und das nicht exklusiv, sondern als Modell: „Ich werde für alle Völker, ja für alle Kreatur da sein.“
Gottes Name sagt darum auch mir: Gott gehört zu mir wie sein Name an meiner Tür. Und Gottes Name ist lebendig, wie Gott selbst. „Ich bin für dich“ das ist in den Rätseln des Lebens je neu und manchmal nur sehr mühsam als Gottes heilsame Präsenz zu entschlüsseln.
In einer Vision am Dornbusch werden für Mose die vier Buchstaben JHWH gedeutet. Aus vier Buchstaben werden drei hebräische Wörter „aehjaeh ascher aehjaeh“. „Ich bin, der ich bin.“ Oder „ich werde sein, die ich sein werde.“ Die geheimnisvolle Formulierung erlaubt noch ein anderes Verständnis, eines das Gegenwart und Zukunft umfasst: „Ich bin, der ich sein werde“. Ich bin heute, die ich mich in der Zukunft noch einmal ganz anders erweisen werde. Die Frage, wie Gott für Israel und alle Welt da sein wird, wird in der Gegenwart offen gehalten.
*
Wenn Gott sich entzieht, so ist er doch auf eine Weise präsent, die ich nicht sehe und nicht verstehe. Widersprüche und Paradoxien können wir nicht auflösen. Gottes Präsenz in seinem Entzug erscheint besonders eindrücklich und nachvollziehbar in den beiden Bildern vom „Schlafgast“ und vom „Wadi“, die Gottes Anwesenheit als Episode zum Ausdruck bringen. Gottes Präsenz ist immer eine Stippvisite. Gottes Präsenz gibt es nicht ohne Gottes Selbstentzug.
Der Entzug ist nicht Abwesenheit, sondern eine geheimnisvolle Präsenz, eine unverfügbare Anwesenheit. Eine Anwesenheit im Entzug. Und das ist nicht ein Wechsel von Verzweiflung zu Trost. Anfechtungen, Zweifel und Verzweiflung sind nicht weg. Anwesenheit im Entzug mildert nicht die Trostlosigkeit der Welt. Sie verhindert nicht, dass Gott sich vermissen und schmerzhaft auf sich warten lässt. Sie macht die, die nach Gott fragen, zu Menschen „auf Entzug“. Sie steigert ihre Sehnsucht. Die Warum-Frage bleibt unbeantwortet. Aber die Sehnsucht lässt sie umso leidenschaftlicher als unbeantwortbare Frage immer wieder laut werden.
Die Theologie des Jeremia ist eine „Theologie für Fußgänger:innen“. Sie schickt uns auf einen Weg unter dem Namen Gottes. Die auf diesem Weg gehen müssen auf Überraschungen und Enttäuschungen gefasst sein. Der Weg führt durch Wüsten, von Oase zu Oase. „Wir wandern in der Pilgerschaft und gehen fort von Kraft zu Kraft bei Gott in Zion zu erscheinen“, heißt es in der Nachdichtung des Pilgerliedes Psalm 84. Manchmal sind die Oasen trügerisch. Das Erhoffte und Erbetene und Erwartete bleibt aus. Der Durst bleibt ungestillt.
Aber unter dem Namen Gottes sind wir auf dem Weg durch die Wüsten bewahrt. Die Gestalt der Bewahrung ist im Voraus unbekannt. Im Namen Gottes steckt wie bei Abraham eine Zusage, die vieles offen lässt: „Es ist der Weg, den ich dir zeigen werde.“ Mit dieser Zusage kann ich die Trostlosigkeit aushalten. Ich kenne das Ende noch nicht. Gerade das weckt meine Hoffnung.
Meine Klagegebete umschreibe ich manchmal mit dem mehrdeutigen Satz: „Mit Gott bin ich noch nicht fertig“. Ich habe mit ihm noch Rechnungen offen. Vielleicht bin ich das, was die Bibel „kleingläubig“ nennt. Und darin unterscheide ich mich von vielen Gläubigen, deren Glaube keine Zweifel kennt und von vielen Ungläubigen, deren Unglaube keine Zweifel kennt. Kleinglaube. Darin steckt für mich Hoffnung. Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Menschen die wie ich durch die sich zuspitzende Weltsituation befürchten, dass ihnen der Glaube abhanden kommt und die mehr als früher auf Beschwichtigungen und Vertröstungen allergisch reagieren.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Jeremias Mut, seinen Zorn über den Zustand der Welt in ein Anklagegebet zu legen, das wagt, zur Karikatur verzeichnete Gottesbilder zu kreieren. Dabei hat mich erstaunt, welche Kraft in diesen unverbrauchten Bildern steckt, und ermutigt, es dem Propheten nach zu tun.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Besonders beeindruckt haben mich die Bilder „Gott wie ein Schlafgast“ und „Gott wie ein Wadi“. Die Vorstellung von Gottes Präsenz (seiner Epiphanie) als „Stippvisite“ wird mir weitere Bibeltexte erschließen, z. B. die Ostererscheinungen. Keine Präsenz ohne den Vorbehalt drohenden Entzuges und kein Entzug ohne Hoffnung auf überraschende Präsenz. Der Widerspruch entpuppt sich als die beiden Seiten einer Münze. Diese Hoffnung gibt Kraft, Trostlosigkeit aus zu halten.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Beseitigung von missverständlichen und irreführenden Formulierungen. Verstärkung der Nähe zu den Hörer*innen. Die Einsicht, dass auch das Tragen des Gottesnamens ein Bild ist, das mit den anderen Gottesbildern im Gespräch ist.