So habe ich Menschen gesehen, die Unrecht getan haben,
aber ein ehrenvolles Begräbnis bekamen.
Andere aber führten ein gerechtes Leben.
Sie mussten fort vom Heiligtum,
und wurden vergessen in der Stadt.
Auch das ist häwel - vollkommen widersinnig
Man sagt: »Wo keine Strafe folgt, ist Böses schnell am Werk.«
Daher wächst im Menschen die Lust, Böses zu tun.
Man sagt auch: »Ein Sünder kann hundertmal Böses tun
und hat trotzdem ein langes Leben.«
Ich weiß aber:
Denen, die Gott achten, wird es gut gehen.
Denn sie haben Ehrfurcht vor ihm.
Dem aber, der Recht bricht, wird es nicht gut gehen.
Er wird auch kein langes Leben haben.
Vielmehr wird es wie ein Schatten dahinfliehen.
Denn er hat keine Ehrfurcht vor Gott.
Es gibt etwas, was auf der Erde geschieht
und keinen Sinn ergibt - häwel:
Da sind Menschen, die gerecht sind.
Denen geht es so, als hätten sie Unrecht getan.
Umgekehrt gibt es Menschen, die Unrecht getan haben.
Doch denen geht es so, als hätten sie sich wie Gerechte verhalten.
Ich sagte mir, auch das ist häwel – völlig unverständlich!
Da sah ich: alles, was Gott tut unter der Sonne,
können die Menschen nicht ergründen.
So sehr sie sich auch abmühen, sie können es nicht begreifen.
Und wenn einer meint,
alle Weisheit der Welt zu besitzen,
begreift er es trotzdem nicht
Gerechtigkeit?
Zuerst verloren sie ihr Ansehen,
ihre Bürgerrechte, ihre Freiheit,
ihren Platz in der Öffentlichkeit,
in den Parks, den Schwimmbädern, den Geschäften und Wirtshäusern,
den öffentlichen Verkehrsmitteln,
in der Schule, der Universität.
Dann ihre berufliche und wirtschaftliche Existenz,
Freunde, Nachbarn, Kollegen,
die Wohnung, ihr Eigentum,
ihre körperliche und seelische Unversehrtheit,
ihre Liebsten, die Chance zu überleben …
Ihre Namen? Kann sich noch jemand an sie erinnern?
Ein Grab haben sie nicht, wurden zu Rauch, zu Asche,
leicht wegzuwischen aus der Erinnerung.
Die Schoa war keine Naturkatastrophe,
die irgendwie über Jüdinnen und Juden,
Sinti:zze und Rom:nja, Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen,
queere Menschen, Kommunist:innen, Sozialdemokrat:innen
in Europa hereingebrochen ist.
Denn da ist auch ein Dr. Gerhard Klopfer, Jurist,
Teilnehmer der Wannsee-Konferenz.
Er gehörte zu den einflussreichsten und bestinformierten Bürokraten
in der Partei-Kanzlei der NSDAP
1949 wurde er als "minderbelastet" eingestuft.
Als Rechtsanwalt ließ er sich in Ulm nieder,
wo er 1987 hochgeachtet starb.
Die Todesanzeige für jemanden,
der Einfluss auf die Ermordung von Millionen Menschen hatte,
musste wie ein grausamer Scherz klingen:
"Wir trauern um Dr. jur. Gerhard Klopfer, Rechtsanwalt,
nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller,
die in seinem Einflussbereich standen."
Wo bleibt da die Gerechtigkeit??
Alles ist widersinnig, häwel?
Verbrechen scheint sich zu lohnen.
Man sagt: »Wo keine Strafe folgt, ist Böses schnell am Werk.«
Daher wächst im Menschen die Lust, Böses zu tun.
Man sagt auch: »Ein Sünder kann hundertmal Böses tun
und hat trotzdem ein langes Leben.«
Die meisten Täterinnen und Täter,
die im Nationalsozialismus an Folter und Morden beteiligt waren,
wurden für ihre Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen.
Gut situiert verbrachten sie ihren Lebensabend.
Aber da sind nicht nur die Schreibtischtäter,
auch die Mordschützen, die Wachmannschaften,
schließlich alle, die auf irgendeine Weise
von der Entrechtung, Verfolgung und Ermordung profitiert haben.
Der kollaborierenden Bevölkerung boten sich handfeste Vorteile:
an den Universitäten, in Kultureinrichtungen, auf dem Arbeitsmarkt
fielen lästige Konkurrent:innen weg.
Ganze Wirtschaftszweige lebten von der „Arisierung“ jüdischen Eigentums.
Überall gingen Deutsche auf Schnäppchenjagd.
Für sie alle ist das ganz und gar nicht absurd.
Für sie macht Verbrechen Sinn.
Sie haben Karriere gemacht, sich bereichert -
und glauben am Ende selbst,
sie hätten das alles verdient.
Und die Schuldgeschichte geht ja weiter - bis heute…
Woher stammt eigentlich das Geschäft,
das die Großeltern 1933 erworben hatten?
Die Möbel, die Bücher, das Geschirr, die Gemälde,
die Taschenuhr des Großvaters, der Schmuck der Großtante?
Gehörte das, was ich inzwischen ererbt habe,
auch zu diesen Schnäppchen?
Die Ausraubung war Teil des Holocaust.
Die Abel-Nachkommen und die Kain-Kirche
Viele, die die Schoa überlebt hatten,
wurden geplagt von Schuldgefühlen, überlebt zu haben,
die Eltern, Geschwister, Verwandten aber nicht.
Viele haben sich das Leben genommen -
konnten die Sinnlosigkeit und Kälte nicht ertragen -
weiterzuleben unter Menschen, die taten, als sei nichts geschehen.
Da sind Menschen, die gerecht sind.
Denen geht es so, als hätten sie Unrecht getan.
Kohelet, der Weisheits-Sammler, nennt sie häwel - Abel,
ein Dunst, ein Hauch.
Vom eigenen Bruder Kain erschlagen.
Ihr Blut schreit noch immer zum Himmel.
Die Täter werden nicht geplagt,
haben sich ein dickes Fell angeschafft -
als hätten sie von nichts gewusst.
Umgekehrt gibt es Menschen,
die Unrecht getan haben.
Doch denen geht es so,
als hätten sie sich wie Gerechte verhalten.
Ich sagte mir, auch das ist häwel - völlig unverständlich!
Völlig widersinnig ist der Hass auf Jüdinnen und Juden,
den die Kirche von Anfang an befeuert hat.
Das Gottesvolk, Gottes Augapfel erklärte sie zu Feinden Gottes.
Wurde selbst zu Kain,
der den von Gott geliebten Bruder neben sich
nicht ertragen konnte.
Wir Nachkommen von Kain
müssen uns von Gott fragen lassen:
Mensch, wo bist du?
Und wo ist dein Bruder?
Was hast du getan?
Ungesühntes Verbrechen wirkt weiter.
Kalte Sinnlosigkeit wirkt weiter.
Für die Opfer und ihre Nachkommen mitunter wie ein déja-vu
in den hasserfüllten Massen auf der Straße und ihren Sprechchören,
in Beleidigungen, in handfesten Bedrohungen und Straftaten.
Kein Tag seit dem nach dem unvorstellbar grausamen Massaker der Hamas
am 7. Oktober 2023 vergeht ohne sie.
Statt spontaner Solidaritätsbekundungen oder Mahnwachen:
bleiernes Schweigen.
Statt Mitgefühl vermeintliche Objektivität „ja, aber“-
Schweigen macht uns zu Komplizen derer,
die Jüdinnen und Juden mundtot, unsichtbar machen wollen.
Woher kommt diese unglaubliche Gefühlskälte?
Und Gottes Frage an uns Christen brennt umso mehr:
Wo bist du in alledem?
Wo sind dein Bruder und deine Schwester?
Und was tust Du – hier und heute?
Die Wunde offenhalten
„Wer von uns darf trösten?“
fragt Nelly Sachs in ihrem Gedicht „Chor der Tröster“.
(Nelly Sachs, Gedichte, Frankfurt am Main 1977, 31f. in Auszügen)
Gärtner sind wir, blumenlos gewordene.
Kein Heilkraut läßt sich pflanzen
Von Gestern nach Morgen (…)
Die Blüten des Trostes sind zu kurz entsprossen
Reichen nicht für die Qual einer Kinderträne (…)
Zwischen Gestern und Morgen
Steht der Cherub
Mahlt mit seinen Flügeln die Blitze der Trauer
Seine Hände aber halten die Felsen auseinander
Von Gestern und Morgen
Wie die Ränder einer Wunde
Die offenbleiben soll
Die noch nicht heilen darf.
Nicht einschlafen lassen die Blitze der Trauer
Das Feld des Vergessens.
Wer von uns darf trösten?
Gärtner sind wir, blumenlos gewordene
Und stehn auf einem Stern, der strahlt
Und weinen.
Gärtner sind Tröster - zumindest waren sie das mal.
Aber es gibt keine Blumen mehr,
die Heilkräuter versagen ihre Kräfte nach dem Verbrechen,
das nicht ausgesprochen wird,
aber dennoch präsent ist
in der Qual einer Kinderträne,
in den Blitzen der Trauer, dem Feld des Vergessens
und der Wunde, die offengehalten werden muss
und nicht heilen darf.
Im Angesicht der Menschen,
denen es die Sprache verschlagen hat,
die die Welt einteilen in ein Davor und ein Danach,
angesichts von Erfahrungen,
die sich mitunter lebenslang in die Lebensgeschichte einkerben
und alles infrage stellen, sollen wir uns nicht beruhigen.
Was bleibt uns Nachkommen des Kain,
uns Christen mit Tätergeschichte?
Gottes Hoffnung auf uns.
Er traut uns das zu:
Endlich umkehren.
Täglich und tätig.
Lernen, Bruder und Schwester zu lieben.
Sie sind wie du.
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Vor Augen steht mir die bunte und immer wieder neue Gottesdienst Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, wo ich regelmäßig Vertretungsdienst mache.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Wesentlich ist in einer Predigt zum 27. Januar das „Eingedenken“ (Walter Benjamin), dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst, d.h. es geht um unsere Verantwortung heute, unser künftiges Glauben und Handeln. Dabei hat auch der 7. Oktober mein Predigen verändert. Wertvolle Anregungen verdanke ich Matthias Loerbroks Predigt vom 27.01.2020.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Wir hoffen auf Gott, dass er alles zum Besseren wendet. Dabei tritt die eigene Verantwortung gerne in den Hintergrund. Umgekehrt hofft Gott vielleicht darauf, dass wir Menschen zur Besinnung kommen und uns ändern. (Jer 26,3)
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Dieser Predigt ging eine besonders intensive exegetische und homiletische Vorarbeit voran (Anne-Kathrin Kruse, 27. Januar - Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Pred 8,10-14.17, in: Studium in Israel (Hg.), Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe 2 2025, 91-98) Außerdem danke ich Anne Brisgen, die als Predigtcoach eingesprungen ist und wichtige Hinweise gegeben hat.