Eine Verlernerfahrung mit Folgen. Predigt über Apg 10, 21-35 von Dr. Olaf Waßmuth
10,21-35

Liebe Gemeinde,

ich rauche nicht und habe noch nie geraucht. Meine Eltern haben da ein Erziehungsziel erreicht - auf ganz subtile Weise. Sie haben mir nie das Rauchen verboten. Aber seit ich klein war, redeten sie über Raucher auf eine Weise, die sie als geradezu unmoralisch erscheinen ließ. Besonders mein Vater, ein Arzt und leidenschaftlicher Nikotin-Gegner: Raucher sind zutiefst unvernünftig, verantwortungslos im Umgang mit sich selbst und rücksichtslos gegenüber anderen. Mit solchen Menschen sollte man besser keinen Umgang haben. 

Bevor Sie sich jetzt empören: Ja, ich weiß, das ist Quatsch! Also: heute weiß ich es. Aber es hat mich viel Kraft gekostet, diese kindliche Programmierung quasi abzuschalten. Und ohne Elke und Johannes hätte ich es vielleicht nie geschafft. Als Student in den ersten Semestern suchte ich verzweifelt ein Zimmer in Heidelberg. Freunde vermittelten mich an Elke und Johannes, die in ihrer Dreizimmerwohnung ein schönes Zimmer frei hatten. Alles perfekt: außer dem Aschenbecher auf ihrem Balkon und dem Zigarettenpäckchen auf dem Küchentisch. Ich hatte keine Alternative, also zog ich trotzdem ein. Ich musste meine Komfortzone verlassen. Und das war gut so.

Prägungen und Vorurteile loszuwerden, besonders wenn sie familiär oder kulturell erworben sind, ist ganz schön schwer. Sie müssen aktiv verlernt werden. Am wirkungsvollsten geschieht das, wenn Menschen einen Schritt über ihren Schatten wagen und anderen Menschen persönlich und unmittelbar begegnen. Wenn sie nicht nur über, sondern mit anderen reden. Eine solche Lernerfahrung, die im Grunde genommen eine Verlern-Erfahrung ist, steht heute im Mittelpunkt der Predigt. Der Apostel Petrus muss durch eine göttliche Fügung seine Komfortzone verlassen und hat dann eine wunderbare Begegnung – eine Begegnung mit unabsehbaren Folgen. Doch davon später.

 

Die ganze Geschichte steht im 10. Kapitel der Apostelgeschichte des Lukas. Die christliche Kirche ist da noch blutjung; im Grunde ist sie immer noch eine charismatische Bewegung innerhalb des Judentums. Alle, die dazugehören, sind Jüdinnen und Juden. Was sonst! Sie ernähren sich koscher, sie halten selbstverständlich den Sabbat, und sie treffen sich im Umfeld der Synagogen. Petrus, der ehemalige Fischer aus einem galiläischen Kaff, ist jetzt ein Wanderprediger, der anderen Juden von Jesus, dem auferstandenen Messias erzählt. Er ist da sehr überzeugend - schließlich hat er den Auferstandenen selbst gesehen! Eine Zeitlang wohnt Simon Petrus bei einem anderen Simon, einem Gerber, direkt am Mittelmeer, in Joppe, unweit des heutigen Tel Aviv. Zu seiner persönlichen Andacht geht Petrus aufs Dach - Beten mit Meerblick sozusagen. Doch eines Tages passiert etwas Merkwürdiges: Er gerät in Ekstase und hat eine Vision. Vom Himmel erscheint ein riesiges Tischtuch voller Tiere, die Juden normalerweise nicht essen dürfen. Und Petrus hört eine Stimme: Die ruft: „Iss!“ Er wehrt und weigert sich. Dann nochmal die Stimme: „Was Gott rein gemacht hat, das soll du nicht verboten nennen!“ Petrus ist verwirrt. Da klopft es an der Haustür. Vor der Tür stehen drei Männer, römische Soldaten. Im Auftrag ihres Vorgesetzten, eine gewissen Kornelius, fragen sie nach Petrus. Und was dann passiert – das hören wir jetzt direkt als Lesung aus der Bibel: 

 

Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; aus welchem Grund seid ihr hier? Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat einen Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. Da rief er sie herein und beherbergte sie.

Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, auch ich bin ein Mensch. Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll. Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen.

Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.

Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.

 

Liebe Gemeinde, 

die planvolle Vorarbeit durch einen Engel, eine Vision, die zum Gleichnis wird, eine beglückende Begegnung: Gott beschert dem Petrus, der führenden Gestalt der Urkirche, ein folgenreiches Aha-Erlebnis. 

Ein Aha-Erlebnis, so steht im Lexikon, kommt erstens plötzlich. Zweitens hilft es zur Lösung eines Problems. Drittens ist es mit positiven, ja lustvollen Gefühlen verbunden. Und viertens erscheint es einem vollkommen überzeugend. 

JETZT VERSTEHE ICH, sagt Petrus, dass Gott nicht die Person ansieht. JETZT VERSTEHE ICH, dass Gott jeder willkommen ist, der ihn fürchtet und Recht tut. In jedem Volk. - Das kommt unerwartet. Das erklärt vieles. Das ist wunderbar. Und es kann nur wahr sein: Gottes Herz ist größer als wir dachten; vor allem ist es weiter als unser Herz! Wie falsch lagen wir mit unseren Abgrenzungen!

 

Menschen aus allen Völkern sind Gott willkommen.

Die Erkenntnis, dass die Grenze zwischen Juden und Heiden keine absolute ist, ist überwältigend; sie verschiebt die Koordinaten der frühen Kirche. Ohne diese Erkenntnis, hätten wir alle, die wir nicht von Juden abstammen, nie von Jesus gehört. Ohne die Lernerfahrung des Petrus säßen wir heute nicht hier, wäre die Welt, in der wir leben, eine völlig andere.

Ich finde diese biblische Geschichte großartig, mit all ihren Details: 

Ich finde es raffiniert, wie Gott die Begegnung von zwei Seiten her einfädelt. Der römische Hauptmann ist von Anfang an so ein anständiger Kerl. Die gibt es wirklich überall! Und Petrus: Er wehrt sich zunächst gegen das Neue und hält mit leiser Verzweiflung an dem fest, was er gelernt hat. Auch das verdient Respekt, finde ich. Mir fällt auf, dass er nicht gleich aufbricht und der Delegation folgt, die ihn holen soll. Erstmal schläft er noch eine Nacht drüber – ist das nicht sympathisch? Am Ende erzählt die Geschichte von zwei gänzlich verschiedenen Männern, die beide ihre Komfortzonen verlassen müssen und sich dabei vorsichtig einander annähern. Weil Gott es so will. Missverständnisse werden freundlich ausgeräumt: So macht Petrus klar: Ich bin auch nur ein Mensch. Der Hauptmann ist ein wenig übereifrig, aber aus allem, was er tut, spricht eine rührende Sehnsucht: Es muss eine Wahrheit geben, die größer ist und wertvoller als all seine Privilegien. Und auch Petrus ist bereit für eine neue, größere Wahrheit: Als es bei ihm Klick macht, als sich die Visionserfahrung und die persönliche Begegnung für ihn zusammenfügen, da zögert er nicht, die unvermeidliche Konsequenz daraus zu ziehen: „Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein und unrein nennen soll“. Und dann noch einmal: „Gott sieht nicht die Person an“.

 

Liebe Gemeinde,

das sind unglaubliche, revolutionäre Sätze, nicht bloß im damaligen Kontext. Gott sieht nicht die Person an. Keinen Menschen soll man gemein und unrein nennen. Diese Sätze sind nicht nur zum Wendepunkt der frühen Kirchengeschichte geworden - sie sind bleibende Leitlinien für das, was in der Kirche gilt. Gelten muss. Petrus hat für seine Lernerfahrung, die im Kern eine Verlernerfahrung war, viel Prügel eingesteckt. Aber es gab für ihn keinen Weg zurück hinter seine Erkenntnis. Auch wenn er sie manchmal gegen seine eigenen inneren Widerstände verteidigen musste - etwa in der Auseinandersetzung mit Paulus.

Seither arbeitet die christliche Kirche sich ab an der Weitherzigkeit Gottes. An der Einsicht, dass man in Gottes Namen „keinen Menschen gemein und unrein nennen soll“. Da waren und sind gewaltige Verlernerfahrungen nötig: Wie viel Kraft hat es die christliche Kirche gekostet - und kostet es sie mancherorts immer noch -, zu verlernen, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind? Wie wenig weit sind wir darin, zu glauben und ernst zu nehmen, dass Gott die Person nicht ansieht - nein, auch die Herkunft und die Hautfarbe nicht! Und war es nicht erst gestern, dass in unserer Kirche die Erkenntnis dämmerte, dass gleichgeschlechtlich liebende Menschen nicht länger „gemein und unrein“ genannt werden dürfen? 

Alle diese Themen sind noch lange nicht durch, weder in unserer Gesellschaft noch in der weltweiten Ökumene. Im Gegenteil: Gerade werden wieder Stimmen lauter, die im Namen Gottes das Abgrenzen und Ausschließen fordern. Da wird behauptet, eine Kirche, die für Inklusion und Gerechtigkeit eintrete, folge bloß dem Zeitgeist statt „bibeltreu“ zu sein.

Das hier ist die Bibel: Am Anfang der Kirchengeschichte steht der epochale Aha-Moment des Petrus: Gott sieht die Person nicht an. Kein Mensch soll in seinem Namen „gemein und unrein“ genannt werden. Gott selbst initiiert, ja inszeniert eine Verlernerfahrung alter Gewissheiten, ja sogar religiöser Traditionen - vor allem solcher, die Menschen ausgrenzen und diskriminieren. Inklusion mag ein neumodisches Wort sein - die Sache aber gehört zum Kern der biblischen Gotteserfahrung. Gottes Herz ist weiter als unseres.

 

Liebe Gemeinde,

 

mit Elke und Johannes bin ich heute, 35 Jahre später, immer noch im Kontakt. Ob sie noch rauchen - das weiß ich nicht. Es ist mir auch egal. Es spielt keine Rolle mehr für mein Urteil über andere Menschen. Diesen Gedanken habe ich erfolgreich verlernt. Indem ich einmal über meinen Schatten gesprungen bin. Mit ein wenig freundlicher Nachhilfe Gottes, wie mir im Rückblick scheint.

Es war nicht die letzte Gewissheit, die ich loswerden musste und wahrscheinlich noch muss. Dank Petrus und Kornelius weiß ich: Auf dem Weg des Glaubens sind wir nicht nur Lernende. Sondern manchmal auch Verlernende. Vor allem dann, wenn das Verlernen uns großzügiger und weitherziger macht.

 

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Pfarrer Dr. Olaf Waßmuth

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Ein Sonntagsgottesdienst in der „Winterkirche“ unserer Gemeinde im Gemeindehaus, also nicht von der Kanzel aus, sondern deutlich näher bei den Zuhörenden. Eine Gemeinde, in der ich zwar Gast bin, aber die mich schon lange kennt. Menschen, die eher gutbürgerlich sind, aber das mit dem Verlernen womöglich aus eigener Erfahrung nachvollziehen können. 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Ich hatte Freude am Wort „Verlernerfahrung“, das mir beim Lesen des Bibeltextes zuerst auf Englisch in den Sinn kam „unlearning“.  

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Der Gedanke, dass wir uns alle abarbeiten an unseren Prägungen (die womöglich einmal sinnvoll waren). Und dass dieses Abarbeiten Zeit und ein gnädiges Anstubsen Gottes brauchen könnte. Individuell und institutionell. 

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Ich hatte zuerst einen ziemlich moralisierenden Schluss, der mir selbst nicht gefiel und den zu ändern mir die Beraterin sehr geholfen hat. Außerdem konnte ich, wie ich hoffe, einige Stolperstellen beseitigen. Die Diskussion, die wir über die Frage geführt haben, ob das Verlernen Gnade oder Anstrengung ist, konnte ich so nicht auflösen: In der Geschichte finde ich beides. 

Perikope