Jesus und meine to-do-Listen - Predigt über Lk 9, 57-62 von Vanessa Bührmann
9,57-62

1 to do

Ich liebe to-do-Listen.

Wenn alles gerade wieder etwas viel ist und sich mir der Kopf dreht,
dann setze ich mich erst einmal hin,
nehme mir eine Tasse Kaffee, einen Block und einen Stift
und schreibe eine Liste.
Schön untereinander.
Mit Kästchen.

Und mit etwas Glück kann ich sie im Laufe des Tages abhaken.
Oder durchstreichen.

In meinem Handy habe ich sogar auch eine App, die „To Do“ heißt.
Und wenn ich etwas abhake, dann macht es ping.

Und das tut gut -
Ich kriege Ordnung in den Kopf.
Ich habe das Gefühl:
Jetzt habe ich es im Griff.

Aber dann kommen die nächsten Aufgaben.
Und mir dröhnt schon wieder der Kopf.
Also setze ich mich wieder hin
und schreibe die Liste weiter.

Ich will im Beruf alles hinbekommen.
Ich will regelmäßig bei meinen Eltern anrufen.
Ich möchte mich mit Freundinnen und Freunden treffen und eine gute Freundin sein.

Und dabei immer dieses Gefühl:
Ich komme nicht hinterher.
Es gibt immer noch etwas, das ich vergessen habe.
Etwas, das ich übersehen habe.

Und vor allem dieses Gefühl:

Es hört nicht auf.
Die Liste.
Das Hinterhersein.
Ein ständiges „Ich würd ja gern, aber …“

Und ich fange an, mich wieder zu verheddern.


2 ja aber

Im Lukasevangelium begegnet Jesus drei Menschen.

Und alle drei sagen:

„Ich will dir folgen.“

Eigentlich perfekt.
Eigentlich ist es doch genau das, was Jesus hören möchte.

Er sagt aber nicht „Ja, lass uns das mal probieren.“
Oder: „Geh mal mit bis zum nächsten Ort.“
Nein, er sagt: „Ganz oder gar nicht.
Willst du, oder willst du nicht?“
.

Denn es kommt jedes Mal ein kleines Wort hinterher.
„Ja, aber …“

Der erste packt lieber noch ein weiches Kissen ein.
Der andere sagt: „Ja, Jesus, ich will dir folgen - aber zuerst muss ich noch jemanden begraben.“
Der nächste sagt: „Ja, Jesus, Ich will dir folgen - aber zuerst möchte ich mich verabschieden.“

Und ich denke:
Ich verstehe diese Menschen.
Sie wollen doch wirklich.
Und ich glaube, ich würde genauso antworten.
„Ja, Jesus. Ich bin bereit.“
Bereit zu glauben.
Bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Bereit, das Richtige zu tun.

Und dann merke ich,
wie ich innerlich doch wieder bei meiner to-do-Liste lande und all den Bedenken.

„Ja, Jesus - aber zuerst muss ich noch …“
Erst noch dies klären. Ping.
Erst noch dort helfen. Ping.
Erst noch funktionieren. Ping.

Reicht es denn nicht, wenn ich doch schon so viel tue.                                         Und eigentlich will ich ja doch
Was soll ich denn noch tun?

3 die Mitte

Eigentlich ist es ja so, als würde ich auf etwas zulaufen - und dann kurz vorher doch nochmal abbiegen.

Jesus hört dieses „Ja, aber“.

Und genau genommen sagt er nicht, was sie noch tun sollen.
Er stellt keine neue Aufgabe
auf die to-do-Liste.

Er stellt eine ganz andere Frage.

Im Grunde fragt er:
Was willst du eigentlich wirklich?
Was ist deine Mitte?


3 au ja

Es geht also um eine Ausrichtung.

Und ja - zugegeben - 
wenn ich mich ausrichte,
dann verschwindet die to-do-Liste nicht.

Die Kinder müssen trotzdem zur Schule.
Die Mails beantworten sich nicht von selbst.
Der Alltag bleibt voll.

Aber etwas verändert sich.

Das Wozu.

Dann steht plötzlich etwas über der to-do-Liste.

Das Wichtigste.
Das, wofür mein Herz schlägt.
und die to-do-Liste ordnet sich neu.

Dann sehe ich: Nicht alles ist gleich wichtig.
Manches verliert seine Dringlichkeit.

Dann muss ich nicht mehr sagen:

„Ja, aber …“

Sondern vielleicht eher:

Au ja - da will ich hin.
Au ja - dafür stehe ich.
Au ja - dafür setze ich mich ein.
Au ja - das ist meine Richtung.

Ausrichtung bedeutet nicht:
Ich habe alles im Griff.

Ausrichtung bedeutet:

Ich weiß, wohin ich schaue.

Die drei Menschen aus der Geschichte …
Ob sie nach der Reaktion von Jesus wissen, was sie wollen?
Au ja - ich geh mit dir Jesus

Und mit diesem Ziel vor Augen
biegen sie nicht kurz vorher nochmal ab.
Und dann können
Sie trotzdem bestatten
auf Wiedersehen sagen
und ihre Sachen packen

Und dann aber auch los. Weil sie wissen, wo sie hin wollen.


4 Au ja!

„Ja, aber …“

Das hör ich gerade ziemlich oft.

Ich würde ja mehr auf die Umwelt achten, aber …
Ja, aber die Frauen sind ja mit gemeint …
Ja, aber das war schon immer so und hat auch gut geklappt.
Wenn die Politiker erst mal …
Ich würde ja gern, aber …

„Ja, aber“ ist ein bequemes Wort.

Dann kann ich erst einmal sitzen bleiben.
Mit den Schultern zucken.
Abwarten.

Vielleicht mein Kreuz irgendwo machen
und schauen, was passiert.

Verantwortung, ein Ziel fühlt sich anders an.

Vielleicht wäre statt eines „Ja, aber“
ein „Au ja“ die bessere Wahl.

Wenn ich „Au ja“ sage,
dann bin ich nicht mehr Zuschauer.

Dann nehme ich den Ball auf.
Dann bin ich im Spiel.
Dann kann ich mitmachen und mitgestalten.

Eine ökumenische Kampagne fragt gerade:
„Wofür stehst du auf?“

Und diese Frage gefällt mir.
Denn sie erinnert mich daran:
Glaube ist nicht nur eine Überzeugung.
Glaube ist nicht nur Tun.
Glaube ist eine Haltung.
Und Glaube ist nie ein dagegen. Sondern ein dafür.
So hat es Jesus gelebt.

Es ist ein au ja!
Für ein gleichberechtigtes miteinander. 
Für eine Sprache, die die Verschiedenheit der Menschen bedenkt.
Für ein buntes Miteinander.
Für offene Arme.


5 mein Au ja!

Ein „Au ja“ sagt:

Dafür stehe ich.
Dafür will ich leben.

Dann wird mein Leben leider nicht perfekt.
Nicht fertig.
Nicht ohne Zweifel.

Aber ausgerichtet.

Und ich frage mich.
Ich frage dich:
Wenn du nur eine Sache nennen müsstest,
die in deinem Leben wirklich zuerst stehen soll - welche wäre das?
Was ist dein Au ja?
Worauf richtest du dein Leben aus?

Vielleicht beginnt Nachfolge genau dort.

Nicht im Abarbeiten.
Sondern im Ausrichten.

Nicht im ja, aber
Nicht im to-do.

Sondern im Au-ja!

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Pfarrerin Vanessa Bührmann

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Die derzeitige Lage ist von vielen Sorgen geprägt, und die Stimmung gedrückt. Ich erlebe manche Menschen als genervt und verunsichert. Gleichzeitig zeigen Ereignisse wie der Internationaler Frauentag und anstehende Wahlen, dass wichtige Fragen von Gerechtigkeit, Zusammenhalt und Zukunft auf dem Tisch liegen. Diskussionen sind da häufig von Schuldzuweisung, einem „dagegen“ und einem „Ja, aber“ geprägt. Die Predigt halte ich in einem klassischen Sonntagsgottesdienst in einer Gemeinde, in der ich noch nicht gepredigt habe. 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Dinge gelingen vor allem dann, wenn wir für etwas sind - wenn wir uns begeistern, wenn wir etwas wirklich wollen. Am Ende gibt es zum Optimismus keine echte Alternative.

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Ich habe entdeckt, wie oft ich selbst im Alltag "Ja, aber" sage und wie häufig ich eine negative Sache verneine, anstatt direkt das Positive zu sagen. Es ist nicht einfach, klar zu sein. Im Denken und im Sprechen. Darauf will ich in meinem Alltag künftig stärker achten.

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Zunächst hatte ich einen starken Schwerpunkt auf dem Weltfrauentag gelegt. In einer Predigtbesprechung habe ich jedoch selbst gemerkt, dass dies für mich nicht das einzige Thema ist. Für mich geht es mehr um die grundsätzlichere Frage: Was können wir diesem „Ja, aber“ entgegensetzen? Eine Frage, die sowohl politische Haltung als auch das Thema Gleichberechtigung und unsere persönliche Ausrichtung betrifft.

Perikope
08.03.2026
9,57-62