Predigttext: 2. Tim 2,8 - 13:
8 Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium,
9 für welches ich leide bis dahin, dass ich gebunden bin wie ein Übeltäter; aber Gottes Wort ist nicht gebunden.
10 Darum dulde ich alles um der Auserwählten willen, auf dass auch sie die Seligkeit erlangen in Christus Jesus mit ewiger Herrlichkeit.
11 Das ist gewisslich wahr: Sind wir mit gestorben, so werden wir mit leben;
12 dulden wir, so werden wir mit herrschen; verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen;
13 sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.
Zwischen den Gräbern.
Im Morgen, der das Schweigen der Nacht noch nicht ganz abgeschüttelt hat, stehen wir zwischen den Gräbern, den alten und denen von vorgestern. Denn hier an den Gräbern wird Ostern wahr. Oder es ist alles vergeblich.
Auf den Friedhof begleiten mich viele Erinnerungen, manche sind meine eigenen, andere habe ich geerbt aus Berichten und Geschichten und vom Hören-Sagen. Aber hier sind sie stark; hier ringen die Erinnerungen miteinander. Manche ziehen das Herz erdwärts, besonders wenn zwischen „geboren“ und „gestorben“ auf dem Grabstein nur so wenig Leben steht. Dann scheint doch vor allem dies wahr zu sein: dass es ein Ende gibt.
Aber zwischen verwitterten Steinen und Erinnerungen blüht in mir auch dieser Gedanke: Wie viel Leben - kurz oder lang, aber immer ganz - wie viel Leben, immer wieder, stets von Neuem und immer ganz! Und kein Ende in Sicht. Es war. Und es ist. Und es wird sein.
„Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten“, flüstern die ersten Christen in die Stille des Morgens hinein. Ich verstehe: Halt dich fest an der Erinnerung, die zum Leben hilft.
„Halt im Gedächtnis“ - versuchen wir es und hören: vom Werden der Welt durch das Wort „Es werde“; vom Vergehen des Bösen in den Fluten des Roten Meeres; davon, wie der Freiheit nichts mehr im Wege steht, wenn Gott den Weg bahnt. Dass keine Not und kein Tod das Leben und die Liebe zu uns bremsen können. Denn Gott bleibt treu.
An dieser Erinnerung halte ich mich fest zwischen all den Gräbern in dieser Welt, den alten und denen von vorgestern.
Randvoll mit Erinnerungen zum Grab.
Auch drei Frauen wollen hierhin, an den Ort mit den Gräbern: Maria und Magdalena und Salomé. Frühmorgens schleichen sie durch die feiertagsmüde Stadt. Der erste Tag der neuen Woche schält sich aus der Nacht. Viel treibt sie um und treibt sie jetzt hinaus vor die Tore der Stadt. Sie wollen zum Grab und den Leichnam ihres Freundes Jesus salben. Wenigstens das, und mit den Händen begreifen, was sie im Herzen nicht fassen können: dass es vorbei ist.
Das zu verstehen, ist gar nicht so leicht: dass es vorbei ist. Es war doch gefühlt erst neulich - wisst ihr noch? - im Norden, am Ufer des Sees Genezareth, wo der Fisch schmeckt und die Hauptstadt fern ist, als Jesus eines Tages auftauchte. Er sprach vom Leben und nannte die Dinge beim Namen und uns auch. Er sah uns an. Wisst ihr noch, wie wir ihm an den Lippen klebten? Wie wir mit ihm von der kommenden Welt träumten? Wir haben wieder an das glaubten, was möglich ist. Dass es weitergeht. Immer, irgendwie. Wir konnten loslassen, was uns gefangen hielt: Krankheit und Konvention, die Dämonen der Vergangenheit und die Gespenster der Gegenwart. Wir haben noch einmal neu angefangen. Mitten im Leben, mit ihm. Und nun? Wir hatten doch noch so viel vor!
Ob es diese sind - keine Ahnung, aber Erinnerungen begleiten die drei Frauen, Magdalena und Salomé und Maria mit Sicherheit ans Grab. Sie waren schließlich oft dabei: als Jesus einkehrte bei Reichen und Verdammten. Sie waren dabei; als der Tisch gedeckt wurde mit Brot und Wein, mit Reue und großen Fragen. Und vielleicht waren sie auch dabei, als alle das letzte Mal fröhlich zusammenkamen, Donnerstagabend im Gärtchen bei der Stadt. Alles haben sie mitgekriegt. Und bevor Jesus am Freitag hinauf gen Himmel schrie, sah er wohl auch noch einmal hinab vom Kreuz und sah Johannes und Maria und Magdalena und Salomé.
Die wollen jetzt nach ihm sehen - und finden ihn nicht. Offen steht das Grab und leer. Erstarrte Wachen, weiße Gestalten. Die Erschütterung geht durch Mark und Bein. Angst und Freude - ein inneres Durcheinander, Aufruhr im Herzen.
Da begegnet ihnen Jesus: „Fürchtet euch nicht!“ Es sind seine Worte. Das ist seine Stimme. Er selbst steht da. Es ist unmöglich, und ist doch wahr. Er ist da. Zum Anfassen nah. Seine Stimme - unverkennbar. Sein Blick - voller Wärme. Als hätte der Tod ihn nie genommen. Und sie wissen: Nichts ist vorbei; alles wird neu. Ihr werdet sehen, ihr werdet verstehen. Und jetzt sollt ihr leben.
Stimme, die Stein zerbricht.
„Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten.“ Der Ostermorgen erzählt uns Jahr für Jahr, wie es sich zutrug. Die text- und liedgewordenen Erinnerungen mischen sich in die grünende, knospende, blühende Welt. Das Licht kommt und das Licht bleibt.
Und dann kann es passieren, dass die alten Worte zwischen den Gräbern transparent werden für Gottes zarte Gegenwart in dieser Welt und seine Stimme durchdringt bis zum Herzen.
Ich spüre die Wunden, die mir das Leben geschlagen hat. Aber sie halten mich nicht mehr. Ich stehe auf und gehe los, weil ich weiß: da kommt noch was und da will ich hin.
Ich trete aus der Tür und denke: Dieses Grün! So grün war die Welt noch nie. Und mit der Welt da draußen blüht auch die Hoffnung in mir.
Dieser Moment, wo das Licht plötzlich aus den Pfützen zurückstrahlt und die Wärme die tränennassen Wangen trocknet. Ich kann meine Augen wieder öffnen. Die ganze Verzweiflung an mir und dieser Welt und an Gott selbst weicht diesem Hauch von Morgen, und ich weiß: Das hier ist kein Ende, sondern ein großer Anfang.
„Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten“, flüstern die ersten Christen in die Stille des Morgens hinein. Ich verstehe das so: Halte dich fest an dem, der dich leben lässt, und er hält dich.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Osterfrühgottesdienst am Sonntagmorgen auf dem Friedhof mit der Möglichkeit, ein Licht am Grab zu entzünden. Kein Abendmahl, keine Taufe. Evangelium Matthäus 28,1-10.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Die österliche Wendung des Satzes „Halte Ordnung und die Ordnung hält dich“: Halte den Auferstandenen fest, und der Auferstandene hält dich. Halte die Erinnerung an Ostern lebendig, und Ostern hält dich lebendig.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die Macht der Erinnerung, mich ins Grab oder ins Leben zu ziehen. Deshalb: „Halte im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten […]“ (2. Tim 2,8a)
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Weniger „wir“, mehr „ich“.