Das Leben steht still.
Die Kerzen haben wir ausgeblasen, die Orgel schweigt nun.
Auch außerhalb dieser Mauern ist alles ruhig. Die Geschäfte sind an Karfreitag zu. Es gibt heute so gut wie keine Veranstaltung am Ort. Für viele ein Ärgernis.
Ich finde nicht.
Was höre ich, wenn alles um mich herum einmal schweigt? Wenn ich mich nicht ablenken kann mit Arbeit, Besorgungen oder Events?
Nicht jedem tut die Stille gut. Schon stille Abende können eine Herausforderung sein. Gut versteckte Wunden in unserem Innern beginnen dann wieder zu schmerzen. Und Unversöhntes taucht von unter der Decke auf. Man fühlt sich einmal mehr allein.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das habe ich von vorhin noch im Ohr, aus Psalm 22.
Ich kam zum Trauergespräch. Der Witwer war da und die Tochter. Ich fragte, ob es weitere Kinder gäbe. Ein Sohn, war die zögerliche Antwort. Aber mit dem gäbe es schon lange keinen Kontakt mehr. Der Schmerz des Vaters war in der Stille zu spüren. Und die Trauer über den doppelten Verlust, den alten wie den neuen.
Sich zu versöhnen scheint oft unmöglich zu sein. Ganz gleich, ob schon lange her oder ganz aktuell. Der Streit mit der Freundin damals, die Geliehenes nicht zurückgab. Oder der Groll auf den Chef jeden Tag, weil er nicht wertschätzt, was man leistet. Versöhnung? Nicht mit der! Und niemals mit dem!
Und doch macht es etwas mit uns, so unversöhnt zu sein. Ganz tief im Innern nagt es an uns, lässt uns nicht in Ruhe. Es macht uns nicht nur wütend auf den anderen, der natürlich schuld ist. Es macht uns auch traurig.
Doch wir wollen, können, schaffen es nicht, uns mit dem anderen auszusöhnen. Ich frage mich: Was bräuchte ich, um mich versöhnen zu lassen mit denen, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe, mit denen ich im Streit auseinanderging, und an denen ich insgeheim kein gutes Haar lasse?
Gleich dreimal geht es in den drei Sätzen des heutigen Predigttextes um „Versöhnung“ und „versöhnen“. Paulus sieht darin seine Aufgabe als Apostel und schreibt in seinem zweiten Brief an die Korinther, Kapitel 5:
19 Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Versöhnung ist und bleibt ein Thema, das immer aktuell ist. Auf allen Ebenen: von der inter-nationalen Bühne bis zum persönlichen Nahfeld. Doch spricht wohl kaum irgendwer vom Nicht-versöhnt-Sein mit Gott.
Ich glaube jedoch, das Eine ist vom Anderen nicht zu trennen. Wer mit seinem Nächsten in Streit ist und wo Menschen sich bekriegen, da ist man auch mit Gott nicht im Reinen. Beides ist ineinander verschachtelt wie diese Babuschka- oder Matroschka-Puppen. Wenn wir andere missachten, hassen, mit den Füßen treten, dann feinden wir zugleich Gott an. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus.
Doch wie geht das eigentlich, Versöhnung? Wie kommen wir heraus aus diesem Unversöhnt-Sein? Es ist so schwer. So viele Verletzungen liegen wie Steine auf dem Weg. Und überhaupt, müsste nicht der andere den ersten Schritt machen? Warum denn ich?
Ich glaube, als Christinnen und Christen sollten wir aufhören, darauf zu beharren, wir seien im Recht. An Karfreitag wird nun gerade der, „der von keiner Sünde wusste“, gekreuzigt. Gerecht ist das nicht. Und doch der Beginn aller Versöhnung.
Wir sollten nicht warten, sondern diejenigen sein, die den ersten Schritt wagen und um Frieden bitten. Nach Paulus sind wir „Botschafter an Christi Statt“.
Heute denke ich, ich hätte der Familie vorschlagen sollen, den Sohn einmal anzurufen. Was wäre dann geworden? Wenn sie zum Beispiel gesagt hätten, es täte ihnen weh, so ohne Kontakt zueinander zu sein? Und dass sie ihn nun bräuchten, ob er nicht kommen möge?
Es ist not-wendig, Verletzungen zu benennen und zuzugeben. Denn unter ihnen leiden wir ja, tief in unserem Innern, als einzelne oder auch als Gesellschaft.
Ich weiß, es kostet eine Menge Mut. Und es ist ein Risiko. Wo Brüche angesprochen werden, bricht Schmerz und auch Zorn offen aus. Deshalb nenne ich solche Momente „Karfreitagsmomente“. Sie tun weh. Aber sie können befreiend sein und neue Wege eröffnen. Manchmal werden echte Neuanfänge möglich. Nicht immer. Doch wäre es nicht einen Versuch wert?
„Sieben Wochen ohne Härte“ war das Fastenmotto der evangelischen Kirche. Die Passionszeit geht zu Ende. Aber ein Ende von Streit, Verhärtung und Rechthaberei, gar Krieg ist nicht in Sicht. Nirgendwo.
Solange es Menschen gibt, müssen Botschafter und Botschafterinnen daran erinnern, ermutigen und darum bitten: „Lasst euch versöhnen. Wagt den ersten Schritt.“ Und ich glaube, es braucht immer wieder den Karfreitag mit seiner Stille, mit der Unterbrechung des Alltags, mit der Zeit, sich der Verletzungen bewusst zu werden und Brüche zu betrauern.
An den anderen 364 Tagen erinnern uns unsere Kirchbauten daran, wie wichtig Versöhnung ist und dass wir sie an Christi Statt anmahnen sollen. Die Kirche, in der ich Vikariat gemacht habe, trug den Namen Versöhnungskirche. Meinen Probedienst habe ich in einer Friedenskirche absolviert. Aber nicht nur diese, jeder Kirchturm und auch jede Friedensfürbitte erinnern daran, dass Gott Eintracht für uns will.
In Berlin, das finde ich besonders eindrucksvoll, gab es eine Versöhnungskirche, 1892 errichtet. Sie wurde fast hundert Jahre später, 1985 gesprengt. Das Besondere an ihr war ihre Lage. Denn sie stand im so genannten Todesstreifen, auf der Grenze zwischen Ost- und Westberlin. Heute ist auf ihrem Grundriss eine Kapelle errichtet, die Versöhnungskapelle. Sie erinnert an die historische Teilung Deutschlands und an all die Menschenleben, die sie gekostet hat. Sie ist zugleich aber auch Zeichen für die Wiedervereinigung und Versöhnung, die seitdem geschehen konnte.
Unsere Kirchen und wir Christinnen und Christen bitten nun „an Christi statt: Lasst euch versöhnen“. Ergreift die Möglichkeit Frieden untereinander zu finden, solange es geht und wir leben.
Es klingt nach wenig, wenn Paulus sagt: Gott „hat unter uns aufgerichtet das „Wort von der Versöhnung“. Denn „was sind schon Worte?“, sagen wir manchmal. Doch wie oft sind es gerade Worte, verschwiegene, geschriene oder per Email verschickte, die verletzt und Gräben zwischen uns gegraben haben? Ein einziger Satz kann eine Beziehung zerstören.
Was braucht es, um das zu heilen, was Worte - oder im Gegenteil: Schweigen - angerichtet haben? Es braucht Worte der Versöhnung. Dass jemand bittet: „Lass uns nochmal reden.“ Das wir sagen: „Das hat mich verletzt.“ Und vor allem ein: „Das tut mir ehrlich leid!“ Es braucht solche machtvollen Worte. Und Zuhören, aufeinander zugehen und verstehen wollen.
Doch muss ich immer vergeben? Ich glaube, das ist trotz allen Glaubens nicht immer möglich.
Spätestens seitdem wir Betroffenen sexualisierter Gewalt endlich zuhören, kann ich in Gottesdiensten die unbedingte Aufforderung zu vergeben nicht mehr äußern. Und eigentlich hätte ich das auch vorher schon nicht tun dürfen. Kann man Vergewaltigung, jahrelange Demütigung und Gewalt vergeben? Und wie kann man ernsthaft dazu jemanden auffordern? Und wenn diejenige nicht zu verzeihen vermag, was dann?
Und wie können wir als Christinnen und Christen es aushalten, dass Gott auch denen „ihre Sünde nicht zurechnet“, die uns oder unseren Liebsten Schlimmstes angetan haben? Können wir ernsthaft in jedem Fall dazu auffordern: „Lasst euch versöhnen?“
Manche Wunden bleiben. Jesus konnte seinen Peinigern vergeben. Doch als er seinen Jüngern an Pfingsten erschien, waren seine Wunden immer noch da. Sie sind nicht verschwunden. Ich bin dankbar für diese Ehrlichkeit.
Vergeben können und Versöhnung erfahren - das sind eben keine Leistungen, die eingefordert werden können. So verstehe ich den Apostel, wenn er betont, „so bitten wir nun an Christi statt“: Wir lassen nicht ab, dafür zu beten, dass Menschen wieder zueinanderfinden, wo immer es möglich ist. Wo immer wir Unrecht sehen, sprechen wir es als Botschafterinnen und Botschafter Christi an. Wir bitten darum: „Wenn möglich, vergebt einander.“ Wohlwissend, dass es nicht immer zumutbar ist. Aber das entscheiden nicht wir.
Beglückend ist es und ein besonderer, ich würde sagen, ein Ostermoment, wenn man miterleben darf, wie verfeindete Menschen sich versöhnen.
Zwei Jungs aus unserem Konfikurs vor ein paar Jahren haben uns das Wunder der Versöhnung erleben lassen. Ausgerechnet diese beiden. Beide Außenseiter, beide aus schwierigen Verhältnissen, aber grundverschieden. Der eine war in der ersten Gruppe, der andere in der zweiten, so dass sie keinen Unterricht zusammen hatten. Dass der eine den anderen mobbte, jagte, drohte, wann immer er ihn in der Stadt sah, bekamen wir Pastorinnen erst gar nicht mit. Bis die Eltern des Drangsalierten uns aufsuchten.
Und dann kam der Workshoptag: Beide Gruppen bauten zusammen mit dem NABU Nistkästen. Es war dem Jungen, dem übel mitgespielt worden war, freigestellt, daran teilzunehmen oder nicht. Er kam. Die Jugendlichen sollten im Freien an Tischen in selbstgewählten Kleingruppen arbeiten. Sie fanden sich schnell zusammen. Ein Tisch war noch frei, die beiden besagten Jungs übrig.
Da ging der, der immer einstecken musste, auf den anderen zu. Er fragte ihn: „Willst du mit mir den Kasten bauen?“ Und der sagte ja. Die beiden arbeiteten friedlich miteinander, redeten über Fußball, und ich weiß nicht, über was sonst so alles. Und mit einem Mal hielten sie inne. Sie sagten etwas zueinander, sahen einander an - und gaben sich die Hand. Dann hämmerten und feilten sie weiter. Und in einiger Entfernung standen wir Pastorinnen mit feuchten Augen und staunten über dieses Wunder. Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
In unserer Kleinstadt wie in vielen nicht großstädtischen Regionen Deutschlands ist an Karfreitag alles geschlossen, auf den Straßen ist es ruhig. Die Menschen haben Zeit. Zu Ostern stehen Familientreffen an. Dabei wird aber auch einmal mehr bewusst, wo Kontakte zu Familienmitgliedern abgebrochen sind und wer bei den Treffen fehlt. Gleichzeitig sind die Zeitungen voll von Berichten über den Irankrieg und die Frage, wie und wann es zwischen den USA, Israel und Iran zu einem Friedensschluss kommen kann. Unfriede herrscht auf vielen Ebenen.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Ich finde das Thema Versöhnung, dass der Predigttext vorgibt, essentiell. Zu oft erlebe ich, wie Menschen unter dem Abbruch einer Beziehung zu einem Familienmitglied leiden. Ich habe mich gefragt, was der Apostel Paulus vielleicht für uns heute zu Bestrebungen sich auszusöhnen beitragen kann.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Dass wir Botschafter an Christi Statt sind. Ich glaube, das bedeutet auch, dass wir nicht auf unser vermeintliches Recht beharren sollen. Es ist gut, in jedem Falle den ersten Schritt auf den anderen zu zu machen, statt immer weiter zu grollen und den anderen zu ignorieren. Es ist wichtig, zu sagen, wenn man sich verletzt fühlt, aber auch um Vergebung zu bitten, wenn man den anderen verletzt hat. Egal ob man es einsieht oder nicht. In dem Zusammenhang mag ich meinen Begriff „Karfreitagsmomente“.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Durch die Anmerkungen der Predigtcoach sind die Übergänge zwischen den einzelnen Gedanken fugenloser geworden. Interessante Ideen habe ich verstärkt. Ich habe dank ihr nicht noch zusätzliche Fässer aufgemacht und habe Unnötiges gestrichen. Und die Predigt verdankt ihr die Umwandlung vieler Substantive in Verben;-) Das coaching war sehr ermutigend und Spaß gemacht.