Wenn Türen verschlossen sind. Predigt über Joh 20, 19-23 von Bert Hitzegrad
20,19-23

Liebe Gemeinde! 

 

I. Verschlossene Kirchentüren

Es ist immer wieder ärgerlich: Sucht man einen Ort für ein stilles Gebet, einen Moment Ruhe, einen Raum, der durch die Jahrhunderte durchbetet und durchsungen wurde, ein Haus, in dem man eine besondere Nähe zu Gott erwartet ... und dann heißt es: „geschlossen“. Die Sehnsucht kommt nicht zu ihrem Ziel. Auch das Rütteln an der Türklinke der mächtigen Eingangstür macht es nicht besser … Einmal links herum um die alten, Schutz gebenden Kirchenmauern. Vielleicht gibt es einen anderen Zugang, von der Seite, durch die Sakristei? Oder rechts …? Nichts! Alles verriegelt und verschlossen. Ein pflichtbewusster Küster?

 

Viele werden es an diesem Pfingstwochenende wieder erleben. Wer mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs ist und einen Moment der Stille in einer unserer schönen, alten Kirchen sucht, wird sich schnell und frustriert wieder abwenden müssen: Verschlossen. Das Haus Gottes - verschlossen. Die Türen fest verriegelt, damit dem Denkmalschutz Genüge getan wird und niemand sich an den kostbaren Kunstwerken vergreift.

Keiner kommt rein - aber wer könnte herauskommen? Gott selbst? Wer oder was kann die Kirche verlassen? Der Heilige Geist?

 

II.  Was suchen Menschen?

Sollen  die alten Traditionen, die Liturgien, die verschnörkelten Kerzenständer bis in alle Ewigkeit konserviert werden? Ist die Angst, das seinem neuen Geist in der Kirche  Tor und Tür geöffnet werden, so groß? Aber was suchen die Menschen, die auf eine offene Kirche hoffen? Einen Raum der Stille in einer lärmenden Welt. Die Kerzen, die in Trauer und Leid Zuversicht geben? Die Kühle der alten Steine im aufgeheizten Alltagsgeschehen. Was suchen Sie, liebe Gemeinde?

Antworten auf die Fragen der Zeit. Bei den Jungen die Zweifel, bei den Alten ihr fester Glaube? Ein neuer Geist, der Bewegung bringt, nicht nur weil die Türen geöffnet sind, sondern weil Herzen berührt werden und die Sehnsucht, Gott nahe zu sein, zur Ruhe kommt, weil ich immer wieder den Frieden spüren, der von diesem Ort ausgeht. Ist diese Tür offen, lädt sie ein, einzutreten, dann kann sich viel verändern, dann können wir tief durchatmen, dann strömt es, dann durchströmt es,  dann füllt  der Heilige Geist jede Zelle unseres Körpers mit seiner Gegenwart. Dann wird es Pfingsten - nicht nur 50 Tage nach Ostern, jederzeit an jedem Ort, auch dann,  wenn die Türen verschlossen, auch die Türen der Herzen, verschlossen, blockiert, zugemüllt sind durch die Ängste des Lebens, verklemmt durch die Angst vor dem Morgen. Jesus braucht keine Tür mit Schlüssel und Scharnier, mit Türgriff und Schwelle. Er, der Auferstandene ist plötzlich da, inmitten der Schar der verängstigten Jünger. Er ist da, um Frieden zu bringen, Schuld zu vergeben und um Herzenstüren zu öffnen. Und dafür braucht er uns, Menschendes Geistes, des heiligen Geist.

 

Wir hören den Predigttext für den heutigen Pfingstmontag. Er  steht im Johannesevangelium im 20. Kapitel:

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! 23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 

III. Die Angst der Jünger

Die Türen sind verschlossen, die Gedanken und Gefühle durcheinander geraten. Die Türen verschlossen, damit die Situation nicht noch weiter eskaliert … noch mehr Gefangene, noch mehr Tote, noch mehr Hoffnungslosigkeit. Wie ein Vakuum: Die Worte des Meisters klingen nun hohl und leer. Kein Regierungswechsel, kein Herrschaftsanspruch in Gottes Reich. Der, der seinen Frieden bringen wollte, ist unterlegen, besiegt, geschlagen, getötet. Die Türen verschlossen, auch die Türen in eine strahlende Zukunft, in ein Leben getragen von der Güte Gottes und der Liebe unter den Menschen. Diese Tür ist zu und keiner von Ihnen wagt es, sie zu öffnen. Die Soldaten könnten sie auch abholen, und sie würden vielleicht auch so schwächeln wie Petrus „Ihr ward doch auch zusammen mit diesem Mann aus Nazareth!?“ Würden sie die Kraft und den Mut haben, zu ihrem Herrn und Meister zu stehen? Ist für ihn und sein Reich überhaupt Platz auf dieser Erde? Waren die alten Pfade nicht einfacher - die Fleischtöpfe Ägyptens, das Anbiedern an die römischen Besatzer. Damals mussten sie nicht um ihr Leben fürchten, aber nun …

Eine Welt ist für sie zusammengebrochen. Es ist nicht lange her, da sind sie in seinem Auftrag durch Land gezogen. Die Menschen öffneten ihnen die Türen, luden sie zum Essen ein. Fragten nach Gottes Reich, wie es konkreter werden könnte in dieser Zeit. Wenn Jesus selbst zu Ihnen kam, dann strömte es nur. Oft reichte der Platz nicht aus - ein Lächeln huscht bei dieser Erinnerung über ihr Gesicht. „Wisst Ihr noch, wie der Gelähmte auf einem Bett in den Raum heruntergelassen wurde?“, erinnert sich einer und ein anderer bekommt leuchtende Augen: „Und Jesus hat ihn gesund gemacht - an Leib und Seele“ Und ein weiterer murmelt: „Er hilft anderen, aber sich selber konnte er nicht retten …und uns lässt er allein.“ Dunkle Vorwürfe, tiefe Angst, Furcht vor den Juden und den Römern ... all dass lähmte, verschloss ihre Herzenstüren für die Hoffnungsworte, die Jesus ihnen mitgegeben hatte. „Fürchtet Euch nicht …meinen Frieden  gebe ich Euch ...“ Ihr Leben war durcheinander geraten, sie hatten keinen Blick mehr für den, der in ihrem Leben die Tür zu Gott geöffnet hatte.

Und plötzlich trauen sie nicht ihren Augen. Treibt die Angst ein böses Spiel mit ihnen? Jesus steht im Raum und niemand hat ihn kommen sehen! Sie schauen zur Tür, zu den Fenstern - alles noch so wie sie es selbst verriegelt und verrammelt hatten. Und da waren sie auch schon wieder, diese wohltuenden warmen Worte. Wie eine vertrocknete Blume, die gegossen wird und jede ihrer Blüten sich gen Himmel streckt; wie eine Tür, die sich endlich öffnen lässt, weil einer der 19 Schlüssel doch passt - natürlich der letzte; wie ein grüner Garten, der nach langer Winterpause plötzlich, da die Sonne höher steht, in ein frisches Grün getaucht wird. Die Bilder können gar nicht freudiger und entlastender sein, erleichternd: „Friede sei mit Euch!“ An diesem Gruß erkannten sie ihn und an den Wundmahlen - Zeichen menschlicher Brutalität. Nun eine Umkehr: der Beweis für Gottes Wirken im Leben und im Tod, so dass Steine fortgewälzt werden, Gräbergesprengt, Tote auferstehen, die Tür zum Paradies steht offen …“

Sie reiben ihre Augen, prüfen das Schloss an der Tür, lassen sich die durchbohrten Hände und die Seite immer und immer wieder zeigen. Ja, er ist es: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten …“

 

IV. Er ist da

Er ist da. Er ist da und mit ihm seine göttliche Kraft. Seine Nähe lässt die Gefühle der Freunde um 180 Grad umkehren: Aus Angst wird Zuversicht, aus Furcht die Freude am Leben, aus der Hoffnungslosigkeit der Mut, neue Wege zu gehen. Jesus nimmt sie hinein in seinen Frieden, rührt sie an, öffnet Türen, wo alles verschlossen war und schenkt die Luft und die Lust zum Leben. Luft, die ihnen ausgegangen war, Luft, mit der sie ihre Lunge und Herzen füllen, Lebensatem, Lebensodem wie damals bei Gottes Schöpfung am Anfang der Welt.

Sie dürfen neu leben: ihr Kleinlaube ist vergeben, ihre Verzweiflung vergessen, ihr Leben blüht neu auf. Es ist als würde frischer Wind durch den verdunkelten und abgeschlossenen Raum fegen. Es ist als ob das Leben neu möglich wird - mitten im Alten. Es ist als ob Ketten der Unfreiheit gesprengt werden, es ist als ob Türen, die für immer verschlossen waren, sich wieder öffnen-und das ist nicht nur Lebensatem für die kleine Schar der Jünger. Es soll neue Kraft und göttlicher Friede sein für alle, die von Versagen und Schuld niedergedrückt sind, für alle, die diese neue Gemeinschaft und auf Gottes Lebensatem, seinen Heiligen Geist hoffen.

Der weht bekanntlich, wo er will. Doch wenn Türen verschlossen sind, das Herz sich nicht öffnet, die knarrende Tür an der Kirchen fest verriegelt ist, dann hat auch die Kraft Gottes ihre Mühe.

 

V. Pfingsten 2026

Das wäre wohl ein Pfingstfest nah und fern, wenn zu diesen Festtagen tatsächlich die Kirchen offen wären, einladend mit Birkengrün an der Tür geschmückt. Vom Kirchturm herab weht die Kirchenfahne mit dem violetten Kreuz auf weißem Grund. Gottes erneuender Lebensatem würde die Ideen sprudeln lassen, wie wir seine Gegenwart spüren und verkündigen könnten. Er ist da, ja!. Aber wo entdecken wir seine Wundmahle als Beweis?

Einige packen an: „Wir stellen die Kirchenbänke an die Seite und nehmen Stühle, stellen sie im Kreis auf, damit wir voneinander hören, was uns bewegt, welcher Geist in uns wohnt, woher wir unseren Lebensatem nehmen und wo wir ihn suchen, wenn er uns fehlt ... 

Einer hat eine Gitarre dabei  und singt mit leiser Stimme „Kyrie eleison“. „Müssen wir die alten Worte singen, die keiner versteht?”, kommt ein Einwand. „Was spricht Dir aus dem Herzen, was lässt Gott bei dir eintreten? „Ich mag Joan Osborne: „One Of Us“. Gott ist jemand von uns, ganz dicht, ganz nah ... Wir können das Lied auf YouTube hören und mitsingen!“

„Und wer hält die Predigt?“ Und bei dem Wort „Predigt“ kommt gleich großes Gestöhne. „Jeder könnte doch erzählen, was er, was sie mit Gott erlebt hat – und alles zusammen ist unsere Predigt!“  „Oder wir gehen durch die Kirche und suchen Gottes Geist auf den Bildern an Altar!“ 

„Ich hab die-ie-ie Idee: Wir gehen raus, legen uns auf eine Wiese und beobachten, wie die Schirmchen vom Löwenzahn in den Himmel fliegen!!“

Gottes Geist schenkt neues Leben, bewegt, öffnet Tor und Tür. Oder wollen wir ängstlich im ewig gestrigen verharren? Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Pastor i.R. Bert Hitzegrad

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Ich habe eine ganz normale „Pfingstgemeinde“ vor Augen - das bedeutet:  eine Gemeinde die am zweiten Festtag noch weiter ausgedünnt ist als zu anderen Zeiten und Festtagen. Vielleicht hat sich der eine oder andere Urlauber in den Gottesdienst verirrt. Die Freude ist groß, eine offene Kirchentür vorzufinden und in einer Kirche, in der trotz Urlaubszeiten, Zusammenlegungen von Gemeinden und Vertretungsnöten Gottesdienst gefeiert wird. Zur Freude einerseits gehört andererseits aber auch die frustrierende Erfahrung, dass das so überschäumende Pfingstfest nur wenige Menschen in die Kirche führt. Wirkt der Geit Gottes nicht intensiv genug, sind die Türen der Herzen verschlossen? 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

die Türen waren verschlossen aus Furcht“ Das Bild der verschlossenen Tür hat mich besonders bewegt. Die „Türen“ , eigentlich ein adventliches Thema, schaffen Schutzräume, können blockieren, aber auch Wege eröffnen. Ganz konkret habe ich an die Frustration gedacht, wenn eine Kirchentür verschlossen ist und keine Chance besteht, den Kirchenraum zu betreten. Das Bild lässt sich auch übertragen: Wo werden Herzenstüren verschlossen, um auch Gottes Geist draußen zu lassen? Aber braucht er Türen?

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Die Symbolkraft der „Türen“ ist noch weiter durch zu buchstabieren: 
1. Türen können von Innen und Außen verschlossen sein. Halten wir unsere Kirchentüren von innen verschlossen, weil wir uns nichts nehmen lassen wollen von alten Traditionen, Liedern und Formen ….
2. Verschlossene Türen schenken auch ein Gefühl von Geborgenheit. Jeder, der die Tür öffnet und
eintritt, stört dieses Gefühl.
3.  Wer ist der „Türöffner“ für Gottes Geist? Ist er es selbst? Ist es Gnade, nicht Wollen …?

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Die Hinweise zur Predigt werden in eine noch intensivere Arbeit mit den Möglichkeiten der Sprache münden. Oft ist es ein bewusst Machen der Intention und des Zieles, um Formulierungen noch einmal „nachzuschärfen“

Diese Impulse werden über die konkrete Predigtarbeit hinaus bleiben. DANKE! 

Perikope
25.05.2026
20,19-23