Die Treue hört niemals auf - Predigt zu Joh 18,28-19,5 von Anne-Kathrin Kruse

Die Treue hört niemals auf - Predigt zu Joh 18,28-19,5 von Anne-Kathrin Kruse
18,28-19,5

Der Predigttext wird im Verlauf des Gottesdienstes gelesen.

I. Trauer und Schmerz

Jeden Tag geht Anna auf den Friedhof.
Ordnet die Blumen auf seinem Grab, 
richtet das Foto wieder auf – _
von Frantz, ihrem Verlobten.
Sitzt dort auf der Bank, 
in sich versunken, unnahbar,
mit starrem Blick auf das Kreuz.
Hier ruht Frantz Hoffmeister, geboren… gestorben...
Ihr Frantz liegt nicht in diesem Grab.
Im letzten Kriegsjahr wurde er verscharrt
in einem der Massengräber nahe Verdun.
Nur sein Medaillon ist ihr geblieben.
Das Rauschen der Blätter im Frühlingswind – sie hört es nicht.

Eines Tages beobachtet Anna,
wie ein junger Mann am Grab von Frantz steht.
Ganz in Schwarz, mit dem Hut in der Hand.
In sich versunken, unnahbar, 
legt er Blumen auf sein Grab.
Steht dort mit starrem Blick auf das Kreuz.
Tag für Tag.
Adrien heißt er. 
Franzose - der Erbfeind…
Zwei junge Männer – 
Freunde mitten in diesem mörderischen Krieg?

Die Eltern von Frantz Hoffmeister sind in ihrer Trauer um den Sohn 
bitter geworden.
Jeder Franzose ist für mich der Mörder meines Sohnes.
Ja, Sie haben recht, antwortet Adrien. 
Ich war auch Soldat und ich bin ein Mörder.

II. Ohne Schuld – angeklagt

„Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: 
Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? 
Sie antworteten und sprachen zu ihm: 
Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.
Da sprach Pilatus zu ihnen: 
So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. 
Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten.“
Ein Mensch steht vor Gericht, ein Jude.
Angeklagt von den jüdischen Oberpriestern des Tempels:
Wieder so ein Aufrührer, 
der das ohnehin schon gebeutelte jüdische Volk
unter den lauernden Augen der römischen Besatzer
in Gefahr bringt.
Den Römern reicht der leiseste Vorwand,
um noch grausamer zuzuschlagen.
Und dann nennt er sich „Gottes Sohn“
und verstößt damit gegen das höchste jüdische Gebot,
nämlich: dass es nur einen Gott gibt, den Gott Israels.
Darin war er nicht der Erste und Einzige.
Sich „Sohn Gottes“ nennen zu lassen, 
erfüllte im Römischen Reich aber den Tatbestand des Hochverrats:
Einer „wie Gott“ zu sein, durfte nur einer für sich beanspruchen: 
der Kaiser des Römischen Reiches.
Kreuzigen ist die römische Methode, 
mit solchen Rebellen abzurechnen.
Was am Ende zur Anklage führte – 
heute ist das nicht mehr nachvollziehbar. 
Klar ist nur: Nicht die jüdischen Verantwortlichen sind schuld an Jesu Tod. 
Dazu hatten sie gar kein Recht und keine Möglichkeiten.

III. Ohne Anklage – schuldig

Anna gelingt es, Vertrauen zu schaffen
und den jungen Franzosen Adrien in das Elternhaus von Frantz einzuführen.
Woher kennen Sie Frantz?
Wie war es, als Sie ihn das letzte Mal gesehen haben? 
War er glücklich?
Denken Sie noch an ihn? – Wie könnte ich ihn vergessen…?!
Adrien beginnt zu erzählen.
Wie sie sich vor dem Krieg in Paris kennengelernt haben, 
wie sie im Louvre die Bilder von Edouard Manet bewundert haben, 
besonders eines – mit dem Titel: Der Selbstmörder.
Wie Adrien, der begabte Geiger, Frantz beim Violinspiel korrigiert hat, 
behutsam, liebevoll, mit zarter Hand.
Es ist, als wäre Frantz wieder nach Hause gekommen…, 
sagt die Mutter.
Auch Anna blüht auf.
Schließlich möchte Vater Hoffmeister die Violine seines Sohnes 
Adrien gar zum Geschenk machen.
Das Liebste, was er hatte.
Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen.
Aber Adrien wehrt ab.
Er hält es nicht mehr aus.
Anna gegenüber bricht die Wahrheit aus ihm heraus:
Ich war es, der Frantz getötet hat
In einem Schützengraben hatten sie sich 
mit ihren Gewehren gegenübergestanden. 
Wenn er wenigstens geschossen hätte, 
aber sein Gewehr war nicht geladen.
Die unerträgliche Schuld am Tod von Frantz 
hat ihn dazu getrieben, 
die Familie Hoffmeister aufzusuchen und um Vergebung zu bitten.
Ich habe gelogen, weil es uns allen guttat.
Anna wendet sich verletzt von ihm ab.
In tiefer Verzweiflung erkennt Adrien, 
dass es keine Hoffnung auf Vergebung für ihn gibt, 
und kehrt zurück nach Paris.
Was ist Wahrheit?

IV. Gelitten. Unter Pontius Pilatus gekreuzigt.

„Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?
Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden 
und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“
Der Evangelist Johannes beschreibt Pilatus mit dickem Weichzeichner: 
Als einen maßvollen Richter, der die richtigen Fragen stellt. 
Als einen, der Jesus für einen harmlosen Querulanten hält. 
Andere Quellen beschreiben Pilatus als brutalen, 
kaltschnäuzigen und grausamen Gewaltherrscher.
Ein Autokrat, für den kein Gesetz zu gelten scheint –
wie aktueller er kaum sein kann…
Mit Aufrührern macht er gleich kurzen Prozess oder gar keinen.
Ausgerechnet an seinen Namen erinnern Christinnen und Christen regelmäßig
in ihrem Glaubensbekenntnis: Gelitten. Unter Pontius Pilatus gekreuzigt.

„Was ist schon Wahrheit!“ 
Ihn interessiert die Frage nicht. 
Der Schreibtischtäter mit der weißen Weste
fällt das Todesurteil und lässt es vollstrecken,
aus Lust an der Gewalt, 
aus politischem Kalkül, 
zur Abschreckung  
oder einfach, um diesen lästigen Juden loszuwerden. 
Und macht sie alle miteinander lächerlich, 
die jüdischen Ankläger, den Juden Jesus, den Gott Israels.

Wahr ist: mit der Schilderung dieses Prozesses in den Evangelien 
nahm die katastrophale judenfeindliche Wirkungsgeschichte 
ihren Anfang und dauert bis heute an.
Der Evangelist Johannes wollte in der innerjüdischen Auseinandersetzung 
um den „Messias“ die Position der Jesus-Jünger stark machen.
Die Schläge, die Jesus trafen, der qualvolle Tod am Kreuz –
sie stehen für die Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden 
bis hin zum 7. Oktober 2023 und darüber hinaus.
Kann es sein, dass wir unsere dunklen Seiten 
in unser Bild von Juden einschreiben?
Kann es sein, dass Jesus deshalb immer wieder gekreuzigt wird?

V. Noch einmal: Was ist Wahrheit?

Ebenso wenig, wie der willkürliche Despot Pilatus 
ein Freund theoretischer Gedankenspiele war,
so wenig war Jesus ein griechischer Philosoph -
als jüdischer Schriftgelehrter und Prediger in der Provinz Judäa 
spricht und denkt er auf aramäisch.
Was die Griechen unter „Wahrheit“ verstehen, heißt bei ihm „Gemeinschaftstreue“.
Das ist die Treue dieses unschuldigen Königs der Juden:
„Ich soll die Treue Gottes und seiner Weisung, der Tora, bezeugen.
Wer aus der Treue ist, der hört meine Stimme.“
Dieser Jesus ist ein wahrer „König der Juden“, wie ihn seine Bibel beschreibt:
glaubwürdig und treu gegenüber Gott und seinen Geboten in der Tora,
der für Recht und Gerechtigkeit eintritt.
In Treue steht er für sein jüdisches Volk ein.
Hält die Würde der Menschen hoch, auch derer aus den anderen Völkern,
hat eine besondere Liebe für die, die verfolgt und gedemütigt werden.
Auf ihn ist Verlass, im Leben wie im Tod.

V. Die Treue hört niemals auf

„Frantz“ – ein Film gegen den Krieg.
Darüber, wie die Toten das Leben derer überschatten, die sie liebten.
Wie Überlebende sich nach dem Tod sehnen, weil sie schuldig geworden sind.
Und der Krieg in den Köpfen nicht aufhört.
Wo das Leben nur noch in der Vergangenheit farbig,
die Gegenwart dagegen schwarz – weiß – grau erscheint.
Und doch bahnt sich das Leben zurück in die Zukunft, gibt ihr Farbe.
Ein Film über Lüge und Wahrheit, über Treue und Liebe.

Nach schweren Kämpfen gelingt es Anna, Adrien zu verzeihen.
Dieser französische Soldat ist bis nach Deutschland gekommen, 
um um Vergebung zu bitten. Gewähren Sie sie ihm, 
so wie Jesus Christus seinen Peinigern vergeben hat. 
rät ihr der Pfarrer.
Bei einem Wiedersehen mit Adrien in Paris begreift sie, 
dass es in seiner Welt der Schuld 
keinen Raum für eine gemeinsame Zukunft gibt.
Durch Adrien konnte sie Frieden machen mit dem Tod ihres Verlobten Frantz
und sich wieder dem Leben zuwenden.
Die Narben bleiben – die Liebe kann Leid und Schuld nicht einfach zudecken.
Und doch gibt es ein Aufstehen aus der Vergangenheit, Neuanfang, Zukunft.
Anna bleibt in Frankreich.
Den Eltern von Frantz verschweigt sie die Wahrheit darüber,
dass Adrien ihren Sohn getötet hat.
In ihren Briefen erzählt sie Geschichten von einem glücklichen Leben mit Adrien in Paris.
In der Regel verurteilt Gott die Lüge, hatte der Pfarrer gesagt,
aber hinter Ihrem Schweigen verbirgt sich eine reine Absicht, 
die den Verstoß entschuldigt…
Was würde die Wahrheit bewirken?
Noch mehr Schmerz, noch mehr Tränen…

Wahrheit kann Schuldige kalt und gnadenlos lebenslänglich verurteilen.
Liebe kann sich blumigen Illusionen hingeben.
Die Treue verbindet beide und öffnet Zukunft, neues Leben.
Die Treue zu Gott und den Menschen erfindet wundervolle Geschichten 
von Freundschaft unter Erbfeinden, 
von gemeinsamem Leben über Grenzen hinweg.
Ja, sie lässt sich dafür demütigen und schlagen und umbringen.  
Sie lässt sich begraben und kommt wieder ans Licht.
Am Ende geht Anna in den Louvre,
zu Edouard Manet‘s Bild „Der Selbstmörder“.
Denn: Es gibt mir die Lust zum Leben. 
Am Ende hört sie es wieder – 
das Rauschen der Blätter im Frühlingswind. 

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Anne-Kathrin Kruse

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Eine Großstadtgemeinde mit hohem Akademiker-Anteil. Die Aufführung der Johannespassion von J.S.Bach, der der Predigttext zugrunde liegt, steht bevor. Und es ist auffällig, wie wenig Interesse an den Folgen dieser wunderbaren Musik und ihrer vergifteten Botschaft besteht.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Schon lange hat mich der Film „Frantz“ fasziniert und beschäftigt im Blick auf die Frage, was „Wahrheit“ ist, wo sie verletzt und wo sie heilsam wirken kann. Dass sie jedenfalls nie nur akademisch behandelt werden kann, vielmehr dazu führt, für sich selbst Rechenschaft abzulegen - gerade auch im christlich-jüdischen Kontext.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Nach wie vor finde ich es in Übersetzung und dann auch in jüdischer Auslegung spannend, der biblischen Bedeutungsvielfalt zentraler Begriffe nachzugehen und dadurch auf ganz neue Zugänge zu stoßen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Herzlichen Dank an meine Predigtcoach für ihre präzise Wahrnehmung und ihre sehr hilfreichen konkreten Anregungen! Sie hat mich in dem Wagnis bestärkt, den Predigttext mit dem Plot des Films zu verweben, und Vorschläge dazu gemacht, die historischen Anmerkungen zum Text auf der Meta-Ebene zu straffen. Wertvolle Anregungen verdanke ich auch der Predigt zum Text von Susanne Ehrhardt-Rein.

Perikope
06.04.2025
18,28-19,5

Wir bleiben in Verbindung - Predigt zu Joh 6,47-51 von Christoph Kock

Wir bleiben in Verbindung - Predigt zu Joh 6,47-51 von Christoph Kock
6,47-51

I. Abgebrochen

„Wir bleiben in Verbindung“,
sagen sich Menschen zum Abschied.
Manchmal gelingt das.
Manchmal nicht.

Beim Umzug fällt ihm ein Fotoalbum in die Hand.
Ach ja. So hat man das früher gemacht.
Abzüge in ein Buch eingeklebt und beschriftet.
Neugierig blättert er im Album.
Seine Abiturfeier. 1987.
Die Frisuren. Was damals so modern war.
Und die Riesenbrillen.
Da sag einer,
früher sei immer alles besser gewesen.
Er blättert weiter.
Zwei junge Herren im Anzug, die in die Kamera grinsen.
Er und Markus Borgwardt.
Sie waren dicke Freunde.
Ist das lange her.
Die 10. Klasse hat Markus gerade so geschafft.
Mit einer vier in Mathe.
Ihm fällt der Spickzettel ein,
den er für Markus in der letzten Arbeit geschrieben hat.
Das war ganz schön knapp.
Nach der Schule gingen ihre Wege auseinander.
Markus studierte in der Nähe und wohnte Zuhause.
Während er nach Stuttgart zog.
Nach dem Studium fand er dort Arbeit.
Und sein Glück.
Zu seiner Hochzeit war Markus noch gekommen.
Dann verloren sie sich aus den Augen.
Woran das wohl gelegen hat?

Er schaut auf das Bild und überlegt einen Moment.
Weil Markus irgendwann keine Lust mehr hatte darüber zu sprechen:
Warum er sich hat scheiden lassen.
Warum er seine Kinder nicht mehr sehen kann.
Warum er sein Studium nicht abgeschlossen hat.
Ihre Wege waren zu verschieden,
als dass die Verbindung hätte halten können.
Zum letzten Mal hat er vor vier Monaten von Markus gehört.
Seiner Mutter war die Todesanzeige aufgefallen.
Er hat die Anzeige gegoogelt.
Markus Borgwardt starb 10 Tage nach seinem 50. Geburtstag.
Ihre Freundschaft starb schon viele Jahre früher.

II. Sich Jesus einverleiben

„Wir bleiben in Verbindung“,
sagt Jesus zu seinen Jüngern.
„So wahr ich in eurer Mitte bin.“

Im Johannesevangelium heißt es im 6. Kapitel:
Amen, amen, das sage ich euch:
Wer glaubt, hat das ewige Leben.
Ich bin das Brot des Lebens.
Eure Vorfahren haben in der Wüste das Manna gegessen
und sind dann doch gestorben
Aber dies ist das wahre Brot,
das vom Himmel herabkommt.
Wer davon isst, wird nicht sterben.
Ich bin das Lebensbrot,
das vom Himmel herabgekommen ist.
Wenn jemand von diesem Brot isst,
wird er das ewige Leben haben.
Das Brot, das ich geben werde, ist mein Leib.
Ich gebe ihn hin, um dieser Welt das Leben zu schenken.«
Wer mit mir in Verbindung bleibt, wird leben.

Die Frage ist nur, wie das gehen kann.
Wenn doch die Wege auseinander gehen.
Wenn das Weizenkorn in die Erde sinkt
und die Jünger mit leeren Händen dastehen.
Wenn Jesus erhöht wird
und die Jünger mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben.
Weiter auseinander können Wege nicht gehen.
Wie werden wir hier unten
mit dem dort oben in Verbindung bleiben können?

Das Johannesevangelium sagt:
Indem ihr euch Jesus einverleibt.
Auf seinen Worten kaut,
sie in euch aufnehmt.
Seine Lehre verschlingt
wie ein Buch,
das ihr nicht aus der Hand legen könnt.
Das Lebensbrot kann, muss, will gegessen werden.
Damit es wirkt, stärkt, tröstet.
Vom Anschauen wird keiner satt.
Das Lebensbrot kann, muss, will gegessen werden.
Dann steht die Verbindung.
Sie reicht für ein ganzes Leben und darüber hinaus.
Jesus selbst sorgt dafür:
„Wenn jemand von diesem Brot isst,
wird er das ewige Leben haben.
Das Brot, das ich geben werde, ist mein Leib.“

III. Das Himmelsbrot trennt …

Ein Gottesgeschenk.
Wie das Himmelsbrot.
Die Menschen, die Jesus zuhören, erinnern sich.
Das Volk Israel auf dem Weg in die Freiheit.
Durch die Wüste. Mangel als ständiger Begleiter.
Dann das Manna.
Im kühlen Morgen sammelten sie es ein.
Sie wurden satt, unter Gottes Führung.
Bewahrt in unwirtlichem Gelände.
Nicht erkämpft, nicht erarbeitet.
Geschenkt. Jeden Morgen neu.
Was ist das, fragten sie.
Manhu? Manna ist Himmelsbrot.

Jesus stört diese Erinnerung:
„Eure Vorfahren haben in der Wüste das Manna gegessen
und sind dann doch gestorben
Aber dies ist das wahre Brot,
das vom Himmel herabkommt.
Wer davon isst, wird nicht sterben.“

Eine Trennung deutet sich an:
Die Verbindung zu Jesus bleibt.
Aber die Verbindung zur Synagoge löst sich.
Jesus verkörpert einen besonderen Weg zum Gott Israels.
Längst nicht alle gehen ihn mit.
Das Brot der Ewigkeit verlangt eine Entscheidung.

Das ist bitter,
vor allem für Christinnen und Christen jüdischer Herkunft.
Sie sind in der Synagoge groß geworden.
Jetzt verlieren sie ihre religiöse Heimat –
durch ihre Verbindung zu Jesus.
Die Wege gehen auseinander.
In dieser Situation erinnert das Johannesevangelium an Jesus.
Was die ersten christlichen Gemeinden erleben und erleiden
– das vierte Evangelium erzählt es so,
als ob Jesus es selbst erlebt und erlitten hat.
So eng ist ihre Verbindung.

IV. … und es verbindet

So wird erzählt, wie Wege auseinander gehen.
Und zugleich, wie Menschen zueinander finden.
Das erste Mahl feiert Jesus mit 5000.
So viele Menschen sind zu ihm gekommen,
ihm gefolgt in unwirtliches Gelände.
Sie sind hungrig.
Ihnen knurrt die Seele
und schließlich auch der Magen.
Jesus kümmert sich um beides.
Die Menschen sind seine Gäste.
An unterschiedlichen Orten zuhause.
Aus verschiedenen Richtungen gekommen,
allein, zu weit, zu dritt, als Gruppe.
Jetzt sind sie vereint an seinem Tisch.
Ein Kind hat fünf Brote dabei und zwei Fische.
Jesus nimmt das Brot,
dankt Gott dafür
und gibt es den Menschen.
Und der Hunger ist gestillt
und Gemeinschaft erfahrbar geworden.

„Wir bleiben in Verbindung“, sagt Jesus.
Ein Bissen Brot. Ein Schluck aus dem Kelch.
Verleibt euch seine Worte ein.
Wie beim Essen und Trinken.
Jesu Worte trösten, ermutigen, stärken, bewahren.
Nehmt sie in euch auf,
lasst euch ansprechen, anrühren, anregen.
Das ist ein Grund zum Feiern.
Erstaunlich, was diese Verbindung aushält,
wie sie wirkt, wie weit sie reicht.

Es ist eine überschaubare Gemeinde,
die an diesem Sonntagmorgen Abendmahl feiert.
Eine Frau trägt ein Kopftuch.
Ihre Hände sind von Rheuma gekrümmt.
Es fällt ihr schwer, den Kelch zu halten.
Sie ist in Kasachstan geboren,
als Spätaussiedlerin nach Deutschland kommen.
Vieles hier war fremd.
Vieles ist fremd geblieben.
Eine Frau am Altar.
Auch dass neben ihr ein Vater mit seinem dreijährigen Sohn steht.
Und der Junge Brot und Kelch bekommt wie sie.
Vorsichtig reicht er ihr die Hand.
Er hat gesehen, wie schlecht sie ihre Hände bewegen kann.
„Gehet hin in Frieden“, sagt die Pfarrerin.
Die Frau schaut sich um.
Hier ist sie zuhause.

Ein Bissen Brot, ein Schluck aus dem Kelch.
Was verbindet,
ist stärker als das, was trennt.
Essen und Trinken – und Jesus ist da.
Abendmahl – die Verbindung trägt.
Himmel und Erde berühren sich.
Der Erhöhte in die Mitte derer,
die an seinen Tisch kommen.
Ein Moment der Ewigkeit mitten in der Zeit.
Ein Geschenk, weder planbar noch machbar.
Eine Kraft, die Grenzen überschreitet.

V. Am Grab

„Wir bleiben in Verbindung.“
Uns ist das nicht gelungen, denkt er,
als er das Grab von Markus Borgwardt gefunden hat.
Zur Beerdigung hat er es damals nicht geschafft,
aber jetzt steht er hier.
Schweigend.
Mit vielen Erinnerungen.
Traurig über einen Freund,
den er früh verloren hat.

Und dann, wie er nur darauf gekommen ist,
muss er an Markus‘ Konfirmationsspruch denken.
Wie ging der noch?
Nichts mit Frieden und Schwertern zu Pflugscharen.
Wie es damals gerade in war.
Nein, der war anders.
Etwas mit verlieren.
Er zieht sein Smartphone aus der Tasche.
Es dauert etwas, bis er beim Googlen fündig wird:

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16)

Unwillkürlich muss er lächeln.
Jetzt fällt es ihm wieder ein:
Markus hat auf seine ostpreußische Oma gehört
und sie damit großzügig gestimmt.
Wer glaubt, geht nicht verloren.
Der Gedanke gefällt ihm.
Weil Jesus das hinkriegt:
In Verbindung zu bleiben.
Es wird Zeit,
dass er vom Friedhof verschwindet.

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Dr. Christoph Kock

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen? 
Menschen unterschiedlicher Herkunft. Im Alltag haben sie wenig Berührungspunkte, außer dass sie im selben Stadtteil leben. Was verbindet sie am Sonntag in der Kirche, wenn sie sich um die aufgeschlagene Bibel versammeln? Mit Verbindungen haben sie ihre Erfahrungen gemacht. Viele haben sich bewährt, etliche sind abgebrochen. Manchmal im engsten Kreis. Als Pfarrer habe ich viele Abbruchgeschichten kennengelernt.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt? 
Das Johannesevangelium macht sich für eine Verbindung stark, die Jesus verkörpert. Spannend ist für mich die Deutung von Jan Heilmann zu Johannes 6: Brot und Wein stünden nicht für den Leib und das Blut Christi, sondern für seine Worte. Es gehe also darum, sich diese Worte einzuverleiben.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Sie steht nicht im Predigttext, sondern erst ein paar Verse weiter: Jesu Überbietung des Manna führt zu einer Trennung von vielen, die ihm nachgefolgt sind. Es bleiben 12, abzüglich desjenigen, der ihn verrät. Eine Gemeindesituation (Ausschluss aus der Synagoge) spiegelt sich darin, wie ein Evangelium von Jesus erzählt.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 
Die Geschichte von der abgebrochenen Freundschaft endet zunächst mit einer Todesanzeige. Darauf musste ich am Schluss zurückkommen. Schließlich geht es um ewiges Leben. Ob es den Besuch am Grab gegeben hat, weiß ich nicht. Aber ich finde, er passt.

Perikope
30.03.2025
6,47-51

Besteht der Schlangenkult noch? - Predigt zu Joh 3,14-21 von Timotheus Arndt

Besteht der Schlangenkult noch? - Predigt zu Joh 3,14-21 von Timotheus Arndt
3,14-21

Vorbemerkung
Ich treffe eine sprachliche und eine gesellschaftliche Entscheidung: Ich weite die männliche/maskuline Einengung des Textes etwas aus, indem ich den Ausdruck Kind statt Sohn wähle (So reden wir gewöhnlich in der Weihnachstszeit). Ich verschränke Jesu Weg ans Kreuz, gewöhnlich Passionsgeschichte genannt, mit dem Weg Israels aus Ägypten, gewöhnlich Exodus genannt. Letzteres regt Jesus selbst durch seine Bildwahl an. (Außerdem gebrauche ich synonym zur Bezeichnung GOTT die Bezeichnung HIMMEL. Hier lasse ich die männliche Einseitigkeit der Bezeichnung bislang stehen.)
Nun die daraus resultierende Predigt. 

Evangelienlesung Jh 3,14–21 und Predigt am Sonntag Reminiscere
Gegen Ende eines Gespräches mit einem jüdischen Lehrer 
(der trägt den griechischen Namen Nikodemos) 
hält Jesus folgende Rede:

Wie Mose die Schlange in der Wüste aufrichtete, so muß das Menschenkind aufgerichtet werden, damit jeder Mensch, der darauf vertraut, ewiges Leben habe. 
Der GOTT gewann die Welt nämlich so lieb, dass Er Sein besonderes Kind gab, damit jeder Mensch, der darauf vertraut, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben habe. 
Der GOTT schickte das Kind nämlich nicht in die Welt, damit Er dadurch die Welt richte, sondern damit Er dadurch die Welt rette. 
Wer darauf vertraut, wird nicht gerichtet. Und wer nicht vertraut, ist schon gerichtet, weil er nicht auf den Namen des besonderen Kindes des GOTTES vertraute. 
Das ist das Gericht, dass das Licht in die Welt kam und die Menschen das Dunkel mehr als das Licht liebten. Ihre Taten waren nämlich böse. 
Jeder Mensch, nämlich, der Schlechtes tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten keinen Tadel erführen. Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit seine Taten sichtbar werden, weil sie in GOTT getan sind.

Zwei Bilder fallen gleich am Anfang auf: 
1. Die Schlange in der Wüste 
2. Das besondere Kind 

Die Schlange in der Wüste hat ein wechselvolles Geschick
Nach einer Erzählung im Vierten Buches Mose, Kapitel 21 
schickte DER HIMMEL Schlangen, um die Leute zu beißen. (Vers 6) 
Dann soll Mose das Kupfermodell einer Schlange auf eine Stange setzten, 
damit dessen Anblick heile. (Verse 8f)

»Wenn die Schlange einen Menschen gebissen hat, und der blickt zu der kupfernen Schlange, dann lebt er.« (Nm 21,9b)

Schlangen stehen für Gegensätzliches, sind ambivalent. 
Das findet sich in unterschiedlichen Kulturen: 
Sie sind doppelzüngig und klug. 
Sie sind gefährlich und hilfreich. 
Sie sind giftig und heilsam. 
Dem biblischen Bild ähnelt der Aeskulapstab aus griechischem Mythos, 
ein Zeichen für Apotheken und medizinisches Personal.

Lange nach Mose lesen wir: 
König Hiskia – eine Lichtgestalt unter den davidischen Königen Judas – (Anm.: bSan 98b–99a als möglicher Messias erwähnt, König 735 bis 696 vor Beginn der christlichen Zeitrechnung)

»zerschlug die kupferne Schlange, die Mose gemacht hatte. Denn bis zu jenen Tagen pflegten ihr die Israeliten zu räuchern.« 2Kg 18,4b

Jesus hatte gewiss die ganze Geschichte im Blick. 
Wenn er sagt, dass das Menschenkind aufgehängt werden wird, 
sagt er auch, dass dessen kultische Verehrung
zum Götzendienst werden kann, der aufzuheben ist.
 
Wir bemerken und fragen: 
Menschenkinder verletzen gefährlich. 
Menschenkinder werden aufgehängt. 
Kann der Anblick eines aufgehängten Menschenkindes heilen, lebendig machen? 
Wie kann er das? 
Märtyrerkult ist problematisch, auch der um ein aufgehängtes Menschenkind.

Das besondere Kind (Anm.: Die Ausdrücke besonderes, geliebtes Kind, erstgeborener Sohn beziehen sich jeweils auf die selbe Elternschaft. S. a. https: //www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe1/reminiszere-johannes-3 unter 1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung zu V. 16. Auch Formulierungen zu Gn 22,2 gehören in diesen Komplex.)

Der erstgeborene Sohn. (Anm.: Hier rufe ich – für diese Predigt ausnahmsweise – die traditionelle männliche Einseitigkeit auf, in der auch der Kult von der Auslösung des erstgeborenen Sohnes funktioniert.)

Mose soll Pharao sagen – so steht es im Zweiten Buche Mose im 4. Kapitel (Vers 22b): 
»Mein erstgeborener Sohn ist Israel.« 

Im Evangelium hören wir die Stimme aus dem HIMMEL: 
Dieser ist mein Kind/ (Mt 3,17) 
Du bist mein Kind, (Mk 1,11 = Lk 3,22) 
das geliebte, das Mir gefällt/ (Mt 3,17 = Mk 1,11 = Lk 3,22) 
Dieser ist das Kind des GOTTES. (Jh 1,34) 
So bei der Taufe Jesu. 
Und das wiederholt sich bei der Verklärung Jesu.

Wir fragen uns: Mose und Jesus und Israel – wie gehören die drei zusammen?

Mose tritt an die Stelle Israels. 
Mose vertritt Israel. (vgl. Ex 20,19) 
Mose tritt für Israel ein. (z. B. Ex 32,9–14)

Jesus tritt an die Stelle Moses. 
Jesus vertritt Israel.

Wir wissen, als Geschöpfe sind wir alle Kinder des HIMMELS.

Mose soll Pharao sagen: 
»Mein erstgeborener Sohn ist Israel.« Ex 4,22b 
»Entlasse Meinen Sohn … 
Weigerst du dich, 
ihn zu entlassen, 
dann töte Ich deinen erstgeborenen Sohn.« Ex 4,23 

Wer Israel antastet, tastet den HIMMEL und sich selbst an.

Das klingt bedrohlich, einschüchternd. 
Doch die Absicht ist eine Rettungsaktion. 
Zunächst will der HIMMEL Israel aus Ägypten retten.

Später will der HIMMEL die ganze Welt vor dem Tode retten.

»Der GOTT schickte das Kind nämlich nicht in die Welt, 
damit Er dadurch die Welt richte, 
sondern 
damit Er dadurch die Welt rette.« Jh 3,17
 
»Wer auf ihn vertraut, wird nicht gerichtet. 
Und wer nicht vertraut, ist schon gerichtet, 
weil er nicht auf den Namen des besonderen Kindes des GOTTES vertraute.« Jh 3,18

Tod und Leben 
Warum gehen Menschen verloren? 
Warum gehen Menschen zugrunde? 
Warum sterben Menschen den materiellen und den geistigen/spirituellen Tod?
Warum war der Pharao darauf versessen, Israel zu vernichten?
Warum war der Pharao darauf versessen, sich selbst zu vernichten?

Jesus antwortet auf diese Frage: 
Das geschieht alles von selbst, unausweichlich, logisch: 
Entweder setzen wir uns der himmlischen Rettung aus, 
oder wir entziehen uns der himmlischen Rettung. 

Entweder Menschen nutzen die Energie des Lichtes, 
oder sie ziehen sich in das Dunkel zurück. 
(Es ist wie mit der Sonnen- und Windenergie, die wir nutzen oder verschmähen. Die Alternativen sind gefährlich.)

Menschenkind und Himmelskind 
Im vorliegenden Ausschnitt seiner Rede an Nikodemos 
redet Jesus von einem Menschenkind und einem Himmelskind. 
Christliche Vorstellung sieht beides in Jesus. 
Biblisch sehen wir das Menschenkind Mose und das Himmelskind Israel.

Mose soll im himmlischen Auftrag zum Pharao sagen:

»Israel ist Mein eingeborener Sohn.« Ex 4,22b 
Weil Pharao diesen Sohn antastete, 
mußten die Erstgeborenen Ägyptens sterben. (Ex 4,23b; 11,5 u. ö.)

Mose richtete die Schlange in der Wüste auf, 
damit Sterbende leben.

Wo das Menschenkind zum Himmelkind wird, 
wo wir das Menschenkind als Himmelskind begreifen, 
lernen wir von ihm, ebenfalls Himmelskinder zu sein, 
zeigt es uns den Weg zum Leben.

Wenn wir statt dessen dem Himmelskind räuchern, vernebeln wir den Weg,
schaffen wir einen Abstand zwischen dem Himmelskind und uns,
versperren wir uns den Weg,
Himmelskinder zu werden.

Jesus ist Himmelskind und Menschenkind. (Theologie hat immer neu darüber gestritten, wie beides zusammengehört.)

Jesu Volk – in der doppelten Bedeutung Israel und Kirche (und nicht etwa in der Fehldeutung der Kirche als neues Israel, als brauchte es zu Israel eine Alternative) – sind Himmelskinder und Menschenkinder. 
Der HIMMEL hat Menschen als Seine Kinder geschaffen. 
Der Himmel macht uns zu Kinder-Menschen.

Jesus soll uns nicht opaque/verdeckend sein. 
Jesus hilft uns zum HIMMEL und zum Leben, 
solange er uns transparent/durchsichtig für den HIMMEL ist. 
Unser Blick liegt sicher oft irgendwo zwischen transparent und opaque, zwischen Durchblick und verdeckt. (Paul formuliert das 1Kr 13,12.)

Nachbemerkung 
Jesus rechnet damit: An der römischen Hinrichtungsstange hängen auch Unschuldige, auch Himmelskinder. 
Das ist immer noch so. 
Daran erinnert uns der Blick auf Jesu Kreuz, an beides: 
an unschuldig Leidende und an deren und unsere Himmelskindschaft.

Jesus verbreitet keinen Optimismus von menschlicher Selbstheilung, von demokratischer Resilienz. 
Biblische Texte vermitteln eine düstere Realität, einen traurigen Realismus: 
Menschen gleiten ab ins Dunkel der Selbstvernichtung. 
Wir wissen das aus Deutschland vor einem Menschenalter. 
Menschen sind in der Lage, ihre Irrwege zu wiederholen. 

Wie die Profeten Israels weiß auch Jesus: 
In der Regel haften die Menschen, die Völker am Dunkel, 
statt das Licht der Wahrheit leuchten zu lassen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Timotheus Arndt

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Predigten im Paulinum – der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig – hören neben Universitätsangehörigen viele mit der Universität verbundene Menschen aus Leipzig, auch solche, die Leipzig besuchen und diese besondere Kirche erleben wollen. Viele kommen auch wegen der Musik.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Diese johanneische Jesusrede ist mit Hörgewohnheiten beladen, denen ich nachspüre und die ich zugleich auflösen oder aufbrechen will.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 
Immer wieder finde ich und so auch hier: 
Jesus predigt aus den biblischen Texten Israels, die wir fälschlich Altes Testament nennen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die Gliederung und einige getilgte Tippfehler.

Perikope
16.03.2025
3,14-21

Schluss mit "wir und die" - Predigt zu Joh 4,5-14 von Olaf Waßmuth

Schluss mit "wir und die" - Predigt zu Joh 4,5-14 von Olaf Waßmuth
4,5-14

Liebe Gemeinde,
eigentlich wollten wir nur einen Kaffee trinken: der neue Kollege aus der Nachbarabteilung und ich, die wir uns bisher bloß vom Sehen kannten. Aber dann sitzen wir fast anderthalb Stunden in der Kantine zusammen. Die Tassen sind lange leer. Und wir reden und reden. „Das war ein gutes Gespräch“, sagt Achim zum Abschied, und ich nicke: „Danke dafür!“
Ein gutes Gespräch: Es hat was mit gegenseitiger Wahrnehmung zu tun, mit Zuhören und Nachfragen, mit Erkenntnisgewinn und Verständnis. Ein gutes Gespräch ist, wenn es unter die Oberfläche geht – ehrlich und freundlich. Wenn Dich einer fragt: Was denkst Du wirklich? Und wenn Du Dich dann traust, das auch zu sagen. Deep Talk statt Smalltalk.
Ein gutes Gespräch – das gibt es gar nicht so oft. 
Meist haben wir keine Zeit. Manchmal wissen wir schon, was der andere sagen will. Ich kenn den doch. (Oder die.) Noch öfter sind wir unsicher: Kann ich das jetzt wirklich sagen? Könnte ich mich blamieren? Wo stehen die Fettnäpfchen?

In der Bibel kommen nur wenige Gespräche vor. Die Bibel erzählt, und das meist verdichtet und summarisch. Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist da eine Ausnahme. Mal keine Erzählung. Ein reiner Dialog zwischen Jesus und einer namenlosen Frau.
Die Situation ist nicht gerade gesprächsfördernd. Es ist brütend heiß, Mittagsstunde. Die beiden sind allein – ein Mann und eine fremde Frau, schon das ist heikel. Man trifft sich im Feindesland. Ein Jude, der durch Samarien reist, das ist ein bisschen so wie früher Transitverkehr durch die DDR. Man muss da durch, aber man hält besser nicht an.
Und trotzdem entsteht aus der Zufallsbegegnung ein Gespräch. Ein gutes Gespräch? 
Hören wir einige Verse aus dem 4. Kapitel des Johannesevangeliums:
5 Da kam Jesus in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. 6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. 7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. 9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. – 10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.
11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? 12 Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh. 13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.
Ist das nun ein gutes Gespräch? Um Himmels Willen: Nein! möchte man rufen. Nach heutigen Maßstäben läuft da vieles schief. Die Redeanteile sind ungleich verteilt, ja, es riecht nach „Mansplaining“: ein Mann meint, einer Frau die Welt erklären zu müssen. Die beiden reden aneinander vorbei, es gibt Missverständnisse. Jesus wechselt die Gesprächsebene, wenn er der Alltagsfrage nach dem Brunnenwasser völlig überraschend einen metaphorischen Dreh gibt: „Lebendiges Wasser“ bezieht sich allein auf ihn selbst.
So erstaunlich es ist, dass Jesus mit der unbekannten Frau ein Gespräch beginnt – es ist kein Austausch auf Augenhöhe. Wie denn auch? Für den Evangelisten Johannes ist klar: Hier spricht der göttliche Mittler der Wahrheit mit einem – noch –ahnungslosen Menschen.
Trotzdem finde ich zwei Dinge an diesem Gespräch richtig gut – und wegweisend.

Das erste: Jesus lässt sich überhaupt nicht ein auf die Schubladen und Etiketten, mit denen die unbekannte Frau sofort hantiert. 
Das war ja das erste, was die Frau ihm entgegnet: „Wie, Du als Jude fragst mich das als Samariterin?“
Wir kennen diese Art von Einsortierung nur zu gut:
Du als Ostdeutscher – ich als Westdeutscher.
Du als Frau – ich als Mann.
Du als Schwuler – ich als Hetero.
Du als Ausländerin – ich als Deutscher.
Wir und die – ist das große Thema unserer Zeit, und es ist eine Plage! Von links und von rechts kommt sie, die Festlegung von Menschen auf bestimmte Eigenschaften. Die Zuordnung von Rollenerwartungen. Du gehörst dieser oder jener Gruppe an – damit ist klar, wer Du zu sein hast, was Du darfst, ob Du gut bist oder böse, Täter oder Opfer, je nach Perspektive. Du bist Jude, ich bin Samariterin, so fängt die Frau am Brunnen an und erklärt auch gleich die Spielregeln, die damit verbunden sind. Spielregeln, die andere ihr vorgeschrieben und eingeschärft haben.
Jesus ignoriert die Regeln. Er unterläuft sie. Das kann er, weil er Mann und Jude ist, werden einige sagen. Doch das ändert nichts am Effekt: „Wir und die“ spielt keine Rolle mehr. Zum Glück! Das Gruppen-Spiel läuft leer. Jetzt geht es nur darum, wer er ist – und später im biblischen Kapitel auch darum, wer sie ist. Als Person, als einzelne. 
Wir und die. Es gibt seit einiger Zeit wieder mächtige Kräfte, die uns so spalten wollen. Der große, bellende Anheizer von „Wir und die“ ist seit Montag zurück im Weißen Haus. Aber auch im deutschen Wahlkampf setzen manche ganz auf Spaltung. Vor einem Jahr hat unsere Gesellschaft mit den bundesweiten Demonstrationen ein Zeichen gesetzt: Wir wollen das nicht! Es ist gut, sich heute daran zu erinnern, dass Jesus und die frühen Christen mit „Wir und die“ entschieden Schluss gemacht haben. Das ist nicht nur ein Nebenaspekt unseres Predigttextes; es zieht sich durch die Bibel. Es ist das heimliche Thema dieses Sonntags im Kirchenjahr: Schluss mit „Wir und die“! Vor dem Angesicht Gottes lösen sich alle zugeschriebenen Identitäten auf: Menschen kommen von Osten und Westen, von Süden und Norden – das ist erstaunlich und wunderbar, aber letztlich egal. Im Reich Gottes sitzen alle am selben Tisch. So sagt es der Wochenspruch aus Lukas 13.

Das Gespräch zwischen Jesus und der Frau wird persönlich. Und es wird existenziell. Das ist nun das zweite, was mir an diesem Gespräch gut gefällt.
Jesus und die Frau aus Samaria sprechen darüber, was uns am Leben hält. Das, was wir zum Leben brauchen. Wonach wir uns sehnen, oder im Bild gesprochen: dürsten. Lebendiges Wasser. Alle Menschen brauchen Wasser. Egal, wo sie herkommen, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion sie haben. Wasser ist das Allgemeinste, das Grundsätzlichste, das Notwendigste. Der Durst nach Leben ist allen Menschen gemein. Ohne Unterschied. Ich denke an das, was Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis schrieb: „Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das anzusehen, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden.“ Oder: wonach sie dürsten. Eine neue Perspektive.
Wann hören wir auf über Stärken und Schwächen zu reden – über das, was die anderen alles falsch machen und wir selbst natürlich richtig? Wann reden wir mal über das, was uns antreibt, wonach wir uns sehnen, was wir uns wünschen? Das wären doch mal andere Gespräche. Jesus und die Frau am Brunnen machen es vor.

Vor einigen Monaten haben die Evangelische Kirche und die Diakonie Deutschland eine Initiative gestartet, die jetzt, vor der Bundestagwahl, nochmal richtig Fahrt aufnimmt. Sie heißt „Verständigungsorte“ – Hashtag #VerständigungsOrte, um genau zu sein. Die Idee dahinter ist, dass wir als Kirche doch prädestiniert sind, die Lager zu überwinden. Kirchengemeinden in ganz Deutschland bieten Gesprächsveranstaltungen an: In Minden werden kleine Gruppen zusammengebracht, die gemeinsam kochen. In Bad Hersfeld steht eine Bank mitten in der Fußgängerzone und lädt Passanten zu Kaffee und Tee ein. In einer Bibliothek in Rottweil kann man sich für 20 Minuten einen Gesprächspartner ausleihen – als lebendiges Buch. Und und und. Menschen mit unterschiedlichen Identitäten sollen einander wahrnehmen mit ihrer individuellen Geschichte .Und sie sollen sich gegenseitig sagen dürfen, was sie bewegt, was sie sich wünschen, wonach sie, ja: „dürsten“. Offen und ehrlich, in einem geschützten Raum. Verstehen wollen statt Wut. 
Verständigungsorte kann sich jeder von uns selbst suchen. Wie in unserer Geschichte sind sie oft da, wo es was zu trinken gibt: in der Kneipe, im Café, an der Kaffeemaschine im Büro. Überall da, wo Sie Menschen treffen, die anders drauf sind oder Ihnen einfach unbekannt. Zeigen Sie Interesse am anderen. Lassen Sie sich ein auf ihn oder sie. Und sagen Sie offen und freundlich, was Sie bewegt.
Vielleicht geht es dann schnell unter die Oberfläche. Vielleicht kommen Sie auch nicht weit. Vielleicht muss man manches so stehen lassen. Vielleicht gibt es Ver-stehen.
Und wenn Sie ganz mutig sind, dann reden Sie nicht nur über Hoffnungen und Befürchtungen, über Politik und Alltag, sondern über diesen Jesus, der lebendiges Wasser verheißt. Was halten Sie eigentlich von dem? Was bedeutet er für Sie? 
Ich verspreche Ihnen: Das wird ein gutes Gespräch!

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Pfarrer Dr. Olaf Waßmuth

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Die Predigt halte ich als Gast in einer bildungsbürgerlich geprägten, politisch interessierten Großstadtgemeinde. Der Gottesdienst findet in der Situation des Bundestagswahlkampfes, wenige Tage nach der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten statt.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Nachdem ich zunächst etwas mit dem „lebendigen Wasser“ gerungen hatte, stellte ich die thematische Prägung fest, die für diesen Sonntag des Kirchenjahres die „Grenzüberschreitungen“ der biblischen Botschaft ins Zentrum rückt. Damit fühlte ich mich beflügelt, auf einen scheinbaren Nebenaspekt der Perikope zu fokussieren.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die biblischen Geschichten sind voller #VerständigungsOrte, an denen sehr unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Ein etwas akademischer Exkurs über Identitätspolitik und die entsprechende Terminologie sind in der Bearbeitung gestrichen worden. 

Perikope
26.01.2025
4,5-14

Der Anfang ist gemacht - Predigt zu Joh 1,1-5.9-14(16-18) von Christiane Quincke

Der Anfang ist gemacht - Predigt zu Joh 1,1-5.9-14(16-18) von Christiane Quincke
1,1-5.9-14(16-18)

1. 
Im Anfang war das Wort. 

Der Tag ist noch müde. Der Weihnachtsmorgen nach dem heiligen Abend. Geschenkpapier liegt noch herum, die Kerzen am Baum heruntergebrannt. Der Geruch vom abendlichen Raclette vermischt sich mit dem nach Wachs und Fichte. Die Weingläser stehen noch auf dem Tisch. Und die anderen schlafen.
Aber du bist wach. Machst dir einen Kaffee und sein Duft vermischt sich mit dem von Raclette und Fichte und Wachs und etwas Zweifel ist auch dabei. 
Es ist ruhig. Am Anfang. 
Und du gehst vor die Tür. 
Ganz am Anfang ist die Luft klar. Sie riecht nach Morgenregen und nach Erde.
Der Himmel ist so dunkelblau, dass man den Morgenstern noch sieht.
Am Rand aber ist er hellblau und schimmert gold.
Und dann kommt die Sonne an. Ein riesengroßer flacher Ball.
Und siehe, es ist sehr gut.

Die Schöpfung weiß, was am Anfang zu tun ist.
Wenn es Tag wird. 
Wenn ein Same aufgeht und der Regen die Luft sauber gewaschen hat.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 
Und Regen und Tag und Nacht und Sonne und das Licht.
Der Anfang ist ein Raum und in dem ist alles da und doch noch im Werden.
So vieles, was entstehen kann und so vieles, das vergehen wird.
Im Anfang ist beides da: Werden und Vergehen, Beginn und Ende. A und O.

2.
Am Anfang.
Am Anfang ist das Licht mild. Das Licht vom Weihnachtsmorgen.
Die Welt sieht anders aus in diesem Licht.
Du siehst das Gute. Das Wahre. Das Versöhnliche auch.
Du siehst das, was du sonst übersiehst. Den kleinen Tropfen auf der Fensterscheibe in Regenbogenfarben. Die Christrose zwischen Laub. Den Herrnhuter Stern im Türeingang.
Du siehst, wie schön die Falten deiner alten Nachbarin sind. Sie haben so viel zu erzählen. Du siehst die kleine Hand deines Enkelkindes, die einen Regenwurm ganz vorsichtig berührt. Und du siehst vielleicht, wie jemand frierend an der Bushaltestelle wartet und nimmst ihn in deinem Auto mit.

Am Anfang sind deine Augen klarer als sonst. Und zugleich siehst du, dass du nicht alles auf Anfang setzen kannst. Aber du bist Teil davon. Mittendrin im Anfang, in den sich der Zweifel gemischt hat. Und zugleich voller Sehnsucht nach diesen hellen Anfängen.

3.
Am Anfang.

Am Anfang ist die Liebe. Und mit deinem dampfenden Kaffee in der Hand denkst du an den Anfang deiner Liebe. Wie du nur an ihn denken konntest und dabei vergessen hast, welcher Tag ist. Leicht und unbeschwert war sie, diese Liebe. Da zählte nicht, was die anderen sagten. Nur die zarte Berührung. Die Sehnsucht und der Blick in die strahlenden Augen. Am Anfang war der Name, als du ihn das erste Mal sagtest. Am Anfang war die Fahrradfahrt in der Nacht und die Gespräche im Café. Am Anfang war eine Strähne, die ins Gesicht fiel und stundenlange Telefonate. Am Anfang war der Arm, die Hand und ein pochendes Herz. Verstehen ohne Erklären. Ganzsein. Ganz und gar. Ein Leib. Ein Fleisch.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, 
und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

Am Anfang war die Liebe und die Liebe wird Leib und Körper.
Wird Berührung und Herzschlagen und Wortestammeln.
Gott fängt mit jeder Liebe neu an und wird Leib und Körper in jeder Liebe.
Alles ergibt einen Sinn. Alles fügt sich zusammen.
Und alles, was unwahr ist, ist weit weit weg. Im Anfang.
Und siehe, es ist sehr gut.

4.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Der Anfang ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Nackt und unschuldig. 
Du sitzt vor diesem Blatt und suchst nach dem richtigen Wort. 
Ist es müde oder voller Kraft? Tröstet oder erschreckt es dich? 
Was wird es über deine Zukunft sagen? 
Wird es dich verändern oder dir gar den Boden wegreißen?
Für all diese Fragen ist es noch zu früh.
Der Anfang ist noch nackt. Das Wort wird noch geboren.
Es kommt noch nicht auf deine Lippen. Denn du ahnst nur, dass es da ist. 
Deine Sehnsucht nach dem Woher und Wohin. 
Deine Liebe. Dein Leben. Alles ist darin, in diesem Wort.

Am Anfang ist das eine Wort bei Gott. 
Der Sinn allen Lebens – verborgen in dem Einen. Nicht zu greifen. 
Das Wort, das Eine, es kommt zur Welt in einem Stall. 
Dort, wo es nach Tierdung riecht und das Stroh piekst.
Wo die Welt zusammenschrumpft auf einen Moment und einen Ort. 
Der ist nichts Besonderes und doch alles.
Eigentlich gibt es dafür keine Worte: für dieses Große, was uns hält, und für das Schöne, was uns umschließt. Unsere Worte sind zu klein dafür. Zu klein für Gott. Zu klein für das Leben. Zu klein für das Wunder.

5.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Du möchtest alles auf Anfang stellen. Von vorne anfangen.
Nur das eine Wort und nicht die vielen anderen. Keine Lügen. Keine Schuld.
Keine Worte, die verletzen. 
Was am Anfang so leicht ist, wird im Weitergehen so schwer.
Liebe lässt sich nicht halten. Gott auch nicht.
Gott wird zu groß für dich. Du spürst, wie verletzlich du bist.
In diesen Tagen vielleicht ganz besonders, 
weil Weihnachten die Haut dünner ist als sonst.
Ein Streit tut heute besonders weh. Alleinsein ist kaum auszuhalten. 
Und auch nicht die Sehnsucht nach mildem Licht und erster Liebe.

Ich bin nicht mehr am Anfang. Ich bin weitergegangen und suche meine Schritte durchs Leben. Nicht nur meine Worte sind zu klein. Auch ich bin zu wenig. Oder manchmal auch zu viel. Ich habe Worte gefunden, die anderen nicht gut taten. Scharfe Worte. Und mir wurden Worte gesagt, die mich klein machten. Was willst du hier? Ich will dich nicht. Nicht gut genug. 

Ich habe viele Worte gefunden und gepredigt. Und nicht immer waren sie heilsam. Und zu viele Worte habe ich gehört und gelesen, die menschenverachtend und falsch sind. Die Welt mit ihren Fakenews und Hassworten macht mir Angst.

Ja, alles auf Anfang stellen – das wär’s, denke ich. Sehne ich. Du auch?

6.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. 

Am Anfang.
Am Anfang ist dieses Kind. Fleischgewordenes Wort. Leben pur.
Lebendiges Bündel. Suchender Mund. Geschlossene Augen. Ausgeliefert und bedingungslos. Noch ganz verschleimt und mit pulsierender Nabelschnur.
Es ist da. In diesem Anfang ist es ganz da: Für dich und für mich und für alle, die hier sind oder zuhause oder weit weit weg.
Im Anfang ist dieses Kind und es kann dir nichts tun, außer in dein Herz kriechen: Dieses Kind - entstanden aus der Liebe von zwei Menschen. Aus Leidenschaft und Hingabe. Aus Gott.

Im Anfang ist dieses Kind. Die Liebe zwischen Gott und Mensch.
Dieses Kind setzt alles auf Anfang. Alles ist neu. Alles beginnt neu. Und neu ist nicht perfekt. Sondern verschleimt und zerknittert, ausgeliefert und bedingungslos, suchend und geborgen zugleich.

7.
Du kannst nicht alles auf Anfang stellen. Aber das Kind tut es. Gott tut es.
Gott weiß, was zu tun ist mit deinen Anfängen und Stolperschritten. Mit deiner Sehnsucht und deinem Zweifel.

Du bist Gottes Kind. Du bist dieses Kind, das Fleisch gewordene Wort.
Anfängerin des Lebens. Anfänger der Liebe. Mitten in dieser Welt.
Du mit deinen Falten und deinen Träumen. Mit deinen Narben. 
Geboren aus der Liebe. Nicht perfekt, aber wunderbar. Vielleicht noch dünnhäutiger. Vielleicht noch verletzlicher. Vielleicht noch ausgelieferter – du Gotteskind..
Der Stall ist dein Anfangsort. Dort, wo es nach Tierdung riecht und das Stroh piekst.

Dort, wo du den Kochlöffel in den Topf tauchst oder Bilanzen prüfen musst, wo du an der Kasse Kleingeld entgegen nimmst oder einem Flüchtling vor Gericht beistehst. Überall, wo du bist, bist du richtig. Weil Gott da ist. Bei dir. Auch in deinem unaufgeräumten Wohnzimmer mit dem Geruch nach Raclette und Zweifeln. 

Und Gott fängt mit dir an, ins Leben zu gehen. 
Raus in die Welt mit ihren vielen ausgesprochenen und unausgesprochenen Worten.
Dort sprichst du dieses Wort des Lebens und der Liebe. Du stellst dich den Lügen und dem Hass entgegen, damit es in dieser Welt neue Anfänge gibt.
Ihr geht gemeinsam und sprecht zusammen und liebt und lebt und weint und lacht. 

Ob du nun müde oder wach bist an diesem Weihnachtsmorgen: 
Der Anfang ist gemacht: Himmel und Erde, die Nacht und der Tag, der Regen und der Regenwurm, das Licht, die Falten und die dünne Haut. 
Und mit dir geht es weiter, du Kind Gottes. Du Wort Gottes.
Und siehe, alles ist sehr gut.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. 

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Christiane Quincke

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Ich werde am Vormittag des 1. Weihnachtsgottesdienstes predigen (und die Bibelverse durch eine andere Person lesen lassen). Die meisten Gottesdienstbesucher*innen haben den Heiligabend gefeiert. Manche sind vielleicht noch etwas müde. Der Weihnachtsmorgen hat manchmal was Träges und zugleich Erfülltes. Und er lässt weiterdenken und lenkt den Blick von der Krippenszene auf sich selbst: Wie bin ich in Bezug auf Weihnachten unterwegs?

2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der Beginn vom Johannesevangelium „Im Anfang“, der den Bogen schlägt zur Schöpfungsgeschichte, hat mich fasziniert – und damit der Gedanke, dass Gott den Anfang gemacht hat und wir zugleich nicht mehr am Anfang sind, aber mit der Sehnsucht nach einem neuen Anfang leben und glauben…

3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Das Ringen um eine gute Übersetzung: Luther hat diesen Abschnitt einzigartig formuliert, weshalb ich mich dafür entschieden habe. Aber der Preis dafür ist, dass ein Wort wie „Fleisch“ heute eine andere Konnotation mitbringt, an der ich noch weiter „knabbern“ werde. 

4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Mein Predigtcoach hat mir gute Hinweise gegeben, wie ich meine eher „lyrische Predigt“ noch mehr erden könnte: Gerade der Anfang der Predigt hat dadurch mehr „Alltag“ bekommen. Außerdem habe ich auf sein Raten hin den Bibeltext gekürzt und nicht komplett an den Anfang gestellt.

Perikope
25.12.2024
1,1-5.9-14(16-18)