Für Klarheit sorgen. Predigt über Mt 11, 25-30 von Barbara Bockentin
11,25-30

So fängt es an.

 

Jesus hatte die Nase gestrichen voll. In den Städten, in denen er oft Leid gewendet hatte. In denen so viele Menschen gesehen und gehört hatten, was er tat. Wie er von Gott erzählte. Selbst hier gab es etliche, die sich nicht ändern wollten. Die so taten, als ob sie nichts gesehen, nichts gehört hatten. Seinen Zorn behielt er nicht für sich. Seine Enttäuschung. All das brach aus ihm heraus. Harte Worte. Klar aufgezeigt, was für sie daraus folgen würde.

Endlich redet Jesus einmal Tacheles. So mochten sich manche gedacht haben. Endlich passiert was. So leicht kommen sie jetzt nicht davon. Manche hätten vielleicht am liebsten noch einmal nachgetreten.

Andere wurden ganz klein. Innerlich. In ihnen krümmte sich alles. So vorgeführt zu werden. Ungerecht ist das.

 

Klarheit versus Schärfe

 

Klarheit schaffen - wollte Jesus das mit seinem Urteil über die Menschen in den Städten, in denen er viele Wunder getan hatte?

Klare Kante zeigen? Bis hierher und nicht weiter? Ich lasse mir nicht alles gefallen. Mit mir müsst ihr rechnen.

 

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohl gefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Zur Klarheit verhelfen

 

Jesus schafft Klarheit. Anders als erwartet. Er lobt und preist Gott. Es ist Gottes Werk, dass sein - Jesu - Wirken nicht als durch Gott Erfolgtes wahrgenommen wird. Darauf konzentriert er sich. So, als ob sein Ausbruch vorher gar nicht stattgefunden hätte.

 

Jesus schafft Klarheit. Er hat eine besondere, geradezu exklusive Beziehung zu Gott. Das sagt er. Damit schließt er so manche aus. Diejenigen beispielsweise, für die es von Geburt an klar war, dass sie dazugehören.

Andererseits bezieht er so viele ein, die damit nicht im Traum gerechnet hätten. Gerade die, die gerne überhört oder übersehen werden.

Dadurch kehrt Jesus die Verhältnisse von oben nach unten.

 

Nötige Klarstellung

 

Sanftmut und Demut - ausgerechnet diese beiden Worte schaffen Klarheit.

Worte, die durch Tradition geprägt sind. Worte, bei denen mir Bilder in den Kopf kommen. Gesenkte Köpfe, jemand weist andere ihre Plätze zu. Widerspruch ist nicht erwünscht oder möglich. Es vielleicht sogar selbst verschuldet haben. Tugenden, die ins Feld geführt werden, wenn andere ihre Macht demonstrieren wollen. Gegenüber Frauen, die zu „laut“ sind. Gegenüber Menschen, die unter dem Druck, unter dem sie stehen, zu zerbrechen drohen. Weil sie oft angefeindet werden. Weil ihnen andere zu verstehen geben, dass sie nicht dazu gehören. Ergib dich darein. Beuge dich! Schließlich bist du anders. Nicht mehrheitsfähig. Nicht dazugehörig, warum auch immer. 

 

Sanftmut und Demut - ausgerechnet diese beiden Worte schaffen Klarheit. Mit ihnen ergreift Jesus für sie Partei, indem er sie aus dem Dunkel ins Licht holt. All die, denen übel mitgespielt wird. Die, die vor lauter Kümmern, nicht mehr an sich selbst denken. Mit diesen Worten spricht Jesus eine Einladung aus. Vorbehaltlos. 

 

Sanftmütig sein, meint eben nicht, aus Schwäche nachzugeben. Weil es der leichtere Weg zu sein scheint. Sondern es meint, dass ich bereit bin, die Macht, die ich habe, nicht auszuspielen. Dass ich dem anderen das Recht auf ein Leben in Frieden und Sicherheit nicht abspreche. Das tue ich, weil ich ahne, dass es für dich einen Unterschied macht. Weil ich deine innere oder äußere Not sehe.

 

Demütig sein, heißt eben nicht, dass ich mit mir alles machen lasse. Katzbuckele. Mich unsichtbar mache, um nicht noch mehr abzubekommen an Hass oder Gewalt.

Demütig sein, kann bedeuten, dass ich zugeben kann, dass ich nicht alles weiß. Dass ich zu meinen Grenzen stehe.

Demut und Empathie sind Schwestern. Weil ich mich einfühlen kann, verstehe ich besser. Schiebe ich nicht beiseite, was andere erleben oder erlebt haben. Mache es damit klein und unbedeutend. Es ist mir nicht egal ist, wie es ihnen geht. Selbst wenn ich nicht sofort eine Lösung parat habe.

 

Konsequenzen

 

Jesus schafft Klarheit. Das ist irritierend. Das verstört. 

Kommt her. Alle. Ich bin bereit. Für euch. Bei mir könnt ihr lassen, was euch bedrückt. Was euch das Leben schwer werden lässt. Ich nehme es. Ich quäle euch nicht. Ich sehe nicht auf einen einzigen herab. 

Welch eine Herausforderung, dem zu vertrauen. Mich fordert das immer wieder heraus. Manchmal ist es schwer für mich. Denn wie oft habe ich schon das Gegenteil erfahren. Wenn ich davon erzähle, weshalb ich nicht bei der Sache bin. Wenn ich mich ungenügend fühle. Wenn ich einfach an jemandem vorbeigehe. Wenn ich eine Schwäche zugebe, stelle ich mich selbst ins Abseits? Selber schuld, wenn dann die anderen auf mir herumtrampeln.

 

Kommt her. Alle, die ihr sooft verzweifelt an den Umständen. Alle, die ihr auf der Suche nach einem Zuhause seid. Ich nehme dir ab, was dich bedrückt. Du wirst merken, was das für dich bedeutet. Auf mich zu vertrauen. Ich ahne, dass das nicht einfach ist. Dass du das einüben wirst. Immer wieder. Ich bin an deiner Seite.

Dann bekommst du neue Energie für dein Leben. Wirst beflügelt werden.

Ich verspreche dir nicht, dass dann alle Stolpersteine in deinem Leben verschwunden sind. Ich sehe, wo du dir selbst im Weg stehst. Wo du weiterhin unruhig bist und dich quälst. Weil du dich als feige empfindest. Weil du dich nicht klar positionierst. Weil du dich mit Ungerechtigkeit nicht abfinden kannst.

Komm zu mir. Hör nicht auf, mir zu sagen, was dir das Leben schwer macht. Brich das Gespräch nicht ab. Dann wirst du spüren, dass sich in dir etwas ändert.

Amen. 

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Barbara Bockentin

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Die Situation im Land beschäftigt viele. So manche sind dankbar, wenn in der Predigt nicht um den heißen Brei herumgeredet wird und spürbar ist, dass die aktuelle Situation mit bedacht wird. Dabei geht es nicht darum, größtmögliche Zustimmung zu erreichen, sondern das Fenster so weit zu öffnen, dass die Predigthörer*innen eine andere Perspektive zumindest erahnen können.

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Die Rede Jesu unmittelbar vor dem Predigttext in Zusammenhang mit diesem zu bringen, hat mich gereizt. Bei fortschreitender Auseinandersetzung und dem Schreiben selbst ist mir die klare Haltung Jesu immer deutlicher geworden. 

„Demut und Sanftmut“ einmal anders zu beschreiben, ist mir wichtig gewesen.

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Demut - das Wort war bislang ein „no go“ für mich. Zu sehr war es mit subtiler Machtausübung verbunden. Ebenso ist es mir mit dem Begriff „Sanftmut“ gegangen. Das hat sich mit der Beschäftigung damit und der damit verbundenen Haltung Jesu verändert.

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Meine Predigtcoach hat mich ermutigt, genauer zu werden. Meine Gedanken konnte ich dadurch besser in Worte fassen. Dadurch ist die Predigt klarer und verständlicher geworden. 

Perikope
14.06.2026
11,25-30