Liebe Gemeinde,
als ich ein Grundschulkind war, es muss so in der zweiten Klasse gewesen sein, hatte ich eine Zeitlang unter Mobbing zu leiden. Es war bitter zu erleben, dass Menschen, sogar Kinder, nicht grundsätzlich freundlich und gerecht handeln, sondern gemein und hinterhältig, ja: böse sein können.
Mein Vater riet mir damals, mich zu wehren und notfalls zurückzuschlagen. Als mir die bösen Jungs Prügel androhten, bot er mir sogar Box-Training an. Aber er wusste wohl selbst: das war nicht meins. Ich wurde ja auch deshalb gemobbt, weil ich ein Lehrerliebling und ziemlich unsportlich war. Am Ende mied ich die Übeltäter - und lief einfach davon.
Als Trevor Noah, ein beliebter amerikanischer Fernseh-Comedian, fünf Jahre alt war, erlebte er zum ersten Mal, was Rassismus ist. Er wuchs in Südafrika auf. Seine Mutter und er wurden auf der Straße übelst beschimpft - einzig und allein wegen ihrer Hautfarbe. Wie geht man damit um?
Seine Mutter Patricia, so erzählt er, eine von Herzen fromme und zugleich selbstbewusste Frau, sagte zu ihm: „We take that racism, we shake it up with the LOVE OF JESUS, and we send it back“ - „Wir nehmen diesen Rassismus, wir mischen ihn auf mit der Liebe Jesu - und schicken ihn so zurück.“ Dabei ließ sie die LIE-BE JE-SU ganz groß und feierlich klingen. Klar, der kleine Trevor konnte mit dieser Antwort noch nicht viel anfangen - aber als Erwachsener, so erzählt er, habe er es dann bewusst probiert: Menschen, die ihn beleidigten, etwas unerwartet Freundliches zu entgegnen. Und sie so völlig aus dem Konzept bringen. Oft habe das funktioniert. „Shake it up with the LOVE OF JESUS“ - verwirr‘ sie mit der Liebe Jesu, so könnte man es auch übersetzen.
Was Patricia, Trevors Mutter, ihrem Sohn riet, das schrieb der Apostel Paulus vor 2000 Jahren ganz ähnlich den Kindern Gottes in Rom:
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,17-21)
Liebe Gemeinde,
das Böse mit Gutem überwinden: Dem jungen Trevor Noah erschien seine Mutter Patricia, wie er selbst erzählt, als völlig verrückt. Rassismus zum Beispiel mit der Liebe Jesu „aufzuschütteln“ und Rassisten mit Freundlichkeit zu verwirren - was für eine schräge Idee. Zurückschlagen oder weglaufen, die beiden Optionen aus meiner eigenen Kindheit, wären vermutlich auch Trevor vernünftiger und naheliegender erschienen.
Patricia aber war lebenserfahren - und vielleicht hatte sie in ihrer eigenen Kindheit schon von dem verrückten schwarzen Baptistenpfarrer Martin Luther King gehört. Gewaltloser Widerstand, so lehrte King, ist in Wahrheit der Ausdruck wahrer Stärke. Er will den Gegner nicht vernichten oder demütigen, sondern seine Freundschaft und sein Verständnis gewinnen. Indem er auf Böses mit Gutem reagiert, zum Beispiel auf Hass mit Freundlichkeit, weckt er bei seinem Gegenüber ein Gefühl der Scham.
Das sagt sich alles leicht - aber in der Praxis braucht solcher Widerstand gegen das Böse Selbstbewusstsein, Kreativität und Witz. Ich glaube, dass das auf alles christliche Handeln zutrifft …
Als Christ leben, Jesus nachfolgen - das assoziieren viele mit einem heiligen Ernst, mit Striktheit und dem kompromisslosen Einhalten vorgegebener Regeln. Christliches Handeln ist moralinsauer, lautet das allgemeine Vorurteil. Aber womöglich geht das an der biblischen Ethik vorbei. Könnte christliches Handeln in Wahrheit ganz anders sein - statt sauer lustig? Mit Spaß daran, andere zu überraschen?
Auf solche Gedanken hat mich ein britischer Theologe, der Anglikaner Samuel Wells gebracht. Es ist schon einige Zeit her, da entwarf Samuel Wells eine eigene Ethik, die das Handeln der Christinnen und Christen verblüffender Weise verglich - mit einem Improvisationstheater!
Wenn Schauspieler improvisieren, dann gibt es kein festes Drehbuch. So wie es für unser Handeln als Christen auch nicht starre biblische Vorgaben gibt. Christliche Fundamentalisten behaupten zwar, man müsse als Christ klare Vorschriften beachten, aber das ist Unsinn. In Wahrheit sind biblische Ermutigungen wie die des Paulus an die Gemeinde in Rom eine Anstiftung und Anleitung zum Improvisieren. Eine Regieanweisung sozusagen: Überwinde das Böse mit Gutem - und jetzt probier‘ einfach mal, wie das in deiner Situation, an deinem Ort und zu deiner Zeit gehen könnte!
Samuel Wells hat sich an einer Schauspielschule erkundigt, wie man das Improvisieren lernt. Er stieß dabei auf eine besondere Methode. Der Schauspieler bekommt - wie wir im richtigen Leben! - einen Impuls von außen, auf den er reagieren muss. Für diese Reaktion gibt es drei Möglichkeiten: Blockieren, Akzeptieren und „Über-Annehmen.“ Blockieren heißt: sich dem Impuls verweigern, ihn ablehnen, oder in der Sprache von eben: zurückschlagen. Akzeptieren heißt meist: nichts tun. Passiv bleiben - oder im Beispiel aus meiner Schulzeit: weglaufen. Das Interessante ist nun das „Overaccepting“, das „Über-Annehmen“. Darin zeigt sich die wahre Kunst der Improvisation. Man nimmt den Impuls von außen auf und macht etwas überraschend Neues daraus. Spielerisch. Jesus selbst, sagt Wells, hat es so gemacht, zum Beispiel in der Geschichte mit der Ehebrecherin. Wie reagiert Jesus darauf, dass die Pharisäer sie steinigen wollen? Er könnte „blockieren“, das heißt: die fiesen Pharisäer wütend beschimpfen und davonjagen. Er könnte „akzeptieren“ - das heißt sie achselzuckend über die arme Frau herfallen lassen. Oder aber etwas Drittes, das „Über-Annehmen“: Er nimmt die Idee, dass die Frau bestraft werden muss, auf und führt sie auf überraschende Weise ad absurdum: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“
Wenn Paulus im Römerbrief schreibt: „Überwindet das Böse mit Gutem“ ist das also keine starre Regel, kein festes Gebot. In diesem Falle müssten wir frustriert einräumen, wie oft wir das nicht schaffen. „Überwindet das Böse mit Gutem“ ist eher eine Regieanweisung, die uns Christinnen und Christen einlädt zum Spiel, zur Improvisation, zu überraschendem und kreativem Handeln. Genauso wie Patricia ihr „Shake it up with the love of Jesus” verstand. Paulus hat dabei auch Ideen, die dem Overaccepting, dem Über-Annehmen von Samuels Wells nahe kommen: „Segnet, die euch verfolgen“ schlägt er ein paar Verse vor unserem heutigen Predigttext vor. „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken.“ Steige überraschend aus aus der Logik des Heimzahlens - beschäme den, der Dir nichts gönnt, mit Deiner Großzügigkeit.
Improvisieren ist eine hohe Kunst, die geübt werden will. Jeder und jede von uns kann das tun, kann in Alltagssituationen experimentieren. Wo komme ich hin, wenn ich „Lass Dich nicht überwinden vom Bösen, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ als eine Art Regieanweisung betrachte und kreativ damit spiele? Das kann eine verblüffende Freiheit eröffnen.
Das Böse versucht ja immer neu, uns sein Drehbuch aufzuzwingen.
Jemand verletzt mich - ich verletze zurück.
Jemand verachtet mich - ich verachte zurück.
Jemand macht mir Angst - ich gebe die Angst weiter.
So schreibt das Böse seine Geschichte fort.
Paulus lädt ein, nicht mitzuspielen. Schreib die Geschichte doch mal anders weiter. Bring etwas hinein, womit niemand gerechnet hat:
Einen Segen statt einer Kränkung. Großzügigkeit statt Geiz. Freundlichkeit statt Verachtung. Etwas Gutes für den, der es gerade am wenigsten verdient.
Shake it up with the love of Jesus!
Denn genau das hat Jesus selbst getan:
Am Kreuz bekam er Hass - und gab Liebe zurück.
Er ertrug Gewalt - und sprach von Vergebung.
Er wurde verspottet - und segnete, die ihn verfluchten.
Das Böse tat sein Äußerstes.
Und behielt doch nicht das letzte Wort.
Als Kind kannte ich nur zwei Möglichkeiten: zurückschlagen oder weglaufen.
Heute weiß ich: Jesu Liebe eröffnet einen dritten Weg.
Und manchmal gelingt es sogar, ihn zu gehen.
Amen.
Ich beziehe mich in der Predigt auf:
Trevor Noah, Son of Patricia, Comedy-Special, Netflix 2018.
Martin Luther King, Grundsätze des gewaltfreien Widerstandes, ursprünglich in: Stride Toward Freedom, New York 1958.
Samuel Wells, Improvisation: The Drama of Christian Ethics, Grand Rapids, MI 2004.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Ein Gottesdienst im Vorfeld der Sommerferien, vermutlich eher mit der „Kerngemeinde“. Es werden überwiegend Menschen sein, die sich als Christinnen und Christen verstehen und das im Alltag zu leben versuchen.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Anfang des Jahres hatte ich mehr durch Zufall ein Buch von Samuel Wells gelesen, dessen Ansatz mich nicht losgelassen hat. Als ich den schon viel bepredigten Bibeltext sah, schien es mir neu und originell, ihn mit Wells zu verbinden.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Christliches Handeln, auch moralisches Handeln, als einen Raum der Kreativität zu verstehen, in dem auch „gespielt“ werden darf, eröffnet eine enorme, „evangelische“ Freiheit.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Das Coaching hat mich ermutigt, den Predigtduktus mit den verschiedenen Elementen genauso zu belassen, und ein paar Anregungen für den Schluss gegeben, mit dem ich unzufrieden war. Vor allem habe ich schließlich eine Reihe von Doppelungen und „Exkursen“ gestrichen. So war der Hinweis auf Martin Luther King viel länger – und ließe sich womöglich noch ganz weglassen.