Simon Petrus – wackeliger Fels. Predigt über Lk 5, 1-11 von Jürgen Kaiser
5,1-11

Ich bin Simon. Fischer vom See Genezareth. Ihr kennt mich unter dem Namen Petrus. Den hat er mir gegeben. Nachdem ich meinen Beruf aufgegeben habe und mit ihm gegangen bin. Er meinte, ich solle nicht mehr Fische fangen, ich solle jetzt Menschen fangen. Aber Menschen fängt man nicht, wie man Fische fängt. Davon will ich erzählen. Ich will euch erzählen, wie er mich gefangen hat. 

Wenn ich zurückblicke, muss ich sagen: Es war alles andere als Begeisterung, die mich für ihn gefangen hat. Es war etwas Anderes. Bis heute aber kann ich nicht genau sagen, was es war. 

***

Wir waren die ganze Nacht mit zwei Booten draußen auf dem See und hatten nichts gefangen. Als die Sonne aufging, gaben wir auf und ruderten zum Ufer. Wir wuschen die Netze. Da kam er zu uns ans Ufer. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Aber die Leute liefen ihm nach. Sie wollten was von ihm. Sie bedrängten ihn. Er schien vor ihnen zu fliehen. Er stieg in mein Boot, ohne zu fragen, und bat mich, ein paar Meter vom Ufer weg zu rudern. Ich tat es. Ich weiß nicht, warum. Ich war hundemüde und frustriert. Normalerweise kann mir ein dahergelaufener Fremder nichts sagen, schon gar nicht in dieser Situation. Aber ich tat es. Ich ruderte ihn ein wenig vom Ufer weg. Er setzte sich und redete zu den Leuten am Ufer. 

Ich verstand nicht, was er sagte, ich bin nur ein Fischer. Ich hatte Mühe, das Boot auf der Stelle und die Augen offen zu halten. 

Dann war er fertig. Gott sei Dank! Ich wollte ihn wieder an Land bringen, aber er sagte, ich solle nochmal rausfahren und die Netze auswerfen. Ich tat es. Keine Ahnung, wieso. Normalerweise hätte ich gesagt: „Ich bin der Fischer, du bist der Rabbi. Ich versteh was von den Fischen und du verstehst was von Gott. Es ist Unsinn, am hellen Tag rauszufahren, um zu fischen.“ Und dann sollte ich auch noch dorthin fahren, wo es tief ist. Er hat keine Ahnung vom Fischen. Aber das habe ich ihm nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass wir die ganze Nacht draußen waren und nichts gefangen haben. Das habe ich ihm gesagt. Und bin dann doch nochmal rausgerudert. „Weil du es sagst!“, habe ich gesagt. „Weil du es sagst!“

Was dann geschah, wisst ihr. Sie haben die Ereignisse später alle aufgeschrieben. 

***

[ggf. Sprecher*innenwechsel]

Es geschah aber, während das Volk sich um ihn drängte und das Wort Gottes hörte und er am See Gennesaret stand, dass er zwei Boote am Ufer liegen sah. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen die Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Als er aufgehört hatte zu reden, sagte er zu Simon: Fahr hinaus ins Tiefe, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon entgegnete: Meister, die ganze Nacht hindurch haben wir gearbeitet und nichts gefangen, aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Das taten sie und fingen eine große Menge Fische, ihre Netze aber drohten zu reißen. Da winkten sie den Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und mit ihnen Hand anlegen. Die kamen, und sie machten beide Boote so voll, dass sie beinahe versanken. Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füssen und sagte: Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch. Denn er und alle mit ihm erschraken über den Fang, den sie getan hatten; so auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Simons Gefährten waren. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm.

***

[ggf. Sprecher*innenwechsel]

Ich bin Simon. Fischer vom See Genezareth. Dann ich wurde Petrus, Fels der Kirche. Im Bericht über diesen Tag, als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin, steht, ich sei vor ihm auf die Füße gefallen und habe gerufen: Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch.

Ja, so was in der Art habe ich gesagt. Und ich bin tatsächlich vor ihm in die Knie gegangen, daran erinnere ich mich noch genau. Ich bin bis dahin vor niemanden auf die Knie gefallen. Das war der Moment, der mein Leben änderte. Ich erschrak. Aber es war mehr als nur Furcht. Ich kann bis heute nicht sagen, was es war. War es ein tiefes Gefühl, war es eine hohe Einsicht?

Normalerweise hätte ich mich über einen so riesigen Fang freuen müssen. Das Netz wäre fast gerissen, wir konnten es gar nicht ins Boot holen, wir brauchten Hilfe vom andern Boot. Wir hatten noch nie so viel gefangen. Normalerweise hätte ich mich freuen müssen – aber hier war nichts normal. Wir freuten uns nicht, wir erschraken. 

Ich ging vor ihm nicht auf die Knie, um ihm zu danken. Ich ging vor ihm auf die Knie und sagte: Ich bin ein sündiger Menschen! Schämte ich mich? Aber wofür? Sicher nicht für die leeren Netze. Das kommt vor – Fischerpech! Ich glaube, es war so etwas wie Scham, aber wofür? Er hatte ja nichts gesagt, er hatte nichts an mir auszusetzen. Er hat mich weder belehrt, noch getadelt. Da war nur dieser riesige Fang und mit einem Mal kam ich mir so klein vor, so verkehrt mit all meinem Fischerstolz. Ich hatte so einen reichen Fang nicht verdient. Könnt ihr verstehen, was ich meine? Ich hatte das Gefühl, etwas bekommen zu haben, was mir nicht zusteht. Und das hat mich beschämt. Ich glaube, so war das an diesem Tag, der mein Leben veränderte. 

***

Ich war Simon, ein stolzer Fischer vom See Genezareth. Ich habe hart gearbeitet und mir eine Existenz aufgebaut. Ich hatte ein Boot und Freunde und Erfolg. Ich konnte meine Familie ernähren. Darauf war ich stolz. Und von einem Tag auf den andern war alle anders. Ein leeres Netz in der Nacht, ein riesiger Fang am Tag und all mein Stolz war dahin. Ich hatte die Kontrolle über mein Leben verloren und bin doch nicht untergegangen. Ich spürte in diesem Augenblick, dass ich nicht mehr kämpfen musste, dass mein Leben, meine Zeit, meine Seele in anderen Händen lag. Ich fühlte, dass Gott da war.

Das war an jenem Tag, als er zu mir ins Boot kam. Ich wollte, dass er wieder weggeht. Er war mir unheimlich. Obwohl er mir nichts Böses getan hat – im Gegenteil. Er verunsicherte mich extrem. Aber er sagte nur: „Fürchte dich nicht!“ Dann bin ich mit ihm gegangen. Er hat mich gefangen genommen. Es klingt merkwürdig: Er war mir unheimlich und doch konnte ich ihm nicht widerstehen. Ich habe ihm sofort vertraut. Von dem, was er zu den Leuten am Ufer gesagt hat, habe ich nur wenig verstanden. Trotzdem konnte ich plötzlich weiter sehen als je zuvor, ich sah eine Welt jenseits der Berge und einen Himmel jenseits der Sterne. Klingt jetzt ein bisschen pathetisch, aber anders kann ich es nicht beschreiben. 

Mein Name war Simon. Jetzt heiße ich Petrus. Aber meine Knie wanken immer noch. 

***

Jetzt fange ich keine Fische mehr, jetzt fange ich Menschen. Ich mache Christen. Ich sage, sie sollen ihm nachfolgen. Und das tun sie dann auch. Oder sie glauben, es zu tun. Sie lassen sich taufen und sprechen ein Bekenntnis. Sie sagen: Ich glaube an Jesus Christus, unseren Herrn. Aber wissen sie, was sie da sagen? Wissen sie, wem sie nachfolgen? Sind sie ihm je so begegnet, wie ich ihm begegnet bin? 

***

[kurze Pause oder Sprecher*innenwechsel]

Vielen Dank für deinen Bericht, Simon Petrus. 

Um direkt auf deine Frage zu antworten: Nein, so wie du bin ich Jesus nie begegnet. Ehrlich gesagt bin ich ihm noch nie persönlich begegnet. Aus der Bibel weiß ich zwar, dass er sich manchmal inkognito antreffen lässt in einem seiner geringsten Schwestern und Brüder, möglicherweise habe ich ihn also schon getroffen, wenn ich Menschen besucht habe oder ihnen etwas gegeben habe, was sie brauchten. Aber weil es inkognito ist, kann man da nie sicher sein. Leibhaftig ist er nie zu mir gekommen, um mir zu sagen, dass ich ihm nachfolgen und Pfarrer werden soll. 

Christ bin ich geworden wie die meisten. Man hat mich als Baby getauft, man hat mir von ihm im Kindergottesdienst, im Religions- und Konfirmandenunterricht erzählt. Ich war in meiner Jugend nicht besonders kirchlich engagiert. Aber ich habe dann Theologie studiert. Zunächst mehr aus einem Interesse an existentiellen und philosophischen Fragen als aus dem Wunsch heraus, Pfarrer zu werden. Da habe ich mich viel mit Jesus beschäftigt und auch mit dir, Simon Petrus. Jetzt weiß ich eine Menge über Jesus und erzähle anderen viel über ihn, obwohl ich ihm nie begegnet bin. Das hat den Vorteil, dass ich vor Überraschungen sicher bin. Es wird dich auch nicht überraschen, wenn ich sage: Jesus und ich sind fast immer einer Meinung. Bei Fragen der Lebensklugheit, aber auch in ethischen und politischen Fragen habe ich Jesus eigentlich immer auf meiner Seite. Die anderen allerdings auch, das ist etwas irritierend. In Russland glauben sie, Jesus sei ein Freund von Putin und findet seinen Krieg großartig, und in Amerika denkt nicht nur Trump, Jesus bewundere den größten Präsidenten aller Zeiten. Wir wissen natürlich, dass Jesus das ebenso lächerlich findet wie wir. So ist das, wenn man ihm nie persönlich begegnet ist: Jeder kann sich seinen Jesus zurechtlegen als Zeuge der eigenen Überzeugung. Einerseits wüsste ich manchmal schon gern, was Jesus zu dem ein oder anderen wirklich sagen würde, andererseits lieber doch nicht. Ich komme mit meinem angelesenen Jesus ganz gut klar. Ich will vor Überraschungen sicher sein.

Denn aus den Evangelien weiß ich, dass du es mit ihm nicht so einfach hattest. Ihr habt euch angezogen und abgestoßen, nicht nur bei eurer ersten Begegnung. Später hast du einmal mutig bekannt, er sei der Christus, als er euch fragte, was ihr glaubt, wer er sei. Als er aber dann von seinem Leiden und Sterben sprach, wolltest du es nicht wahrhaben und er schimpfte dich „Satan“ und schickte dich fort. Dann hast du ihn dreimal verleugnet und warst nicht bei ihm, als er starb. Trotzdem bist du Petrus, der Fels, auf dem die Kirche steht. 

***

[kurze Pause oder Sprecher*innenwechsel]

Ich bin Petrus, der Fels, auf dem Jesus Christus seine Kirche baute. Ich hieß einmal Simon und war ein Fischer vom See Genezareth. Dann kam er in mein Boot und in mein Leben und alles wurde anders. Ich wurde reich beschenkt und fühlte mich klein und elend. Er aber machte mich groß und glücklich. Er öffnete meinen Horizont. Ich bin mit ihm gegangen und er ließ mich die Welt mit anderen Augen sehen – mit seinen Augen. Ich glaube, er hatte die Augen Gottes. Ich habe Menschen gesehen, die ich immer übersehen habe, und habe Worte gehört, die ich noch nie gehört habe. Ich habe nicht alles verstanden, aber ich habe gespürt, dass sie uns mitten in dieser Welt eine Welt zeigen, die von Gottes Liebe bewegt wird. 

Ich bin mit ihm gegangen und unendlich reich beschenkt worden, aber es war nie einfach mit ihm. Es gab viele peinliche Situationen. Die Scham traf mich immer wieder. Ich schämte mich, weil ich ihn verleugnet und dann verlassen habe. 

Ich bin dann wieder Simon geworden und zurück an den See gegangen. Und dann war er plötzlich wieder da. Ich erkannte ihn erst nicht. Als er nach einer fanglosen Nacht sagte, wir sollten die Netze noch einmal auswerfen, erkannte ich ihn. Und wieder schämte ich mich. (Joh 21,3-8) Es war ein Déjà-vu und ich hatte nichts gelernt. Und dann fragte er mich dreimal, ob ich ihn liebhabe. (Joh 21,15-17) Das war wieder so ein Moment. Ich war so verlegen, dass ich nicht einfach „Ja“ sagen konnte. Und trotzdem gab er mir den Auftrag, seine Herde zu weiden und seine Gemeinde zu leiten. Ich hatte es nicht verdient, und dennoch machte er mich wieder zu Petrus. 

Dann war er weg. Wir machten uns an die Arbeit, wir tauften, lehrten, schrieben die Schriften und bauten die Kirche. Wenn wir in seinem Namen zusammenkommen, sagen wir, er sei mitten unter uns. Aber die Knie wurden mir nie mehr weich. 

Er hat gesagt, er wolle wiederkommen. Ich weiß nicht, was dann geschieht. Vermutlich wird er uns überraschen, vielleicht wirst du erkennen, wie reich beschenkt du bist. Und wenn er dich fragen wird: „Hast du mich lieb?“, dann sag endlich einfach: „Ja“!

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Pfarrer Dr. Jürgen Kaiser

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

„normale“ Gottesdienstgemeinde in einem gut besuchten Gemeindezentrum mit guter Mischung in Alter und sozialer Herkunft. 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Ich wollte die merkwürdige Reaktion von Petrus (Lk 5,8) in der Predigt so einfangen, dass sie einerseits deutbar wird und dabei doch ihr Geheimnis bewahrt. Spannend fand ich die Aufgabe, das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit und das Moment des Faszinosum und Tremendum in der Begegnung mit dem Heiligen narrativ zu gestalten? Außerdem reizte mich der Kontrast zwischen einer Begegnung mit dem „leibhaftigen“ Jesus und unseren kirchlich kultivierten Begegnungen mit ihm. 

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Die Entdeckung, dass wir mit unserer zahmen kirchlichen Religionskultur kaum je an die wilde Fremdartigkeit biblischer Texte und der dahinterstehenden Erfahrungen und Begegnungen rankommen. 

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Ich hatte erst die Idee, die Reaktion des Petrus als Scham zu deuten und habe im Verlauf der Predigt stark mit diesem Motiv gearbeitet. Die Coaching-Partnerin hat mich auf die Ambivalenz und Problematik dieses Begriffs aufmerksam gemacht. Das hat zu einer Überarbeitung der Predigt geführt, in der es darum ging, die Kategorie der Scham etwas zurückzunehmen, um im Gegenzug auch das für Petrus Heilsame in der Begegnung mit Jesus herauszuarbeiten. 

Perikope
05.07.2026
5,1-11