Ein Liebesbrief. Predigt über Dtn 7, 6-12 von Anne-Kathrin Kruse
7,6-12

6 Denn du bist deinem Gott ein geheiligtes Volk.
Dich hat Er erwählt aus all den Völkern auf Erden, 
damit du zu ihm als Volk ganz persönlich gehörst.
7 Nicht etwa, weil ihr zahlreicher als andere Völker wäret, 
hängt Gott an euch. Deswegen hat er euch nicht erwählt – 
schließlich seid ihr das kleinste unter allen Völkern
8 Nein, weil Gott euch liebt und sich an sein Versprechen hält, 
das er euren Vorfahren gegeben hat, führte Er euch mit starker Hand 
aus der Sklaverei und errettete euch aus der Hand Pharaos, des Königs von Ägypten. 
9 Daran sollst du erkennen, dass der Ewige, dein Gott, der wahre Gott ist, 
ein treuer Gott nämlich, der seinen Bund hält und über 1.000 Generationen hinweg denen gegenüber freundlich ist, die ihn lieben und sich an seine Gebote halten. 
10 Er vergilt denen persönlich, die ihn verwerfen, und lässt sie in die Irre gehen. 
Er zögert nicht gegenüber denen, die ihn verwerfen, sondern vergilt ihnen sofort. 
11 Darum: Achte auf die Gebote, Bestimmungen und Rechte, die ich dir heute gebiete. Richte dich nach ihnen. 
12 Dafür, dass ihr diese Rechte annehmt, sie bewahrt und euch nach ihnen richtet, wird der Ewige, dein Gott, auch zu dem Bund stehen 
und dir die Freundlichkeit erweisen, die er deinen Vorfahren geschworen hat.

Ein Liebesbrief

Eine winzig kleine Rolle aus Pergament.
Die alten hebräischen Buchstaben sind noch zu entziffern. 
Wort für Wort taste ich mich vor.
Ein Liebesbrief.
Da gesteht jemand seiner Angebeteten seine Liebe. 
Sucht nach Worten, ringt um sie, 
öffnet ihr die Tiefen seines Herzens, 
macht sich angreifbar und verwundbar. 
Weshalb ausgerechnet sie? 
Erklären kann er das nicht - es bleibt ein Geheimnis.
Ich lese weiter - fast peinlich berührt,
solch ein vertrauliches Geständnis, 
das nicht für meine Ohren bestimmt ist. 
Eine leidenschaftliche Liebeserklärung 
von Gott persönlich an sein jüdisches Volk - prominenter geht es nicht! 
Ewige Treue schwört er ihm. 
Seine Liebe hört nimmer auf. 

Kann denn Liebe Sünde sein?!

Verliebte wählen einander. Sie lieben nicht alle Menschen gleich -
eine inhaltslose Universal-Liebe betrifft irgendwie alle
und deshalb eigentlich niemanden.
Ich liebe diesen einen konkreten Menschen
und vermag nicht einmal genau zu sagen, warum.
Umgekehrt brauche und kann auch ich nichts dazu tun, um erwählt zu werden. 
Die polnische Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Wisawa Szymborska
beschreibt die „Glückliche Liebe“ in einer überraschend anderen Perspektive:

Von nirgendwoher fällt Licht -
Weshalb gerade auf die und nicht andre?
Beleidigt es nicht die Gerechtigkeit? Ja.
Verletzt es nicht alle sorgsam aufgetürmten Prinzipien,
stürzt die Moral nicht vom Gipfel? Es verletzt und stürzt.
Seht sie euch an, die Glücklichen:
Wenn sie sich wenigstens verstellten,
Niedergeschlagenheit spielten, damit die Freunde auf ihre Kosten kämen!
Hört, wie sie lachen - kränkend.
Mit welcher Zunge sie sprechen - scheinbar verständlich.
Und diese Zeremonien, Zierereien,
die findigen Pflichten gegeneinander - 
es ist wie eine Verschwörung hinter dem Rücken der Menschheit!
Schwer zu ahnen, was geschähe,
machte ihr Beispiel Schule …

… denen die glückliche Liebe fremd ist,
behaupten, es gäbe sie gar nicht.
Mit diesem Glauben leben und sterben sie leichter.

(Wisawa Szymborska, Glückliche Liebe, in: dies., Liebesgedichte, 
Frankfurt a.M. 2005, 26f.)

Liebe und Eifersucht

Darf Gott so lieben? Und warum gerade das jüdische Volk?
Spätestens bei dem Wort ERWÄHLT 
läuten doch weniger die Hochzeitsglocken als die Alarmglocken.
In dem leise fressenden Neid, nicht dazuzugehören, 
jenen Neid, dem sich Hitler in maßlosen Hasstiraden Luft machte, 
indem er die göttliche Erwählung des jüdischen Volkes 
als „jüdische Weltverschwörung“ verhöhnte.
Wir Deutschen haben unsere eigene Geschichte 
mit dem „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt…“
Und dem Irrglauben von wegen „Gott mit uns“ 
auf den Koppelschlössern der Soldaten,
der viele Länder und dazu Millionen Menschen 
ins Verderben geführt hat.
Heute halten immer mehr Menschen die eigene Herkunft, 
Nation, Sprache und Kultur so hoch, 
weil sie das jeweils Andere als Bedrohung, Konkurrenz 
oder als minderwertig betrachten.
Offenbar sind sie so sehr von der Angst getrieben,
den Anschluss zu verlieren, abgehängt zu werden.
America first/ Make America great again gellt uns noch in den Ohren.
Zugleich stolpere ich im Römerbrief des Paulus, wo es heißt:
„die Juden zuerst“. Gibt es einen Unterschied?

Erwählung des kleinsten Volkes zu einer großen Aufgabe

Den Unterschied gibt es in der Tat:
Das jüdische Volk ist ja bis heute gerade nicht das größte und mächtigste: 
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, 
weil ihr größer wäret als alle Völker - 
denn du bist das kleinste unter allen Völkern.
Versklavt waren sie in Ägypten, 
eine Gemeinschaft, die weiß, was es heißt, 
fremd, benachteiligt und ohne Rechte zu sein.
Auch wenn sie noch so sehr versuchten, sich anzupassen.
Gott hat eine Vorliebe für die Kleinen, 
die Benachteiligten, die Fremden - aus Liebe.
Zu dieser leidenschaftlichen Liebe gehört auch, 
dass er denen entgegentritt, 
die sich in ihrer Großmannssucht selber als Gott aufspielen,
Minderheiten bedrohen, weil sie Vielfalt nicht ertragen.
Er vergilt denen persönlich, die ihn verwerfen, und lässt sie in die Irre gehen.

Am Anfang der Bibel allerdings steht nicht die Erwählung, 
sondern die Erschaffung der ganzen Welt
und der Geschichte der Menschheit als Familiengeschichte: 
Wir alle stammen von einem Menschenpaar ab. 
Warum?
Damit keiner sagen kann: Mein Vater war größer als dein Vater,
heißt es in der jüdischen Auslegung.
Trotz aller Unterschiede im Aussehen, Geschlecht, 
unterschiedlicher Lebensbedingungen 
sind wir Menschen alle Geschwister, alle gleich an Würde.
Und auf einmal merke ich:
Ich bin in dieser Liebe Gottes gar nicht außen vor.
Ich gehöre mitten hinein!
Wir gehören mitten hinein.
Gott hat sich für die ganze Menschheit entschieden, 
indem er das jüdische Volk erwählt, Licht für alle Völker zu sein. 
Zeichen für Gottes Gerechtigkeit in dieser Welt – 
Zeichen der Liebe Gottes für die Menschheit. 
Wer mit Gott in Berührung kommt,
wird berührt von der Sehnsucht Gottes nach einer Erde,
auf der alle ihre Würde und ihren Platz finden.
Weil Juden nach 3000 Jahren Flucht, Exil und Völkermord 
die Erfahrungen von Minderheiten verstehen, 
haben sie sich an ihre Seite gestellt.
-an der Seite von Martin Luther King im Kampf der Afroamerikaner gegen Rassismus
- in Südafrika an die Seite der black people im Kampf gegen die Apartheid.
- an die Seite der Palästinenser
im Protest gegen die rechts gerichtete Regierung in Israel 
- in Organisationen wie die „Rabbiner für Menschenrechte, „Women for Peace“ 
oder „Standing together“
gegen die Siedlungspolitik und die Aufhebung der Menschenrechte.
 

Ein kleines Volk von Weltverbesserern - 
wie soll das gehen, ohne ständig zu scheitern?
Gott lässt sie mit dieser Riesenaufgabe nicht allein: 
er gibt ihnen - und uns - seine Weisung, seine Gebote mit auf den Weg 
zu einem Leben in Gerechtigkeit für alle. 

Durch den Jordan gezogen

Ich lese den Liebesbrief Gottes an sein Volk -
und weiß: er ist nicht an mich gerichtet.
Sondern an entflohene Sklaven,
die durch den Jordanfluss gezogen sind,
und dort zum jüdischen Volk wurden.
Meine christlichen Wurzeln liegen nicht in Deutschland -
oder in irgendeinem anderen Abendland.
Im Morgenland, an dem Flüsschen namens Jordan, 
heute an der Grenze zu Jordanien -
da liegen meine christlichen Wurzeln.
Wo der Jude Jesus sich hat untertauchen lassen.
Durch ihn darf ich dazugehören.
Mit ihm durch den Jordan ziehen, 
untertauchen in den Tod - auftauchen zu neuem Leben,
gerettet werden durch den Gott Israels.
Du bist geliebt, ohne Wenn und Aber.
Mit Gott in Berührung kommen,
hautnah und klatschnass.
Du bist geliebt - und auch du wirst gebraucht.
 

Darum geht hin und lehret alle Völker: 
Taufet sie auf den Namen des Vaters 
und des Sohnes und des Heiligen Geistes 
und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. 
Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Anne-Kathrin Kruse

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin ist eine City- und Gemeindekirche in exponierter Lage, die Tag für Tag die Menschen anzieht. Die Gottesdienste sind gut besucht von einem bunten, oft mehrsprachigen „Publikum“ mit relativ hohem Akademikeranteil. Vor Augen steht mir v.a. die angespannte politische Situation in Berlin, insbesondere der schleichende Rückzug der jüdischen Bevölkerung aus der Öffentlichkeit. Den Gottesdienst wird ein College-Chor aus Cambridge mitgestalten.

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Angeregt und herausgefordert hat mich der Ansatz von Klara Butting (6. Sonntag nach Trinitatis: Dtn 7,6-12. Erwählung versus Populismus, in: Predigtmeditationen im christlich- jüdischen Kontext Reihe II, Berlin 2019, 294-98), inwieweit sich Erwählung von Populismus/Rechtsextremismus unterscheidet.  

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Eine Neu-Entdeckung ist für mich der Jordan als Dreh-und Angelpunkt des Juden Jesus zwischen der Volkswerdung des Judentums, dem jüdischen Tauchbad und der christlichen Taufe.

4.  Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Dem fremden Blick meiner Predigtcoach verdankt die Predigt, etwas weniger Lehrpredigt zu sein und dafür persönliches Engagement auch durch unmittelbare Gefühle zu zeigen - ein weiter Weg. Aber Dank dafür!

Perikope
12.07.2026
7,6-12