Ein Liebesbrief. Predigt über Dtn 7, 6-12 von Anne-Kathrin Kruse

Ein Liebesbrief. Predigt über Dtn 7, 6-12 von Anne-Kathrin Kruse
7,6-12

6 Denn du bist deinem Gott ein geheiligtes Volk.
Dich hat Er erwählt aus all den Völkern auf Erden, 
damit du zu ihm als Volk ganz persönlich gehörst.
7 Nicht etwa, weil ihr zahlreicher als andere Völker wäret, 
hängt Gott an euch. Deswegen hat er euch nicht erwählt – 
schließlich seid ihr das kleinste unter allen Völkern
8 Nein, weil Gott euch liebt und sich an sein Versprechen hält, 
das er euren Vorfahren gegeben hat, führte Er euch mit starker Hand 
aus der Sklaverei und errettete euch aus der Hand Pharaos, des Königs von Ägypten. 
9 Daran sollst du erkennen, dass der Ewige, dein Gott, der wahre Gott ist, 
ein treuer Gott nämlich, der seinen Bund hält und über 1.000 Generationen hinweg denen gegenüber freundlich ist, die ihn lieben und sich an seine Gebote halten. 
10 Er vergilt denen persönlich, die ihn verwerfen, und lässt sie in die Irre gehen. 
Er zögert nicht gegenüber denen, die ihn verwerfen, sondern vergilt ihnen sofort. 
11 Darum: Achte auf die Gebote, Bestimmungen und Rechte, die ich dir heute gebiete. Richte dich nach ihnen. 
12 Dafür, dass ihr diese Rechte annehmt, sie bewahrt und euch nach ihnen richtet, wird der Ewige, dein Gott, auch zu dem Bund stehen 
und dir die Freundlichkeit erweisen, die er deinen Vorfahren geschworen hat.

Ein Liebesbrief

Eine winzig kleine Rolle aus Pergament.
Die alten hebräischen Buchstaben sind noch zu entziffern. 
Wort für Wort taste ich mich vor.
Ein Liebesbrief.
Da gesteht jemand seiner Angebeteten seine Liebe. 
Sucht nach Worten, ringt um sie, 
öffnet ihr die Tiefen seines Herzens, 
macht sich angreifbar und verwundbar. 
Weshalb ausgerechnet sie? 
Erklären kann er das nicht - es bleibt ein Geheimnis.
Ich lese weiter - fast peinlich berührt,
solch ein vertrauliches Geständnis, 
das nicht für meine Ohren bestimmt ist. 
Eine leidenschaftliche Liebeserklärung 
von Gott persönlich an sein jüdisches Volk - prominenter geht es nicht! 
Ewige Treue schwört er ihm. 
Seine Liebe hört nimmer auf. 

Kann denn Liebe Sünde sein?!

Verliebte wählen einander. Sie lieben nicht alle Menschen gleich -
eine inhaltslose Universal-Liebe betrifft irgendwie alle
und deshalb eigentlich niemanden.
Ich liebe diesen einen konkreten Menschen
und vermag nicht einmal genau zu sagen, warum.
Umgekehrt brauche und kann auch ich nichts dazu tun, um erwählt zu werden. 
Die polnische Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Wisawa Szymborska
beschreibt die „Glückliche Liebe“ in einer überraschend anderen Perspektive:

Von nirgendwoher fällt Licht -
Weshalb gerade auf die und nicht andre?
Beleidigt es nicht die Gerechtigkeit? Ja.
Verletzt es nicht alle sorgsam aufgetürmten Prinzipien,
stürzt die Moral nicht vom Gipfel? Es verletzt und stürzt.
Seht sie euch an, die Glücklichen:
Wenn sie sich wenigstens verstellten,
Niedergeschlagenheit spielten, damit die Freunde auf ihre Kosten kämen!
Hört, wie sie lachen - kränkend.
Mit welcher Zunge sie sprechen - scheinbar verständlich.
Und diese Zeremonien, Zierereien,
die findigen Pflichten gegeneinander - 
es ist wie eine Verschwörung hinter dem Rücken der Menschheit!
Schwer zu ahnen, was geschähe,
machte ihr Beispiel Schule …

… denen die glückliche Liebe fremd ist,
behaupten, es gäbe sie gar nicht.
Mit diesem Glauben leben und sterben sie leichter.

(Wisawa Szymborska, Glückliche Liebe, in: dies., Liebesgedichte, 
Frankfurt a.M. 2005, 26f.)

Liebe und Eifersucht

Darf Gott so lieben? Und warum gerade das jüdische Volk?
Spätestens bei dem Wort ERWÄHLT 
läuten doch weniger die Hochzeitsglocken als die Alarmglocken.
In dem leise fressenden Neid, nicht dazuzugehören, 
jenen Neid, dem sich Hitler in maßlosen Hasstiraden Luft machte, 
indem er die göttliche Erwählung des jüdischen Volkes 
als „jüdische Weltverschwörung“ verhöhnte.
Wir Deutschen haben unsere eigene Geschichte 
mit dem „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt…“
Und dem Irrglauben von wegen „Gott mit uns“ 
auf den Koppelschlössern der Soldaten,
der viele Länder und dazu Millionen Menschen 
ins Verderben geführt hat.
Heute halten immer mehr Menschen die eigene Herkunft, 
Nation, Sprache und Kultur so hoch, 
weil sie das jeweils Andere als Bedrohung, Konkurrenz 
oder als minderwertig betrachten.
Offenbar sind sie so sehr von der Angst getrieben,
den Anschluss zu verlieren, abgehängt zu werden.
America first/ Make America great again gellt uns noch in den Ohren.
Zugleich stolpere ich im Römerbrief des Paulus, wo es heißt:
„die Juden zuerst“. Gibt es einen Unterschied?

Erwählung des kleinsten Volkes zu einer großen Aufgabe

Den Unterschied gibt es in der Tat:
Das jüdische Volk ist ja bis heute gerade nicht das größte und mächtigste: 
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, 
weil ihr größer wäret als alle Völker - 
denn du bist das kleinste unter allen Völkern.
Versklavt waren sie in Ägypten, 
eine Gemeinschaft, die weiß, was es heißt, 
fremd, benachteiligt und ohne Rechte zu sein.
Auch wenn sie noch so sehr versuchten, sich anzupassen.
Gott hat eine Vorliebe für die Kleinen, 
die Benachteiligten, die Fremden - aus Liebe.
Zu dieser leidenschaftlichen Liebe gehört auch, 
dass er denen entgegentritt, 
die sich in ihrer Großmannssucht selber als Gott aufspielen,
Minderheiten bedrohen, weil sie Vielfalt nicht ertragen.
Er vergilt denen persönlich, die ihn verwerfen, und lässt sie in die Irre gehen.

Am Anfang der Bibel allerdings steht nicht die Erwählung, 
sondern die Erschaffung der ganzen Welt
und der Geschichte der Menschheit als Familiengeschichte: 
Wir alle stammen von einem Menschenpaar ab. 
Warum?
Damit keiner sagen kann: Mein Vater war größer als dein Vater,
heißt es in der jüdischen Auslegung.
Trotz aller Unterschiede im Aussehen, Geschlecht, 
unterschiedlicher Lebensbedingungen 
sind wir Menschen alle Geschwister, alle gleich an Würde.
Und auf einmal merke ich:
Ich bin in dieser Liebe Gottes gar nicht außen vor.
Ich gehöre mitten hinein!
Wir gehören mitten hinein.
Gott hat sich für die ganze Menschheit entschieden, 
indem er das jüdische Volk erwählt, Licht für alle Völker zu sein. 
Zeichen für Gottes Gerechtigkeit in dieser Welt – 
Zeichen der Liebe Gottes für die Menschheit. 
Wer mit Gott in Berührung kommt,
wird berührt von der Sehnsucht Gottes nach einer Erde,
auf der alle ihre Würde und ihren Platz finden.
Weil Juden nach 3000 Jahren Flucht, Exil und Völkermord 
die Erfahrungen von Minderheiten verstehen, 
haben sie sich an ihre Seite gestellt.
-an der Seite von Martin Luther King im Kampf der Afroamerikaner gegen Rassismus
- in Südafrika an die Seite der black people im Kampf gegen die Apartheid.
- an die Seite der Palästinenser
im Protest gegen die rechts gerichtete Regierung in Israel 
- in Organisationen wie die „Rabbiner für Menschenrechte, „Women for Peace“ 
oder „Standing together“
gegen die Siedlungspolitik und die Aufhebung der Menschenrechte.
 

Ein kleines Volk von Weltverbesserern - 
wie soll das gehen, ohne ständig zu scheitern?
Gott lässt sie mit dieser Riesenaufgabe nicht allein: 
er gibt ihnen - und uns - seine Weisung, seine Gebote mit auf den Weg 
zu einem Leben in Gerechtigkeit für alle. 

Durch den Jordan gezogen

Ich lese den Liebesbrief Gottes an sein Volk -
und weiß: er ist nicht an mich gerichtet.
Sondern an entflohene Sklaven,
die durch den Jordanfluss gezogen sind,
und dort zum jüdischen Volk wurden.
Meine christlichen Wurzeln liegen nicht in Deutschland -
oder in irgendeinem anderen Abendland.
Im Morgenland, an dem Flüsschen namens Jordan, 
heute an der Grenze zu Jordanien -
da liegen meine christlichen Wurzeln.
Wo der Jude Jesus sich hat untertauchen lassen.
Durch ihn darf ich dazugehören.
Mit ihm durch den Jordan ziehen, 
untertauchen in den Tod - auftauchen zu neuem Leben,
gerettet werden durch den Gott Israels.
Du bist geliebt, ohne Wenn und Aber.
Mit Gott in Berührung kommen,
hautnah und klatschnass.
Du bist geliebt - und auch du wirst gebraucht.
 

Darum geht hin und lehret alle Völker: 
Taufet sie auf den Namen des Vaters 
und des Sohnes und des Heiligen Geistes 
und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. 
Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Anne-Kathrin Kruse

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin ist eine City- und Gemeindekirche in exponierter Lage, die Tag für Tag die Menschen anzieht. Die Gottesdienste sind gut besucht von einem bunten, oft mehrsprachigen „Publikum“ mit relativ hohem Akademikeranteil. Vor Augen steht mir v.a. die angespannte politische Situation in Berlin, insbesondere der schleichende Rückzug der jüdischen Bevölkerung aus der Öffentlichkeit. Den Gottesdienst wird ein College-Chor aus Cambridge mitgestalten.

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Angeregt und herausgefordert hat mich der Ansatz von Klara Butting (6. Sonntag nach Trinitatis: Dtn 7,6-12. Erwählung versus Populismus, in: Predigtmeditationen im christlich- jüdischen Kontext Reihe II, Berlin 2019, 294-98), inwieweit sich Erwählung von Populismus/Rechtsextremismus unterscheidet.  

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Eine Neu-Entdeckung ist für mich der Jordan als Dreh-und Angelpunkt des Juden Jesus zwischen der Volkswerdung des Judentums, dem jüdischen Tauchbad und der christlichen Taufe.

4.  Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Dem fremden Blick meiner Predigtcoach verdankt die Predigt, etwas weniger Lehrpredigt zu sein und dafür persönliches Engagement auch durch unmittelbare Gefühle zu zeigen - ein weiter Weg. Aber Dank dafür!

Perikope
12.07.2026
7,6-12

(16) Macht’s wie Gott. Werdet endlich Mensch! Predigt für das Weihnachtsfest von Dr. Stephan Schaede

(16) Macht’s wie Gott. Werdet endlich Mensch! Predigt für das Weihnachtsfest von Dr. Stephan Schaede
28,65-67

Dtn 28, 65-67. 

65 Dazu wirst du unter jenen Völkern keine Ruhe haben, und deine Füße werden keine Ruhestatt finden. Denn der HERR wird dir dort ein bebendes Herz geben und erlöschende Augen und eine verzagende Seele, 
66 und dein Leben wird immerdar in Gefahr schweben; Nacht und Tag wirst du dich fürchten und deines Lebens nicht sicher sein. 
67 Morgens wirst du sagen: Ach dass es Abend wäre!, und abends wirst du sagen: Ach dass es Morgen wäre!, vor Furcht deines Herzens, die dich schrecken wird, und vor dem, was du mit deinen Augen sehen wirst. 

 

Zum Weihnachtsfest die Ansage von Fluch aus dem 28. Kapitel des 5. Buches Mose. Mich verstört das.  Ist das ein Akt geistlicher Schocktherapie? Welcher protestantische Weihnachtsgrinch kam auf die Idee, ausgerechnet diesen Predigttext in den Raum einer Predigtreihe zu stellen? Das ist Festsabotage pur. Ich möchte mich uneingeschränkt an dem Weihnachtswunsch: „Frohe Weihnachten!“ freuen.  All die Freude, die Hoffnung, das Herz, die Leidenschaft, die ihn erfüllt. Dieser Wunsch zehrt von „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring Euch gute neue Mär“- Nachrichten. Aber nun kracht eine zerstörerische Ansage als Wort für das Fest in die Weihnachtsseligkeit hinein. 

Weihnachten 2025: Ist der geheime Lehrplan der?  Eine durchgeknallte Kirche stößt mit einer harten Weihnachtsbotschaft vor den Kopf: Verfluchte Weihnachten! Gott wünscht uns ein verfluchtes Weihnachtsfest! Wofür soll das gut sein?

Dabei gibt es doch in diesem 28. Kapitels im 5. Buch Mose, das mit „Segen und Fluch“ überschrieben ist, den ersten, den Segensteil.  So viel besser passt der zu Weihnachten. Wunderbar plastisch gewinnt da der Segen Lebenspulsschlag, fein entfaltet bis in den letzten Winkel des Lebens hinein: Da ist vom gesegneten Vieh auf der Weide die Rede. Das passt in eine Weihnachtslandschaft mit lauter prächtigen Weihnachtseseln und -Ochsen, und Schafen  zumal hinein. „Gesegnet wird sein Dein Korb und Dein Backtrog“ lässt sich da nachlesen. Das nenn ich Weihnachtsansagen. Zwischen diesen Zeilen steigt einem doch der Geruch von weihnachtlichen Obstschalen mit Feigen und Früchten und von Kekstellern in die Nase.  „Und Gott wird machen, dass Du Überfluss an Gutem haben wirst, an Frucht Deines Leibes“ steht da schließlich geschrieben. Gutes und Geburtsfreuden, Freude an der Geburt eines Kindes. Das sind Ansagen - wie für das Weihnachtsfest geschaffen. Ein segensreiches erfülltes Panorama des Lebens.  Gott ist angekommen in meinem, in unserem Leben, ist Mensch geworden. Auch Ihr seid geborgen in Gottes Menschlichkeit, in seinem Segen. Das ist die erste Ansage für den Weihnachtstag, aus der dann die zweite folgen kann: Macht’s wie Gott. Werdet endlich Mensch!

Die Fluchkonturen aber des zweiten Teils des 28. Kapitels im 5. Buch Mose buchstabieren brutal das glatte Gegenteil aus, die grausame Situation nicht mehr länger Mensch sein zu können. Krasse Bilder einer Menschlichkeitsferne im Exzess, keine Ruhe, keinen festen Boden mehr unter den Füßen, ein auf Dauer gestellter Herzinfarkt, Du schaust durch blindgewordenen Scheiben des Lebens in ein Nichts hinein, eine Seele, die aufgibt, nichts als Gefahren links und rechts, Tag und Nacht Unsicherheit, kein Gott da, der dafür Sorge trägt, dass ich sicher wohne. „Morgens wirst du sagen: Ach dass es Abend wäre! und abends wirst du sagen: Ach dass es Morgen wäre!“ Das heißt doch: Unerträglich, das Jetzt aushalten zu müssen. Du bist konfrontiert mit einer Zeit, die Du nicht totschlagen kannst, die aber Dich bei lebendigem Leibe totschlägt. Jeder Augenblick des Lebens prügelt Dich, schlägt und schlägt auf Dich ein, aber Dein Los ist weiter zu vegetieren. 

Was hat dieser Fluch mit Weihnachten 2025 zu tun? Mit Weihnachten als Gottes Kommen in die Welt schier gar nichts. Lebensqual als Quittung von Fluch kommt in den Weihnachtsdarstellungen, die mit Gott rechnen nicht vor. Denn Weihnachten feiert Gott als einen, der sich der Menschheit zuwendet, in sie hineinfährt, um sie menschlich werden zu lassen. Das 5. Buch Mose beschreibt in seinem zweiten Teil eben das glatte Gegenteil, den Fluch von Gott, der auf einem Leben liegt, das taub für Gott ist, von religiöser Taubheit geschlagen ist.

Was hat dieser Fluch also mit Weihnachten 2025 zu tun? Als menschengemachter Fluch, als ein zynisch von menschlicher Hand gemachter Fluch, erschreckend viel. Boot für Boot im Mittelmeer, überquillend überdrängt von Menschen, von Kindern, eng an eng gequetscht, zerquetscht. Jeder Tag die Hölle, der die Nacht als Abgrund folgt. Leben in einem nicht zu ertragenden Jetzt auf See. Und Küstenwachen als Versenkungskommandos unterwegs. Augenblick für Augenblick, der Menschen auf der Flucht bei lebendigem Leibe totschlägt, in ihren Hoffnungen, die sie aufbrechen ließen. Jeder Augenblick ein Augenblick, der sie prügelt, schlägt, auf sie einschlägt. Und es sind unsere Augen, die durch erblindete Scheiben von Europa her nicht sehen wollen, was da geschieht. Auf Europa liegt der Fluch versagter Gastlichkeit. Weit entfernt davon, dass ein Gott es wäre, der da flucht. Sogenannte politische Interessen wollen die, die nicht ertrunken sind, wieder zurückführen, die Geflüchteten ihren Feinden, der Lebensfeindlichkeit ausliefern. 

Fluch, Weihnachten 2025, menschengemacht, menschengewollt, von Menschen für Menschen im Namen von Menschen, an Weihnachten 2025 auch da ein gottferner Fluch unterwegs. Ein Fluch von der Hölle gemacht den anderen zur Hölle gemacht.

Und aus einem verborgenen Winkel unseres Herzens entspringt hoffentlich eine Stimme, die aufhorcht, ein Funken, der unsere blindgewordenen Scheiben der Menschlichkeit zerspringen lässt. Weihnachten 2025 – seht doch endlich, hört doch endlich. Der, den ihr mit Eurem Herzen ein rein sanft Bettelein machen wollt, kann da -  so ernst meint er’s schon mit seinem Segen - doch nur Quartier nehmen, ohne dass es ihm sein göttliches Herz zerbricht, wenn ihr das eine beherzigt -  macht’s endlich wie Gott, werdet Mensch.

Amen. 

 

Perikope
25.12.2025
28,65-67

„Lange haben wir das Lauschen verlernt!“ (Nelly Sachs) - Predigt über Dtn 6, 4-9 von Anne-Kathrin Kruse

„Lange haben wir das Lauschen verlernt!“ (Nelly Sachs) - Predigt über Dtn 6, 4-9 von Anne-Kathrin Kruse
6,4-9

„Lange haben wir das Lauschen verlernt!“ (Nelly Sachs)



Höre, Israel! Adonaj ist unser Gott, einzig und allein Adonaj ist Gott.
So liebe denn Adonaj, Gott für dich, mit Herz und Verstand, 
mit jedem Atemzug, mit aller Kraft. 
Die Worte, die ich dir heute gebiete, sollen dir am Herzen liegen. 
So lehre sie deinen Kindern und sprich davon, 
ob du nun zu Hause oder unterwegs bist, 
wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst. 
Du sollst sie dir zum Zeichen auf deine Hand binden, 
und sie sollen dir ein Schmuckstück zwischen deinen Augen sein. 
Schreibe sie auf die Türpfosten deines Hauses und auf deine Tore.

 

Lange haben wir das Lauschen verlernt!

 

Eine lange Schlange hat sich vor dem Signiertisch von Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gebildet. Alle wollen eine Widmung in das eben erstandene Buch „Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ haben. "Was soll ich denn schreiben?“ fragt er eine ältere Dame. „Für Ruth oder Melanie, für Ihre beste Freundin?“ „Für meinen Mann, damit er mir endlich zuhört!“ ist ihre Antwort. Was für eine Lebensgeschichte mag sich hinter diesem verzweifelten Wunsch verbergen …ohne das Zuhören gibt es keine Begegnung und keinen Austausch, keine konstruktive Auseinandersetzung, 
keine Liebe.

 

Hören – wirklich Zu-hören ist eine Kunst.
Nicht umsonst hat uns Gott einen Mund, aber zwei Ohren eingepflanzt.
Offenbar ist ihm das Hören wichtiger als das Reden.
Den Mund kann ich schließen,
die Ohren nicht.
Sie werden im Alter nicht kleiner, 
im Gegenteil, sie wachsen noch!
Dennoch können wir das Lauschen verlernen,
werden die „Ohren des Herzens“ taub, 
die leisen Zwischentöne bleiben ungehört.
Ich höre weg.
Stopfe mir die Ohren zu
und führe Selbstgespräche.
Zuhören, Lauschen,

sich mit Herz und Verstand für den Anderen öffnen -
dazu braucht vor allem eines: 
den eigenen inneren Redeschwall stoppen und still werden.

 

Höre, Israel

 

„Höre!“ so beginnt der heutige Predigttext.
שּׁמע  ישּׂראָל יי׳ אַלּוֹהּ׳נּוּ יי׳ אָחד‎  
Höre, Israel! Adonaj ist unser Gott, einzig und allein Adonaj ist Gott.
Diese Worte sind nicht irgendwelche Worte. 
Sie sind das Herzstück des Judentums: 
Auch Juden und Jüdinnen, 
die sich nicht für besonders religiös halten, 
kennen diese Worte, das Sch’ma Jisrael, auswendig, 
by heart, im Herzen.
Als tägliches Morgengebet und Abendgebet wird es gesprochen, 
konzentriert und mit geschlossenen Augen.
Kinder lernen mit dem Höre, Israel 
ihr erstes hebräisches Gebet.
Es ist das letzte Gebet der Sterbenden.
Am Grab ruft man es ihnen nach.
Mit dem Höre Israel! auf den Lippen 
sind jüdische Märtyrer für ihren Glauben gestorben.
In den Gaskammern ist es erklungen.

 

Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr

 

Das Herzstück des jüdischen Glaubens am Herzenstag der Reformation!
Schon ihr Name sagt es: 
die Kirchen der Reformation haben den Anspruch, 
sich ständig zu erneuern.
Umzukehren zu ihrem Ursprung.
Eine der anspruchsvollsten und radikalsten Reformen ist immer noch,
dass wir evangelische Christen unsere jüdischen Wurzeln neu entdecken.
So wie es mein theologischer Lehrer zuspitzte: 
„Wenn die Kirche mit ihrem Latein am Ende ist, 
muss sie endlich Hebräisch lernen.“
(Frank Crüsemann, Vortrag bei der KLAK-Delegiertenversammlung, Berlin-Schwanenwerder 21.1.2012. in:   Reformatorische Impulse aus der Hebräischen Bibel - AG jüdisch und christlich .aufgerufen am 03.10.2025)


Denn die judenfeindlichen Züge der reformatorischen Lehre haben ihre Wirkung bis in die heutigen Tage kaum eingebüßt. Der christliche Glaube wurde gegen das vermeintlich selbstgerechte Tun im Judentum ausgespielt,
Das Judentum musste als finstere Folie herhalten, gegenüber der das Christentum umso strahlender erscheinen konnte. Christliche Predigten riefen zu Diskriminierung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden auf. Auf Luthers Forderung in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, man solle die Juden vertreiben und ihre Synagogen niederbrennen, haben sich Christen in der Nazizeit nur allzu gern berufen. Vielen gilt das Alte Testament bis heute 
als Schrift eines gewalttätigen, rachsüchtigen Gottes, obwohl es vom sich erbarmenden Gott erzählt, der stets auf der Seite der Schwachen steht. Selbst der Mythos, die Juden hätten Jesus ans Kreuz gebracht, geistert noch umher. Bilder von heuchlerischen, geldgierigen,  einfach unsympathischen Juden schwirren in den Köpfen und haben sich seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 noch vermehrt.

 

In Wahrheit haben Christen ihre Ohren verkauft.
Nicht dem zugehört,
was Juden zu sagen haben,
was der Jude Jesus zu sagen hat.
Sie haben sich selbst reden gehört.
Statt nur das zu hören, was meine Erwartungen bestätigt –
will ich lernen zuzuhören.
Statt zu belehren, will ich mich öffnen.
Auf die Fremdheit und Schönheit,
vielleicht auch das Irritierende der jüdischen Glaubenswelt einlassen.
Ohne zu bewerten und in Schubladen zu packen.
Und dabei das Risiko eingehen,
dass meine eigenen Glaubensüberzeugungen infrage gestellt werden.

 

Presst, o presst an der Zerstörung Tag 
An die Erde das lauschende Ohr

 

Was höre ich, wenn ich am Reformationstag zuhöre?
Ich höre Worte, die nicht mir gelten.
Hier schlägt das Herz Israels – auch das Herz Gottes.
Als wenn man einem Liebespaar zuhört, 
wie es miteinander spricht, vielmehr flüstert.
Und das unbestimmte Gefühl kommt auf,
dass es ungehörig ist, diesen intimen Augenblick zu stören.

 

Höre Israel, Adonai ist der Einziggeliebte!
Schlüsselworte zum Glauben- und Leben lernen.
Mit „Adonaj“ wird der unaussprechliche Gottesname umschrieben.
Denn „geheiligt werde sein Name“.
Die ganze Welt umfasst er mit seiner Gegenwart –
Und zugleich ist er immer in Hör-Weite zu Israel. 
Durchlässig für sein Wort.
Nichts kann sie trennen.
Nicht im Leben und nicht im Sterben,
nicht im Ein- und nicht im Ausatmen.
Ihr und unser Ein und Alles!

 

So liebe denn Adonaj, mit Herz und Verstand, 
mit jedem Atemzug, mit aller Kraft. 
Gott will nicht ohne seine Geschöpfe, die Menschen sein.
Weil er sie liebt .
Bedingungslos und vollkommen.
Weil er dieses kleine und unbedeutende Volk liebt, 
wie seinen Augapfel.
Eben weil es so klein ist.
Weil er eine Schwäche für die Schwachen hat.
So hofft er wieder geliebt zu werden.
Wie können Jüdinnen und Juden, 
wie können wir Gottes Liebe erwidern?
Liebe entsteht im Staunen.
Wenn ich sehe und höre und darüber staunen kann,
was Gott schon alles für mich getan hat –
da entsteht Liebe.
Eine gute Übung, morgens und abends und zwischendurch,
auch und gerade, wenn es nicht gut läuft.
Liebe ist, sich an Gottes Willen halten.
Liebe ist immer ganz –mit Haut und Haar,
mit Leib und Seele und aller Kraft.
Liebe deinen, deine Nächste.
Habe die Fremden lieb, denn du warst selbst einmal fremd.
Das Gebot, das am häufigsten in der Bibel vorkommt 
und auch für uns Christen gilt.

 

Im Original der Hebräischen Bibel 
sind zwei Buchstaben besonders hervorgehoben.
Zusammengelesen, bedeuten sie Zeuge sein.
Das jüdische Volk soll Zeuge für den Einen Gott und seine Liebe sein.
In diesen Tagen werden Jüdinnen und Juden
immer mehr zu Fremden und Ausgestoßenen gemacht.
Sind in Geschäften und Restaurants „unerwünscht“.
Werden auf der Straße beschimpft, beleidigt und angegriffen.
Künstler und Wissenschaftler werden ausgeladen –
einfach, weil sie jüdisch sind.
Es ist an uns, hier für unsere Nächsten als Zeugen Gottes einzustehen.
Dies schließt Kritik an der gegenwärtigen israelischen Regierung nicht aus – 
im Gegenteil.

 

Die Worte, die ich dir heute gebiete, sollen dir am Herzen liegen.
Was am Herzen liegt, geht an die Kinder weiter.
Gottes Wort wird ins Leben eingeschrieben, jetzt und für alle Zukunft.
Heute, auch heute am Reformationstag, sind diese Worte nicht überholt.
Zu-Hören - jeden Tag neu.

 

Du sollst sie dir zum Zeichen auf deine Hand binden,
und sie sollen dir ein Schmuckstück zwischen deinen Augen sein. 
Schreibe sie auf die Türpfosten deines Hauses und auf deine Tore.
Liebe braucht Zeichen.
Was Juden am Herzen liegt, das Höre Israel, 
binden sie zum Gebet um das linke Handgelenk
gegenüber dem Herzen - so, dass es den Gottesnamen ergibt.
Und in einem Kästchen auf die Stirn.
Herz und Kopf und Hand sind miteinander verbunden.
Glaube und Liebe und Tat sind unzertrennlich.
Worte Gottes – auf den Leib geschrieben.
An die Türrahmen befestigt, erinnern bei jedem Eintreten
zwei Finger mit einem Kuss vom Mund zum Kästchen
an diese wichtigsten Worte des Lebens, 
dass sie Raum finden in diesem Haus und im täglichen Leben.

 

Werdet ihr hören wie im Tode das Leben beginnt

 

„Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, 
ist m. E. kein Christ“ schreibt Dietrich Bonhoeffer 1943 im Gefängnis in Berlin-Tegel. Kann es heute am Reformationstag sein, dass die Erinnerung an unsere eigene Geschichte als evangelische Christen über die Erinnerung des jüdischen Volkes geht? Das ist schwer erträglich – und zugleich eine große Chance!
 

Das Großartige, 
was das Höre Israel auch uns Christen sagt, 
ist das Gebot der Liebe.
Die Liebe hört zu, 
öffnet sich dem Gegenüber, 
weil aus ihm die Stimme Gottes spricht
und lebendig macht – 
auch dich und mich.

 

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Anne-Kathrin Kruse

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Den Kerntext des Judentums ausgerechnet am Reformationstag zu predigen – eine echte Herausforderung. Um Identität(en) geht es - und diese stehen jeweils auf dem Spiel. Es gilt, jenseits von Negierung und Vereinnahmung das Sch’ma Jisrael am Reformationstag als heiligen Text mitzuhören und sich von ihm erinnern zu lassen an unseren christlichen Auftrag, unsere Wurzeln zu entdecken und sich aus ihnen zu erneuern. Und dass alles vor dem Hintergrund der Folgen des Hamas-Terrors, des blindwütigen Tötens im Gazakrieg und der grassierenden Diskriminierung von Jüdinnen und Juden bei uns.

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Beflügelt hat mich ein Vortrag von Bernhard Pörksen, der auf sein Buch „Zuhören: Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ zurückgeht. Titel und Zwischenüberschriften der Predigt stammen aus dem Gedicht von Nelly Sachs. Vgl. Nelly Sachs, Lange haben wir das Lauschen verlernt!, in: Aris Fioretos (Hg.), Nelly Sachs Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, Bd. 1 Gedichte 1940-1950 Berlin 2010, 17f.

3.  Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

M.E. unterschätzen wir als Christen und als Kirche unseren Auftrag und unsere Möglichkeiten in der Zivilgesellschaft, gegen Hass und Hetze das Wort zu suchen in gewaltlosen Formen des Widerstandes und im Eintreten für Diffamierte und Verfolgte. Es beginnt damit, ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Ihnen das Wort zu geben.

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Herzlichen Dank an meine Coach, die sich kurzfristig meiner Predigt angenommen hat, für ihren fremden Blick und wertvolle Hinweise!

Perikope
31.10.2025
6,4-9

(2) Sechs Ansagen von Gott. Predigt von Henry Schwier

(2) Sechs Ansagen von Gott. Predigt von Henry Schwier
15,7-11

Liebe Gemeinde,
der heutige Text aus 5. Mose 15, 7–11 ist ein eindringlicher Aufruf zu Mitgefühl, Großzügigkeit und Verantwortung. Er fordert uns heraus!
Er fordert uns heraus, unsere Haltung gegenüber Not und Armut zu reflektieren. Hören wir die Worte aus der Basisbibel:
7 Und wenn es doch einen Armen gibt, in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt? Lebt dein armer Bruder bei dir in irgendeiner Stadt, dann mach dein Herz nicht hart! Verschließ deine Hand nicht vor deinem armen Bruder! 8 Öffne deine Hand für ihn! Leih ihm großzügig, so viel er braucht! 9 Pass auf, dass dein Herz nicht kühl berechnend denkt: »Das siebte Jahr ist nah, dann muss ich ihm seine Schuld erlassen!« Dabei schaust du deinen armen Bruder verächtlich an und gibst ihm nichts. Dann wird er sich deinetwegen beim HERRN beklagen und du wirst Schuld auf dich laden. 10 Gib ihm gern und mach kein saures Gesicht! Denn dafür wird der HERR, dein Gott, dich segnen – bei allem, was du tust und vorhast. 11 Es wird immer Arme im Land geben. Deshalb befehle ich dir: »Mach deine Hand auf für deinen Bruder, der bedrängt und arm in deinem Land lebt!« 
Dieser Text spricht mit klaren Worten auch in unsere Zeit. Er ruft uns dazu auf, unser Handeln an Gottes Maßstäben auszurichten. Ich möchte Gottes Botschaft in sieben zentralen Punkten betrachten.

1. „Mach dein Herz nicht hart!“ – Mitgefühl ist angesagt, keine Gleichgültigkeit
„Mach dein Herz nicht hart!“ Diese Aufforderung trifft den Kern des Problems: Die größte Gefahr im Umgang mit Armut ist nicht der Mangel an Ressourcen, sondern der Mangel an Mitgefühl. Warum dieser Arme arm ist, wird nicht erklärt/thematisiert. Das ist zunächst gar nicht wichtig. Die Reaktion darauf ist wichtig: Ein hartes Herz verschließt sich vor der Not anderer. Das ist eine Versuchung, die wir alle kennen. Und leichte Antworten kommen uns zu Hauf entgegen: Abschottung! Wir zuerst! Ich zuerst! Die anderen sind selbst schuld, die anderen sollen, müssten, könnten …. ! Viele von uns denken vielleicht so … aus Bequemlichkeit, aus Angst, aus Überforderung. Denn Armutsprobleme sind oft sehr komplexe Probleme! Meistens nicht einfach zu lösen. 
Doch der Text erinnert uns daran, ja er mahnt uns: Der Arme ist dein Bruder, deine Schwester. Der Mensch in Not ist kein Fremder, er ist Teil unsere Weltgemeinschaft! 
Unser Lebensstandard hier in Deutschland ist so hoch, und wir leben immer noch auf Kosten der anderen – jener anderen, die Dinge und Waren möglichst billig produzieren, Rohstoffe, die unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut werden, Produkte, die unter schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen für uns und zu uns transportiert werden. Weil wir alle es billig wollen! Diese Beziehung zu unseren Weltbrüdern und Weltschwestern verpflichtet uns, hinzusehen und zu handeln. Aus Gleichgültigkeit wird persönliche Verantwortung!

2. „Öffne deine Hand!“ – Großzügigkeit als Lebenshaltung 
„Öffne deine Hand für ihn!“ Diese Worte rufen uns zu einem Leben der Großzügigkeit auf. Es geht darum, nicht nur symbolisch, sondern ganz praktisch zu helfen. Großzügigkeit ist mehr als eine Tat – sie ist eine Haltung, die Gottes Liebe widerspiegelt. Großzügigkeit ist ein Spiegel unserer Beziehung zu Gott, denn Gott ist großzügig mit uns. Er gibt uns nicht nur das Nötigste, sondern segnet uns über die Maßen. Diese Großzügigkeit sollen wir weitergeben. Wer seine Hand öffnet, zeigt Vertrauen in Gottes Versorgung.

3. „Pass auf, dass dein Herz nicht kühl berechnend denkt!“ – Egoismus ist doof
Ein besonders herausfordernder Teil des Textes ist die Warnung: „Pass auf, dass dein Herz nicht kühl berechnend denkt: ‚Das siebte Jahr ist nah, dann muss ich ihm seine Schuld erlassen!‘“ Diese Worte entlarven eine Haltung, die auch uns vertraut sein könnte. Es ist die Versuchung, Hilfe an Bedingungen zu knüpfen, sie strategisch oder egoistisch zu betrachten.
Das siebte Jahr, das hier erwähnt wird, war das sogenannte Erlassjahr, in dem alle Schulden erlassen wurden. Für viele Menschen damals mag es verlockend gewesen sein, kurz vor diesem Jahr nichts mehr zu leihen, um keinen Verlust zu erleiden. Doch der Text macht klar: Eine solche Haltung ist nicht nur lieblos, sondern auch sündhaft. Sie widerspricht dem Geist Gottes, der uns zu bedingungsloser Liebe und Großzügigkeit aufruft.

4. „Gib ihm gern und mach kein saures Gesicht!“ – Geben macht Freude
Gott fordert nicht nur, dass wir geben. Er fordert sogar, wie wir geben: „Gib ihm gern und mach kein saures Gesicht!“ Unsere Haltung beim Geben ist entscheidend. Ein widerwilliges Herz macht das Geben zu einer Pflicht. Doch ein freudiges Herz spiegelt Gottes Großzügigkeit wider und schenkt Segen – für den Geber und den Empfänger.
Geben soll aus Freude geschehen, aus einem Herzen, das von Gottes Liebe erfüllt ist. Diese Freude ist ansteckend: Sie berührt nicht nur den, der empfängt, sondern auch den, der gibt. Und sie macht sichtbar, dass Gottes Liebe in der Welt wirkt. Ich hoffe, dass wir alle schon einmal diese Erfahrung gemacht haben, die freudige Resonanz beim Beschenkten wahrzunehmen – und unser Gefühl dabei: Unser Herz hüpft vor Freude. Spürbar!

5. „Es wird immer Arme im Land geben.“ – Realismus und Verantwortung
„Es wird immer Arme im Land geben.“ Das ist ein realistischer Blick auf die Welt. Diese Aussage ist kein Grund zur Resignation, sondern ein Aufruf zur Wachsamkeit. Armut wird immer Teil dieser Welt sein. Doch gerade deshalb sind wir in der Verantwortung, nicht nachzulassen. Es geht nicht darum, die Welt allein zu verändern, sondern dort zu handeln, wo Gott uns hingestellt hat.
Dieser Realismus ist tröstlich und herausfordernd zugleich. Er nimmt uns den Druck, alle Probleme lösen zu müssen, und ermutigt uns, im Kleinen zu handeln – dort, wo wir die Möglichkeit haben, einen Unterschied zu machen. Und diesen Unterschied haben wir bei jedem Einkauf, jeder Bestellung in der Hand.

6. Die Verheißung des Segens
„Denn dafür wird der HERR, dein Gott, dich segnen – bei allem, was du tust und vorhast.“ Gottes Segen ist keine Belohnung, sondern eine Zusage, ein Geschenk Gottes an uns. Wenn wir mit offenen Herzen und Händen leben, erfahren wir Gottes Nähe und seine Güte. Dieser Segen zeigt sich in Frieden, Freude und gelingenden Beziehungen – ein Segen, der weit über materielle Dinge hinausgeht.
Dieser Segen zeichnet sich auch dadurch aus, dass er uns ermutigt: Aufzustehen gegen Parolen und Hetze, Aufzustehen gegen Rassismus und Vorurteile, Aufzustehen für ein menschenwürdiges Leben aller Menschen auf dieser Welt.

7. Was bedeutet das für uns heute?
Wie können wir diese Botschaft in unserem Leben umsetzen? Armut zeigt sich heute in vielen Formen: materieller Mangel, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, ungerechter Verteilung auf dieser Welt, mangelnden Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung. Unsere Aufgabe ist es, aufmerksam zu sein und praktisch zu handeln:
Hinhören und Hinsehen: Wer in unserer Umgebung braucht Unterstützung? Wo können wir helfen? Wie beeinflussen und berühren meine Bedürfnisse die Lebens- und Arbeitsbedingungen der anderen Menschen auf dieser Welt? 
Großzügig geben: Ob Zeit, Geld oder Zuwendung – alles, was wir teilen, kann ein Segen sein.
Für Gerechtigkeit eintreten: Armut hat oft strukturelle Ursachen. Armut entsteht oft dadurch, dass Macht missbraucht wird. Wir sind aufgerufen, auch politisch und gesellschaftlich aktiv zu werden.

Ein Leben der Großzügigkeit
Liebe Gemeinde, dieser Text aus 5. Mose 15 zeigt uns, wie Gottes Liebe in der Welt sichtbar wird: durch unsere Herzen, die nicht hart werden, und durch unsere Hände, die sich öffnen. Möge Gott uns die Kraft geben, mit Freude zu geben, mit Mut zu handeln und mit Vertrauen zu leben. Denn wo wir Großzügigkeit leben, wird Gottes Reich sichtbar – hier und jetzt.
Denn wo wir geben, da wird Gottes Liebe sichtbar. Und wo Gottes Liebe sichtbar wird, da geschieht Heilung – für uns, für die Menschen um uns und für die Welt.
Gegen die scheinbare so deprimierende Wirklichkeit dieser Welt – da wirkt Gottes Wort – und wir sollen seine Hände sein.
Amen.

Reine Provokation (?) - Predigt zu Dtn 8,7-18 von Felix Stütz

Reine Provokation (?) - Predigt zu Dtn 8,7-18 von Felix Stütz
8,7-18

Ukrainisches Getreide und leere Mägen

Seit Ende Juli können sie wieder ausfahren. Aus drei Hafenanlagen in Odessa, Tschornomorsk und Juschnyj am Schwarzen Meer. Es sind Schiffe mit Getreide, Mais und anderen Produkten an Bord. Ihre Fracht sind Grundnahrungsmittel und Basisprodukte, die mittlerweile zu Schätzen geworden sind. Ob und wann die großen Tanker losfahren können, war lange unklar und bleibt weiterhin eine unsichere Angelegenheit.
Und ja, ich habe mich sehr gefreut, als ich davon in den Nachrichten gehört habe. Ich bin erleichtert, dass die Ernte des letzten Jahres endlich ausgefahren wird und Platz für die Ernte dieses Jahres geschaffen wird. Aber besonders an einem Tag wie diesem bedrückt es mich, all die Meldungen vom Hunger in dieser Welt zu hören. Es ist so frustrierend, dass noch immer Menschen hungern müssen. Und angesichts der teils katastrophalen Zustände wirken die rund 20 Millionen Tonnen Getreide in den ukrainischen Häfen letztlich doch nur wie ein paar Körnchen in einer Welt voller leerer Mägen. Und dass gerade der Hunger durch all die Jahrhunderte Bestand hat, ist mehr als eine politische Tragödie.

Reine Provokation?

Und dann diese Worte: „Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.“

Das wirkt doch wie eine Provokation. Die Umstände für Israel waren ja durchaus alles andere als paradiesisch. Mit schwitzenden Händen haben sie in brühender Hitze ihre Dörfer gebaut. Sie haben Brunnen gegraben, die ihre Feinde wieder zugeschüttet haben. Sie haben in mühevoller Arbeit die Felder bestellt, die nicht selten einfach vertrocknet sind. Von einem Leben im Überfluss kann da keinesfalls die Rede sein.
Ihre Welt war nicht dieses Land.

Die Doppelseitigkeit des biblischen Textes

Und dennoch haben die Menschen an diesem Text und seiner Verheißung festgehalten.
Das hatte seinen guten Grund, wie uns der Text verrät: „So hüte dich nun davor, den Herrn, deinen Gott, zu vergessen.“ (11) Die biblische Geschichte von den vierzig Jahren in der Wüste erzählt von einer Zeit, die für das Volk Israel durchaus beschwerlich war. Nicht nur einmal haben sie überlegt, umzudrehen und nach Ägypten zurückzukehren. Immer wieder mussten die Zelte auf- und abgebaut werden, die Hitze am Mittag war drückend und der Boden war trocken und karg. Es gab wenig zu essen und jeder Tag brachte eigene Herausforderungen mit sich. Aber das ist nur die eine Seite der biblischen Geschichte.

Die andere Seite erzählt Folgendes: Eine große weißgraue Wolkensäule begleitete Israel am Tag und in der Nacht war da eine Feuersaule, die so kräftig loderte, dass man sie von weit her sehen konnte. Als Israel zu Gott schrie, versorgte Gott sie. Es regnete Manna – Brot vom Himmel. Und dazu Wachteln. Sie konnten ihren eigenen Augen kaum glauben, aber jeden Tag war da wieder genügend zu essen. Auch wenn die vierzig Jahre in der Wüste mühevoll und schwierig waren, so war es keine gott-lose Zeit. Vielmehr wird davon berichtet, dass es vierzig Jahre voller Gottes Begleitung und Versorgung waren. Und wegen des gemeinsamen Weges, der eben nicht gott-los war, erfolgt das Gebot an Israel, Gott nicht zu vergessen. Gott ist auch weiterhin dabei und daran soll Israel denken und Gott loben und singen.

Ein Weg mit einem Ziel

Unsere Welt ist nicht dieses Land. Das Land, in dem sprichwörtlich Milch und Honig fließt, ist das Ziel eines Weges. Unsere Welt macht eher den Anschein der Wüstenwanderung. Und dabei fühlt es sich nicht so an, als ob nach vierzig Jahren alles besser wird. Mitten in dieser Wüstenzeit ist kein Ende in Sicht. Da ist nur Einöde, Hitze, Trockenheit und Staub. Und trotzdem Erntedank. Für mich wirkt Erntedank da wie ein Zwischenstopp. Über die Wüstenzeit lässt sich nicht wegwischen. Schwamm drüber, das wird schon wieder. Keineswegs! Vierzig Jahre Wüstenzeit, das ist eine verdammt lange Zeit. Es gibt persönliche Schicksalsschläge, da hilft kein ‚Wird schon wieder‘. Es gibt Kriege, die nicht mit einem einfachen ‚Entschuldigung‘ wieder befriedet werden. Es gibt Dürre und Hitzewellen, die nicht einfach mit einer Gießkanne oder einer Klimaanlage gemildert werden. Es gibt soziale Ungleichheit, die nicht einfach mit ein paar Nachhilfestunden eingeholt wird. Es gibt Unheil. Und da ist der Dank das Letzte, nach dem mir ist. Da erscheint Erntedank als eine Provokation, eingebaut ins Kirchenjahr. Es ist provokant, sich angesichts der so harten Seite des Lebens Gottes Mit-Sein bewusst zu bleiben. Und vielleicht brauchen wir diese Provokation, dieses Aufrütteln. Denn trotz aller Widrigkeiten: Dieser Weg hat ein Ziel.

Der Blick in meine Welt

Unsere Welt ist nicht dieses Land. Und dennoch stehen hier vorne gesammelte Gaben [Nennung der gemeindetypischen Dinge] und wir feiern Erntedank. Wir legen nicht nur einen Teil der diesjährigen Ernte hier vor den Altar, sondern erinnern uns auch des vergangenen Weges. Und da wirkt Erntedank vielleicht auch etwas trotzig, aber es gibt eben nicht nur die eine Seite des Lebens. Vielmehr lässt sich dem Leben auch etwas Gutes abtrotzen. Da hilft so ein Fest wie Erntedank, um den Blick auch auf das Gute zu richten. Ein Fest wie Erntedank, das zum Innehalten einlädt und uns trotz der harten und schwierigen Seite des Lebens zum Gedenken einlädt: Es gibt auch die andere Seite des Lebens.
Nicht nur meine Füße haben mich getragen, nicht nur meine Hände haben etwas erreicht, da waren vielmehr auch die Worte der anderen, die mich ermutigt haben. Da war das gemeinsame Lachen, das mir Leichtigkeit verschafft hat. Da waren Gebete, die mich getragen haben. Da waren Menschen, die für mich gekocht haben und da war der ein oder andere heitere Abend bei einem Getränk. Da sind Samen des Lebens, die andere Menschen mir für meinen Weg mitgegeben haben; beim Innehalten merke ich, dass diese zu Früchten geworden sind. Beim Blick auf den Weg meines Lebens erblicke ich in den dunklen Tälern, den Bergkämmen, die ich erklommen habe, und den trockenen Steppen, die ich durchqueren musste, dass mein Weg auch von Gutem begleitet ist. Es grünt und blüht immer wieder. Und das, was ich von anderen noch klein als Saat empfangen habe, das wächst und gedeiht. Es findet seinen Weg zur Sonne. Mein Weg, so wird mir deutlich, ist einer, aber er hat zwei Seiten. Und in all dem war Gott dabei. Ich erinnere mich und ich danke dir. Danke, Gott.

Noch Nicht (!)

Unsere Welt ist nicht dieses Land. Aber noch sind wir auch nicht am Ziel. Es mag sein, nein, es ist leider so, dass der Lauf der Geschichte alles andere als paradiesisch ist. Es ist leider so, dass es die beschwerliche Seite gibt und diese Welt teils grausam und brutal ist. Es ist leider so, dass Feigen- und Ölbäume mittlerweile eher in großer Zahl brennen als wachsen. Es ist leider so, dass viele noch immer nicht satt werden. Es ist leider so, dass Kriege noch immer zur Realität im 21. Jahrhundert gehören. Gott sei’s geklagt. Es ist aber auch so, dass dieser Weg kein gott-loser Weg ist. Es gibt ein verheißenes Land. Deshalb kann es auch anders sein, als es jetzt ist. Ein lapidares ‚Es ist halt so und war schon immer so‘ wird der Realität Gottes nicht gerecht.

In der Wolkensäule bei Tag und der Feuersäule bei Nacht – da war Gott. Gott war dabei, als sie ihre Dörfer und Städte gebaut haben. Gott war dabei, als die Kinder gemeinsam getobt und gespielt haben. Gott war dabei, als die Alten abends zusammensaßen. Gott war dabei, als Israel die Felder bestellte. Es gibt so zahlreiche Begleit-Erscheinungen Gottes, die Israel in seiner Erinnerung in Psalmen und Lieder gegossen hat. Gott war dabei, als die Feinde über sie herfielen und die Pest durch die Dörfer zog. Gott ist dabei, in guten und in schlechten Zeiten. Und um sich daran zu erinnern, haben sie Loblieder und Bittgebete, Jubel und Klagelieder verfasst.

Gott ist dabei. Deshalb können wir loben, bitten, rufen, klagen, schreien, beten, jubeln und danken. Erntedank provoziert uns dazu.
„Denn der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land...“

Unsere Welt ist nicht dieses Land. Doch was nicht ist, kann noch werden.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Felix Stütz

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Im Hintergrund der Predigt ist die Vorstellung einer Gemeinde, die Erntedank als ein Fest feiert. Erntedank stellt hier ein gemeinschaftliches Erlebnis dar, in dem man nochmal gemeinsam des vergangenen Sommers gedenkt und womöglich nach dem Gottesdienst zusammenkommt.

2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Beflügelt wäre das falsche Wort, aber es entstand eine produktive Spannung zu wissen, dass Erntedank auch letztes Jahr und vorletztes Jahr und all die Jahre zuvor gefeiert wurde. Der Blick in die Zeitung einerseits und in den biblischen Text andererseits war dann eine spannende Herausforderung, den Text wieder neu zu verstehen und im Wechselspiel der beiden Realitäten hoffnungsvolle Klänge zu hören.

3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Ich brauche die Provokation des biblischen Textes immer wieder neu, um einer Monotonie zu entgehen und neue Möglichkeitshorizonte zu entdecken.

4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Diese Predigt verdankt dem Gespräch mit der Predigtmentorin sehr viel. Durch das hilfreiche Feedback wurde die Predigt klarer und stringenter. Und vorallem verhalf mir die Rückmeldung zu Mut, mehr erzählende Textpassagen aufzunehmen.

 

Perikope
02.10.2022
8,7-18

Wort und Pinienkern – Vom Geschmack Gottes - Predigt zu 5. Mose 30, 11-14 von Nico Szameitat

Wort und Pinienkern – Vom Geschmack Gottes - Predigt zu 5. Mose 30, 11-14 von Nico Szameitat
30, 11-14

Da stehe ich als Kind an der Grenze zu einem wahren Wunderland. In Leuchtbuchstaben steht es groß über der Straße: „Kramermarkt“. Das erste Mal auf diesem Riesenfest in Oldenburg. Die Kirmesorgel gleich vornean begrüßt uns mit lautem Tschingderassabumm. Blinkende Glühbirnen in allen Farben an den Fahrgeschäften, der Duft von Bratwurst und gebrannten Mandeln. Und dann stehe ich kleiner Knirps auf einmal vor dem Riesenrad: So hoch, so groß! Boah! Und der Unterkiefer klappt runter.

„Mund zu. Herz wird kalt.“, sagt mein Vater. Das ist so einer seiner Sprüche. Und der erschloss sich mir als Kind sofort: Wenn durch den offenen Mund die kalte Luft durch den Hals in die Brust kommt, dann wird das Herz ja auch kalt. Und wer will schon ein kaltes Herz haben? Also schnell den Mund zu und weiterstaunen.

 

Da stehen sie an der Grenze zu einem wahren Wunderland. In den Wolken steht es über ihnen geschrieben: „Das gelobte Land“. Was für ein Moment! Die Herzen klopfen bis zum Hals. Vierzig Jahre lang waren die Israeliten in der Wüste unterwegs und sind nun fast da. Wie wird das neue Land sein? Wie wird es schmecken? Hoffentlich nicht nach Manna und Wachteln, das haben sie über.

Vor dem Volk steht Mose, schon sehr alt, der sie den ganzen Weg geführt hat. Und Mose weiß, dass er nicht mehr hineinkommt in das Land. Für ihn heißt es langsam Abschied nehmen. Und so hält er eine große Rede. Er schaut zurück auf den ganzen Weg, und er gibt dem Volk noch einmal die zehn Gebote mit. Und auch sonstige Gebote, Regeln, Vorschriften, Verordnungen. Er redet und redet und redet und das Volk vor ihm ertrinkt in Worten.

Wie um Gottes Willen soll man all diese Regeln im Kopf behalten? Und wer um Gottes Willen kann all diese Regeln und Gebote überhaupt erfüllen? So stehen sie da, an der Schwelle, fassungslos und mit offenem Mund.

Denn für die meisten ist das alles viel zu hoch. Und viel zu weit weg von ihrem Leben. Zu hoch und zu weit. Und die Zweifel kommen und nisten sich im Herzen ein. Und das Herz wird kalt.

Ich stelle mir vor, wie Mose auf einmal die offenen Münder sieht und erschrickt. Das wollte er doch nicht, sein Volk überfordern. Und darum tröstet er es nun:

 

„Dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren, und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ (Deuteronomium 30,11-14)

 

Ich mag diesen Text. Mich berühren diese Bilder, vor allem der Himmel und das Meer. Die Sehnsucht nach unendlicher Weite. Hoch über mir der strahlendblaue Himmel, fern hinterm Meer noch unbekannte Urlaubsziele. Herrlich! Und dann fühl ich mich ertappt. Genau sollen Gottes Worte ja nicht sein. Hoch und fern.

Aber genauso erlebe ich sie immer wieder. Auch ich als Theologe. Manchmal scheinen mir Gott und sein Wort unendlich weit weg.

Viel zu hoch ist mir das, was ich manchmal bei Paulus lese, mit seinem Kopf da oben in den Wolken: Der macht es oft aber auch kompliziert!

Und viel zu weit weg, noch hinter dem Horizont, ist es, was ich an unzähligen Regeln und Vorschriften aus der Tora lese: So uralt und weit weg von meinem Leben heute.

So hoch und so fern, da habe ich selber schon keine Lust mehr mich auf den Weg zu machen. Da schicke ich doch lieber jemanden los, der mir den Paulus aus den Wolken und den Levitikus von jenseits des Meeres holt, und mir das erst einmal übersetzt und ins Heute überträgt. Gibt ja genug kluge Menschen, die genug kluge Bücher geschrieben haben. Das kann ich mir dann ja anhören, mit dann ein Urteil bilden und überlegen, was ich damit mache.

 

Aber da steht der alte Mose vor mir und schüttelt den Kopf.

Nein, sagt er leise. Du brauchst niemand losschicken. Du brauchst keinen Ballonfahrer und keinen Hochseekapitän, du brauchst keinen Wortholer und keine Übersetzerin, keine Theologin, keinen Uni-Professor, keinen Papst und keine Pastorin. 

Denn es ist das Wort ganz nah bei dir. Wie nah? Ganz nah. Wie nah? Wie der Geschmack in deinem Mund. Also: Mund zu. Und schmecken.

Zutaten:

100 g Korinthen

4 Stangen Staudensellerie

30 g Pinienkerne

40 g Kapern, plus 2 EL Lake aus dem Glas

40 g entsteinte große grüne Oliven

Und dann hör ich schon auf zu lesen. Lauter Zutaten, die ich nicht mag. - Wer hatte mir nochmal dieses komische Kochbuch von Ottolenghi empfohlen? - Ok, die Pinienkerne gehen ja noch. Aber der Rest? Grässlich! Viel zu viel, viel zu intensiv. Salzig, sauer, süß, herb. Wer soll das alles schmecken können? Die totale Überforderung im Kopf. Und doch fasziniert es mich, dieses Rezept einer Pinienkernsalsa zu gebratenem Lachs. Und ich kaufe mir diese ganzen komischen Zutaten und ich probiere es aus.

Und siehe: Was mein Kopf nicht zusammenbekommt, das schafft mein Mund. Der ganze Mund ist voll Geschmack, herrlich, unbeschreiblich, nicht in Worte zu fassen. Und mein Herz wird warm und ich lächle.

Ein jüdischer Theologe sagte einmal, dass Juden und Jüdinnen nicht zuerst nach dem Sinn der Gebote fragen, sondern nach dem ta’am, dem Geschmack, dem Aroma. (Deeg/Schüle: Die neuen alttestamentlichen Perikopentexte, Leipzig 2018, S. 419 mit Verweis auf Abraham Joshua Heschel)

Die Worte in der Bibel sind für uns Menschen oft viel zu viel, viel zu intensiv, die totale Überforderung im Kopf. Aber Gottes Wort muss man nicht so sehr denken, als vielmehr schmecken, es sich auf der Zunge zergehen lassen. In Psalm 1 heißt es: Wohl dem, der über Gottes Wort nachsinnt Tag und Nacht, wörtlich: der über seine Weisung murmelt tags und nachts. Der Gottes Wort immer wieder in seinem Mund bewegt, der es wiederkäut und schmeckt, wie Schwarzbrot, das nach langem Kauen süß wird.

Und aus dem Geschmack wächst die Tat: „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Herz und Mund und Tat und Leben.

 

Liebe F.,

Fast zwei Jahre bist du mit vielen anderen durch die Konfirmandenzeit gewandert und stehst heute an einer Schwelle. „Erwachsenenleben“ steht in Leuchtbuchstaben über deinen zukünftigen Weg. Und die Orgel spielt heute dazu ein Tschingderassabumm.

Wir haben Euch in der Konfirmandenzeit gezeigt, wofür unser Herz schlägt. Und ihr habt einen kleinen Einblick in das Leben als Christen bekommen. Die Konfirmandenzeit war dabei nur eine Art Vorspeisenvariation, ein Appetitmacher. Das Leben als Christenmensch hält noch viel mehr bereit.

Für den heutigen Tag deiner Konfirmation hast Du Dir einen Satz, nur einen einzigen Satz aus diesem dicken Buch ausgesucht. Und das reicht als Anfang. Durchkaue diesen Satz, schmeck ihm nach. Und irgendwann wird er süß. Und er wird dein Herz wärmen. Und du willst ihn nicht mehr missen.

Das Leben, was vor dir liegt, ist nicht immer Kramermarkt. Aber es ist auch nicht immer Wüste.

Mit dem Segen, den ich dir heute zuspreche, verspricht dir Gott:

Ich bin bei dir, komme, was kommt.

Ich bin nicht droben im Himmel und nicht hinter dem Meer,

Ich bin ganz nah bei dir.

Wie nah?

So nah wie mein Wort.

So nah wie der Geschmack in deinem Mund.

Dass du lebst und schmeckst:

Alles, Wort und Pinienkern.

Dass du schmeckst und so lebst:

Gottes Kind in dieser Welt.

Aus vollem Herzen.

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Nico Szameitat

1.    Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Langsam kommt die vertraute Gemeinde wieder zurück in die Kirche und seit drei Wochen dürfen wir auch wieder singen. Die Gemeinde ist gar nicht so bildungsbürgerlich wie es scheint. Viele ha-ben Interesse an den biblischen Texten, aber vielen ist manches auch zu hoch und zu weit weg. In dem Gottesdienst wird F. konfirmiert. Sie hat sich als einzige für diesen Termin entschieden und freut sich auf diesen Tag.

2.    Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der Text ist so schön (als Norddeutscher liebe ich Himmel und Meer), dass ich am liebsten ihn einfach so stehen gelassen hätte. Und dann kam das kulinarische: Wenn Gottes Wort in meinem Mund ist, wie schmeckt es dann?

3.    Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Meine Einsicht ist wieder: Weniger ist mehr. Zwei Teile (u.a. zur Corona-Demonstration) sind während der Überarbeitung noch herausgeflogen. Und das Zitat meines Vaters ist durch die Erzählung zu Anfang noch konkreter geworden.

4.    Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Ich bin der Predigtcoach dankbar für den Hinweis auf den zunächst indifferenten An-fang und dass ich am Ende konkreter werden könnte. Die Anrede an die Konfirmandin ist ein Versuch dessen.

 

Perikope
11.10.2020
30, 11-14