Erst. gesehen. Dann gesandt. Predigt über Jer 1, 4-10 von Markus Nietzke

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 

5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 

6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 

7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 

8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 

10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

1. Fund auf dem Dachboden

Ihr Lieben, kennt ihr diesen eigentümlichen Geruch, wenn man nach vielen Jahren einen alten Dachboden öffnet? Es riecht nach trockenem Holz. Ein bisschen nach Staub. Nach alten Büchern. Durch ein kleines Fenster fällt Sonnenlicht. Darin tanzen die Staubkörner. Überall stehen Kartons. Alte Koffer. Ein alter Globus. Ein vergilbtes Fotoalbum. Vergessene Erinnerungen. Eigentlich soll nur aufgeräumt werden. Alles, was keiner mehr braucht, kommt weg. Doch plötzlich heißt es: „Moment mal ...“ Ein altes Gemälde wird vorsichtig aus der Ecke gezogen. Mit der Hand wird der Staub vom Rahmen gewischt. Ein Gutachter wird gerufen. Auf einmal stellt sich heraus: Das Bild ist kein Gerümpel. Es ist ein Original. Einige tausende Euro wert. Das Verrückte dabei ist: Das Bild hat sich gar nicht verändert. Es war die ganze Zeit dasselbe. Nur hatte niemand den Wert des Gemäldes erkannt. 

2. Gott kennt Jeremia, lange bevor Jeremia Gott kennt.

Gott schaut Menschen anders an als wir. Er erkennt im Menschen etwas, was andere schnell übersehen. Der Prophet Jeremia hätte sich selbst wahrscheinlich nie für einen besonderen Menschen gehalten. Jeremia ist kein Odysseus. Kein Held der antiken Welt. Kein Filmstar. Kein Mensch, dessen Name mit Ruhm und großen Taten verbunden wird. Eher einer aus der zweiten Reihe. Jeremia aus Anatot, ‚Pastorenkind‘, wie man liest. Einfach jemand, der nicht gern im Rampenlicht steht. Eher zurückhaltend. Vielleicht einer, der lieber zuhört als redet. Einer aus der zweiten Reihe. Genau ihn spricht Gott an. „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete; und ehe du geboren wurdest, sonderte ich dich aus und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“ 

Erstaunlich, wie dieser Satz aufgebaut ist: Er beginnt nicht mit Jeremia. Er beginnt mit Gott. Ich kannte dich. Ich sonderte dich aus. Ich bestellte dich. Dreimal sagt Gott, was er tut.  Jeremia macht zunächst gar nichts. Er zeigt keine besonderen Fähigkeiten. Er besteht auch keine Aufnahmeprüfung, ehe er Prophet wird. Alles beginnt bei Gott.

„Ich kenne dich" bedeutet viel mehr als: „Ich weiß, dass es dich gibt." Es meint: Ich habe dich angesehen. Ich stehe in einer Beziehung zu dir. Du bist mir vertraut. Du bist mir wichtig. Gott kennt Jeremia, lange bevor Jeremia Gott kennt. 

Wissen Sie ...

3. Glauben: Gott kennt mich und fragt: Wem gehörst du?

Ich wünsche ich jedem Menschen, dass er diesen Satz irgendwann glauben kann. Nicht nur verstehen. Wirklich glauben: Gott kennt mich. Nicht oberflächlich. Sondern ganz. 

Das mag sehr überraschend klingen: Gott handelt, bevor der Mensch überhaupt handeln kann. Gottes Liebe kommt zuerst. Gottes Wohlwollen kommt zuerst. Gottes Segen kommt zuerst. Gottes Ruf kommt zuerst. Das zieht sich durch die ganze Bibel. Gott ruft Abraham. Nicht Abraham Gott. Jesus beruft seine Jünger. Nicht umgekehrt. Schließlich kommt Gott in Jesus Christus zu uns. Jesus Christus stirbt uns zugute am Kreuz, ohne dass wir irgendetwas dazu beitragen könnten. So ist Gott. Er kommt immer zuerst. Das ist übrigens überhaupt nicht selbstverständlich. Am Kreuz sehen Menschen in Jesus Christus einen Verlierer. Einen Gescheiterten. Einen, dessen Geschichte zu Ende ist. Gott aber sieht den Retter der Welt. Auch dort erkennen Menschen den wahren Wert nicht. Unter dem Kreuz lebend, lernen wir: Gott bewertet anders. Darum muss ich meinen Wert nicht ständig beweisen. Jesus Christus hat ihn längst ausgesprochen. Mit Worten und mit seinem Leben. Am Kreuz sagt Gott: Das bist Du mir wert. 

Übrigens: Auch Jeremia könnte man zu den Gescheiterten zählen. Gegen Ende seiner Wirksamkeit wird er nach Ägypten verschleppt - gegen seinen Willen. 

Kinder bekommen Noten. Später Zeugnisse. Bewertungen. Leistungsnachweise. Heute kommen Klickzahlen dazu. Follower. Reichweite. Manche messen sogar ihren eigenen Wert daran. In der Kirche sind wir nicht ganz frei davon. Manche Menschen möchten sich vom Rest der Welt unterscheiden, teilweise sogar besser sein, aber es gelingt ihnen letztlich nicht.  

Außerdem fragen wir gerne: Wie viele Menschen waren im Gottesdienst da? War die Veranstaltung erfolgreich? Hat sich der Aufwand gelohnt? Im Alltag ist es ähnlich, gebündelt in der Frage: Was bringt das? Gott fragt irgendwie ganz anderes. Es ist eher so, als wollte Gott von uns wissen: Wem gehörst du?

4. Erst Zuspruch, dann Anspruch

Vielleicht schätzen wir den Wert der Dinge falsch ein. Wie bei dem erwähnten Dachbodenfund.  Wir halten Erfolg für Segen. Besitz für Sicherheit. Manche halten Lautstärke für Wahrheit, Jugend für Stärke, das Alter für Schwäche.  Oft genug werden Menschen nach dem, was sie leisten, bewertet. Manchmal bewerten wir sogar uns selbst. Mal sind wir gut, mal schlecht, mal besser, insgesamt ganz okay. Nicht so, dass wir besonders schlechte Menschen wären. Die Bibel nennt das Sünde. Weil unser Herz den Maßstab verloren hat. Wir erkennen nicht mehr, was wirklich zählt. Für das, was wirklich zählt, schärft uns Gottes Wort den Blick. Jeremia hört Gottes Ruf. Seine überraschende Antwort lautet: „Ach Herr HERR! Ich bin zu jung.“ Das hat natürlich etwas Tröstliches. Denn man muss gar nicht jung sein, um sich zu jung zu fühlen. Ob nun mit sechzehn. Mit sechsundvierzig. Mit sechsundsiebzig. Trotzdem gibt es immer wieder gibt es herausfordernde Situationen, in denen wir denken: „Das schaffe ich nicht!“ Da braucht ein Mensch Hilfe. Da verändert sich das Leben. Da kommt vielleicht neue Verantwortung auf uns zu. Da wartet eine Aufgabe. Innerlich meldet sich sofort diese Stimme: „Such dir jemand anderen.“ Viele von uns kennen dieses Gefühl. 

Aber Gott diskutiert gar nicht mit Jeremia darüber. Gott zählt keine Stärken auf. Er hält keinen Motivationsvortrag. Er sagt nicht: „Du musst einfach nur an dich glauben.“ Diesen Satz finden wir übrigens nirgendwo in der Bibel. Gott sagt: „Fürchte dich nicht. Denn ich bin bei dir. Ich werde dich erretten, komme, was da wolle“.  Das ist bemerkenswert. Gott sagt nicht: Du schaffst das schon! Sondern: Ich bin bei Dir.  Gott legt Jeremia zeichenhaft seine Worte in den Mund. Das unterscheidet Jeremia von vielen anderen.

Immer kommt bei Gott zuerst die Zusage. Dann die Aufgabe. Erst der Zuspruch. Dann der Anspruch. Nicht umgekehrt.

5. Weiter Horizont meiner Verantwortung

Noch etwas fällt auf. Gott beruft Jeremia „für die Völker“. Nicht nur für sein Dorf. Nicht nur für das Königreich Israel damaliger Zeit. Nicht nur für die Menschen, die ihm ähnlich sind. Gottes Herz ist viel größer. Schon damals! Das ist heute wichtiger denn je. Wir leben in einer Welt, in der alles miteinander verbunden ist. Ganz simpel gesagt: Es fängt schon beim Kaffee an. Was wir anziehen. Unsere Smartphones. Die Luft, die wir atmen. Der Friede, in dem wir leben. Wir haben vieles davon nicht selbst geschaffen, aber wir profitieren davon. Manchmal profitieren wir sogar von Dingen, die andere teuer (meist mit ihrem Körpereinsatz in Bergwerken, auf Plantagen oder Fabriken, irgendwo weit weg) bezahlen. Da ergibt sich eine wichtige Frage. Nicht das, was sich so leicht moralisch vermuten lässt: Wer ist daran schuld? Sondern es stellt sich - aufgrund der Berufungsgeschichte Jeremias heute eher folgende Frage: Was ist mir anvertraut? Das verändert den Blick. Schuld schaut zurück. Verantwortung schaut nach vorne.

Der Wochenspruch leitet dazu an: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen.“ Nicht, weil Gott plötzlich Druck macht. Eher, weil Gott Vertrauen in uns hat. Er traut uns Menschen etwas zu. Wir gewöhnen uns schnell daran, dass vieles bequem geworden ist. Ein Klick genügt. Eine App erledigt den Rest. Manchmal verlernen wir dabei, Verantwortung auszuhalten. Gott mutet uns etwas zu. Nicht um uns zu überfordern. Sondern weil er uns etwas zutraut. Da kann es heißen, die Komfortzone mal zu verlassen. Gott macht uns dabei keinen Dauerstress. Gott mutet mir und dir zu, konkret und zugleich exemplarisch zu handeln. Also nicht zu versuchen, die ganze Welt zu retten, sondern meiner Verantwortung mit meinen Möglichkeiten nachzugehen. Manchmal reicht eine gute Tat, ob im Naturschutz, Katastrophenschutz oder in der Werkstatt mit Menschen mit Einschränkungen. Ein Gebet vor dem Einschlafen oder beim Anzünden einer Kerze in einer Kirche für jemanden, den ich kenne und für den ich beten möchte, dass Gott ihm oder ihr aufhilft. Den Mut, Verantwortung nicht einfach an andere weiterzureichen, sondern selbst durch Wort und Tat etwas in Gang zu bringen. Zu helfen, wo Not entstanden ist. Aber auch das gehört zur Wahrheit dazu: Menschen, deren Alltag ohnehin von Krankheit, Pflege, Armut, Unsicherheit oder Erschöpfung geprägt ist, müssen dabei nicht noch eine Aufgabe meistern. Gott überfordert uns nicht, wenn er uns in die Verantwortung ruft. 

6. Der Baum als Gleichnis

Schauen wir uns draußen um. Vielleicht bewegt der Wind gerade die Blätter in den Bäumen. Man hört dieses leise Rauschen. Im Sommer suchen manche von uns ganz selbstverständlich den Schatten eines Baumes. Dort ist es ein bisschen kühler. Ein bisschen ruhiger. Fast wie ein Geschenk. Dort können wir verweilen und aufatmen. 

Irgendjemand hat diesen Baum einmal gepflanzt. Vielleicht vor fünfzig Jahren. Vielleicht war er damals kaum größer als ein Spazierstock. Jeden Sommer musste er gegossen werden. Das hat Arbeit und Einsatz gekostet. Vielleicht hat jemand gezielt dafür die Verantwortung übernommen. Heute sitzen Menschen unter dem Schatten des Baumes, die den Menschen, der den Baum gepflanzt und gepflegt hat, nie kennengelernt haben. So handelt Gott. Er denkt weiter, als wir denken. Er beginnt Geschichten, deren Ende wir oft gar nicht erleben. Vielleicht ruft er auch uns heute, etwas zu pflanzen, dessen Früchte andere einmal zukünftig genießen. Etwas Pflanzen? Ja: Ein gutes Wort. Eine Einladung. Ein Gebet. Ein Stück Versöhnung. Ein Kind im Glauben begleiten. Treue im Kleinen. 

Jeremia bekommt keine Urkunde für seine Lebensleistung. Keine Medaille. Keine zugesicherte Erfolgsgarantie. Keine Zusage, dass alle auf ihn hören werden. Aber Er bekommt das Versprechen: „Fürchte dich nicht. Denn ich bin bei dir.“ Mehr nicht. Eigentlich braucht ein Christ auch nicht mehr. Vielleicht ist das genau Gottes Art. Er pflanzt Hoffnung in uns, lange bevor wir Menschen merken, dass wir sie einmal brauchen werden. Vielleicht ruft Gott auch uns heute, etwas zu bauen und zu pflanzen, dessen Ertrag und Früchte wir selbst nie sehen. Genau so hat Gott auch mit Jeremia begonnen. 

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Pfarrer Markus Nietzke

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Eine Predigt ist nie nur ein Text. Sie lebt von der Situation, in der sie gesprochen wird. „Ope-Air“ heißt: Sommer, Menschen, die nur gelegentlich kommen, Urlauber (Touristen), ältere Menschen. Die Predigt reagiert auf eine Welt in der Leistungen aller Art gemessen werden und will Staunen, Wiedererkennen, Entlastung und Ermutigung schaffen. Ich hoffe, sie ist existenziell für die Zuhörenden. Für mich als erstem Hörer der Predigt ist sie das.

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Ich wollte einen Bogen schlagen zwischen Leitfragen wie „Was ist wirklich wertvoll?“ und „Wertmaßstab“ und „Wenn Gott ruft, verändert sich der Wertmaßstab“. Aktuelle Lebensbezüge sollten möglichst auch erkennbar bleiben. Das Predigtcoaching diente zur Präzisierung meiner Gedanken und überhaupt zur Optimierung der Predigtfassung. Das beflügelt im Verlauf der Predigtarbeit ungemein.

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Der stärkste Gedanke dieser Predigt ist für mich nicht der Wertmaßstab, sondern die Reihenfolge: Gott handelt zuerst. Aus dieser reformatorischen Grundbewegung entfaltet sich alles Weitere – Berufung, Verantwortung und Hoffnung. Der Dachbodenfund und der Baum bilden ein ungewöhnlich Predigtpaar. Das eine Bild erzählt vom verborgenen Wert eines Menschen, das andere vom verborgenen Ertrag treuer Verantwortung. Beide Bilder, hoffe ich, bleiben im Gedächtnis und tragen dieselbe Botschaft. Der Titel in vier Worten fast das Evangelium zusammen: Gottes Zuwendung geht unserer „Antwort“ immer voraus.

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Der Geruch des Dachbodens, das Licht im Staub, das Rauschen der Bäume und der Schatten im Sommer machen den biblischen Text erfahrbar. Dadurch bleibt er nicht nur im Kopf, sondern erreicht auch Herz und Erinnerung. Die Predigt ist m.E. aus einem einzigen „biblischen“ Verb herausgewachsen ist: „Ich kannte dich.“

Perikope