Advent ist Schwellenzeit - Predigt zu Matthäus 21,1 - 11 von Christian Stasch

Lieber adventlicher Mensch,

eine Schwelle hast du übertreten, heute. Türschwelle. Nur so hast du dein Haus verlassen können. Hast dich auf den Weg gemacht. Hast dann hier die Schwelle an der Kirchentür übertreten, bist hereingekommen, eingezogen, bist nun da. Wie schön. Und wenn du sagst, „mein Haus ist ganz eben, das hat gar keine Schwellen mehr“, dann antworte ich dir: „Doch, es hat noch Schwellen. Die bleiben. Immer.“ Lasst uns an diesem 1. Advent auf die Schwellen achten.

Er übertritt die Schwelle nach Jerusalem hinein, ganz in weiß. 39 Jahre alt ist er und wird eine Woche in der Stadt bleiben. Er übernachtet in einem Zeltlager vor dem Stadttor, mit luxuriösen Möbeln, mit Extrazelten für das Kochen und für Empfänge. „Bereitet dem Herrn den Weg“, hat man sich wohl gesagt: Ein Graben ist extra für ihn aufgefüllt worden, vor dem Stadttor schön eigeebnet, der Mann kann nun einziehen in die Stadt, nicht zu Fuß, sondern reitend, hoch zu Ross, 90 weitere festlich gekleidete Menschen in seinem Gefolge. Eine Kapelle macht Musik ihm zu Ehren. „Tochter Zion?“

Nein: Die türkische Kapelle des Sultans spielt die deutsche Nationalhymne, für ihn, für Kaiser Wilhelm II, vor ziemlich genau 120 Jahren. Jerusalem ist damals eine Station auf seiner Palästinareise; vom Reisebüro Thomas Cook organisiert. Der Monarch ist aus Berlin hierhergekommen, er will die neu gebaute evangelische Erlöserkirche einweihen. Großer Bahnhof für ihn, die Stadt ist damals extra gereinigt worden, wochenlang, damit es ein würdiger Empfang wird. Das war 1898 und es ist weitgehend vergessen.

Lange Zeit zuvor zieht ein anderer durchs Tor. Unvergessen. Auf einem Esel, oder waren es sogar zwei Esel? Egal. Sein Aufenthalt: nicht mal ganz eine Woche, fünf Tage nur. Er ist so um die 30, er kommt vom Lande, jetzt ist er auf der Schwelle zwischen Stadt und Land. Genauer gesagt: zwischen Land und Stadt. Wir nennen immer die Stadt zuerst, sagen z.B. „Stadt-Land-Gefälle“, betonen dabei die boomenden Städte (mit ihren viel zu wenigen Wohnungen) und dann kommen die abgehängten Dörfer (mit ihren viel zu wenigen Bussen und Ärzten). Die Evangelien in der Bibel sind aber zu 80 % Landgeschichten und nur das Finale ist städtisch. Die Reise in die Stadt wird für den jungen Mann vom Lande das Ende bedeuten, sein Einzug also: der Anfang vom Ende - das sich dann, nachadventlich, als Neuanfang entpuppt.

Jesus, jetzt, auf der Schwelle. Adventszeit. 

Wir feiern heute nicht den Anfang vom Ende, sondern den Anfang vom Advent. Das neue Kirchenjahr beginnt heute. Kann man gut am Gesangbuch erkennen: Lied Nr. 1 als Türschwellen-Song: „Macht hoch die Tür“, fast alle Lieder heute im Gottesdienst haben einstellige Nummern. Die Adventslieder eröffnen das Gesangbuch. Jetzt geht’s los!

Neuanfang. Schwellenzeit.

Wenn die Adventszeit beginnt, denke ich immer auch: „Mensch, geht dies Jahr schon wieder zu Ende …!“ Also das Kalenderjahr. Die Tage werden kürzer, die Dunkelheit nimmt zu, die Bäume tragen kein letztes Laub mehr. Dinge auf dem Schreibtisch müssen noch zu Ende gebracht werden in der Adventszeit. Da ich die Adventszeit aber sehr mag, denke ich auch: „Endlich Advent.“ Zum Glück. Zum Glück geht’s los. Und ich habe auch bis zum 1.Advent heute meiner großen Lust auf Lebkuchen noch nicht nachgegeben, da bin ich altmodisch..

Endlich. Ende, Anfang. Schwellenzeit.

Jesus ist so ziemlich am Ende. Ob er das ahnt, was ihn am Ende seines Weges erwartet, dass er in diese Situation gerät, leiden muss, sterben muss, eine neue Schwelle überschreitet? Man weiß es nicht. Der Dichter des Adventsliedes „Es kommt ein Schiff geladen“ ist sich sicher: „Zu Bethlehem geboren im Stall ein Kindelein, gibt sich für uns verloren, gelobet muss es sein.“ (EG 8,4)

Schwellenzeit.

Auf der Tür-Schwelle stehend kann ich reingehen oder rauslaufen. Sehe was war und erahne was kommt. Bin im Übergang, zwischen Wehmut und Vorfreude. Schaue zurück auf die Adventsgefühle meiner Kindheit, in den 1970er Jahren. Damals machte mich der Schokoladenkalender 24 Tage lang komplett glücklich. Mein bester Freund Stefan, der arme, hatte jedes Jahr einen Adventskalender mit kleinen Bildchen. Tür auf, und dann nur ein Bildchen, nichts zu essen. Er fand das gut. Sagte er jedenfalls. Ich hätte mit ihm nicht tauschen wollen. Stefan tat mir leid.

Ein Schoko-Kalender war mir dann später nicht mehr wichtig. Heute auch nicht. Dafür aber: Musik, Adventslieder, ja, oder ein schönes Konzert, außerdem Backen, ja, Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken, klar, Mandarinen verputzen, und die Finger riechen so schön nach der Schale, adventliche Gottesdienste feiern, die Weihnachstage planen. Mein Kalender ist inzwischen im Grunde ähnlich wie damals der von Stefan, bloß gibt’s außer einem Bild auch noch einen kurzen Text: „Der andere Advent“, so heißt der Kalender. Macht anders satt als Schokolade.

Advent. Den Fuß über eine Schwelle setzen. Vorankommen.

Unser adventlicher Eseltext malt ein Bild von Mobilität. Nicht daheim hocken, sondern sich auf den Weg machen. Jesus verkörpert göttliche Bewegung.

Uns bewegt derzeit allerdings gar nicht so sehr Pferd oder Esel, sondern Diesel. Wir fanden unsere Autos samt Dieselmotor eigentlich ganz prima und sparsam – und ahnten beim Kauf noch nichts von Schummelauto, Dreckschleuder, Ladenhüter. In viele deutsche Städte gelangt man inzwischen leichter mit einem Esel als mit einem Diesel.

Jesus kann auch nicht ohne, nicht ohne Esel. Als die beiden Esel ihrem Besitzer ausgeborgt werden, lautet die Begründung dafür: „Der Herr bedarf ihrer“. Also: Jesus bedarf ihrer. Er braucht diese Esel. Jesus ist tierisch bedürftig an dieser besonderen Schwelle.

Der Esel ist nicht zufällig gewählt. Der langsame, sture, aber auch geduldige und belastbare Esel. Eben gerade kein hochgezüchtetes Pferd, obwohl das schicker und majestätischer aussehen würde. Der schlichte Esel erinnert an die alte Hoffnung in der Bibel Israels, dass eines Tages ein gerechter König kommen werde, uneigennützig, sanftmütig, friedfertig. Arm, auf einem Esel, so wird er kommen, heißt es da wörtlich im Alten Testament. Und Kampfwagen und Kriegspferde werden ausdrücklich erwähnt: die sollen dann nämlich ausgedient haben, sie werden überwunden sein. Und wir könnten ergänzen: das Geld für die deutschen Verteidigungsausgaben 2019 könnte dann auch anders eingesetzt werden, das sind immerhin 43 Milliarden Euro, das ist übrigens, hingeschrieben, eine 43 mit neun Nullen dran – was übrigens bei einem Eselpreis von 500,- Euro einen Esel für jeden einzelnen Bundesbürger ergeben würde.

Manche also haben damals den Eindruck, dass diese lang gehegte Friedenssehnsucht sich gerade jetzt mit Jesus erfüllt, in diesen Begegnungen, in diesen kostbaren Wochen und Monaten mit ihm. Weil ihr Leben ganz neu aufblüht. Weil sie sich wie verwandelt fühlen, versöhnt, befreit. So folgen ihm Menschen nach. Und sie halten nicht damit hinterm Berg, dass Jesus gut bei ihnen ankommt. Sie sind keine stillen Genießer, sondern Lautsprecher, sogar Schreihälse. Dreimal wird das Schreien erwähnt: Kurz vor dem Einzug in Jerusalem: Zwei Blinde merken, dass Jesus in der Nähe ist. Sie sprechen ihn nicht etwa höflich und dezent an, sondern sie schreien: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!“ Dann die Menschenmenge, die mit Jeus mitgepilgert ist nach Jerusalem, die flüstert nicht etwa „Also ich find ihn ganz okay“, sondern sie schreit: „Hosianna dem Sohn Davids!“ Und als Jesus als erstes in Jerusalem in den Tempel geht, schreien dort Kinder das gleiche nochmal: „Hosianna dem Sohn Davids.“ Auf einer einzigen Seite der Bibel also dreimal: Schreien. Menschen geraten adventlich aus dem Häuschen. „Tochter Zion freue dich, jauchze LAUT, Jerusalem!“

Jauchze laut. Bist du laut? Ein lauter Typ? Rufst du, kreischst du, schreist du manchmal? Singst und jauchzt du laut? Ich sage dir, wie es mir damit geht: ich tue mich eigentlich schwer damit. Es steckt mir in den Gliedern, dass diese Wochen im Dezember besinnlich und leise sein sollten, schon mal heruntergedimmt in Richtung „Stille-Nacht“. Dabei stimmt das ja gar nicht unbedingt mit der leisen Zeit: Unser Advents-Bibeltext ist laut, wie wir gehört haben. Und wenn es dann Weihnachten wird, Geburt des Kindes, da ist bei so einem Neugeborenen das erste Schreien doch auch die halbe Miete.

Wann habe ich denn zuletzt so richtig geschrien, nicht jemanden angebrüllt, sondern Befreiungsschrei, Freudenjauchzer? Ich habe beim ersten Sieg von Hannover 96 in dieser Saison befreit herausposaunt: „Jaah!“. Und ich habe als Kind, wenn ich in den Keller gehen sollte zum Kartoffeln holen, oft Angst gehabt (war das Schwellenangst?) und ich habe dann im Keller dagegen angesungen, schön laut.

Ich will das in diesen Adventswochen mal ausprobieren mit der Lautstärke. Wenn ich vor einer Lebensschwelle schlapp mache, will ich mir selber zurufen: „So, jetzt ist Schluss mit Trauerkloß. Denn Jesus kommt und macht mich groß!“ Und ich will die eine Stelle doppelt kräftig singen: „Ho-si-i-an-na, Da-a-a-a-a-vids Sohn. Ja-a-a-a-auchze LAUT … -

… A-a-a-aa-amen“