Auf leisen Tönen - Predigt zu Jesaja 9, 1-6 von Claudia Bruweleit

Auf leisen Tönen - Predigt zu Jesaja 9, 1-6 von Claudia Bruweleit

Liebe Gemeinde,

als ich einer Bekannten erzählte, dass ich Heiligabend Gottesdienst feiern und predigen dürfe, fragte sie mich mit leuchtenden Augen: Und, haben Sie schöne Musik dabei? Ja, sagte ich, Trompete und Orgel! O wie schön, Trompete, das klingt immer so festlich, nickte sie zufrieden. Sie selbst werde im Chor singen am Heiligabend, in ihrer Gemeinde. Und wir waren uns einig: Wir wollten gern viele schöne Weihnachtslieder singen und zu Weihnachten gehört festliche Musik. Weihnachten klingt froh und jubelnd, wie die Geburt eines Königs angekündigt wird.

Aber es mischen sich auch dunkle Töne in diesen Glanz des Festtages. Die alte Verheißung des Propheten Jesaja erzählt davon, warum die Israeliten, das Volk Gottes von Anbeginn an, von dem die Bibel in ihrem hebräischen Teil, dem Alten Testament, erzählt, warum dieses Gottesvolk sich freuen darf. Seine Unterdrückung durch den fremden Herrscher hat ein Ende. Und jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Im Gedröhn der Stiefel klingen die Schrecken des Krieges nach. Die Soldaten des Neuassyrischen Herrschers hatten Israel erobert und es durch Tributforderungen wirtschaftlich ausgebeutet, gut  siebenhundert Jahre vor der Geburt Christi. Jahrzehntelang lebten die Israeliten in Trauer und Unterdrückung.
Auch heute kennen wir viele Orte, an denen Gedröhn der Bombeneinschläge Angst und Schrecken verbreitet, so dass Menschen mit ihren Familien davor fliehen, aus Aleppo, aus dem Nordirak,  in den Konflikten zwischen Israelis und Palästinensern im Westjordanland und in Ostjerusalem, das Leid an den vielen Kriegsorten unserer Erde. Die Sehnsucht nach Frieden ist heute so lebendig wie damals, als Jesaja eine friedliche Zukunft herbeisehnte. Aber über die Art und Weise, wie Frieden sein soll, wurde und wird gestritten. Die Machtverhältnisse führen zu immer neuen Spannungen, auch in Deutschland, wenn es darum geht, wer die Deutungshoheit über die Situation in Deutschlands hat. Auch in diesem Jahr 2018 dröhnten Stiefel aufgebrachter rechter Demonstranten und ihre Gesänge durch unsere Städte und verbreiteten Angst und Schrecken.
Wie anders klingt dagegen die Botschaft vom Friedensfürsten des Jesaja, damals wie heute. Fast zu schön, um wahr zu sein:  Die Zeichen der Unterdrückung und des Krieges werden verbrannt, sie gehen in hellen Flammen auf, denn es bricht eine neue Zeit an. Der alte Prophet sieht es kommen. Friede wird sein, nicht nur Waffenstillstand, sondern radikales Umdenken.  Die Menschen werden Gott erkennen und von Gott her Frieden denken und Frieden umsetzen:  Mit einem Herrscher, dessen Zukunft  gerade aufscheint: 5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Als Wunder-Rat kommt er auf überraschend andere, versöhnliche Gedanken. Als Gott-Held erinnert er daran, dass Gott die Welt lenkt und auch einen Machthaber  zum Guten führen kann.  Als Ewig-Vater rückt er in der Beziehung zwischen Gott und den Menschen  die Liebe in den Blick. Ja, Gott ist ein fürsorgender Vater.  Das alles hatten die Israeliten lange vergessen. Und hier wandelt sich die dunkle Melodie der Jesaja -Verheißung und klingt in jubelnden und dennoch zarten Tönen: Gott wird Israel diesen neuen Herrscher auf dem Thron des berühmten Königs David geben. Ganz anders als erwartet, zart und verletzlich ist er selbst, ganz nahbar ist der starke, mächtige Gott.

Und die Weihnachtsgeschichte, im Neuen Testament  verbindet das alte Verheißungswort mit der Geburt Jesu. Der lange verheißene Messias, der Retter, ist jetzt da. Den Hirten im Dunkel der Nacht gehen die Augen auf: Engel singen und musizieren und loben Gott und eine Stimme sagt: Siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, aus der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Dunkle und helle Töne mischen sich jetzt zu einer Melodie von Weihnachten. Das Staunen  schwingt darin und der Schmerz und auch die Freude an der Erfüllung, auch wenn noch lange nicht alles gut und heil ist, aber zwischen Gott und uns Menschen ist alles gut. Gott steht nicht nur auf unserer Seite, Gott wird wie wir, verletzbar, Mensch.

Und da kommen wir ins Spiel, wir Menschen hier am Heiligabend im Jahr 2018. Wir mit allen unseren Sehnsüchten und Freuden, die wir heute mitgebracht haben. Wir hören die Botschaft und spüren, dass diese Musik uns ganz tief innen berührt. Weil sie an etwas Altes rührt, an eine Verbindung zwischen Gott und Mensch, die sonst nicht so deutlich spürbar ist, aber jetzt, in der Weihnachtsmusik. Auch das geschieht seit uralten Zeiten, dass Menschen ihre Freude und ihren Schmerz, ihre Sehnsucht und ihr Glück in Musik fassen. Zum Staunen schön fand ich es, als ich eine Flöte sah,  die das älteste bekannte Musikinstrument  der Welt ist. Vierzigtausend Jahre ist sie alt und ist aus einem Mammutelfenbein geschnitzt. Mit mehreren Löchern mit Griffmulden für die Finger darin. Die Menschen, die auf ihr musiziert haben, lebten in Höhlen. Wir wissen, dass sie Jäger und Sammler waren und ihr Überleben auf mühsame Weise sicherten. Was wir nicht wussten und mit diesem Instrument erahnen, ist, dass auch sie schon Musik kannten. Man hat die Flöte nachgebaut und festgestellt, dass man viele verschiedene Töne und besonders die emotional so berührenden Obertöne damit erzeugen kann. Und so ahnen wir: In ihren Höhlen erklangen die Töne und Obertöne dieses Instrumentes und auch die ihrer Stimmen, denn wer eine Flöte zum Klingen bringt, der empfindet die Melodie zuerst in sich selbst, er singt sie mit seinem Instrument. Dieses Instrument wird in der Ausstellung „Bewegte Zeiten“ im Gropiusbau in Berlin gezeigt, gefunden wurde es in einer Höhle in der Schwäbischen Alb1.
Wenn ich heute die Trompetenklänge höre, dann denke ich auch an die Menschen, die auf dieser Flöte gespielt haben. Vielleicht fühlten sich diese Menschen auch verbunden mit einer göttlichen Kraft. Musik rührt an etwas Himmlisches und an unser Inneres. Denn Musik berührt die tiefen, unbewussten Seiten in uns. Unsere Erinnerungen aus der Kindheit. Unsere Gefühle, die wir nicht jedem zeigen und manchmal selbst vergessen haben. All das gehört zu uns, weil wir Menschen sind. Die Musik in uns kann sie wecken und uns auf geheimnisvolle Weise ins Bewusstsein führen, dass es gut ist, so wie es ist. Denn nicht nur wir, sondern alle Menschen haben teil an den großen und kleinen Sehnsüchte und Freuden. Und nicht nur alle Menschen, sondern auch Gott. Denn dieses Kind Jesus Christus verbindet uns Menschen mit Gott, der seit Urzeiten für uns Menschen da sein will und in diesem Gottessohn einen Weg gefunden hat, dass wir ihn erkennen. Er ist der, der uns schon immer liebt und uns näher ist als wir uns selbst. Und so dürfen wir heute in den Weihnachtsliedern, die wir gemeinsam singen, alles hineinlegen, was uns bewegt und uns von ihnen einstimmen lassen in die Weihnachtsfreude.

Und diejenigen unter uns, denen nicht nach Jubeln zumute ist, die voller Sehnsucht heute in diesen Gottesdienst gekommen sind, die mögen sich an die dunklen Töne halten und an die Worte des Jesaja, der  genau darum weiß, was alles kaputt und krank ist in unserer Welt.  Die Klage und die Sehnsucht haben auch einen Ort in Weihnachten. Noch sind wir nicht an das Ziel gekommen. Viel zu viel Unfriede ist in der Welt und in uns selbst. Aber es gibt unüberhörbar die Stimme des Jubels und die leisen, friedlichen Töne und es ist gut, ihnen zu lauschen und sie vorsichtig oder auch mit Schwung für sich selbst auszuprobieren. Jehudi Menuhin, der große jüdische Geiger, hat einmal gesagt: „Wenn einer aus seiner Seele singt, heilt er zugleich seine innere Welt. Wenn alle aus ihrer Seele singen und eins sind in der Musik, heilen sie zugleich auch die äußere Welt.“2

Und ich wünsche Ihnen und uns, dass wir aus die Freude über  das Gottesgeschenk mitnehmen und  Hoffnung schöpfen, dass nicht alles so bleibt wie es ist, sondern dass Gott auch unser Leben heilt und mit Freude erfüllt und dass er uns zutraut, dass auch durch uns Friede werde.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

1 I Abbildung in: Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. Begleitband zur Ausstellung, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2018, 343

2 I Jehudi Menuhin, in: Wirken aus Stille. Loccumer Brevier 2  Texte zu den Seligpreisungen. Hg: Loccumer Arbeitskreis für Meditation e.V. Evangelische Akademie Loccum,31547 Rehburg-Loccum, , Hannover 2013, 232f.