„Ausrufezeichen?!“ – Predigt zu Römer 12, 9-16 von Dörte Gebhard

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus, Amen.

Liebe Gemeinde,

Den lautesten Predigttext seit langem haben wir vor uns! Keine stille, heilige Nacht, keine besinnlichen Tage, sondern Worte wie Posaunen. Die ganze Zeit ausschliesslich Aufforderungen, Anweisungen, Ermahnungen. Und befohlen wird, was sich nicht befehlen lässt. Die Liebe kann man doch nicht anordnen! Geduld kann man nicht plötzlich diktieren. Hoffnung ist nicht auf Kommando da.

Es ist mir zu laut!!! Drei Ausrufezeichen! Es ist mir auch zu viel!!! Wieder drei Ausrufezeichen!

Der Abschnitt aus dem Römerbrief hat, je nach Übersetzung, mehr als ein Dutzend Ausrufezeichen! Das ist ziemlich abschreckend, nicht wahr?!

-Aber nur für uns! Nur in unseren Übersetzungen!

Beim Apostel Paulus ist davon noch nichts zu sehen. Sein Brief an die Römer kommt gänzlich ohne Ausrufezeichen aus. Aber das ist kein Wunder. Paulus schrieb zu einer Zeit, da war das Ausrufezeichen noch gar nicht erfunden. Paulus schrieb überhaupt, wie in der Antike üblich, ohne Punkt und Komma, ja sogar ohne Leerzeichen zwischen den Worten.

GARNICHTSOLEICHTEINENTEXTOHNEPUNKTUNDKOMMAZULESENODERSOGAROHNELEERZEICHENSTIMMTSDOCHMANCHEMÖNCHEIMFRÜHMITTELALTERMUSSTENSICHMITGENAUSOLCHENBUCHSTABENKETTENHERUMÄRGERNSIEWARENKOPISTENDIEBÜCHERABSCHREIBENSOLLTENZUMGLÜCKERFANDENSIEIRGENDWANNKleinbuchstabenunddas Leerzeichen Und nach und nach gesellten sich auch Punkte, Kommata und andere Satzzeichen hinzu.1

Solche Texte sparen Platz und auch Papier. Aber das machte die Lektüre seiner Briefe keineswegs leichter. Erst im Mittelalter machten sich die Vorleser und die Abschreiber Zeichen, wo man am besten mal Luft holt – aber jeder verwendete seine eigenen Striche und Punkte. Es dauerte Jahrhunderte, bis man sich auf ein paar allgemeingültige Satzzeichen geeinigt hatte.

Das allererste und damit älteste Ausrufezeichen steht wohl in Johann Fischarts „Ehezuchtbüchlein“ mit dem wohlklingenden und vielversprechenden Titel: „Flöh-Hatz/Weiber-Tratz“. Ist das ein Zufall? Das erste Ausrufezeichen in einem Reglement für die Ehe?! Fragezeichen! Eventuell: Ausrufezeichen!

Dieses wahrscheinlich wegweisende Werk erschien 1573. Richtig verbreitet hat sich unser Ausrufezeichen dann erst im 17. Jahrhundert.2 Es ist also ein ziemlich junges Ding zwischen unseren altehrwürdigen Buchstaben. Das erste Ausrufezeichen in einer Bibel ist erst von 1797. Noch nicht so lange her! Wir haben hier in Schöftland eine sehr alte Lutherbibel von 1563, noch ohne ein einziges Ausrufezeichen; nicht in den zehn Geboten, nirgends.

Wir halten fest: Man muss nicht rufen und schreien. Paulus’ Worte kann man auch leise lesen, ohne dieses Blitzgewitter von Ausrufezeichen.

Hören wir Paulus’ Worte nochmals, nun in der Übersetzung von Karl Barth. Seine Übersetzung ist genau 100 Jahre alt und entstand in unserem Nachbardorf, in Safenwil. Barth sparte auch nicht gerade mit Ausrufezeichen, aber ich lese sie nicht mit vor, so dass wir womöglich besser verstehen können, was Paulus vorschwebte – Sie finden den Text auf der Rückseite ihres Blattes.

Die Liebe sei aufrichtig! Verabscheut das Böse, klammert euch an das Gute! Seid gegenseitig zärtlich in der Brüderlichkeit! Kommt euch zuvor in der Ehrerbietung! Seid nicht träge im Ernstmachen! Brennet im Geiste! Dienet der Zeit! Freut euch in der Hoffnung! Beharret in der Bedrängnis! Haltet an im Gebet!  Nehmt Anteil an dem, was für die Heiligen getan wird! Pflegt die Gastfreundschaft!  Segnet die Verfolger, segnet und fluchet nicht! Freuet euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden! Sinnet gegenseitig auf das Eine, indem ihr nicht nach den Höhen sinnt, sondern euch herabführen laßt in die Niederungen! Folgt nicht eurer zufälligen Einsicht!

(Röm 12, 9-16, Übersetzung Karl Barth, Römerbriefkommentar)

Die Gottesdienstgemeinde hat den Predigttext schriftlich vor sich:

DIELIEBESEIAUFRICHTIGVERABSCHEUTDASBÖSEKLAMMERTEUCHANDASGUTESEIDGEGENSEITIGZÄRTLICHINDERBRÜDERLICHKEITKOMMTEUCHZUVORINDEREHRERBIETUNGSEIDNICHTTRÄGEIMERNSTMACHENBRENNETIMGEISTEDIENETDERZEITFREUTEUCHINDERHOFFNUNGBEHARRETINDERBEDRÄNGNISHALTETANIMGEBETNEHMTANTEILANDEMWASFÜRDIEHEILIGENGETANWIRDPFLEGTDIEGASTFREUNDSCHAFTSEGNETDIEVERFOLGERSEGNETUNDFLUCHETNICHTFREUETEUCHMITDENFRÖHLICHENWEINTMITDENWEINENDENSINNETGEGENSEITIGAUFDASEINEINDEMIHRNICHTNACHDENHÖHENSINNTSONDERNEUCHHERABFÜHRENLASSTINDIENIEDERUNGENFOLGTNICHTEURERZUFÄLLIGENEINSICHT

(Röm 12, 9-16, Übersetzung Karl Barth, Römerbriefkommentar, hier aber ohne Leer- und Satzzeichen wie zur Zeit des Paulus griechisch üblich)

Liebe Gemeinde

Ohne einen Haufen Ausrufezeichen klingt das Ganze ganz anders. Paulus möchte ermutigen und ermuntern, er hat Hoffnung und ziemlich viele gute Wünsche für die Gemeinde in Rom. Er will etwas anstossen, fördern, unterstützen, natürlich auch einprägen, sogar sehr nachdrücklich. Halbe Sachen sind nicht sein Ding.  Aber es ist ihm mehr als sonnenklar, dass man Glaube, Liebe, Hoffnung nicht einfach gebieten kann, nicht mit allen Imperativen und Ausrufezeichen dieser Welt.

Paulus malt die Liebe aus, er tut es in konzentrischen Kreisen, beginnend in der Gemeinde (1), bei den Geschwistern in Christus, dann kommt die Liebe zu den Fremden (2), zuletzt die Liebe zu den Feinden (3).

Ich beginne wie Paulus bei der Liebe im engsten Kreis. Die Liebe sei aufrichtig, ganz wörtlich: Die Liebe sei ohne Schauspielerei. Heute kann man ergänzen: Euer Theatertalent, auch eine Gabe Gottes, bewahrt euch auf für das Krippenspiel, dort ist es genau am richtigen Ort. Die Liebe aber sei ohne Masken. Obwohl wir Nettigkeit und etwas Naivität manchmal für Liebe halten, auch das sollen wir uns abschminken.

Liebe ohne Masken aber kann sich nicht verstellen, man sieht und spürt dann auch, wo sie das Böse verabscheut. Lieb sein heisst nicht, zu allem JA und AMEN sagen. Die Liebe ist eine gewaltige Kraft, aber ohne mächtige Gewalt, sie muss sich an das Gute klammern. Paulus nennt die unmittelbaren Konsequenzen aus aufrichtiger Liebe, verlangt nicht Liebe und dann noch dies und das und noch viel mehr. Alles, was er aufzählt, gehört zur Liebe.

Die Brüderlichkeit soll demnach etwas Zärtliches sein, so übersetzt Barth gegen den Trend in jedem Indianerfilm. Keine Blutsbrüderschaft mit hohoho und hehehe, kein Geschrei, lauter als die Pferde und der Lärm im Saloon. Eben kein Ausrufezeichen. Eine Bitte um Geschwisterlichkeit, die auch im Stillen da ist.

Alles Weitere gehört auch zur Liebe: Kommt euch zuvor in der Ehrerbietung.  Seid nicht träge im Ernstmachen. Haltet euch gegenseitig die Tür auf und haltet vor allem, was ihr versprecht. Brennt im Geiste. Auf Begeisterung kann man nur hoffen, nicht herbeizwingen. Aber es ist so wunderbar bei Menschen, die nicht so viel müssen, sondern eine Menge können und es drum gern machen.

In Zürich gibt es die Wohnheime im Seefeld. Dort haben Erwachsene mit geistiger oder psychischer Behinderung ihr besonderes Daheim, manche schon seit Jahrzehnten. Mit einer kleinen Gruppe Studierender waren wir dort vor längerer Zeit zu Gast. Die Lebenslust in dieser Wohngemeinschaft, die Begeisterung über unseren Besuch haute uns fast aus den Puschen!

Hinter diesem Satz ist ein Ausrufezeichen nötig!

Der Leiter der Wohnheime fragte uns, was wir eigentlich „normaler“ finden: die Gesichter und Gestalten morgens bei den vielen Pendlern in der S-Bahn oder die Stimmung hier? Er sei sich jedenfalls in der Früh auf dem Weg zur Arbeit nicht immer sicher, wo die Menschen mit Behinderung sind, dort oder hier?!

Überall roch es nach Leim und Lack. Riesige, farbige Bilder hatten sie gemalt, ehe wir kamen. Und die Lehrerin für Kunst erzählte uns, dass es einen gigantischen Unterschied gibt zwischen den zwei Orten, an denen sie unterrichtet: in die Volkshochschule kommen viele, die dann zunächst alles aufsagen, was sie noch nie gemacht haben, was sie nicht können. Im Wohnheim sei ihr das in 20 Jahren noch nie passiert, dass jemand gesagt habe „Ich kann das nicht!“ Im Gegenteil, alle machen sich ans Werk, die meisten voller Freude und Hoffnung, dass sie staunen müsse. Sie sind mit Liebe dabei.

Für Paulus gehört das anhaltende Gebet zur Liebe, die nun (2) nicht nur den Geschwistern gilt. Nehmt Anteil an dem, was für die Heiligen getan wird! Das Wort „Christen“ war noch nicht erfunden, drum spricht der Apostel immer von den Heiligen, wenn er die Gemeindeglieder nah und fern meint. Nehmt Anteil an dem, was für die Heiligen getan wird! Wenn es um Geld geht, drücken auch wir uns manchmal nebulös aus. Paulus schreibt zwischen den Zeilen:

Es wäre gut, wenn ihr euch an der Kollekte für notleidende Gemeinde beteiligt.

Pflegt die Gastfreundschaft!  Das scheint sehr viel klarer und tönt ziemlich selbstverständlich. Ist es aber nicht, war es auch damals nicht. Unser Wort Gastfreundschaft heisst auf griechisch Fremdenliebe.

Pflegt die Fremdenliebe!  Das klingt ungewöhnlicher und gar nicht selbstverständlich. Denn Fremde gibt es immer zwei Sorten. Die einen, die uns neugierig machen, die wir gern kennenlernen, deren Rezepte wir aus den Ferien mit nach Hause nehmen, wenn wir ihre besondere Gastfreundschaft genossen haben. Und die anderen, die unsere fremden Nachbarn sind, von denen wir viel zu wissen meinen, aber sie fast nicht kennen.

Fremdenliebe meint tatsächlich alle Fremden, auch diejenigen, die unangemeldet an die Tür klopfen, wie Maria und Josef, von denen wir kürzlich zu Weihnachten hörten, wie Abram, der als Wirtschaftsflüchtling in ein fremdes Land zog und blieb, bis eine Hungersnot ihn weiter nach Ägypten führte. Aber das ist natürlich schon sehr lange her, dass Menschen Richtung Afrika flohen (Gen 12 und Mt 2). Paulus war in Europa überall ein Fremder, seit er aufgebrochen war, das Evangelium unter die Leute zu bringen.

Fremdenliebe ist eine bleibende Herausforderung. Gelegenheiten zur Fremdenliebe ergeben sich nach wie vor fast wie von selbst, obwohl es inzwischen Hotels gibt, von denen Paulus nichts in seinen kühnsten Träumen ahnte.

Fremdenliebe erfordert viel Begeisterung für das Ungewöhnliche, braucht jede Menge Geduld nach dem ersten Erstaunen mit all’ den vielen Unterschieden. Fremdenliebe braucht Hoffnung und Beharrlichkeit – viel mehr als man sich am Anfang des Deutschunterrichtes vorstellen kann. Gelebte Fremdenliebe erfordert auch manche Kollekte. Am meisten aber kostet Fremdenliebe Zeit. Jeder Behördengang, die Wohnungs- und die Stellensuche sind zeitraubende Angelegenheiten. Nervig.

Aber das alles hatte Paulus ja von der Liebe schon geschrieben, weil es auch in der Gemeinde gilt. Nichts Neues kommt dazu.

Die Fremdenliebe ist aber nur die Zwischenstation auf dem weiten Weg zur Feindesliebe (3).

Segnet die Verfolger, segnet und fluchet nicht! In der Bergpredigt lassen sich die ersten Konsequenzen dieser sehr einseitigen Liebe ausrechnen. Man wird zweimal geschlagen, man geht doppelt so weit, man verliert mehr als der Dieb ursprünglich gestohlen hatte (Mt 5). Man gewinnt mit Feindesliebe nicht unbedingt einen neuen Freund.

Nur einer hat bisher auf Erden die Feindesliebe wahrhaftig durchgehalten: Jesus Christus selbst. Feindesliebe, wenn sie beharrlich ist, wenn sie mit Begeisterung gelebt wird, wenn sie nicht träge ist im Ernstmachen, wenn sie die Verfolger segnet, nicht verflucht ... solche Feindesliebe führt ans Kreuz.

Nein, nun verwechseln wir lieb sein nicht mehr mit nett sein. Wir haben die aufrichtige Liebe so vor Augen, das es nicht schwer ist, das Böse zu verabscheuen und sich an das Gute zu klammern ..., und wir erkennen alles andere auch, was Paulus ja von der Liebe schon geschrieben hat. Dafür brauchen wir nicht einmal ein Ausrufezeichen.

Gott hat zuerst geliebt. Aufrichtig. Nochmal: Liebhaben heisst nicht harmlos nett sein. Das Böse verabscheut er. Auch er klammert sich an das Gute. ... So folgen wir nicht unserer zufälligen Einsicht, wie Paulus zuletzt bittet, sondern glauben Gottes Liebe –

und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

1 I https://www.bel-montessori.at, abgerufen am 17. 1. 2019. Dieses Beispiel bekommen die Gottesdienstbesucher im Grossdruck ausgehändigt.

2 I Quelle: Duden. Komma, Punkt und alle anderen Satzzeichen. Mit umfangreicher Beispielsammlung, Dudenverlag, 1998, S. 9.