Babylon Berlin – Predigt zu Jeremia 29,1.4-7.10-14 von Jürgen Kaiser

Babylon Berlin

Verbrechen und Verschwörung, Korruption und Spionage, Sex und Drogen, Politik und Liebe. Die Serie, liebe Gemeinde, hat alles, was gute Unterhaltung braucht. Sie ist ein Krimi. Sie ist ein Agententhriller. Sie ist eine Liebesgeschichte. Und sie hat historisches Kolorit. Gereon Rath arbeiten bei der Mordkommission. Trotzkisten stehlen einen Zug voller Gold, der sich als Zug voller Giftgas entpuppt. Charlotte Ritter arbeitet tags bei der Polizei und nachts im Moka Efti, einem Nachtclub, den gab es wirklich. Kommunisten verprügeln Nazis, Nazis verhauen Kommunisten und die Polizei knüppelt alle. Berlin im Jahr 1929. Berlin ist Babylon.

Babylon Berlin 2018

Babylon heißen in Berlin zwei alte Kinos und ein versifftes Shisha-Café. In Berlin begnügen sich arabische Großclans nicht mehr damit, Autos zu klauen. Sie rauben Banken aus und stehlen riesige Goldmünzen aus dem Museum. In Berlin gibt es 26 Clubs, viele öffnen erst um 23 Uhr. Im KitKat-Club, für seine Fetischpartys bekannt, hat sich vor drei Wochen einer eine Hirnhautentzündung eingefangen.

Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte in ihrer Hand einen goldenen Becher, voll von Gräueln, und die Unreinheit ihrer Hurerei, und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das Große Babylon, die Mutter der Hurer und aller Gräuel auf Erden. (Offb 17,3-5)

Was hier zu sehen ist, ist keine Fetisch-Nacht im KitKat-Club, sondern eine Vision des Johannes.

Babel und Bibel

Am Anfang, in der Mitte und am Ende kommt Babylon in der Bibel vor. Am Ende, in der Offenbarung, ist Babylon die große Hure. Als Johannes seine Träume aufschrieb, war Babylon längst ein Trümmerhaufen. Man vermutet, dass der Seher Rom meinte, aber nicht laut zu träumen wagte.

Und ich sah einen andern Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern. Und er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! … Und ein zweiter Engel folgte, der sprach: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Völker. (Offb 14,6-8)

Am Ende der Bibel ist Babylon gefallen. Am Ende der Zeit wird es keine Weltreiche mehr geben. Schon am Anfang der Bibel steht Babel programmatisch für ein totalitäres Imperium. Der Turm wird zum Symbol menschlicher Hybris. Hoch in den Himmel steigen und wie Gott sein wollen, sich einen Namen machen. Das Mittel, durch das die babylonischen Menschen zur Allmacht greifen, ist die Konformität. Die ethnische Einheitlichkeit, die Einheitlichkeit der Sprache, die Einheitlichkeit der Kultur, die Einheitlichkeit der Religion dienen der Kontrolle und der Machtpotenzierung. Von Anfang an verkörpert Babylon nicht nur die Lasterhaftigkeit, sondern auch den Faschismus: das Übermenschentum durch Totalitarismus und Konformität, durch Ausgrenzung und Vernichtung alles Divergierenden.
Das alles wird nicht erzählt, ist aber als Idee in den Raum gestellt und theologisch von Anfang an verworfen, indem erzählt wird, dass Gott ihre Sprache verwirrt und sie zerstreut, weil ihnen andernfalls nichts mehr unmöglich sei. (1. Mose 11,6-8)

In der Mitte der Bibel erscheint das historische Babylon. Es eroberte Jerusalem, zerstörte den Tempel und verschleppte seine Oberschicht nach Babylon.

Jerusalem Babylon

Babylon wurde zur großen Gegenspielerin Jerusalems. In Jerusalem wohnt Gott, in Babylon die Gottlosigkeit. In Jerusalem wohnen die Heiligen, in Babylon die Huren. Jerusalem hat einen Tempel, Babylon hat einen Turm.

Doch gemessen an der allenthalben aufzuspürenden Verteufelung Babylons steht in der Mitte der Bibel ein erstaunliches historisches Dokument: der Brief eines Propheten mit unerwarteten Tönen:
Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte – …So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.… Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. (Jer 29,1.4-7.10-14)

Babylon in Berlin

Viele besuchen Berlin. Die einen schlafen am Tag und tanzen in der Nacht in den Clubs. Die anderen schlafen in der Nacht und gehen am Tag ins Pergamonmuseum. Dort zieht man mitten in Berlin nach Babylon ein - durch das blaue Ischtar-Tor mit den Stieren und Drachen, den Göttern Adad und Marduk, dann die Prozessionsstraße entlang mit den Löwen.
Gut möglich, dass die Juden aus Jerusalem die gleiche Strecke entlanggezogen waren, als man sie nach Babylon gebracht hat.

Jerusalem in Babylon

Und dann waren sie da, in der großen Stadt mit den vielen Göttern, mit den prächtigen Straßen, mit den blauen Ziegeln und den hängenden Gärten, mit den vielen Sprachen und den vielen Völkern. Eine Stadt, die ihnen fremd war. Eine Stadt mit einer ungeheueren Vielfalt. Eine Stadt, in der sie ihren Platz finden mussten.
Aber zu begreifen, dass die Vielfalt von ihrem Gott, vom Gott Israels, so geschaffen wurde, damit auch sie ihren Platz in der fremden Stadt finden konnten, das war eine weitreichende, eine prophetische Einsicht.
Sie sollen sich einleben in dieser Stadt Babylon. Die Stadt ihrer Feinde soll ihre Stadt werden. Sie sollen ihr Bestes suchen. Das taten sie. Sie bauten Häuser, sie pflanzten Gärten, sie bekamen Kinder und Enkel und die Einwandererkinder begannen, sich mit den Babyloniern zu verheiraten. Sie konnten ihren Glauben behalten, sie konnten ihren Gott anbeten. In Babylon liegt vermutlich der Ursprung der Synagoge. Sie konnten Juden bleiben. Und haben sich als solche integriert.
Freilich geht so was nicht von einem auf den andern Tag. Selbstverständlich hatte sie Heimweh und sangen traurige Lieder:

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande. Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: »Singet uns ein Lied von Zion!« (Ps 137,1-3)

Sie hatten auch Rachegedanken: Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert! (Ps 137,8-9)

Aber sie packten ihr Weh und Ach in ihre Lieder. Sie zerschmetterten nicht die Kinder der Einheimischen am Felsen. Stattdessen suchten sie der Stadt Bestes. Sie lernten Babylonisch, sie machten Karriere, stiegen auf im Militär, in der Wirtschaft und bei Hof. Ab dieser Zeit tauchen in babylonischen Quellen hebräische Namen auf.

Gott in Babylon

Dreimal Babylon: Das Babylon des Turms, der Hybris, der Macht, des Totalitarismus. Dann das Babylon als Hure, die Stadt der Ausschweifungen, der Gier und der Zügellosigkeit. Und das Babylon des Exils, die Stadt, in der alle leben können. Eine Stadt mit vielen Völkern, Sprachen, Kulturen und Religionen. Eine Stadt, in die die Juden nicht freiwillig kamen, aber mit der sie sich doch anfreunden konnten.
Nach 70 Jahren änderte sich die Situation. Babylon wurde vom Perser Kyros erobert. Die Juden durften nach Hause. Einige gingen zurück, andere blieben da. Man kann dem eigenen Gott auch in der Fremde dienen. Denn er ist nicht dort, wo sein Tempel ist, sondern dort, wo sein Name genannt wird.

Babylon Berlin am 13. Oktober 2018

Ein riesiger Zug bewegt sich nach Westen durch die große Stadt, ungefähr vom Ischtar-Tor zum Brandenburger Tor. Eine viertel Million Menschen aus vielen Nationen und Völkern, aus vielen Sprachen und Kulturen, aus vielen Religionen und Anschauungen. Bürger und Politiker, Heilige und Huren, Christen aus Berlin und Atheisten aus Berlin, auch Muslime aus dem Irak, auch Juden aus Jerusalem, alle vereint hinter dem Wort „unteilbar“.
Eine Stadt, die ihre Vielfalt anerkennt, ist unteilbar. Das gilt für Babylon, das gilt für Berlin, das gilt für Jerusalem, das gilt für jede Stadt. Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.
Amen.