Bier und Zigarren – Predigt zu 1. Timotheus 3,16 von Frank Nico Jaeger

Als alles vorbei war setzten sich mein Vater und mein Großvater immer an den runden Tisch im Wohnzimmer. Jeder machte sich eine Flasche Bier auf und, das war das Geheimnis, irgendwann verteilte mein Vater für jeden eine Zigarre.

Der Stress der letzten Tage war weg, der Alltag verblasste und im Regelfall waren alle Beschenkten glücklich. Und als ich alt genug war durfte ich auch an diesen Runden teilnehmen, trank mein Bier und zog an meiner Zigarre.

Jeder hat ja so ein Ding, das es unbedingt braucht damit es Weihnachten werden kann. Bei Tim Mälzer ist es frische Bettwäsche, bei meiner Oma war es der selbstgemachte Kartoffelsalat mit Würstchen und bei meinem Vater, meinem Großvater und mir waren es eben die nächtlichen Zusammenkünfte am Wohnzimmertisch. Gar nicht um viel zu reden. Wir wollten bloß Zeit miteinander verbringen und diesen besonderen Tag ausklingen lassen. Dabei tranken wir meist still unser Bier, rauchten unsere Zigarren und freuten uns darüber, dass es so war, wie es war. Und obwohl meine Mutter am nächsten Morgen deswegen immer ziemlich stinkig war - wenn diese Runde begann war Weihnachten.

Ja! Groß ist das Geheimnis der Weihnacht und genauso groß ist das Geheimnis des Glaubens das uns diese Nacht beschert hat, sagt der Predigttext für diese Nacht und das stimmt.

Wer kann schon erklären, was sich damals und wie genau abgespielt hat? Die Hoffnung des ganzen Erdkreises trifft sich in einem kleinen Kind?

Solch ein Geheiminis ist tatsächlich eine Provokation. Und das in unserer Zeit, in der wir Sonden zum Mars und Menschen erst ins All und dann wieder zurück schicken. Wir können querschnittsgelähmte Menschen wieder aufrecht stehen lassen und das Erbgut von Menschen verändern. Wir gewinnen Öl aus Sand und Strom aus Wind. Schon bald werden die ersten selbstfahrenden Autos auf unseren Straßen völlig normal sein.

Es ist alles erklärt und es ist alles gesagt. Ist in einer Welt in der alles machbar erscheint Platz für eine derartige Herausforderung? Platz für die alte Erzählung von der Geburt eines Königs im Stall?

Ja! Groß ist das Geheimnis des Glaubens.

Und darauf kann man sich einlassen. Das kann man aushalten, denn Weihnachten ist ein Eintritt in eine andere Welt. Ist es das nicht, ist es nicht Weihnachten! Nichts gegen ein warmes Gefühl im Kreise der Lieben nach der Bescherung, aber was für ein Fest wäre Weihnachten, ginge es nur um ein paar wohlige Stunden vor dem Kamin, im Fernsehen läuft „Tatsächlich … Liebe“ und der liebste Mensch von allen holt noch schnell einen warmen Tee aus der Küche.

Ja! Groß ist das Geheimnis des Glaubens.

Weihnachten greift etwas Fremdes nach uns und Sie spüren das auch, denn sonst wären sie nicht hier. Ihr Kommen bedeutet, dass Sie auch nicht damit rechnen, dass alles berechenbar ist und sie anerkennen damit, dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt.

Keine Angst, Sie stürzen trotzdem nicht ins bodenlose, denn da ist Trost in dieser Erkenntnis; denn das bedeutet, dass weder der Pfarrer, noch alle Professoren, weder Präsidenten noch sonstige selbsternannte Weltenretter ein allerletzter Maßstab für uns sein können. Denn trotz all ihrer Worte, Zusagen und Berechnungen können diese doch auch nicht verhindern, dass ein Kind weint, eine Frau geschlagen wird und ein Mann verzweifelt. Sie verhindern auch nicht die Kriege unserer Tage und sie lösen auch nicht unsere Probleme von der die Welt auch nach den Tagen des Kaisers Augustus immer noch mehr als genug hat.

Ja! Groß ist das Geheimnis des Glaubens und zahlreich sind die Rituale zum Fest. In einer kalten und unfreundlichen Welt, voller falschem Glanz und voller „Wenn“ und „Aber“ ist es gut sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Also Gott seine Arbeit machen zu lassen und ihm dabei möglichst nicht im Wege zu stehen, wenn er versucht, die Hässlichkeiten dieser Welt zu erhellen.

Zurück ins zugequalmte Weihnachtswohnzimmer: Eigentlich wollten wir unser Geheimnis immer gerne für uns behalten, aber die schweren Rauchschwaden hüllten zuerst uns, dann den Tisch und schließlich den ganzen Raum samt Weihnachtsbaum ein. Am nächsten Morgen stank das Wohnzimmer natürlich erbärmlich nach kaltem Rauch und auch alles Lüften in der Nacht konnte das Schlimmste nicht verhindern, weil der Qualm sich im Raum festgesetzt hatte.

Ja! So groß wie das Geheimnis des Glaubens, so groß ist auch diese Nacht. Aber das ist auch an 364 anderen Tagen im Jahr nicht anders. Denn die Geschichte mit Gott und seinen Menschen passiert jeden Tag, auch wenn die Welt versucht ihn nur einmal im Jahr rein zulassen.

Es bringt nichts, denn Gott hat sich längst festgesetzt, so wie der Rauch in unserem Wohnzimmer.

Frohe Weihnachten.