Der König hängt am Kreuz - Predigt zu Johannes 19,16-30 von Bernd Giehl

Der König hängt am Kreuz - Predigt zu Johannes 19,16-30 von Bernd Giehl

Liebe Gemeinde!

Der König hängt am Kreuz. Geht’s vielleicht noch ein bisschen dramatischer? Und wie ist diese Information überhaupt zu bewerten? „Jesus von Nazareth, König der Juden?“ Ist es Spott? Das könnte sein. Immerhin hat der Gefangene im Verhör ja behauptet, er sei ein König. Wenn auch ein König ohne Land. Oder genauer hat er gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Aber in welcher Welt könnte er sonst König sein?

Eigentlich hätte Pilatus leicht nachgeben können, als die Oberen des Volkes Israel ihn bitten, die Inschrift „Jesus von Nazareth, der König der Juden, zu verändern. Warum weigert er sich, hinzuzufügen, was sie wollen? „Schreibe doch: Er hat gesagt, er sei der König der Juden.“ Aber er tut es nicht. Er sagt: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“  

Es ist einer dieser Dialoge, wie sie für Johannes so typisch sind. Ein Dialog auf verschiedenen Ebenen, voller Missverständnisse, nur dass sonst Jesus sie führt, so wie zum Beispiel mit Nikodemus, dem er sagt, er müsse von neuem geboren werden, um ins Reich Gottes zu kommen. Woraufhin Nikodemus fragt, wie ein Mensch von neuem geboren werden könne; er könne doch nicht in den Bauch seiner Mutter zurückkriechen. Mag sein, dass man es beim ersten Mal nicht versteht und sich über diesen Jesus wundert, der nichts erklärt, sondern mit nur immer neuen Worten dasselbe sagt, ohne dass es dadurch auch nur einen Jota verständlicher wird. Der das Gespräch immer weiter und weiterführt, bis es gleichermaßen in Fetzen geht, ohne Rücksicht auf irgendwas oder irgendwen.  Und womöglich wundert man sich ja auch über die Gesprächspartner Jesu, die zwar nicht begreifen, aber den Dialog fortführen, , obwohl man an ihrer Stelle längst gegangen wäre. Aber wenn man es oft genug durchexerziert hat, wozu einem der Evangelist reichlich Gelegenheit bietet, begreift man: Es ist der Evangelist Johannes, der diese Dialoge inszeniert und seine Absicht ist es, etwas über Jesus auszusagen, was er vielleicht nicht anders sagen könnte.

Und nun ist es also Pilatus, der einen solchen Dialog herbeiführt. „Jesus von Nazareth, der König der Juden“, lässt er über das Kreuz setzen. Man könnte fragen, wie er darauf kommt und die Antwort müsste heißen, dass er Jesus schon beim ersten Verhör gefragt hat, ob er der König der Juden sei. Vielleicht wundert man sich über die Frage, weil sie so unvermittelt kommt, ohne jede Vorbereitung, aber Johannes lässt Jesus antworten, woher er das wisse; ob er selbst darauf gekommen sei, oder ob ihm ein anderer das gesagt habe. So geht es hin und her und bei Johannes versucht Pilatus, Jesus freizulassen, aber es gelingt ihm nicht, weil die jüdischen Ankläger drohen, Pilatus beim römischen Kaiser anzuschwärzen. Also lässt er Jesus kreuzigen. Aber seine subtile Rache ist das Schild über dem Kreuz „Jesus von Nazareth, der König der Juden.“

Diesen König jedenfalls haben sie nicht gewollt. Warum ausgerechnet dieser Titel?

Diese Inschrift gibt es auch bei Matthäus und Lukas. Nur dass die keinen besonderen Wert auf dieses Detail legen. Die sehen das Potenzial nicht, das in dieser Überschrift liegt. „Der König hängt am Kreuz“, so könnte man das formulieren. Johannes sieht es und nutzt es.

Jesus von Nazareth, der König der Juden. Eine doppelte Wahrheit. Eine Wahrheit jedenfalls, die nicht so leicht zu erkennen und zu formulieren ist.

Eine typische Wahrheit des Johannes- Evangeliums eben.

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Aber sehen wir sie uns ruhig noch einmal von der negativen Seite an. In meinem Arbeitszimmer hängt ein Holzschnitt von Thomas Zacharias, der viele Bilder zur Bibel geschaffen hat.  Dieser Holzschnitt heißt „Jesus vor Pilatus“, und er zeigt die Konfrontation dieser beiden. Pilatus, ganz in Rot gehalten, nimmt gute zwei Drittel des Bildes ein. Man sieht ihn von der Seite, auf einem Thron sitzend, die Hand erhoben, als ob er beim Sprechen gestikuliere. Er ist mit einer Toga und Sandalen bekleidet, und immerhin: er scheint dem Gefangenen zugewandt zu sein.

Der wiederum steht seitlich von Pilatus. Er hat nur sehr wenig Platz. Vielleicht hält er deshalb die Hände vor den Körper Möglich aber auch, dass die Hände gefesselt sind; die gekreuzten Arme könnten darauf hindeuten. Er ist nackt, schutzlos, ausgeliefert. Das Drittel des Bildes das er noch beanspruchen darf, ist dunkelblau; er selbst ist in erdfarben gemalt. Er trägt die Dornenkrone.

Es könnte sein, dass die erhobene Hand des Pilatus auf Jesus zeigt und dass er gerade sagt: „Ecce homo. Seht, welch ein Mensch.“

Ist Spott in diesen Worten? Ganz bestimmt. Vielleicht auch ein wenig Bewunderung für einen Menschen, der seinen Weg so konsequent zu Ende geht, wie Jesus das tut. Aber das Bild zeigt: Menschen wie er dürfen nur sehr wenig Platz auf der Erde, wie sie ist, beanspruchen,

„Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus. Wahrheit, das ist etwas für Schwache und Suchende, aber nicht für einen Machtmenschen wie Pilatus.

Also wird der König ans Kreuz gehängt. Nackt, mit einer Dornenkrone. Wer will, kann sich einen Reim darauf machen.

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„Der König hängt am Kreuz.“ Immerhin, seine Würde haben sie ihm noch gelassen. Der Bericht des Johannes ist weniger grausam als die Erzählungen der anderen drei Evangelisten. Viele kleine Zeichen sind in dieser Geschichte verwoben, die zeigen, dass Jesus, auch wenn er zum Opfer gemacht wird, doch einen Rest Würde behält. Jesus bricht nicht unter dem Querbalken des Kreuzes zusammen und Simon von Kyrene muss ihm deshalb auch nicht das Kreuz tragen. Später, als er schon am Kreuz hängt, sieht er seine Mutter und den Jünger Johannes und er schafft eine Verbindung zwischen ihnen, indem er zu Maria sagt: „Dein Sohn“ und zu Johannes „Deine Mutter.“ Selbst im Sterben denkt er nicht an sich selbst, sondern an Andere. Sie sollen den Verlust, den sie erleiden, nicht so spüren, sondern getröstet werden.  Als er sagt: „Ich habe Durst“ wird ihm ein Schwamm mit Wasser und Essig gemischt gereicht und anders als in den anderen Evangelien kann er es trinken.  Und seine letzten Worte sind nicht wie bei Matthäus „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, sondern er sagt: „Es ist vollbracht.“

Es ist eine eigenartige Stimmung, die der Evangelist Johannes da erzeugt. Vielleicht merkt man es nicht beim ersten Lesen. Aber die meisten von uns haben ihn ja schon oft gehört; in Karfreitagsgottesdiensten oder anderswo. Es ist nicht mehr die Schwere der Berichte der anderen Evangelisten. Etwas wie Friede liegt über dieser Erzählung. Der Erlöser der Welt hat seine Aufgabe erfüllt und darf jetzt gehen. Das scheint mir der Sinn zu sein.

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Ja natürlich. Da kommt noch etwas. Da muss noch etwas kommen. Anders wäre es nicht auszuhalten, dass der, der für Gottes Sache einstand wie kein anderer, auf diese Weise stirbt, während andere, wie der Mörder Barabas oder die Priester, die den Justizmord anstoßen, einfach so davonkommen. Natürlich kommt da noch die Auferstehung Jesu, die klarmacht: Gott bekennt sich zu dem Gekreuzigten. Auch Johannes berichtet von ihr.

Und doch hat man bei Johannes das Gefühl, dass eigentlich schon alles gesagt ist. Jesus ist der von Gott gesandte Sohn, der Gottes Wahrheit verkündigt. Er erleuchtet den Weg der Seinen. Er schließt sich ganz nah mit ihnen zusammen, sodass nichts sie trennen kann.

Das jedenfalls scheint mir der Sinn dieses seltsamen Königstitels zu sein, den Pilatus Jesus anheftet und den der Evangelist bejaht, wenn auch aus ganz anderen Gründen. „Jesus, der König der Juden.“ Warum ausgerechnet dieser Titel? Vielleicht weil Jesus in Jerusalem eingeritten war wie ein König. Weil er seinen Einzug nach dem Sacharja Wort eingerichtet hatte, der da sagt: „Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und reitend auf einem Esel.“ Wahrscheinlich hat er selbst oder das Volk daraus den Anspruch des Messias abgeleitet.

Für Pilatus ist dieser Titel einfach nur lächerlich. Juden, die mit dem Anspruch auftraten, der Messias zu sein, gab es viele und wenn sie gefährlich wurden, wusste man sie zu beseitigen. Aber welchen Wert hat der Titel des „Königs der Juden“ für Johannes? Für den Evangelisten, der das kritischste Bild von den Juden hat. Für den, der unterscheidet zwischen denen, die Jesus anhängen und den „Juden“. Für den das Wort „Jude“ schon fast klingt wie  „Feind Jesu“.

Vielleicht hat er den Titel nur vorgefunden und wollte oder konnte ihn nicht mehr ändern. Aber er interpretiert ihn anders. Jesus ist nicht nur König der Juden. Er ist vielmehr der König all der Menschen, die ihm nachfolgen wollen. All derer, für die er die Wahrheit ist. All derer, die in seinem Sinn leben und sich für andere einsetzen wollen ohne dabei an sich selbst zu denken.  Wobei er ja wirklich  ein eigenartiger König ist. Einer ohne Szepter und ohne Krone, ohne Thron und ohne roten Teppich, der vor ihm aufgerollt wird. Ohne Limousinen mit Blaulicht, die vor ihm herfahren und die Vorfahrt erzwingen.  Wenn man an ihn glaubt und sich zu ihm bekennt, dann nicht weil man sich Einfluss und einen Posten erwartet, sondern nur, weil er einen mit seiner Art und seiner Wahrheit überzeugt hat. Man macht seine Sache zur eigenen Sache, weil man daran glaubt, dass sie gerecht ist. Dass sie sich durchsetzt, scheint eher unwahrscheinlich zu sein. So unwahrscheinlich wie die Auferstehung Jesu von den Toten.

Und das Kreuz? Es bleibt rätselhaft. Auch für den, der glaubt. Vielleicht ist es ein Zeichen der Selbstüberwindung. Nicht um des eigenen Vorteils zu handeln sondern um anderen beizustehen kostet Kraft.

Um diese Kraft sollten wir Gott immer wieder bitten.

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