Der Messias – ein Judenknecht – Predigt zu Römer 15,4-13 von Matthias Loerbroks

Denn was zuvor geschrieben wurde, wurde uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Beharrlichkeit und die Ermutigung der Schriften die Hoffnung haben. Der Gott aber der Beharrlichkeit und der Ermutigung gebe euch, untereinander dasselbe zu sinnen – gemäß dem Christus Jesus; dass ihr einmütig mit einem Mund den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht. Darum nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zur Verherrlichung Gottes. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Treue Gottes willen, um die Verheißungen an die Väter zu bekräftigen. Die Völker aber sollen Gott verherrlichen für sein Erbarmen, wie geschrieben ist: darum will ich dich bekennen unter den Völkern und deinem Namen Psalmen singen. Und wiederum heißt es: freut euch, ihr Völker, mit seinem Volk. Und wiederum: Lobt den Herrn, alle Völker, lobpreisen sollen ihn alle Völker. Und wiederum spricht Jesaja: die Wurzel Isais wird da sein, aufstehen wird er, um über die Völker zu herrschen. Auf ihn werden die Völker hoffen. Der Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, auf dass ihr reich seid in der Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.

 

Die Adventszeit ist nicht, jedenfalls nicht vor allem, innerliche und äußerliche Vorbereitung des Weihnachtsfests, obwohl besonders Letzteres ja immer ein bisschen unvermeidlich ist, sondern die Zeit, in der wir kräftiges und beharrliches Hoffen lernen. Im Advent werden wir aufgerüttelt und aufgestachelt, werden gestört in unserem Hang zur Resignation – man kann ja nichts machen – und zur Genügsamkeit: bloß nicht zu viel erwarten, um nicht enttäuscht zu werden. In den Bibeltexten unserer Adventsgottesdienste werden wir daran erinnert, dass Gott mehr versprochen hat, dass darum auch mehr von ihm zu erwarten ist als das, was Weihnachten, was mit der Geburt, mit dem Kommen Jesu Christi schon geschehen ist. Es kann ja keine Rede davon sein, dass mit diesem Ereignis bereits alles eingetroffen ist, was in den biblischen Schriften verheißen ist. Sondern es ist so, dass diese Verheißungen durch das Kommen Jesu bestätigt, bekräftigt, befestigt wurden. Seit Christi Geburt leben wir darum nicht in einer Zeit der Erfüllung, sondern erstrecht in einer Zeit der Erwartung. Die Adventszeit ist ein kurzer Grundkurs, um Hoffnung zu lernen, Erwartungshaltungen, ein inzwischen ja leider verpöntes Wort, einzuüben, eine Sonntagsschule der Hoffnung in vier Lektionen.

Der erste dieser Sonntag erinnert mit seiner Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem, seiner Begrüßung als und Proklamation zum König an den Palmsonntag, den Beginn der Karwoche, und so lernen wir, dass sein Leiden und Sterben die Hoffnungen, die er geweckt hatte, nicht widerlegen; dass sie im Gegenteil gerade seine Art und Weise sind, sein Königtum, das Reich Gottes durchzusetzen: seine Kreuzigung als Repräsentant seines Volkes macht ihn auch zum Befreier der Völker: der König der Juden ist zugleich der Heiden Heiland.

Am zweiten Adventssonntag geht es tatsächlich um den zweiten Advent Jesu Christi, seine zweite Ankunft, sein Wiederkommen: die Hoffnung, dass Gott durch seinen Sohn Jesus Christus diese Welt zurecht bringen, zufrieden machen, also Recht und Frieden durchsetzen, das Regime des Todes stürzen, allem Leid, allem Schmerz ein Ende machen wird, indem er einen neuen Himmel, eine neue Erde, eine neue Welt herbeiführt. Siehe, ich mache alles neu – das ist die Überschrift, das Ziel der apokalyptischen Visionen der Bibel, und so erinnert der zweite Advent ans Ende des Kirchenjahrs, den Ewigkeitssonntag. Wir lernen, uns nicht abzufinden mit der Welt wie sie ist, mit der Kirche wie sie ist, auf Jesus nicht nur erinnernd zurückzublicken, sondern ihm entgegenzusehen und entgegenzugehen: was immer noch auf uns zukommt, am Ende kommt Jesus auf uns zu, er ist unsere Zukunft. Angesichts der Katastrophen, die wir erleben und die uns bevorstehen, die wir etwas gedankenlos apokalyptisch nennen, sollen wir nicht ängstlich und bedrückt den Kopf einziehen, im Gegenteil: seht auf, erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung, eure Befreiung naht.

Am heutigen dritten Adventssonntag lernen wir, dass wir diese Verheißungen nicht nur froh und erleichtert hören, sondern auch etwas tun können, dem Kommenden den Weg bereiten, mindestens Hindernisse wegräumen, unsere Hoffnungen nicht nur mit Worten bezeugen, sondern tatkräftig. Die Adventszeit ist ja nicht nur Lernzeit, sondern auch eine Zeit der Umkehr: angesichts der hoffnungsvollen Perspektiven, die uns verkündet werden, können wir von Irrwegen und Sackgassen, in die wir mangels Orientierung geraten sind, umkehren, Wege mit Zukunft gehen und bahnen: macht alle Bahnen recht, die Tal lasst sein erhöhet, macht niedrig, was hoch stehet, was krumm ist, gleich und schlicht. Es war ein Prophet im babylonischen Exil, in dem es den Juden zwar materiell nicht schlecht ging, sie aber an geistiger Dürre, seelischer Verwüstung litten, der diese kühne Vision aussprach: der Gott Israels, der doch Himmel und Erde gemacht hat, will die neue Welt nicht ohne uns, an uns vorbei, über unsere Köpfe hinweg schaffen, sondern mit uns, traut und mutet uns zu, ausgerechnet in der Wüste ihm den Weg zu bereiten, Berge von Problemen wegzuräumen, trennende Schluchten und Abgründe aufzufüllen. Johannes der Täufer hatte diese prophetische Trostbotschaft für seelisch und geistig Verwüstete aufgegriffen, indem er demonstrativ in die physische Wüste ging, und die Aufforderung zum Erniedrigen und Erhöhen gesellschaftlich und politisch verstanden und verkündet: wer hat, gebe dem, der nicht hat.

Zur Wegbereitung des Kommenden, zum Wegräumen von Hindernissen wird uns nun im heutigen Predigttext vielleicht etwas überraschend noch ein anderes Betätigungsfeld empfohlen: das Verhältnis zwischen Christen und Juden, zwischen Israel und den Völkern, eine Geschichte, in der es in den Jahrhunderten des Christentums in der Tat zu besonders grässlichen Verwüstungen gekommen ist, was Paulus zwar noch nicht wissen konnte, aber wohl schon ahnte, jedenfalls gerade im Römerbrief abwenden wollte.

Zunächst: was zuvor geschrieben wurde, die Hebräische Bibel, unser so genanntes Altes Testament, wurde uns zur Lehre geschrieben. Wir Christen aus der Völkerwelt gehen in die Judenschule, wenn wir Bibel lesen, lernen wie Einwanderer nicht nur die Geschichte, sondern auch die Eigenarten, die Denkweise, die Wahrnehmung von Gott, Welt und Mensch unserer neuen Umgebung kennen. Mit den Worten eines großen Paulusschülers: zuvor wart ihr ohne Christus, getrennt von der Bürgerschaft Israels und fremd den Bundesschlüssen der Verheißung, hattet keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt, nun aber seid ihr nicht mehr Fremde, sondern Mitbürger der Heiligen (Israels) und Hausgenossen Gottes. Bibel lesen, die Hebräische Bibel lesen, so sagt es hier Paulus selbst, macht beharrlich, macht Mut, macht Hoffnung: dass wir durch Beharrlichkeit und die Ermutigung der Schriften die Hoffnung haben. Und die macht uns Jesusanhänger aus den Völkern fähig und bereit dazu, zusammen mit den Juden nicht nur einmütig, sondern wie aus einem Mund den Gott Israels, den wir als Vater Jesu Christi kennengelernt haben, zu loben und zu preisen.

Jesus, so hat es Paulus in seinem langen Römerbrief dargelegt und fasst es jetzt zusammen, hat große, entscheidende Bedeutung für Israel und für die Völker, aber nicht dieselbe. Ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Treue Gottes willen, um die Verheißungen an die Väter zu bekräftigen. Der Herr als Knecht, der Messias als Judenknecht, der König der Juden als Diakon seines Volkes. Wir sind es gewöhnt, das Verhältnis der beiden Teile der Bibel als Verheißung und Erfüllung zu beschreiben, aber für Paulus ist Jesus nicht die Erfüllung dieser Verheißungen, sondern ihre Bestätigung und Bekräftigung. Und das ist nicht wenig: dass Gott durch sich selbst in seinem Sohn seinen Bund mit Israel auf ewig fest macht, unabhängig von der Bundestreue oder -untreue Israels, ist etwas Großes und ist jedenfalls die Bedingung der Möglichkeit, auch uns in diese Geschichte hineinzuziehen. Denn für uns aus den Völkern bedeutet Jesus etwas anderes: wir erleben ein völlig überraschendes Erbarmen des uns zuvor weitgehend unbekannten Gottes Israels; wir kommen zur Bundesgenossenschaft mit diesem Gott – adventlich, weihnachtlich ausgedrückt – wie die Jungfrau zum Kind. Mit den Worten des greisen Simeon im Lukasevangelium: Christus ist ein Licht zur Aufklärung der Völker und zum Preis deines (Gottes) Volkes Israel. Christus ist gekommen, so sagt es der schon genannte Paulusschüler im Epheserbrief, und hat Frieden verkündet, euch, die ihr fern wart – also uns –, und Friede denen, die nahe waren – seinem Volk Israel.

Dass die Völker hinzukommen, dass es jedenfalls in fast allen Völkern eine Fraktion gibt, die zusammen mit den Juden den Gott Israels anbetet, lobt und preist, das versteht Paulus als einen Dienst des Christus an den Juden. Denn die Christen aus den Völkern können ja dazu beitragen, dass Israel errettet wird von seinen Feinden und aus der Hand aller, die es hassen; dass es, der Hand der Feinde entrissen, ohne Furcht seinem Gott dient, wie wir es vorhin im Evangelium hörten. Dass das bisher nicht geschehen ist, liegt an uns, nicht an Jesus, und zeigt uns, wo das Evangelium zur Umkehr von unseren Irrwegen hin zu Wegen mit Zukunft leitet, und auch zu dieser Umkehr und Wegbereitung gehört die Erniedrigung der Hohen und Hochmütigen, die Erhöhung der Erniedrigten, Gedemütigten. Denn Paulus sieht in der Diakonie des Christus für die Juden auch eine Platzanweisung für uns Christen. Er hat darum in all seinen Völkergemeinden eine Kollekte für die Gemeinde in Jerusalem, stellvertretend für ganz Israel, gesammelt: wenn die Völker von Israels geistlichen Gütern profitieren, ist es nur recht und billig, wenn Israel von den materiellen Gütern der Völker profitiert.

Paulus zitiert aus allen drei Teilen der Hebräischen Bibel: aus der Tora, aus den Propheten, aus den Schriften, um deutlich zu machen: das ist zwar Israels Bibel, handelt von der Entstehung und dem Werdegang dieses Volkes unter den Völkern, doch die anderen Völker sind in allen ihren Teilen im Blick in der Erwartung, auch sie werden sich aufklären lassen von dem Licht, das Israel aufgegangen ist. Und das ist auch uns zur Lehre geschrieben: Advent ist nicht nur die Zeit der Erinnerung daran, was wir noch zu erwarten haben, sondern auch daran, was von uns zu erwarten ist. Die Schriftzitate zeigen: wir werden erwartet.

Besonders sein Torazitat aus dem 5. Buch Mose ist so etwas wie die Überschrift des ganzen Römerbriefs, ja des ganzen Evangeliums von Jesus Christus: Freut euch, ihr Völker, mit seinem Volk! Paulus schließt mit einem Segenswunsch, in dem er die Verheißung aus dem Jesajabuch, auf ihn werden die Völker hoffen, mit dieser Freude verbindet: Der Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und mit Frieden im Glauben, auf dass ihr reich seid in der Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.

Von dieser Freude – freut euch, ihr Völker, mit seinem Volk! – dann mehr am nächsten, am vierten Adventssonntag, der vierten Lektion unserer Hoffnungssonntagsschule, wenn uns wiederum Paulus zurufen wird: Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: freuet euch! Der Herr ist nahe.

Amen.

Vorschläge zum Gottesdienst

Begrüßung mit Jesaja 40,3.10

1. Lied: 10,1-3 oder 281,1.2.5

Psalm 85,2-8

Gebet

1. Lesung: Jesaja 40,1-11

Da der Predigttext ein Paulustext ist, sollte die Lesung nicht noch ein Paulustext sein. Stattdessen schlage ich die AT-Lesung vor, zumal sie den Wochenspruch im Zusammenhang hören lässt.

2. Lied: 11,3-5 oder 7,4.5 oder 14,2.3 oder 286

2. Lesung: Lukas 1,67-79

3. Lied: 20,1-3 oder 39,4.5 oder 74 oder 323,2

Predigt

4. Lied: 293 oder 326,5.6.8 oder 317,5

Abkündigungen

5. Lied: 11,7-10 oder 365,1-4

Gebet, Vaterunser

6. Lied: 10,4 oder 14,5 oder 241,8

Segen