Der sanftmütige König - Predigt zu Matthäus 21,1-11 von Ulrich Pohl

Der sanftmütige König - Predigt zu Matthäus 21,1-11 von Ulrich Pohl

Der sanftmütige König

Die Eselin. Eine Verheißung, die sich erfüllt. Der Profet Sacharja. Palmzweige und Kleider. Der Sohn Davids. Hosianna. Diese Worte entführen mich unweigerlich in die Adventszeit. Und sie entführen mich zugleich an den Ort des Geschehens. Ich sehe die nur dürftig bewachsenen Berge, gehe die gepflasterte Straße entlang, die in die uralte Stadt hineinführt, stehe schließlich in einem der Stadttore, die aus riesigen Quadern gemauert sind. Jerusalem, Bethfage, der Ölberg, sie haben für mich einen feierlichen Klang. Es sind die Orte, an denen der Ursprung meines Glaubens liegt.

Es sind die Orte, an denen die neue Zeit ihren Anfang nahm, in die wir Jahr für Jahr aufbrechen. Es ist die Zeit aus Plätzchenduft und Kerzenlicht, aber auch aus Stille und Vorfreude. Die Zeit, die die besten Kräfte in mir zum Leben erweckt. Die Zeit der liebevoll gepackten Geschenke, der sorgsam gehüteten Verstecke. Zeit, die davon singt und klingt und vorliest und daran erinnert, dass die Dinge, die ich mir wirklich wünsche, nur geschenkt bekommen kann. Dass es vieles gibt, was ich mir nicht selbst, aber was ich anderen geben kann. Zeit, in der etwas auf mich zukommt und in der jemand auf mich zukommt. Der, an dem mein Leben hängt. Er, der damals in die Stadt Jerusalem eingezogen ist. Unter den Blicken der Neugierigen und den Hosianna-Rufen der Pilger.

Sanftmütig. Das ist das Wort, das mich von Anfang an am meisten angerührt hat. Als Kind klang es  für mich schön und geheimnisvoll zugleich. Noch schöner hörte es sich in seiner gesungenen Fassung an: „Sanftmütigkeit ist sein Gefährt‘“. Später, als Erwachsener, habe ich begriffen, dass in diesem Wort „sanftmütig“ alles angelegt ist, was kommt: Das Kind in der Krippe. Der Gottessohn, der die Menschen liebt. Der am Kreuz stirbt und aufersteht. Sanftmütig. Zählt man die Wörter unseres Bibelabschnittes – ob in der Ursprache oder in der Lutherfassung – steht dieses Wort praktisch genau in der Mitte.

Ein König, der sanftmütig kommt...
Können wir den brauchen?
Wird der sich durchsetzen können?
Kann der die Probleme meistern? Kann der den Despoten und Warlords, den Bandenchefs und Diktatoren Paroli bieten? Braucht es damals wie heute nicht einen, der Macht hat? Der die Kampfhähne in der Ukraine von einander trennt. Der ISIS stoppt. Der den Hedgefondsmanagern das Handwerk legt. Den Steuerbetrügern auf die Schliche kommt. Den Menschenhändlern den Nährboden entzieht. Tritt da einer sanftmütig auf - wird er doch ausgelacht! Wer sich dem großen Geld und seinen Handlangern in Politik und Rechtsprechung in den Weg stellt, der wird zur Not aus dem Verkehr gezogen. Mitunter sind sie schlimmer, als die römischen Besatzer damals. Mit einem Mausklick lassen sie Geldströme rund um den Globus fließen, können Landschaften vernichten und ganze Staaten zu Fall bringen. Ein sanftmütiger König, was richtet der aus? Wie kommt es, dass man ihn in den Stadttoren Jerusalems so sehnsüchtig erwartete?

Die Menschen damals hatten ihre Erfahrungen gemacht. Erfahrungen mit der Besatzungsmacht und Erfahrungen selbsternannten Anführern. Sie hatten durch die Jahrhunderte hindurch die Erfahrung gemacht, dass ein Aufstand, wenn er günstig verlief, zwar in die Freiheit führen mochte. Doch diese war nicht von Dauer. Binnen kurzem etablierte sich eine neue Führungsschicht. Und so hehr ihre Ziele auch anfangs gewesen sein mochten: Schon bald begannen die ersten, ihre eigenen Interessen in den Blick zu nehmen, Pöstchen in der Familie zu vergeben, es mit dem Recht nicht gar so genau zu nehmen. Dann kamen die Wendigen, die sich mit den neuen Herrschern ohne Skrupel arrangieren konnten. Längst gab es wieder die vom Volk so verhasste Palastwache, die Spitzel kamen wieder, die Privatarmeen. Es folgten die findigen Advokaten, die Gesetze passend zu machen verstehen. Die Großgrundbesitzer und Sklavenhalter, die die Arbeit verknappen konnten, die Löhne, die Nahrungsmittel. Bis schließlich der Verdienst eines Mannes nicht mehr zum Leben reichte. Dann war es Zeit, dass sich neuer Widerstand formierte, neue Aufrührer, neue Anführer… Die Leute in den Stadttoren Jerusalems kannten das. Sie sehnten sich danach, dass endlich einer kam, der die Spirale aus Unterdrückung Gewalt bleibend durchbrechen konnte. Wie es der Prophet Jeremia verheißen hatte, wir haben es eben in der alttestamentlichen Lesung gehört: Ein gerechter Sproß aus dem Hause Davids, der wohl regieren sollte, das Volk Israel in seinem Land sicher wohnen lassen würde, Recht und Gerechtigkeit aufrichten und dessen Macht eben nicht auf Soldaten und Schwertern, nicht auf geschicktes Taktieren und listige Manöver, sondern allein auf das Wort gegründet war, auf die Überzeugungskraft dessen, was er sagte und tat.

Der da unter dem Jubel der Menge in die Stadt einritt, dem eilte der Ruf voraus. Er könnte ein König sein, der für Gerechtigkeit sorgt, ohne dass man sich vor ihm fürchten muss. Der hatte die Spitzel der Machthaber mit Aufrichtigkeit entwaffnet. Hatte Egoisten durch Zuwendung geheilt. Hatte die Erbarmungslosen mit seiner Wehrlosigkeit barmherzig gemacht, hatte die Skeptiker mit seinen Taten überzeugt, hatte die Kaputten zurück ins Leben gebracht, die Lahmen gehen und die Blinden sehend gemacht. So einem waren die Menschen damals gerne bereit zu folgen. Denn in seiner Gegenwart fühlten sie sich selbst heil. Seine Gegenwart rief auch in ihnen die besten Kräfte wach.

Die ihn bejubelten beim Einzug in Jerusalem, haben ihn, auf dem ihre Hoffnungen ruhten hatten, am Ende am Kreuz sterben sehen. Viele konnten nicht anders, als ihren Blick abwenden. Enttäuscht und ernüchtert. Doch dann begannen die ersten daran zu glauben, dass er am dritten Tag auferstanden sei. Sahen ihn in den Himmel auffahren. Und verbreiteten die Hoffnung, dass er dort zur rechten des himmlischen Vaters sitzen und einstmals wiederkommen würde.

Diese Hoffnung hat sich unter uns gehalten bis auf den heutigen Tag. Er wird wiederkommen!
Das Warten darauf und die Hoffnung hat die Christenheit durch ihre Geschichte hindurch kultiviert. Christen sind Menschen in Erwartung. Und diese Erwartung hat ihre besondere Jahreszeit: Den Advent, der übersetzt schlicht heißt: Er kommt.

Warten und hoffen heißt: Die Gegenwart von der Hoffnung her so zu gestalten, dass sie dem, worauf wir hoffen, entspricht. Ich sehe die offenen Tore der Stadt Jerusalem. Und ich mache mich bereit, meine Türen denen zu öffnen, die bei uns stranden. Denen, die in ihrer Heimat verfolgt, unterdrückt oder vertrieben werden, stehen meine Türen offen. Ich mache mich bereit dazu, zu teilen, was ich habe. Mich auf weniger einzustellen. Ich möchte leben, als wäre er selbst es, der da zu mir kommt, er, auf den wir seit zweitausend Jahren warten.

Ich sehe den sanftmütigen König in seine Stadt einziehen. Und entschließe mich, daran mit zu arbeiten, dass in unser Gemeinwesen der Geist der Gewaltlosigkeit einzieht, der Vorrang des guten Arguments. Dazu gehört auch, dass ich denen eine unmissverständliche Absage erteile, die die Verrohung in unserer Gesellschaft vorantreiben. Ganz gleich ob sie dies unter dem Deckmäntelchen ihrer Religion tun. Oder unter dem Deckmäntelchen eines wie immer auch verstandenen nationalen Bewusstseins. Gewalt hat in der Gesellschaft des sanftmütigen Königs Jesus Christus keinen Platz. Diese Absage gilt auch denen, die diese Gesellschaft auf scheinbar ganz legale Weise aushöhlen, durch Steuersparmodelle, Profitgier und klug eingefädelten Betrug.

Ich möchte mich einsetzen. Ich möchte teilen. Ich möchte Position beziehen. Und ich möchte zur Ruhe finden. Ich möchte die Türe meines Herzens öffnen. So wie es in der fünften Strophe des ersten Liedes unseres Gesangbuches steht: Oh komm mein Heiland Jesu Christ, mein‘s Herzens Tür dir offen ist … Ich möchte, dass er bei mir ankommt. Ich möchte bei mir selbst ankommen. Möchte ankommen bei denen, mit denen ich zusammenlebe. Möchte etwas fühlen von dem, was mich beschäftigt - und von dem was sie beschäftigt. Ich möchte wieder neu Zugang zu ihnen bekommen. Ich versuche still zu werden und die Stille auszuhalten. Eine Stunde am Sonntagnachmittag, eine Kerze, Stille und nichts sonst.

Ob er in diesem Jahr wiederkommt, er, auf den die Christenheit seit nunmehr 2000 Jahren wartet? Wiederkommt in Sanftmut und diesmal doch in göttlicher Macht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Ich möchte so leben als ob. Der Advent ist die Zeit, die mir dazu Zeit gibt.