Der Seelen Seligkeit - Predigt zu 1. Petrus 1,1-9 von Martin Weeber

Der Seelen Seligkeit

Petrus, ein Apostel Jesu Christi, an die auserwählten Fremdlinge, die verstreut wohnen in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien, 2 die Gott, der Vater, ausersehen hat durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!
3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.


„Eine ruhige Nacht und ein seliges Ende gewähre uns der allmächtige Herr.“
Mit dieser Segensbitte endet in vielen klösterlichen Gemeinschaften die Komplet, das letzte gemeinsame Gebet des Tages.
Ein seliges Ende nimmt auch der heutige Predigttext in seinen Blick – an seinem Ende:
Das Ziel des Glaubens ist „der Seelen Seligkeit“.
Am Ende, ganz am Ende steht die Seligkeit.
Der Weg zur Seligkeit freilich, der ist gekennzeichnet durch zeitweise Traurigkeit und durch „mancherlei Anfechtungen.“
„Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen.“
Petrus schreibt diese Worte an eine Gemeinde, die offensichtlich allerlei Schwierigkeiten erlebt. Er will sie stärken, indem er sie hinweist auf das Ziel, das am Ende ihres Glaubens- und Lebensweges steht. Die Bedrohungen der frühen christlichen Gemeinden waren teils dramatisch, und dramatischen Bedrohungen sind Christen in manchen Weltgegenden heutzutage auch wieder ausgesetzt. Wir hingegen leben als Christen heute und hierzulande in Frieden und frei von Bedrohung. Ein Zustand, der wir oft vielleicht gar nicht hoch genug schätzen.
Und trotzdem kennen auch wir die Momente der Traurigkeit, und auch wir kennen das, was Luther in seiner Übersetzung so schön als „mancherlei Anfechtungen“ beschreibt. Auch wir machen die Erfahrung, dass das Leben nicht allezeit ein Spaziergang bei Sonnenschein und in lauen Lüften ist.

Kennen wir auch noch die Vorstellung, dass unser Leben nicht nur ein Ende hat, sondern auch ein Ziel?
„Eine ruhige Nacht und ein seliges Ende gewähre uns der allmächtige Herr.“

Mich fasziniert die Beschreibung des Lebenszieles, die am Ende unseres Predigttextes gegeben wird: „Der Seelen Seligkeit.“

Wie soll ich mir, wie darf ich mir eine selige Seele vorstellen?

Goethes Gedicht „An den Mond“ fällt mir ein.
Da heißt es am Ende:

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Was, von Menschen nicht gewusst
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.


Ein inniges Bild der Freundschaft:
Gemeinsamer wortloser Genuss seelischer Freuden.
Tiefe Verbundenheit, tiefe Einigkeit.

Der Freundschaftskult der Goethezeit ist uns heute wohl ein wenig ferngerückt, aber so ganz unnachvollziehbar ist uns Goethes Beschreibung dann doch nicht.

Wer selig ist, dem fehlt es an nichts mehr.
Er denkt nicht mehr an das, was war.
Er hat keine Wünsche mehr für das, was kommen soll.
Er geht einfach ganz auf im Genuss des Augenblicks.

Freilich gibt es einen entscheidenden Unterschied, nein, es gibt zwei entscheidende Unterschiede zwischen dem, was sich Goethe unter der Seligkeit vorstellt und dem, was sich der neutestamentliche Briefschreiber als „der Seelen Seligkeit“ ausmalt.

Zum einen schließt Goethes Freundschaftsseligkeit alle anderen aus:

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt…


Das ist doch eine sehr private und sehr beschränkte Vorstellung von Seligkeit.
Der neutestamentliche Briefschreiber hat hingegen mindestens die selige Gemeinschaft aller Christen im Blick. Die christliche Seligkeit stellt er sich als eine gesellige Seligkeit vor.
Die Christen sind erst dann richtig selig, wenn keiner von der Gemeinschaft ihrer Seligkeit ausgeschlossen ist. Die christliche Seligkeitshoffnung ist eine Gemeinschaftshoffnung.
Der große Theologe Friedrich Schleiermacher konnte es sich deshalb auch nicht richtig vorstellen, dass am Ende nicht alle, wirklich alle Menschen an der Seligkeit teilhaben sollten.
Erst wenn alle selig seien, so sagte er, seien auch alle erst wirklich selig. Denn wenn ich sehe, dass da noch irgendeiner irgendwo unselig ist, dann kann meine eigene Seligkeit noch nicht vollkommen sein.
Es ist, wenn Sie mir den saloppen Vergleich gestatten, wie bei einer Party: Da möchte ich als Gastgeber auch, dass sich wirklich alle Gäste richtig wohlfühlen. Erst wenn dieser Zustand erreicht ist, ist das Fest wirklich schön und gelungen.
Und dann gibt es da noch den anderen großen Unterschied zu Goethes Vorstellung von Seligkeit: Goethe stellt sich die Seligkeit als einen Zustand vor, der sich immer mal wieder in der Gegenwart einstellt. Aber diese Zustände sind immer nur vorübergehend. Wenn die Sonne des Alltags wieder aufgeht, dann sind die nächtlichen Seligkeitszustände zu Ende.

Da denkt Petrus, der Briefschreiber, anders: Für ihn kommt die Seligkeit erst am Ende. Aber dann bleibt sie auch bestehen.

„Eine ruhige Nacht und ein seliges Ende gewähre uns der allmächtige Herr.“

Das selige Ende kommt am Ende, aber es hat kein Ende.

Vorteil der Seligkeit à la Goethe:
Seligkeit schon jetzt.
Nachteil: Seligkeit immer nur für kurze Momente.

Nachteil der christlichen Seligkeit:
Seligkeit erst am Ende.
Vorteil: Dauerhafte Seligkeit, ewige Seligkeit.

Die frommen Dichter früherer Zeiten konnten diese ewige Seligkeit wunderschön beschreiben. Philipp Nicolai etwa, der zwei unserer schönsten Gesangbuchlieder gedichtet hat, der hat ein großartiges Buch geschrieben: „Freudenspiegel des ewigen Lebens.“ Im Jahre 1599 hat er es verfasst, in einer Zeit, die alles andere als friedlich und angenehm war. Philipp Nicolai war zu der Zeit Pfarrer in der Stadt Unna, und dort wütete zu der Zeit die Pest.
Nicolai beschreibt in seinem „Freudenspiegel“ in aller Ausführlichkeit alle Schönheiten des Lebens in der Ewigkeit.
Ich nenne einfach, um Ihnen eine Vorstellung von diesem Buche zu geben, ein paar Kapitelüberschriften.
Da gibt es etwa ein Kapitel darüber, dass „Gottes Stimme im Himmel das allerfröhlichste ist, das die Ohren erfreut und sättigt.“ Ein anderes Kapitel handelt davon, dass Gott im Himmel „seine Kinder freundlich küsst.“ Ein weiteres Kapitel beschreibt „die selige Gemeinschaft mit den Patriarchen, Propheten, Aposteln und allen gottseligen Menschen.“

Wir lesen solche Bücher heute in der Regel nicht mehr. Unsere Nüchternheit macht uns da einen Strich durch die Rechnung. Wir sind es gewohnt, alles auszublenden und wegzudenken, was sich nicht irgendwie belegen und beweisen lässt. Aber ich denke, es geht uns da etwas verloren, wenn wir diese ganze Hoffnungswelt überhaupt nicht mehr auf uns wirken lassen.
Nur in den Deckengemälden barocker Kirchen begegnet sie uns noch oder in manchen Bildern in den großen Museen.

Und sie begegnet uns noch in manchen der alten Gesangbuchlieder. Etwa in den beiden von Philipp Nicolai gedichteten: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ (EG 70) und „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (EG 147).

Die Osterzeit übrigens will uns dazu ermuntern, gerade nicht alles auszublenden und wegzudenken, was sich nicht irgendwie belegen und beweisen lässt: Gottes Möglichkeiten übersteigen unsere Vorstellungskraft bei weitem. An der Auferstehung Jesu soll uns das aufgehen: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,  zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch.“

Sollen wir’s nun als Menschen unserer Zeit eher mit Goethe halten oder eher mit dem Neuen Testament?
Die Antwort ist wohl klar.
Und trotzdem dürfen wir auch die vergänglichen Augenblicksewigkeiten schätzen, denen Goethe solch ein schönes sprachliches Denkmal gesetzt hat.

Wunderbar übrigens, mit welcher Kapitelüberschrift Philipp Nicolais „Freudenspiegel des Ewigen Lebens“ endet. Sie lautet: „Das Erkennen der Freunde.“
Auch im Himmel gibt es also die Freundschaftsseligkeit. Freilich ist sie dann eingebunden in die alle umfassende Seligkeit.
Vielleicht ist ja der Gegensatz zwischen beiden Vorstellungen von Seligkeit doch gar nicht so groß.
Einen erfreulichen Sonntag, eine gute Woche und ein seliges Ende gewähre uns allen der allmächtige Herr.
Amen