Die Fürbitte schützt vor Allmachtsphantasien – Predigt zu Epheser 3,14-21 von Heinz Behrends

Die Fürbitte schützt vor Allmachtsphantasien – Predigt zu Epheser 3,14-21 von Heinz Behrends

Sie haben jeden Morgen gemeinsam für andere gebetet. Sie haben die Namen genannt der Menschen, von denen sie wussten, dass sie krank sind oder sich um ihre Kinder sorgen. Und die Losung haben sie dazu gelesen. Aber jetzt sitzt sie ratlos an seinem Bett im Krankenhaus. Der Arzt ist gerade da gewesen. Er hat die schlechte Nachricht überbracht. Prostata. Heilung ist nicht in Sicht, hat er gesagt. Nun fühlt sie sich wie herausgeschossen aus einem sicheren Leben von 36 Ehejahren. Einen Schrei zu Gott, nein, sie bleibt stumm. Eine Bitte? „Herr, hilf“. Geht nicht mehr. Es scheint niemand mehr zu hören. Beten aus leerem Herzen geht nicht. Für andere beten in guten Zeiten, das ging. Jetzt ist sie sprachlos. Nicht mal wütend ist sie auf Gott. Sie geht in die Krankenhaus-Kapelle, es ist eine katholische Klinik. Ein großer Raum, Kerzen brennen, von hilfesuchenden Betern entzündet. Unter der Decke hängt eine sogenannte Installation eines  Künstlers. Spruchbänder in gelb-weiß hängen herab: „Du und ich“ steht drauf. Sorge dich nicht. Runterreißen könnte sie sie. Wie soll man in diesem Raum keine Sorge haben! Vorne links der Seitenaltar mit der großen Statue. Maria mit ihrem Schutzmantel. Maria. „Gottesmutter, bete für uns“, steht da. Damit kann sie als Protestantin nichts anfangen. Sie fühlt sich als säße sie in einem still gelegten Bahnhofsrestaurant, in dem niemand mehr bedient. Ringsherum 10 Leidensstationen Christi auf dem Weg zum Kreuz. Das geht schon eher. Der leidende Gott. Der versteht mich. Aber hilft er auch? Warten ohne noch etwas zu erwarten, das ist die totale Leere und Ratlosigkeit.

Die Nachricht vom Leid ihres Mannes spricht sich schnell herum. „Wir beten für ihn“, sagen manche. Sie hört das sehr unterschiedlich. Manchmal als Floskel, manchmal treibt es ihr die Tränen in die Augen. Ob ihn das gesund macht? Aber es tut gut. Andere bringen ihren Mann vor Gott, was sie selbst im Augenblick nicht kann. Nun berichtet sie allen, die für ihn beten, alle paar Tage, wie es ihrem Mann geht, damit ihr Gebet konkret ist. Eine Adress-Datei in ihrem email-Ordner mit vielen Namen. Eine Verbundenheit wächst ohne Floskeln, unaufdringlich. Das ist die Kraft der Fürbitte.

Christian bekam mit 5 Leukämie. Drei Tage nach der Diagnose mußte sein Vater  -noch völlig gelähmt von der bedrohlichen Situation- in der großen Innenstadtkirche  über die Heilung des Gelähmten predigen. Die Geschichte, in der vier Männer ihren gelähmten Freund zu Jesus tragen, ihn sogar wegen der verstopften Türen durchs Dach lassen. Da heißt es „Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er: Steh auf. Du bist gesund.“

Wenn ich selber nicht mehr kann, nicht mehr gehen, nicht mehr beten kann, dann sind da vier Andere, die glauben und sprechen für mich. Die Pfarrfamilie versucht, die zwei Jahre Therapie gemeinsam durchzustehen. Bei einem Partnerschaftsbesuch einer Kathedrale in England erzählen die ökumenischen Freunde: „Wir haben in unserem evening prayer, unserem Abendgebet, jeden Abend für Christian namentlich gebetet“. Zum ersten Mal mußte der Vater, der Seelsorger, hemmungslos weinen. Es löste sich so viel an Anspannung. Menschen hatten sich, ohne davon Aufhebens zu machen, verbunden mit seiner Familie im Gebet. Eine Schlüsselerfahrung mit der Fürbitte.

Die Kraft der Fürbitte. Sie vertreibt die Krankheit nicht, aber sie schafft Verbundenheit, andere bringen mich wieder zu Gott zurück.

 

Von der Kraft der Fürbitte spricht der Apostel im Brief an die Epheser. Aber nicht von der persönlichen Fürbitte in Krankheit. Er betet für die Gemeinde.

„Dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist am inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt seid.“

Er betet nicht: Gott, schenke Frieden für die Welt. Bittet Gott nicht um das, was ihr selber tun müsst. Also nicht: lass Frieden in Syrien werden. Das müssen Menschen hinkriegen. Oder: Bewahre die Schöpfung. Nein, das ist konkrete Alltagsaufgabe eines jeden Menschen. Lass die Kirche nicht um sich selber kreisen. Nein, das ist in die Verantwortung von Menschen vor Ort gegeben.

Die Fürbitte des Apostels für die Gemeinde geht tiefer. Ich bitte, „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne“. Glaube in euch wohne. Christus ist euer Mitbewohner. Kein Hausbesetzer, kein Gast, der wieder geht, kein Mieter mit Kündigungsfrist.  Eine Wohngemeinschaft seid ihr. Wenn Christus durch den Glauben in Euren Herzen wohnt, dann seid Ihr in ständigem Miteinander von einem Vertrauen getragen.

Ich bete für euch, dass ihr in der Liebe verwurzelt seid. Nicht Liebe in euch verwurzelt, sondern ihr in der Liebe. Wie ein großer Garten voller Blumen, rot und gelb und blau ist das Feld der Liebe, mittendrin ihr, DU, verwurzelt. Und sie wächst. Das ist seine Fürbitte. O Gott, wie weit bleiben wir dahinter zurück! Wie nötig das Gebet.

Glaube und Liebe. Großmutter und Großvater nehmen ihr Enkelkind mit zu einer Hochzeitsfeier. Paula ist 18 Monate alt. Sie wollen ihre alleinerziehende Tochter entlasten. Es gibt ein langes 4-Gänge-Menue, es werden Reden gehalten, es wird getanzt. Die Kleine läßt sich durch nichts stören. Sie hat gegessen, wenn sie Hunger hatte, auf dem Boden versonnen gespielt, gewippt zu der Musik von Akkordeon und Klarinette, geschlafen auf dem Schoß der Großmutter, durch den Saal gerannt, die Fremden fröhlich angeschaut. Von mittags bis abends mitten dabei. Unkompliziert. „Das muss ein Kind der Liebe sein“, sagt beim Abschied die Braut. Sie ist in einem Garten der Liebe aufgewachsen. Ja, wenn das Vertrauen in mir wohnt und ich in der Liebe verwurzelt bin, kann ich einfach dabei sein. Es muss nicht schreien: „Das will ich aber haben.“ Sich nicht durch Ungezogenheiten Aufmerksamkeiten verschaffen.

„Ihr werdet die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr werdet erfüllt mit der ganzen Gottesfülle.“ Menschen unserer Tage sind nicht erfüllt, sondern abgefüllt. Mit schlechten Nachrichten, mit Belanglosigkeiten des Fernsehens, mit der unruhigen Hast nach Erlebnissen. Die Lehrer der Meditation lehren uns, dass ich mich entleeren muss, ehe ich erfüllt werde.

Wie kann man so beten? Die Antwort des Apostels steht am Anfang: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater.“ Ich gehe in die Knie angesichts meines Unglaubens. Wovor beuge ich meine Knie? In den letzten Jahren geht unsere Kultur vor der Finanzwelt in die Knie. Geht in die Knie vor den Machtgebaren der neuen Diktatoren, vor dem neu erwachten Nationalismus, den Mauerbauern, den Besserwissern. Willy Brandt hat in Warschau vor dem Mahnmal gekniet und damit Versöhnung ausgelöst.

Ich beuge meine Knie vor Gott, meinem Vater. Ich schaue von mir weg. Gebe mein Leben in seine Hand. Demut vor Gott als Lebenshaltung. Ich muss nicht um jeden Preis um meine Selbstbestimmtheit kämpfen,  Meine Souveränität ist, dass ich auf meine Souveränität verzichten kann.

Das alles bittet er für die Gemeinde. Bitter nötig haben wir das: Betet für den Glauben und die Liebe in der Gemeinde, für die Kirche, denn kostbar ist sie.

Was wäre, wenn es die Kirche nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der Stille. Es gäbe keinen Raum, in dem die Wörter wie Barmherzigkeit Seligkeit, Nächstenliebe, Gnade ihren Platz haben.  Die Poesie der Psalmen hätte keine Heimat mehr. Es gäbe keinen Ort mehr, in dem die Namen der Toten genannt werden. Keine Ort, in dem Glocken läuten und Chöre singen. Keine Haltestellen mehr für die Seele. Darum gut, für die Kirche zu beten.

 

Die Fürbitte verbindet mich mit dem, für den ich bete. Die Kraft der Fürbitte. Sie macht nicht gesund, aber sie bringt uns zu Gott zurück. Sie schützt mich vor Allmachtsphantasien und Macht-Ansprüchen. Sie zeigt mir meine Bedürftigkeit.

Der Apostel betet für die bedürftige Gemeinde. Das rührt mich an wie die Fürbitte in der Kathedrale in Bristol den Vater anrührt.

So schließt das Gebet des Apostels dann auch: „Dann gibt er über das hinaus, was wir bitten, nach der Kraft, die in uns wirkt. Ihm sei allein die Ehre“. Nach der Kraft, die in uns wirkt.