Ein Wort für die Nacht – Predigt zu Jesaja 51,1-8 von Kathrin Nothacker

Wir wünschen uns ein Wort für die Nacht. Für den Jahreswechsel, der kommt. Für das unbekannte Land, das vor uns liegt. Gottfried Benn hat gedichtet:

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen, erkanntes Leben, jäher Sinn, die Sonne steht, die Sphären schweigen, und alles ballt sich zu ihm hin.

Wir wünschen uns ein Wort für die Nacht. Für den Jahreswechsel, der kommt. Ein Wort, auf das wir uns konzentrieren und besinnen können. Ein Wort, das Trost und Hoffnung gibt für das unbekannte Land, das vor uns liegt. Es ist ein Wort des Propheten Jesaja, ein großes Gedicht, kunstvoll komponiert, das uns für diesen Jahreswechsel 2018/2019 mitgegeben wird. Jesaja 51, 1-8: Hört mir zu, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den Herrn sucht: Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid, und des Brunnens Schacht, aus dem ihr gegraben seid. Schaut Abraham an, euren Vater, und Sara, von der ihr geboren seid. Denn als einen Einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu mehren. Ja, der Herr tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang. Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen. Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit kennt, du Volk, in dessen Herzen mein Gesetz ist! Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen! Denn die Motten werden sie fressen wie ein Kleid, und Würmer werden sie fressen wie ein wollenes Tuch. Aber meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für.

„Hört mir zu, schaut her, merkt auf, hebt eure Augen auf“ – die Imperative scheinen gar kein Ende zu nehmen. Schaut weg von euch! Lasst eure schweren Gedanken in dieser einen Stunde heute Abend einmal ruhen. Denkt nicht an euch! Lasst eure eigenen Sorgen nicht wachsen. Sondern schaut einmal auf. Und von euch weg. Da klingt nochmal das Wort aus dem Advent nach: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Ein Blick auf die Realität

Der Blick von mir weg, ist aber keine Realitätsverweigerung. Die Realität mit ihrer ganzen Vergänglichkeit ist schmerzlich präsent. Da ist von der Wüste und vom dürren Land die Rede. Wenn wir auf dieses Jahr und den extrem heißen Sommer in unseren Breitengraden zurückblicken, dann macht uns das schon Sorge. Die Flüsse haben sich noch immer nicht von der Trockenheit erholt und die Wälder auch nicht, und die Experten weisen darauf hin, dass der Klimawandel auch uns erreicht und dies ganz konkrete Folgen für unser Leben hat. Für das, was auf unseren Feldern in Zukunft wachsen wird und was nicht. Für die Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen und welche nicht. Für unseren Konsum, was wir essen, was wir trinken, womit wir uns kleiden und was uns wärmen wird – und was nicht.

Und wenn in diesem alten Text von den Inseln geredet wird, die auf Gott harren und auf seinen Arm warten, dann stehen mir die Regierungschefs der pazifischen Inselstaaten vor Augen, die auf der Weltklimakonferenz in Kattowitz vor allem die großen Industrienationen so verzweifelt darum gebeten haben, alles dafür zu tun, die Klimaerwärmung aufzuhalten. Denn ihre Inseln werden untergehen, ihr Lebensraum wird einfach im Meer versinken, weil Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel nicht bereit sind, ihren Wohlstand ein wenig einzuschränken und die nötigen Strukturveränderungen schnell in die Wege zu leiten. „Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm“.

„Die Erde wird wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben.“ Alle zehn Minuten stirbt ein Kind im Jemen an Unterernährung. Nach Schätzung von Hilfswerken sind im Jemen zwischen April 2015 und Oktober 2018 85.000 Kleinkinder an Hunger und Krankheit gestorben. Und die Situation spitzt sich weiter zu, wenn es nicht sehr bald eine politische Lösung für den Jemen gibt und die unsäglichen militärischen Stellvertreterkriege ein Ende nehmen.

Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Der Blick auf die Realität löst eine große Sehnsucht nach Gerechtigkeit aus. Gerechtigkeit ist der cantus firmus dieses Liedes. Der Kehrvers des Gedichtes. Viermal kommt es vor. Viermal wiederholt. Viermal von Gott gesprochen: „Ihr, die ihr die Gerechtigkeit kennt“. „Aber meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“ „Meine Gerechtigkeit ist nahe.“ „Meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich“.

Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit ist groß in dieser Welt. Und auch drängend. Es geht schon in unserer kleinen und nahen Welt so ungerecht zu. Auch in unserem reichen Land, im reichen Europa gibt es immer mehr Superreiche und immer mehr Menschen, vor allem Kinder, die unter der Armutsgrenze leben. Etwas ist aus dem Lot geraten. Die sozialen Unruhen in unserem Nachbarland Frankreich zeugen davon. Gerechtigkeit ist ein Sehnsuchtswort, eins, zu dem sich – um mit Gottfried Benn zu sprechen – „alles in uns hinballt“. Und es ist ein Sehnsuchtswort geblieben, obwohl es in fast allen Parteiprogrammen auftaucht. Vielleicht gerade deshalb. Gerechtigkeit hat in der Bibel immer etwas damit zu tun, dass Recht geschaffen wird, sich das Recht durchsetzt und dass Barmherzigkeit geübt wird. Gerechtigkeit ist nicht zu denken ohne diese Korrespondenz von Recht und Barmherzigkeit.  Gerechtigkeit ist auch nicht zu denken, ohne dass Gott und Mensch miteinander wirken. Kleine menschliche Schritte zu mehr Gerechtigkeit und die Hoffnung darauf, dass Gott seine Gerechtigkeit, sein Reich aufrichten wird. „Blinde werden sehen und Lahme gehen und den Armen wird das Evangelium verkündigt.“

„Meine Gerechtigkeit bleibt ewiglich und mein Heil für und für“, sagt Gott. Große Worte. Können wir sie in diese unsere Welt übersetzen? Der Abstand ist so groß zwischen dem, was wir sehen und dem, was wir uns wünschen. Der Abstand ist so groß zwischen dem, was wir erleben und dem, was wir erhoffen. Und Sie und ich, wir tun ja gern unseren Teil im Hinblick auf Recht und Barmherzigkeit. Aber vermögen wir letzten Endes gerecht zu leben? Und denen, die unter großer Ungerechtigkeit leiden, wirklich Gerechtigkeit zu verschaffen. Den Hungernden, den Versklavten, den Leidtragenden, den Kranken, den Verlassenen?

Gott sagt: „Mein Heil bleibt ewiglich und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“ Das Wort in diese Nacht des Jahreswechsels hinein ist ein großes Wort, ein Gotteswort. Es klingt hinein – wie ein Glockenschlag. Ist Zeichen einer größeren Wirklichkeit, einer noch anderen Dimension. Und vielleicht ist es so, dass wir heute nicht unbedingt zum Handeln aufgefordert werden, nicht zum Nachdenken, wie wir alles besser und gerechter machen können. Sondern vielmehr staunen dürfen, dass es etwas gibt, was größer ist als das, was wir können, vermögen, sehen, leisten. „Meine Gerechtigkeit ist nahe und mein Heil tritt hervor“. Später heißt es: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.“

Wie ein Glockenschlag klingt es in die Nacht. Unser Gott ist größer als das, was wir denken und verstehen und tun und sehen können.

Hilfe ist da

Noch einmal Gottfried Benn, der Dichter und Pfarrersohn:

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf, ein Sternenstrich – und wieder Dunkel, ungeheuer, im leeren Raum um Welt und Ich.

Nein, nicht „wieder Dunkel, ungeheuer, im leeren Raum um Welt und ich.“ Sondern: Heil, Hilfe, Befreiung schafft Gott. Das ist seine ganz konkrete Zusage. Ich will euch helfen, Licht in die Nacht zu bringen, ich will euch aus dem Dunkel befreien, ich will den leeren Raum in und um euch füllen. Immer wieder. Wenn der Tod seine Schatten wirft, weil die Diagnose der Ärzte schlecht ist. Wenn Beziehungen zerbrochen sind oder am Zerbrechen sind und die Zukunft wie dunkle Nacht ist. Wenn die Verletzungen in der Familie, zugefügte und erlittene, großen Raum einnehmen. Wenn die berufliche Zukunft unklar ist und die Sorgen um die Existenz das Denken blockieren. „Meine Hilfe ist nahe“, sagt Gott. „Mein Heil ist nahe.“ Das hebräische Wort dafür heißt: Jeshua.

Mit Gottes Hilfe

Ich erinnere mich an eine sehr fromme alte Tante. Sie hat viele Sätze abgeschlossen: Mit Gottes Hilfe. Mit Gottes Hilfe werden wir uns wiedersehen. Mit Gottes Hilfe werden wir das Haus bauen können. Mit Gottes Hilfe schlafen wir ein und wachen morgen früh wieder auf. Mit Gottes Hilfe wirst Du Deine Prüfung schaffen und einen Beruf finden. Mit Gottes Hilfe kommen wir vom alten Jahr hinüber ins neue.

Ich habe diesen Ausspruch früher immer etwas belächelt. Und er erschien mir als junger Mensch auch irgendwie zu fromm. Heute hat er für mich nichts Formelhaftes mehr. Es ist ja so, dass so viele Dinge, die wir uns vornehmen oder die auf uns zukommen und bewältigt werden müssen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen, zu groß und zu schwer für uns sind. Auch die Angst und die Sorge um das Morgen. Es ist gut, dass ich sagen kann: Mit Gottes Hilfe. Da ist eine große und starke Macht, die hilft.

„Meine Hilfe ist nahe“. Jeshua. Jesus.

Jeshua

Von Sophie Scholl wird erzählt: Als sie sich kurz vor ihrer Hinrichtung von ihrer Mutter im Gefängnis verabschiedete, brachte die Mutter kein Wort über die Lippen. Nur das: „Gelt Sophie, Jesus.“ Und Sophie antwortete nur das eine: „Ja, aber du auch, Mutter.“

Gehen wir mit dem Kind in der Krippe, dessen Ankunft uns vor wenigen Tagen froh gemacht hat, getrost vom alten Jahr ins neue. Gehen wir mit Jesus über die Schwelle des Jahres. Getrost, voller Hoffnung, dass es ein Jahr des Herrn werden wird, ein anno domini. Getröstet, dass Gottes Hilfe und Heil ewig bleiben und seine Gerechtigkeit nicht zerbrechen wird. Amen.