Eine Erfolgsstory: Korn, das in die Erde fällt - Predigt zu Lukas 8,4–8+15 von Ulrich Kappes

Eine Erfolgsstory:  Korn, das in die Erde fällt

Unser Evangelium beginnt poetisch: „Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen.“
Lukas überliefert uns ein Gleichnis unseres Herrn, das man auch als Gedicht verstehen kann. Ein gutes Gedicht ist wahr, aber deshalb nicht „richtig“. Der Dichter ist kein Tatsachenreporter. Er will eine Wahrheit weiter geben, die in Form einer Tatsachenschilderung nicht zu übermitteln ist. So ist es auch hier.

Wir stoßen uns bereits daran, wer denn als „Sämann“ im Gleichnis gemeint sein könnte und wofür das „Samenkorn“ steht.
Ist das Samenkorn „Gottes Wort“, dann ist die Folgerung, dass Gott selbst der Sämann ist. Das geht aber nicht, denn Gott kann nichts falsch machen. Sein von ihm ausgestreuter Samen kann nicht neben den Acker auf den Weg oder auf Steine oder gar mitten unter die Dornen fallen.

Meint sich Jesus selbst und seine Erfahrung als Wanderprediger? Drei von vier seiner Predigten gingen danach ins Leere, blieben nicht in den Herzen der Menschen haften? Ist es ein Text der Resignation?
Dagegen sprechen die vorangehenden Kapitel. Es ist unmittelbar davor von Frauen die Rede, die auch zu seinem Kreis gehörten, nicht allein Männer. Er wurde eingeladen in das Haus eines Pharisäers und von einer Frau aus der Stadt mit köstlichster Salbe gesalbt. Es geschah kurz vor unserem Text die Totenauferweckung des Jünglings zu Nain. Die Menschen priesen seine Tat mit den Worten: „Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden.“ (Lukas 7,16b) Der Predigttext spricht von ‚einer großen Menge’  und ‚Menschen aus den Städten’, die zu Jesus eilten. Darauf kann kein Text der Resignation der Resignation folgen
Wer oder was ist der Sämann?

Ich denke, das Bild des Sämanns ist ein Bild für Menschen, die uns die Schrift nahebringen, wohl auch für die Schrift als solche, wenn wir sie zu Haus lesen. Und ich meine darüber hinaus, dass es auf Menschen zutrifft, die, ohne die Bibel zu zitieren, im biblischen Sinn handeln und wir Zeuge oder Adressat eines ausgestreuten Samenkorns aus Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit werden.

Der Samen kann auf den Weg fallen, wird dort „zertreten“ und von „Vögeln aufgepickt“. Es ist denkbar, dass er auf ‚felsige Steine’ fällt, die auf dem Acker liegen. Er vertrocknet. Schließlich fällt er hin und wieder mitten unter die Dornen. Da ist die Freude zunächst groß, weil ein Halm sprießt, aber sein Leben ist nicht von langer Dauer.
Das alles ist aus bäuerlicher Sicht schwer nachvollziehbar. Ist der Sämann so ungeübt, dass er statt des Ackers den Weg trifft? Räumt er vor dem Säen nicht die Steine vom Ackerboden? Gräbt er nicht Disteln und Dornen vorab aus?
Die drei Stationen „auf dem Weg zertreten“, „auf Steinen verdorrt“ und „unter Disteln erstickt“ sollten nicht allzu viel Beachtung finden. Es bringt uns nichts, jetzt etwa auszuloten, welche Art von Menschen hinter diesen negativen Bildern stehen. I1I
Alles ist vielmehr erzählt, um auf die eine und einzige Aussage am Schluss hinaus zu laufen:
„Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
 
Was das Bild von der Weizenähre mit seinen hundert Körnern uns sagen will, gibt der dazugehörende Vers wieder: „Das auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und festhalten in einem feinen und guten Herzen und in Geduld Frucht bringen.“

Wie äußert es sich, dass ein Mensch, der das Wort Gottes verinnerlicht, „Frucht“ bringt?
Die Palette der Antworten ist riesig. Sie ist so groß, wie es Menschen gibt, die Empfängerinnen und Empfänger des göttlichen Wortes wurden. Ich will eine Möglichkeit herausgreifen.

Unser Herr sprach im Garten Gethsemane vor seinem Leidensweg die Worte „Dein Wille geschehe“. Man kann sich als Empfängerin oder Empfänger dieses Wortes und des mit ihm verbundenen Bildes vorstellen, wie Jesus mit Gott-Vater ringt. Wir hören, wie er den Weg an das furchtbare Kreuz unter keinen Umständen gehen will.

Seine Unterordnung war kein Fatalismus, sondern die Frucht eines Gebetskampfes. Es gab in ihm die Liebe zum Leben und zu seinen Jüngern. Das ging nicht mit einem stoischen Gleichmut, wonach alles ohnehin gleichgültig ist, über seine Lippen.
Am Ende sprach er dann die Worte: „Dein Wille geschehe.“
Das können wir intensiv und achtsam betrachten.
Wir merken, dass es ab und an gelingt, diese Worte zu beten und dass Frieden trotz äußerer Bedrängung in uns einzieht. Dann wieder nicht.
So können und müssen wir im Umgang mit dem Samen des Wortes Gottes festhalten:
Das in uns Frucht bringende Gotteswort ist kein implantierter Schrittmacher für gutes Handeln. Wir haben es nicht in der Hand, das Frucht reift.
Im Bild: Es gibt manchmal eine frühe Frucht. Sie ist nicht  langlebig.
Es gibt die schön leuchtenden Früchte. Sie täuschen, denn sie sind inwendig abgestorben.
Und es gibt eine ausgereifte Frucht. Sie ist unsere Hoffnung. Sie wirkt länger, aber auch unter den ausgereiften gibt es unbrauchbare.
  
Eine andere Weise, ein Samenkorn zu empfangen, kann geschehen, ohne dass ein Bibelwort ausdrücklich erwähnt wird. I2I
Menschen, die es gut mit uns meinen, lassen uns wissen, dass sie uns mögen und sie mit uns gern zusammen sind. Unsere Fehler werden gesehen, aber es wird darüber nicht debattiert. Ihre Zuneigung ist konstant.
Sie geben uns das Gefühl, dass wir richtig leben. Mehr noch, dass sie uns wertschätzen. Wird es irgendwie brenzlig und schwierig, bangen sie um uns. Sie rufen an und fragen, wie es steht. In ihrer Besorgnis klingt und schwingt es: „Überstehe alles gut. Wir brauchen dich.“
Menschen, die es gut mit uns meinen, können das tun, ohne ein Bibelwort zu sagen. Sie kennen vielleicht die Bibel, die für uns Gottes Wort ist, gar nicht. Ihre Zuneigung ist wie ein gutes Samenkorn in uns. Er schenkt uns die Frucht der Selbstbejahung. Das kann eine sehr nachhaltige Frucht sein.

Das Gleichnis vom vierfachen Acker ist in allen drei synoptischen Evangelien, Matthäus, Markus, Lukas überliefert. In jeder Version ist enthalten, dass es nur den Jüngerinnen und Jüngern gegeben ist, die direkte Wahrheit, die hinter den Gleichnissen steht, zu verstehen.
„Euch ist’s gegeben  zu wissen das Geheimnis des Reiches Gottes; den anderen aber in Gleichnissen, dass sie es nicht sehen, ob sie es schon sehen, und nicht verstehen, ob sie es schon hören.“ 
Im Zentrum oder im Herzen des Textes steht die Frage: Wer oder was bewirkt das Reifen des Samens? Ja, der Samen fällt auf guten Boden. Er ist der Träger der Frucht, aber ohne Erde ist er eben nur Samen im Beutel. Es bedarf zweier Wirkungsweisen, der des Samens und der der Erde.
So viel ist klar: ohne ein Mitwirken der „Erde“ gibt es keine Frucht, wiewohl die Erde im eigentlichen Sinn nicht die Frucht hervorbringt.
Der in manchen Predigten zu hörende Passus: ‚Gott ist alles, du bist nichts’, ist nach diesem Gleichnis unhaltbar. Wahr ist nur, dass unsere Augen gehalten sind und nicht erkennen, wie viel bei einer guten Tat eigentlich von uns und von Gott kommt.
Was ist das Fazit? Es lautet sokratisch: Ich weiß, dass ich es nicht weiß. Ich weiß aber, dass ich als „Erde“ alles tun, alles geben, alles einsetzen muss, damit der Samen des Gotteswortes, sei es als biblisches Wort, sei es als Wort der menschlichen Zuwendung Frucht bringt.

Am 21. Januar, heute vor zweieinhalb Wochen, wurde des 200. Todestages von Matthias Claudius gedacht.
Der am 15. August 1740 in Schleswig-Holstein geborene Matthias Claudius war Sohn eines Pfarrers. Er musste es miterleben, dass während seiner Kindheit drei seiner Geschwister starben.
In Jena nahm er das Theologiestudium auf, brach es aber wieder ab. Er heiratete und zog auf Umwegen ins norddeutsche Wandsbek, wo er eine Lokalzeitung, den „Wandsbecker Boten“, herausgab. Unter verschiedenen Namen schrieb er hier die meisten Artikel alleine. Mehrere Journalisten waren nicht zu bezahlen. Wäre da nicht ein Großunternehmer und Graf Schimmelmann gewesen, Matthias Claudius hätte nicht gewusst, wie er sich und seine zwölf Kinder hätte ernähren sollen.
Aus einem schlichten, wenn nicht naiven, Glauben heraus bewältig er die Armut und Existenzbedrohung. Er starb im Alter von 74 Jahren.
Prägend waren für seinen Glauben die verschiedensten Todesfälle.
Er hat den Tod seines ersten Sohnes einigermaßen bewältigt. Als sein zweiter Sohn schon im zweiten Lebensjahr starb, war er so zerbrochen, dass sein Glaube, der in ihm die Frucht der Dankbarkeit immer von neuem reifen ließ, am Ende war.
Er schrieb: „Ich dachte lange schon, mein Glaube sei fest und stark; in der Stunde aber, in der ich meinen Matthias in den Sarg legte, da wollte Ergebung und Demut fast nicht halten … da erst lernte ich verstehen, was es mit dem Menschenleben auf Erden auf sich hat. Was (bisher in meinem Leben) vorging, war nur ein Kinderspiel.“ I3I
Ein zutiefst gläubiger Mensch spürte keine Frucht in einem unentwegten Leben im Glauben. „Dein Wille geschehe“, zu beten, war ihm nicht möglich.

Irgendwie und irgendwann muss sich aber trotz dieser Dürrezeiten ohne Glaubensfrucht eine Wendung ereignet haben. Das in ihn gelegte Samenkorn brach sich von neuem Bahn. Er fand zu dem zurück, was er in einem seiner bekannten Gedichte 1775 für sich und die Nachwelt schrieb:
„Ich danke Gott und freue mich
Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,
Dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
Schön menschlich Antlitz habe.

Gott gebe mir nur jeden Tag,
So viel ich darf, zum Leben.
Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;
Wie sollt er’s mir nicht geben.I4I

1779 folgen aus der gleichen Hingabe seines Herzens an den Glauben „Der Mond ist aufgegangen“ und 1783 „Wir pflügen und wir streuen“.
Das Samenkorn in der Erde, im menschlichen Herzen, das Wort vom Vater, der über unser Wissen und Verstehen hinaus für uns sorgt, war nicht verloren gegangen. Es hatte von neuem Frucht getragen.
 

I1I In Übereinstimmung mit Wilhelm Stählin, Predigthilfen, Band I, Evangelien, Pred. med. z. St. 251-252, S. 251: „Denn es kann nicht die Absicht Jesu gewesen sein, vier Typen menschlicher Empfänglichkeit oder Unempfänglichkeit zu beschreiben, sondern alles zielt darauf, dass der Same des göttlichen Wortes da ‚gute Land’ sucht …“
I2I Diese Passage der Predigt folgt einem Impuls von Eugen Drewermann, Das Matthäus-Evangelium. Bilder der Erfüllung. Zweiter Teil: Mt 8,1-20,19, Exegese zu Mt 13, 1-23, Die vielfältige Saat oder: Bilder gegen die Verzweiflung, 271-282, S. 277: In der Kunst der Existenz aber ist dies das Allerwichtigste und oft der einzige Trost, der uns nach vielleicht zwanzig, dreißig Jahren verlorener Mühe bleibt, dass wir am Ende sagen können: ‚Wir haben es gut gemeint’ … Wir haben es zumindest subjektiv gut gemeint.“
I3I Nach W. Stammler, Matthias Claudius. Der Wandsbecker Bote. Ein Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte, Halle 1915, S. 159, zit. nach Hans-Peter Kraus, Matthias Claudius.1740-1815, in http://www.lyrikmond.de/gedicht-484.php, S. 5.
I4I Fundstelle: http://ingeb.org/Lieder/ichdanke.html.