Eine kleine Geschichte vom Untergang der Welt - Predigt zu Jesaja 35,3-10 von Thomas Thieme

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!

Er hatte mit seinen Fäusten schon auf so viele Stammtische gehauen - jetzt waren ihm die Hände müde. Immer wieder hatte er mit der Faust auf den Tisch gehauen, war aufgesprungen und hatte seine Meinung laut gesagt. Vom vielen Springen und Stehen bekam er schon wankende Knie.

Am Anfang wollte er noch etwas bewahren. „Es war doch nicht alles schlecht hier.“ Das war seine Standardantwort, wenn die Tochter mit dem Enkel zu Besuch war und das Thema auf die Schule kam. Der Enkel lernte anders und anderes und vor allem mit anderen. „Die Bekloppten brauchen doch viel mehr Aufmerksamkeit.“ Rief er und seine Tochter meinte halb angewidert, halb vertraut „Das sagt man nicht mehr Papa.“ „Was denn?“ meinte er „Ich hab doch Recht.“ Und Mutter sagte dann meistens „Lass doch. Haste schon gehört, der Klotz Michi hat jetzt Arbeit in der Stadt. Endlich. Und jetzt überlegt er, ob er sich ne Wohnung da nimmt, weil der Weg ist doch so weit und wenn er mal ne Frau trifft, na die kann er ja nicht bis hier rausbringen, wo er doch noch bei Mutti wohnt. Die wird’s dann aber schwer haben. Der Michi macht ja alles und fährt se überall hin zum Arzt und zum Einkaufen und so.“

Da hat er wieder mit der Faust auf den Tisch gehauen und gerufen „Weil se hier alles dicht gemacht haben. Früher gab’s hier alles. Bäcker, Fleischer, Arzt und den Kuhstall mit Arbeit für alle. Wer mit Kühen nicht konnte, der ist zu Schmidtchen in die Schrottbude. Und jetzt. Nüscht mehr. Alles tot und wenn wir hier den Löffel abgeben, dann is wirklich alles tot.“ „Ach Lass doch.“ Hat Mutter dann gesagt. „Die da oben machen doch eh, was sie wollen.“ „Wer sind denn ‚die da oben‘?“ Fragte die Tochter halb genervt, halb vertraut, weil sie wusste, gleich haut er wieder auf den Tisch und ruft „Die Verbrecher. Die gehören alle abgestraft. Warts nur ab, die kriegen schon noch ihr Fett weg.“

Sagt den verzagten Herzen:

»Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

„Gott kommt uns entgegen!“ Auf einmal wurde der Pfarrer laut. Die Sache war ihm wichtig, darum wiederholte er sie mit der Betonung auf dem ‚ER‘ „ER kommt uns entgegen. Darauf müssen wir uns einstellen und nicht noch mehr Handys kaufen und all den Weihnachtsplunder, der morgen schon Müll ist. Auf Gott bereiten wir uns auch nicht mit Glühwein vor. Der Zapfhahn ist keine Wüstenquelle, er ist eine Fata Morgana.“ Er dachte an Fatima, die bei Getränke-Maik arbeitet, aber selber keinen Alkohol trinkt. Und daran, dass er noch Glühwein kaufen musste für den christlichen Weihnachtsmarkt.

Mitten in seine Überlegung sang der Seniorenchor „O Heiland reiß die Himmel auf, herab vom Himmel lauf.“ Und er dachte: „Ja, lass laufen, Heiland. Kannste alles Wegspülen hier. Das ganze Land, ein einziges Jammertal. Wenn’s nach mir ginge, müsste man den Laden dicht machen und völlig neu anfangen. Aber dann ohne diese ganzen Pfuscher und Idioten. Wie damals die Straße. Die haben wir schnurgerade übers Feld gezogen und links und rechts ham se gejammert. Rechts die Besitzer, links die Naturschützer und wir mitten durch für Frieden und Sozialismus. So müsste man das heute wieder machen. Nur ohne Sozialismus.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Am Montag begann es zu regnen. Erst nur ein wenig. Aber ab Mittag groß es wie aus Kübeln. Zuerst lief der alte Flutgraben längs der Dorfstraße voll. Das hatte es seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben. Auf den Feldern rings um das Dorf bildeten sich erst kleine Lachen, dann richtige Seen. Dann liefen die Keller voll. Im Flutgraben war ein richtiger Fluss entstanden, der beharrlich am Unterbau der Straße nagte. Zwei Tage lang, dann war die Straße unterspült und sackte ab. Nun saßen alle fest auf der Insel im braunen Meer, weil das Wasser den lehmigen Boden aufweichte. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk kamen mit Schlauchbooten zur Evakuierung. Sie schipperten zwischen den Häusern hindurch. Hielten mit Ferngläsern Ausschau nach Menschen, die auf ihren Dächern saßen und winkten. Sie riefen mit Megafonen in die Häuser. Oma Erna, die sonst keinen Meter ohne ihren Rollator schafft, musste sich mit einem Sprung aus dem Fenster ins Boot retten. Die Dorfbewohner wurden in der alten Kaserne gesammelt, die etwas außerhalb und auf einer Anhöhe lag. Wer im Kasino eintraf wurde begrüßt mit „Gott sei dank, du hast es geschafft.“ Oder „Himmel noch eins, was für eine Katastrophe. Zum Glück bist du jetzt hier.“ Alle bekamen heißen Tee, warme Decken und ausreichend Kekse. Der Seniorenchor sang Adventslieder und irgendwie war jeder froh, dass er selbst und der andere es hierher geschafft hatte.

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Es regnete 10 Tage. Dann hörte es auf. Nach 12 Tagen brach der graue Himmel auf und eine strahlende Sonne beleuchtete die Überreste dessen, was einmal ihr Zuhause gewesen war. Die Bewohner kamen in einer langsamen Prozession von der Anhöhe in ihr Dorf zurück. Auf den Strahlen der Sonne kamen der Landrat und der Ministerpräsident. Fernsehteams und Reporter umschwärmten sie. Er hörte sie reden von einem Neuaufbau, einem Neuanfang und er dachte an „blühende Landschaften“ und dass er das alles schonmal gehört hatte. Schön sollte es werden, schöner als vorher. Mutter war ganz aus dem Häuschen. Ergriffen weinte sie ein paar Freudentränen in eine Kamera.

Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Die letzten Verse aus Jesaja, dass die Erlösten des Herrn wiederkommen mit Jauchzen und ewiger Freude, diese Verse haben für mich einen besonderen Klang und zwar den aus dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Ein Requiem ist eigentlich ein Gottesdienst mit Geben für einen Toten. Aber Brahms schrieb sein Requiem als Trost für die Hinterbliebenen.

Für alle Mühseligen und Beladenen hat Jesaja den Trost, dass sie als Erlöste nach Zion kommen werden. Hört sich toll an, wenn wir gemeint sind. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto weniger sicher wurde ich mir. Es ist doch so: Die Erlösung kommt nach dem Ende. Und selbst, wenn es nach dem Ende blühende Landschaften geben wird. Was wir zu Hause nennen, was wir als Heimat kennen - es wird vergehen. Weg, aus, Ende. Im besten Fall wandelt es sich, aber nicht zum Besseren. Wenn überhaupt, dann zu etwas völlig anderem.

Jesaja tröstet die, die heute schon verzagen, damit, dass Gott Rache üben wird. Das ist gut, denn es hält uns, die Gläubigen, zurück, selbst Rache zu üben. Aber damit sind wir nicht allein. Es gibt ja auch noch die, die wegen uns verzagen, die wegen uns Mühe haben oder Leid tragen, zum Beispiel darüber, dass sie ihre Heimat verlieren. Und seine Heimat verliert ja nicht nur der, der weggeht (weggehen muss). Sondern auch der, der bleibt, diejenigen, die zurückbleiben. Das gilt für Aleppo und das gilt für Asmara oder Kinshasa. Das gilt auch für Cottbus oder Frankfurt / Oder und das gilt auch für Wolfshagen oder Gumtow in der Prignitz.

Wir als Kirche wollen Vorreiter sein bei so ziemlich allem. Und dann passiert es eben - wer vorausreitet, hängt andere ab. Ist es da nicht tröstlich, dass wir alle auf die gleiche Weise zum Ende kommen? Das Ende wird zu uns kommen.

Hier unterscheidet sich übrigens Jesaja von Brahms. Jesaja sagt jedem, der es hören kann: wir werden die Erlösten - die anderen erfahren Gottes Rache. Aber mit dem Ton von Brahms wird daraus: Wenn Gott uns - die wir heute hier sitzen, wenn Gott uns auf den heiligen Weg leiten wird, dann nur zusammen mit allen, die wir abgehängt haben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne bis ans Ende in Christus Jesus, durch den Gott die Welt richtet, als wollte er sie erlösen.

Amen.